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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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Lika

Eine Künstler-Odyssee
I

Wie lachende Kinder schaukelten die Wellen auf der großen See.

Der Himmel war dunkelblau.

Das Wasser war dunkelblau.

Lika saß in einer feinen weißen Porzellanschale, deren Rand so kraus war wie ein Kragen der Maria Stuart.

Die ziemlich flache runde Schale zeigte im Innern krause Linien – mattbraune, die sich zierlich verschnörkelten, wie altindische Schrift.

Und ein orangefarbiger Sonnenschirm schützte die Lika vor den Strahlen der Sonne.

Der Schirmstock stak in der Mitte der Porzellanschale. Das orangefarbige Schirmdach war aus Seide – nicht gebogen, sondern grad und steif wie ein Schirm aus dem Lande der Chinesen.

Lika wußte nicht recht, was sie denken sollte.

Jedoch da tauchte plötzlich neben ihr im blauen Meerwasser ein dicker Triton empor und fragte, nachdem er sich das Wasser aus den Augen gewischt hatte:

»Nun, Lika, wohin willst Du?«

Lika besann sich auf Worte, doch sie merkte, daß sie fast alle Worte vergessen hatte.

Nur ein Wort fiel ihr wieder ein – das Wort »Heimat«.

Und die Lika rief laut:

»Du, ich möcht' in die Heimat!«

Der Triton fragte wieder:

»Was willst Du denn da?«

»Das Glück!«

Der Lika war dieses zweite große Wort ganz unwillkürlich in den Mund gesprungen.

Jetzt merkte sie erst, was sie gesagt hatte, und sie lächelte darüber.

Der Triton aber meinte:

»Gut, so wollen wir die Heimat mit Deinem Glück suchen – nicht wahr, Lika?«

»Ja!« sprach sie.

Darauf schwamm der Triton – die Porzellanschale mit der Lika vor sich herschiebend – gradaus.

Die Lika ließ sich das gern gefallen.

II

Als sie nun so eine gute Strecke gefahren waren, sahen sie einen kleinen Turm am Horizonte.

Die Lika frug:

»Was ist denn das da?«

Und der Triton sagte Wasser prustend:

»Das ist ein Leuchtturm!«

Als sie ziemlich nahe daran waren, beugte sich ein riesiges Sprachrohr vom Turme hinunter, und die beiden Kinder des Meeres hörten eine laute Stimme – die frug dumpf:

»Wer bist Du?«

Der Triton versetzte mit schallendem Gelächter: »Ich bin doch der Triton, der fidele Triton!«

»Wen aber hast Du,« kam's nun wieder aus dem Sprachrohr, »in der Porzellanschale?«

»Das ist doch,« gab da der Triton zurück, »die kleine Lika – die will wissen, wo ihre Heimat ist und ihr Glück.«

»Ist das Kind sehr klug?«

Also hörten anitzo die Beiden fragen, und die Lika gab zur Antwort:

»Ich hab's gar nicht nötig, sehr klug zu sein, wenn bloß mein Triton sehr klug ist.«

Langes Schweigen.

Dann aber brummte es im Sprachrohr:

»Die Lika ist tatsächlich das klügste Kind der Welt. Ihr könnt in den Hafen fahren.«

Da klatschte die Lika vernügt in die Hände und tat ganz stolz.

Der Triton jedoch brüllte laut:

»Blase die Zwerge zusammen! Blase! Blase!«

Und es geschah.

Im nächsten Augenblick fingen tausend Blasen auf den Molen und am Ufer zu blasen an.

Das Blasen erschütterte die ganze Luft, sodaß sich die Lika ihre beiden kleinen Ohren mit den Zeigefingern zuhalten mußte.

III

Die Zwerge kamen eiligst herbei.

Die Lika fuhr mit ihrem Triton in den Hafen und ward dort von den Zwergen herzlichst begrüßt; sie schwenkten mit ihren riesigen gelben Strohhüten fröhlich in der Luft herum.

Und dann setzte sich der Triton mit seinen Fischbeinen bei der Feuerschänke auf den Hafenrand.

Der fidele Triton trank ein paar Eimer Jammerschnaps und erklärte den Zweck seines Besuchs – er ließ sich dabei gemütlich von den Zwergen das Kreuz reiben.

Die Zwerge rauchten fast sämtlich gute Cigarren und sahen in ihren buntdurchwebten Schlafröcken außerordentlich gutmütig aus, obgleich sie sich eigentlich nicht wenig einbildeten, denn sie waren Maler – ächte Künstler – und wußten das sehr genau.

