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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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Die sieben großen Seifenblasen tanzen auf dem Wellensee. Und die großen Seifenblasen stoßen sich nicht, trotzdem sie haushoch sind – turmhoch!

Sie hüpfen – die Blasen.

    Laß die Welten nur fest sein,

    Laß die Helden nur stark sein,

    So fein kann doch der Quark sein.

Aber der sanfte Abendwind bläst die feinen Blasen entzwei.

Und die roten Schiffe kommen mit den roten Segeln – die Schiffe schaukeln auf und ab, schaukeln vorüber, denn was sollen sie hier?

Die Schiffe sind so ernst und lächerlich – besonders die roten.

    Der Flieder duftet in der Nacht,

    Und kleine Katzen schleichen behutsam.

    Der Sonnenschein ist ferne –

    So ferne wie die Sterne.

Und die Eisberge kommen.

Sie kommen aber nicht näher – in der Ferne bleiben sie – fürchten sie die Hitze am Strande des Ulks?

Welcher Irrtum! Hier ist es gar nicht so heiß – die Späße sind nicht hitzig – das sind sie unter keinen Umständen, denn sonst wären's ja keine Späße mehr.

    Die bittern Schnäpse schmecken gut.

    Die bittern Schnäpse schmecken gut.

Und die Sorgen kommen – als Riesenratten mit klatschenden Schwänzen – schwimmen auf dem Wellensee – hüpfen und schaukeln – mögen sie weiterhüpfen und weiterschaukeln!

    Leb wohl, Du Land der stillen Zecher!

    Füllt mir die letzten Flaschen ein!

    Ich bin ja doch kein armer Schächer,

    Ich sitz im Grünen.

Jetzt aber – jetzt kommt eine wilde Gesellschaft – lauter Weltverbesserer – jetzt wird's beinah übermütig!

Die Weltverbesserer rennen auf den Strand – ganz nackt. Sind die mager!

Ich strecke ihnen meine Zunge entgegen.

Die Kerls wollen die Welt verbessern?

    Rosen, sanfte Rosen,

    Fallen in die Silberkanne.

    Rosendüfte sind so schwül:

    Zerpflücke die sanften Rosen.

Die Welt kann ja gar nicht besser werden – sie ist ja das Beste von Allem, was wir zum Besten haben können.

Die Sonne geht drüben auf – es ist wohl eine sechseckige Sonne.

Es wird Alles bunt wie Kolibris.

Und leichte Gestalten steigen aus dem Wellensee – Duftgestalten mit langen Armen und ächten Kugelbeinen – mit Gestalten sind ganz durchsichtig – auch die Kugeln unterm Rumpf – wie Tabaksqualm steigen diese guten Geister empor – in den blauen Himmel.

    Ein wilder Husar

    Nimmt das Leben genau?

    Au! Au!

Ich liege und sehe den leichten Duftgestalten traurig nach – ach – am Strande des Ulks wird man so schwer, daß man nicht mehr so leicht aufsteigen kann wie Tabaksqualm.

Aber die sechseckige Sonne steigt alle Morgen auf.

Ich beneide die Ecken-Sonne.

    Neidisch bin ich wie ein Geizhals,

    Haben möcht ich tausend bunte

    Edelsteine.

    Und ich möchte friedlich schlafen,

    Rechts und links die bunten Edelsteine.

Ich liege und kann nicht auf.

Schwefelhölzchen mit rotem Kopf tanzen auf dem Wellensee – wie Menschen – wie stockdumme Menschen, die Nichts zu tun haben.

Die großen Ratten kommen wieder – sie fressen die Schwefelhölzchen auf und platzen entzwei wie Seifenblasen.

Es knallte – es knallte!

    Endlich ist der Mops getötet,

    Und die Wellen sind gerötet.

    Ärgre Dich, tiefernster Tor,

    Über alle krausen Kringel.

Seifenblasen kommen aber nicht noch einmal – und sie sind so wichtig am Strande des Ulks.

Bäume wachsen im Wellensee – Wunderbäume – aber ich seh sie nicht – die sind unten auf'm Meeresboden – ja – warum sind sie unten?

Ach ja!

Robinson!

Ist das Robinson, der da vor mir steht?

Er ist so alt, wackelt mit dem Kopf, streicht sich den weißen Schnurrbart nach unten und deutet mit dem Zeigefinger nach oben.

Oben ist der Himmel offen, und die hellgrünen Engel, die ich so verehre, machen da oben Musik.

