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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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Zart!

Eine ganz kleine feine Spinne – die möcht' ich lieben! Aber sie muß ganz klein und fein sein.

Und sie muß meine Liebe erwidern – natürlich!

Wenn sie mir nicht gut ist, schlag' ich sie mit meinem zierlichen Pantoffel kurz und klein.

Aber wenn sie mir gut ist – dann wird – Alles – Alles – sein! Ich werde mich mit meiner Spinne in ein ganz zartes venetianisches Zierglas setzen, wo außer uns nichts drinn sein darf.

Draußen werden die goldig glitzernden Seepferdchen Augen machen!

Uih! Wird das ein feines Leben sein!

Spinnchen, komm!

Na komm, mein kleines feines Spinnchen!

Die alte Porzellanuhr auf der Bauchkommode tickt bloß wie gewöhnlich! Erschrick nur nicht!

Na komm!

Unsere Welt ist leicht!

Als das zu Ende war, war's im Keller mäuschenstill, nur in der Ferne fiel von Zeit zu Zeit ein kleiner Tropfen ins Wasser, daß es plätscherte.

Das grüne Blitzlicht blitzte nicht mehr, es erfüllte die Kellergewölbe ein grünlich leuchtender Nebel.

»Alle Verächter der Welt hatten von der Welt keine Ahnung, obschon sie immer so taten.«

Also sprach hinter mir eine sanfte Stimme, und ich glaubte, das wäre eine Geisterstimme.

»Der Kombinationen und Permutationen sind überall unendlich viele.«

Diesen Satz fügte die Stimme noch hinzu.

Ich aber konnte mich nicht bewegen; ich empfand nur eine große Starre, mir war auch so, als hörte mein Herz zu schlagen auf, obwohl meine Augen ganz wach blieben. Und nun wußte ich nicht, ob ich träumte oder ob das, was ich sah, der sogenannten Wirklichkeit angehörte.

Ich sah, daß auch das Wasser rings um meine Tonne ganz starr wurde – es fror und bildete sehr bald eine glatte Eisfläche, in der sich die Gewölbe entzückend spiegelten. Und dann kamen unzählige meterhohe, ganz schlanke Gestalten aus allen Ecken übers Eis gelaufen; sie glitschten oft aus und fielen über einander – aber sie lachten immerzu; ihr Leib war kaum so dick wie mein Arm, ihre Arme hatten kaum meine Fingerdicke. Diese spindeldürren Gestalten lachten sehr übermütig, und ihre faustgroßen Gesichter waren so lustig, daß ich gar nicht müde ward, ihrem Mienenspiele zuzuschauen.

Die dünnen Männchen hatten Menschengestalt; ihre Glieder staken in eng anliegendem Handschuhleder – von verschossenen Farben.

Die Herren erinnerten mich immerfort an alte Handschuhe; sie kletterten auf meine Tonne, lachten mich an und visitierten meine Taschen.

Und ich konnte mich nicht bewegen.

Und einer der Dürrsten fand in meinen Taschen ein Manuskript, das er vorlesen wollte.

Während ich nun in meinem Starrkrampf ganz ruhig auf meiner Tonne saß, rief der Dürre mit quiekender Stimme:

»Ruhe, meine Herren! Ich werde Ihnen eine Geschichte unsres guten Onkels vorlesen. Bitte, gruppieren Sie sich auf dem Eise in malerischen Stellungen. Ich werde mir erlauben, mich auf sechs Herren zu setzen, die auf einander stehen.«

Im Nu sah ich vor mir sechs Herren über einander – wie ein hohes schwankendes Rohr – und auf den Kopf des Obersten setzte sich der Vorleser und räusperte sich.

Währenddem hatten die andern Taumenschen vielverschlungene Rankengruppen auf dem Eise gebildet – und zwischen diesen Gruppen sah ich nun die sieben kleinen Nilpferde auf Schlittschuhen zierliche Bogen schneiden.

Und der Dürre las, während die Nilpferdchen oft auch durch die Rankengruppen ihre zierlichen Bogen schnitten:

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