Wie daher der Triton beim zehnten Eimer fragte: »Wo ist das Glück?« – riefen alle Zwerge sofort:

»Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.«

Und als der Triton beim zwölften Eimer fragte: »Wo ist die Heimat?« – riefen die Zwerge abermals:

»Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.«

Die Lika unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm kraulte sich hinter den Ohren, kniff dem Triton in die Schuppen des linken Fischbeins und sagte:

»Na, dann wollen wir nur das Land suchen.«

Die Zwerge taten sehr erstaunt, und ein Dickkopf meinte:

»Lika, eigentlich hätte ich Dich für klüger gehalten.«

Der Triton lachte, Lika verstand das aber nicht.

Und so verabschiedeten sich die beiden Kinder des Meeres, denn die Lika hatte es furchtbar eilig.

Die Zwerge bedauerten, daß der Besuch so kurz bemessen gewesen sei, ließen wieder alle Blasen blasen, daß die Molen bebten – und dabei fuhr die Lika mit ihrem Triton am Leuchtturm vorbei wieder ins Meer hinaus, allwo es etwas dunkler wurde.

IV

Es ward Nacht. Die Sterne gingen auf und der große Mond.

Der große Mond beleuchtete das große Meer, und die Lika freute sich an dem blitzenden Wellenglanz.

Der Triton lenkte die Porzellanschale allmählich einem andern Lande zu; einem grünen Lichte, das nur schwach am Horizonte vorschimmerte, kam er langsam näher.

Die Lika machte den Sonnenschirm zu, bog den Stock nach vorn, so daß die Spitze sich auf den krausen Rand der Schale legte, und schlief ein bißchen ein.

Als sie wieder erwachte, sah sie vor sich ein großes schwarzes Gebirge.

Unten, wo der Fels ins Meer stieß, war ein großes zackiges Loch – das schimmerte grün – da fuhr der Triton mit der Lika durch. Und nun schwammen sie in einem weiten hohen grünen Grottensaal. In herrlichen Nischen standen weiße Gestalten aus Stein.

Die Lika sah sich ganz verwundert um.

Unten war Alles Wasser, doch an den Seiten hinter den Nischen führten weiße Treppen bis hoch in die grüne Lichtkuppel hinauf. Die weißen Gestalten aus Stein waren von Menschenhand geschaffen; die beiden Kinder des Meeres waren bei den Menschen – die kamen jetzt langsam die weißen Treppen hinunter.

Die ernsten Bildhauer in ihren weißen Gewändern glichen mit ihren langsamen Bewegungen bösen Gespenstern.

Die Lika hielt den Atem an; ihr lief's kalt über den Rücken.

Die Bildhauer – lauter Menschen – kamen langsam immer näher, und das arme Kind in der Porzellanschale fürchtete sich.

Der Triton schlug mit der Faust aufs Wasser, daß es hoch aufspritzte.

V

Der fidele Triton taucht unter, stößt beim Wiederauftauchen mit dem Kopf unter die Porzellanschale und hebt sie hoch in die Luft, hält aber noch die Hände an den krausen Rand.

Die Bildhauer flüstern was und wenden sich ab – ihren Steingestalten zu.

Der Triton bringt wieder dieselben Fragen wie bei den Zwergen vor, jedoch die Antwort bleibt aus – die Bildhauer hämmern an ihren Steingestalten.

Vorsichtig setzt der Triton die Porzellanschale wieder ins Wasser und sagt ruhig:

»Liebe Lika, wundre Dich nicht über die Schweigsamkeit dieser Herren. Sie wollen Dir mit ihrem Gehammer bloß dieselbe Antwort geben, die Du bei den Zwergen vernahmst.«

Die Lika versetzte kleinlaut:

»Ich weiß noch: Glück und Heimat ist dort, wo man Tag und Nacht Künstler sein kann. Da müssen wir wohl wieder weiter. Mir wird hier auch so schwül.«

Der Triton lacht, daß es im grünen Grottensaal unheimlich schallt, und fragt wild:

»Kein Modell gefällig?«

»Wir formen,« brummt darauf ein alter Bildhauer, »jetzt nur noch Menschenkörper; die verkrüppelten Wesen – namentlich die knielosen – sind nicht mehr nach unserm Geschmack.«

Das nimmt der Triton ganz ruhig hin, schwimmt wortlos mit der Lika durch die nächste Pforte ab – in einen roten Grottensaal, wo lauter Gruppen mit Schlangenarmen in den Nischen stehen. Es geht noch durch goldene, silberne, blaue und anders gefärbte Grottensäle.