Die Musik ist so sanft, daß ich die Augen schließe, um besser hören zu können.

Da sagt Einer zu mir:

»Du bist ein alter Faulpelz!«

War das Robinson?

Es klang doch so sanft.

Ich träume, und sanfte Krokodile schreien:

    »Wie schön ist die Welt!«

    »Wie schön ist die Welt!«

Ein nasser Leinwandlappen fällt auf mein Haupt.

 

Nach Beendigung der Vorlesung brüllten alle die dürren Kerle, als wenn ihnen die Haare einzeln ausgerissen würden; die Dürren hatten sehr lange blonde Haare.

Und ich hörte aus dem Gebrüll heraus, daß sie »moderne Zeit« spielen wollten.

Die Nilpferdchen schnitten ruhig ihre zierlichen Bogen auf dem Eise weiter.

Aber die Dürren spielten vor mir »moderne Zeit«.

Es war ein unbeschreiblicher Spaß.

Nicht Alles konnte ich deutlich erkennen. Ich sah nur, daß die Dürren unten auf dem Eise immer wieder neue Rankengruppen bildeten und die dann immer wieder mit Gebrülle umwarfen, so daß es viele blutende Nasen gab.

Doch die blutigen Nasen störten die Heiterkeit durchaus nicht; auch die Nilpferdchen mit ihrem unermüdlichen Bogenschneiden störten die Heiterkeit keineswegs.

Die Gesichter der Dürren bekamen oft einen Ausdruck, der mich an bekannte Persönlichkeiten erinnerte, die vielleicht heute noch auf der Erdrinde eine Rolle zu spielen sich einbilden.

An unglaublichen Hohnspäßen fehlte es nicht – und es wurde furchtbar viel geredet – und ich habe niemals in so kurzer Zeit so viel dummes Zeug gehört.

»Das charakterisiert!« sagten die Dürren nach jeder dummen Redewendung.

Es hörte sich an, als wollte sich Jeder bloß blamieren – durch Albernheit, Unwissenheit und Dünkel.

»Vortreffliches Bild der modernen Zeit!«

Das riefen sie wohl hundert Mal dazwischen.

Während es nun so aussah, als wenn auf dem Eise ein Heer verrückt gewordener Akrobaten und Schlangenmenschen sich herumbalgte, hörte ich plötzlich wieder die Stimme des mir schon bekannten Vorlesers.

»Meine Herren,« rief sie, »hier habe ich ein Manuskript, das die Borniertheit der modernen Zeit in klassischer Weise symbolisiert.

Es ist der Monolog des verrückten Mastodons.«

Die Nilpferdchen standen plötzlich still und waren ganz starr; sie staunten den Vorleser mit offenem Maule an.

Ich war empört und rief wütend:

»Das ist ja eine längst veraltete Geschichte – die zählt nicht mit.«

Aber die Dürren bildeten wieder im Nu ein paar Dutzend Leibersäulen – und vereinten sich dann so, daß sie zusammen einer ägyptischen Pyramide glichen.

Auf diese Pyramide kletterte der Mann mit dem Monologe rauf – und las oben vor – mit furchtbar ernstem Tonfall:

Monolog des verrückten Mastodons

Zépke! Zépke!

Mekkimápsi – muschibróps.

Okosni! Mamimûne ...

Ekakróllu róndima sêka, inti ... windi ... nakki; pakki salône hepperéppe – hepperéppe!!

Lakku – Zakku – Wakku – Quakku – – – muschibróps.

Mamimûne – lesebesebimbera – roxróx – roxróx!!!

Quilliwaûke?

Lesebesebimbera – surû – huhû ...

Was hierauf folgte, weiß ich nicht mehr.

Ich weiß nur, daß ich später in einem sehr schönen Schlafzimmer aufwachte.

Ich lag in einem sauberen Bett, und mit taten alle Glieder weh. Und eine ganz alte Dame trat in mein Zimmer und sagte freundlich:

»Dir ist wahrscheinlich so zu Mut, als wenn Du Kater hättest. Nun – da paßt ja wohl das Märchen vom blauen Hund in Deine Stimmung hinein. Gestattest Du, daß ich die Geschichte den Herren vom Nil bringe?«

»Ich gestatte!« sagte ich.

Und die alte Dame ging mit dem Märchen davon. Mir war so wüst im Kopf.

Und die Herren vom Nil lasen im Nebenzimmer mein altes Manuskript.

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