Überall – wilde Steingesellen mit lustigen Köpfen und seltsamen Gliedmaßen – abenteuerlich tolle Märchengeister.

Öfters brummt der Fischbeinige:

»Krüppel! Feine Krüppel!«

Die Lika versteht nicht, was er damit sagen will.

VI

Und dann sind die Beiden wieder in der freien Welt – draußen unterm blauen Himmel.

Die Morgensonne lacht, und die Lika lacht mit.

Auf einem stillen Waldsee sind die Beiden, sie freuen sich über die grünen Bäume, über die Wasserrosen und über die weißen Schwäne, die würdevoll ihr Haupt umdrehen, um die Lika in ihrer Porzellanschale zu sehen; Lika spannt wieder ihren orangefarbigen Sonnenschirm auf.

Am Ufer blühen dicke bunte Blumen, wilde Enten fliegen hin und her, Hirsche kommen und trinken Wasser, sehen die Lika und laufen fort – in die dunklen Wälder, durch die Niemand durchblicken kann.

Es ist still, es bleibt aber nicht still.

Von einem Birkenhügel klingt ein sanftes Saitenspiel hernieder.

Und wie sie weiter fahren, ertönen in den Wäldern harte Hörner und dröhnende Pauken – ganz in der Nähe hinterm hohen Schiff wird eine Flöte geflötet.

Der Triton sagt:

»Du, das ist ein Dudelsack!«

Aber danach hören sie einen glockenhellen Gesang – viele Mädchenstimmen!

An den Ufern wird's auf allen Seiten immer lauter – Geigengesumm und Trompetengeschnatter – Trommelgerassel und Harfengeklimper!

Musik überall!

Und es klingt so fein zusammen.

Die Lika lauscht und lächelt und bewegt im Takte die zarten Finger.

Vorsichtiger bewegt der Triton seine glitzernden Fischbeine, damit man ja die Lika Alles hören kann – all die vielen Jubelstimmen, die dem Morgen »guten Morgen« sagen.

VII

Plötzlich – auf allen Bergen ein wüstes Geschrei!

Alle Instrumente kreischen durcheinander – und es erscheinen die Bocksbeinigen – tolle Weiblein und noch tollere Männlein.

Die Musiker sind's!

Sie begrüßen den fidelen Triton und die drollige Lika mit graulichem Gejohle.

»Wo ist die Heimat?« fragt der Triton.

Da wird's mit einem Male wieder still, und die Bocksbeinigen singen im großen Chore:

    »Ach, unsre Heimat ist doch überall –

    Im blanken Saale und im Stall,

    Auf freiem Berge und im engen Tal –

    Im grenzenlosen Weltenall!«

Und dann springen die Sänger und Sängerinnen ins Wasser, küssen den Triton und wollen die Lika aus ihrer Schale herausheben – aber ach! – das geht nicht – die Lika ist ja mit ihrer Porzellanschale zusammengewachsen – wie die Schnecke mit ihrem Haus.

Großes Entsetzen.

Aber die Lika macht wieder ihren Sonnenschirm zu, und die Bocksbeinigen beruhigen sich, tragen ihre beiden Gäste so recht behutsam ans Ufer und spielen dort zum Tanze auf. An dem können nun die beiden Kinder des Meeres nicht teilnehmen. Jedoch das stört die Freude nicht.

Nach dem Tanze wird Wein getrunken und Rauschmusik gemacht; die ganze Gesellschaft schwimmt in Seligkeit. Alle erklären der Lika, daß das Glück in der Kehle und in den Instrumenten sitze; ein vernünftiges Wort läßt sich mit diesen Leuten nicht reden.

Der Triton sagte bloß:

»Liebe Lika, glaube mir: auch diese fidele Gesellschaft teilt die Meinung der Zwerge in jeder Beziehung.«

Und die Augen der Lika leuchteten verständnisinnig auf – wie zwei neue Sterne.

VIII

Als das Fest zu Ende war, erklärte die Lika ihrem Begleiter würdevoll: »Mein Lieber, erlaube mal! Jetzt will ich endlich ans Ziel kommen. Das gesuchte Land muß denn doch zu finden sein. Wenn Du mich nicht bald hinführst, so muß ich mir einen andern Führer suchen. So geht's nicht weiter.«

»Hm!« versetzte der Triton, weckte mit einer dreieckigen Trommel ein paar schlafende Musiker und bat um einen Wagen.

Ohne die Andern Musiker in ihren Träumen zu stören – sie schliefen sämtlich – kamen die Herren bereitwillig der Bitte nach, spannten sechs Hirsche vor ein Kabriolett – – und bald ging's über Stock und Stein in eine andre Gegend; die Lika kriegte Angst bei der schnellen Fahrt, denn sie saß in einer Schale von allerfeinstem dünnstem Porzellan.

Auf einem großen runden, mit bunten Fliesen bedeckten Platze blieben die Hirsche dampfend stehen.

Und aus dunklen Wolken kam ein aufgeblasener Luftballon herunter.

Die Lika schlug die Hände überm Kopfe zusammen, aber die Bocksbeinigen setzten sie mit ihrer Porzellanschale in die Gondel, halfen auch dem Triton hinein – und fort ging's – hinauf in die dunklen Wolken.

Das war eine Fahrt!

Die Lika war ganz sprachlos.

Der Ballon fuhr durch die Wolken durch und kam in den hellen blauen Himmel.

Drei Bucklige kletterten an den Gondelstricken empor, und drüben stieg ein riesiges Purpurgebirge so hoch ins Blaue, daß man die roten Spitzen oben nicht mehr sehen konnte.

Aber was Andres sahen die Kinder des Meeres – lange Männer mit furchtbar langen schmalen Flügeln!

Die Flügelmänner flogen an den Purpurfelsen herum – wie Schwalben vor ihren Nestern herumfliegen.

»Was sind denn das für Kerls?« frug die Lika.

Und die drei Buckligen riefen oben unterm Luftballon:

»Das sind die großen Dichter!«

IX

Na – die Dichter waren ganz freundliche Herren; sie empfingen die schnurrigen Gäste wie alte Bekannte, hoben sie aus der Gondel und brachten sie durch ein rundes Fenster in ihre Felsenwohnung. Der Triton legte sich gleich auf einen molligen Divan und stopfte sich einen Tschibuk.

Die Lika setzte man auf einen fünfeckigen Fenstertisch, von wo aus das gute Kind eine prächtige Aussicht über kunterbunte Wolkenbündel genoß; keilförmige Schatten und Sonnenstrahlen huschten vorüber.

»Also jetzt,« sprach Lika, an ihre Porzellanschale klopfend, »soll mir endlich der richtige Weg zur Heimat mit dem Glück gezeigt werden. Bitte! Sprechen Sie, meine verehrten Herren!«

Die Dichter erkundigten sich tiefernst bei dem Triton nach dem, was das resolute Kind wissen wollte, und dann hub der Älteste der Dichter also an:

»Für diejenigen Weltbewohner, die Laien und keine Künstler sind, bedeuten die Begriffe ›Heimat‹ und ›Glück‹ etwas Andres als für uns Künstler. Das Laienvolk verbindet eben mit den einzelnen Worten völlig andre Geschichten. Das geht uns natürlich nichts an. Laiensache bleibt Laiensache! Wir Künstler aber nennen die ganze Welt unsre Heimat und finden überall dort unser Glück, wo wir nach unserm Geschmack leben können. Das Land, das Du suchst, brauchst Du also nicht mehr zu suchen, denn Du bist ja schon da. Du willst doch Künstlerin werden, nicht wahr?«

»Ich möchte, «erwiderte schüchtern die gute Lika, »gern eine Künstlerin werden.«

»Das freut mich!« sprach der Dichter, »freut mich sehr! Ich hätte Dich auch im andern Falle zum Fenster hinausgeworfen.«

»Aber,« schrie erschrocken die Lika, »meine Porzellanschale wäre dann doch entzweigegangen!«

»Wir Dichter sind,« fuhr der alte Herr unbeirrt fort, »ebenfalls Künstler, außerdem haben wir noch die Verpflichtung, weise Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Namentlich kommt es uns zu, jegliche Einrichtung der Welt im besten Lichte zu zeigen und alle Schattenseiten nach Möglichkeit zu erhellen.« Der Triton lachte leise auf seinem molligen Divan und blies wirbelnde Tabakswolken in das stille, hochgelegene Dichterzimmer.

X

»Kluge Lika, merkst Du nun bald was?«

Also der Triton – die Lika sagte:

»O ja! Ich merke, daß die ganze Reise eigentlich überflüssig war, denn was ich suchte, ist ja da. Unsre Heimat ist überall. Und das Glück kommt ja beim Schaffen. So klug, um das Alles zu begreifen, bin ich schon. Wo aber lerne ich das Schaffen?«

»Schaf!« versetzte beim Flügelputzen ein jüngerer Dichter, »ordentliche Künstler lernen überhaupt nichts von Andern, sie probieren einfach und können dann was.«

»Ach so!« flüsterte nun die Lika lächelnd, »da werde ich ›Erinnerungen aus meinem Leben‹ schreiben, das kann ich bereits.«

Die Dichter verneigten sich respektvoll und begrüßten in dem Porzellanmädchen die neue Kollegin, empfahlen ihr aber, zuvörderst ins Riesenreich zu fahren, allwo für Dichterinnen und Erinnerungskunst sehr viel Platz vorhanden sei.

Die Lika sagte nicht »Nein,« und so ging's schnurstracks ins Riesenreich.

Die höflichen Dichter brachten ihre beiden Gäste schleunigst in die Hinterzimmer und von dort in eine düstre Höhle, die nur von Fackeln erleuchtet wurde. Unten plätscherte Wasser – da setzte man die Beiden hinein.

Und bald schwamm der Triton, die Porzellanschale wieder vor sich herschiebend, durch einen matt erleuchteten Höhlenfluß.

Das Wasser rauschte sehr – es rauschte immer stärker, immer schneller schoß es dahin. Bald merkte die Lika, daß sie sich in einem reißenden Strome befanden.

»Wir sind in der Wasserrutschbahn!« brummte der Fischbeinige, hob die Porzellanschale ein bißchen höher – und dann ging's wie eine Pfeil hinab – rasend rasch – wieder hinaus ins Freie.

Und durch den spritzenden Wasserschaum sahen sie – das Riesenreich.

XI

Uih!

Das saust und braust und schäumt und sprüht seinen Wasserstaub, daß Regenbogen entstehen – hinunter geht's in grader Linie – zum dunkelblauen Meere.

Und was sieht die Lika?

Riesen sieht sie drüben auf den Inseln des Meeres. Die Riesenköpfe ragen hoch in die Wolken – und bauen tun die Riesen – Paläste bauen sie mit blitzenden Türmen, Erkern und Säulenhallen – Alles funkelt und glüht und zuckt und sticht in lodernd brennenden Farben – denn alle Bausteine sind natürlich echte Edelsteine und Diamanten – riesige!

Die Lika jauchzt, ihre Haare flattern, ihre Kleider flattern – und das Wasser stürzt polternd, große Wogen rauschend – mit dem Triton, der die Porzellanschale geschickt hoch über seinem Haupte hält, ins blaue Meer.

»Das war eine feine Fahrt!« ruft die Lika, als sie unten sind. Die Purpurgebirge liegen schon weit hinter ihnen, denn die Wasserrutschbahn fährt schnell dahin – wie eine Kanonenkugel.

»Willst Du nun,« fragt der Triton, »auch die Riesen noch einmal fragen, wo Deine Heimat mit Deinem Glücke ist?«

»Das ist wohl,« erwiderte die Lika, »nicht grade nötig, denn ich weiß ja schon, daß unsre Heimat und unser Glück bloß dort ist, wo wir ungestört Künstler sein können. Hübsch wär's aber doch, wenn wir frügen. Wie machen wir das?«

Likas Führer steuert der nächsten Insel zu, wo das ganze Ufer aus hohen Säulenhallen besteht – dort klingelt er an einem dicken Strick – und bald erscheint eine kolossale Riesentrompete in der Luft. Wieder werden die alten Fragen gestellt.

»Wo ist unsre Heimat?« brüllt der Fidele.

»Bauen!« tönt's aus der Trompete zurück.

»Wo ist unser Glück?« fragt er dann.

Und abermals kommt's aus der Trompete heraus:

»Bauen!«

»Siehst Du,« sagt da der kluge Meermann, »die Riesen meinen ganz genau dasselbe wie die Zwerge. Jetzt weißt Du doch endlich, was Du wissen willst. Es war nicht leicht, Dir die Geschichte klar zu machen. Deine Heimat hast Du also gefunden. Nun schreibe Deine Erinnerungen, damit Du auch glücklich wirst.«

»Ich danke Dir,« sagte freundlich das gute Porzellangeschöpf, »gib mir nur das nötige Papier und einen Tintenstift. Ich will gleich glücklich sein.«

Der Triton zieht das Gewünschte aus seinem Rucksack hervor und gibt es hin.

Der Himmel ist blau.

Das Meer ist blau.

Der Triton taucht unter.

Die Lika schreibt ihre Erinnerungen unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm.

XII

Feierlich türmen die Riesen einen edlen Baustein auf den andern, heften die großen Diamanten ordentlich fest, messen und zeichnen und rechnen, bauen Palast an Palast, daß alle Inseln im Riesenreich immer herrlicher glänzen und glitzern – wie Kronen – wie ewige Kronen.

Schiffe kommen und bringen neues Werkzeug, unzählige neue Stoffe, Silber und Glas für die Kuppelbauten – Gold für die dicken Wetterfahnen.

Die weiten Säulenhallen, die Terrassen mit ihren spiegelnden Fliesen, die Treppen mit den offenen Pforten – fassen die hohen Inseln so ein – als wären's Juwelen. Aus den Turmlaternen leuchtet's wie aus glücklichen Augen. Und alles scheint weit aufgetan zu sein – frei – sonnendurstig!

Die Lika sitzt in ihrer Schale – schaukelt im Meerwasser neben einem großen siebeneckigen Turm, schreibt aber so emsig an ihren Erinnerungen, daß sie das Schaukeln gar nicht bemerkt.

Der Triton bringt ihr einen neuen Tintenstift und meint schmunzelnd:

»Es ist nur gut, daß Du wie alle ächten Künstler von der Luft leben kannst, sonst würdest Du vielleicht nicht ganz so glücklich sein.«

»Doch!« sagt sie, »ganz so glücklich!«

»Na! Na!« tönt's zurück.

Möwen schweben vorbei – weiße.

Das Meer ist blau.

Der Himmel ist blau.

Und die Lika schreibt.

Der Triton plätschert im Wasser herum und spielt mit dicken Lachsen.

Finis!

Hierüber sprachen wir Vieles.

Die alten Ägypter setzten mit vielem Eifer ihre Kunstanschauungen auseinander; es würde zu weit führen, hier auf diese näher einzugehen; es liegt ja wohl auf der Hand, daß sich die Nilpferde auch die Entwicklungsfähigkeit der irdischen Kunst in unendlichen Reihen dachten – und dem konnte ich nur zustimmen. Ein unglaubliches Ereignis schnitt darauf mit einem Male das Gespräch ab – – – ich sah – Millionen weißer Mäuse aus allen Ecken hervorkommen.

Und die Zahl der weißen Mäuse vermehrte sich derart, daß die Wände, Säulen und Terrassen, die alle tropfsteinartig gebildet waren, ganz weiß wie Schnee wurden – was sich zwischen den unzähligen lautlosen Wasserfällen und Springbrunnen höchst seltsam ausnahm. Lapapi klopfte mir auf die Schulter und fragte mich:

»Glaubst Du, daß Dein Wesen durch Deine äußere Erscheinung wesentlich markiert ist?«

Ich verneinte das lebhaft.

»Glaubst Du,« fuhr er nun fort, »daß Du gleichzeitig noch was Andres sein kannst – Etwas, von dem Du augenblicklich nichts weißt?«

Ich bejahte das ebenso lebhaft, denn die Nilpferde, die zugleich alte Ägypter waren, schienen mir allein schon Beweis genug zu sein.

Lapapi sagte jedoch triumphierend:

»Siehst Du? So weit wollten wir Dich haben! Wer weiß, was wir außer dem, was wir jetzt zu sein scheinen, noch außerdem sind! Wir sind eben höchst wahrscheinlich ebenso kompliziert wie die Welt. Und diese Erkenntnis unsrer selbst ist fast ebenso wichtig als die Erkenntnis der Welt. Und darum kannst Du wohl annehmen, daß diese weißen Mäuse auch nicht bloß das sind, was sie zu sein scheinen. Und darum!«

»Und darum!« tönte es nun aus tausend Mäusekehlen – und ich sah, daß jede Maus auf den Hinterbeinen saß – was urpossierlich wirkte.

»Und darum,« schloß nun Lapapi, »gib mir ein paar Deiner Geschichten, die ich den Mäusen vorlesen möchte.«

Ich tat natürlich sofort, was er wollte.

Wir setzten uns auf weiße Pelzsessel, die jetzt neben uns standen, und Lapapi las den Mäusen vor, während ich in aller Gemütsruhe eine Cigarre rauchte.

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