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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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Zwei Weltenschöpfer

Skizze

Sein Auge leuchtet wie tausend lichtsprühende Sonnen. Er sitzt auf seinem großen Weltensessel und träumt.

Seine Sterne drehen sich zu seiner Rechten und zu seiner Linken, sausen an seinen Knieen vorüber, gehen in Schraubenlinien um seine Finger, bleiben still an seinem weißen Barte hängen, wandern langsam in kompliziertesten Kurven in die große Weite und leuchten alle so still – wie Nachtlampen in einer Sommernacht. Und er freut sich über seine stille ruhige Weltenheerde wie ein guter Hirt.

Sein helles Auge schweift in die Unendlichkeit.

Da ist ihm so, als lösten sich dort drüben im dunklen Hintergrunde ein paar Schleier los; es wird dort immer heller. Und plötzlich sieht er da hinten weit hinter seinem Weltenraum den Kopf eines alten Freundes, der da drüben auch Stern-Welten schuf.

Die Weltenschöpfer grüßen sich.

Und der alte Freund zieht alle dunklen Schleier fort und zeigt, was er in den vielen Billionen Sternjahren gemacht hat.

Aber des Freundes Sternmeere sind nicht so ruhig. Da flackert's und flammt es. Die Sterne glühen in tausend Farben und zeigen die tollsten Formen – gleißende rissige Rüsselsterne winden sich zuckend um Diamantgebilde, Feuersäulen drehen sich wie Pfropfenzieher und flattern wie knallende Peitschen.

Die beiden Weltenschöpfer sehen sich lange die neuen Welten an; Jeder von ihnen schaut weit vorgebeugt zum Nachbarn hinüber. Und während der Ruhige still seine Gedanken in der Vergangenheit spazieren führt, jägt sie der Leidenschaftliche wild in die fernste Zukunft.

Sie fühlen, daß sie Beide anders sind, doch sie empfinden das nicht als etwas Störendes.

Sie nicken sich lächelnd zu.

Die Weltenschöpfer haben alle Nichts gemeinsam. Ihre Sterngebilde wissen das nicht; die Geschöpfes eines Schöpfers ähneln sich wie die Kinder eines Vaters.

Langsam fallen wieder die dunklen Schleier des Hintergrundes. Und die beiden Weltenschöpfer sind wieder allein; ihre Augen blitzen, daß ihre Sterne staunend hineinhorchen in die tiefen Raumgefilde.

Die Augen der Weltenschöpfer durchstrahlen ihr Reich; sie wissen, daß sie nicht das ganze unendliche Weltenall durchdringen und umspannen können.

Auch dieses Wissen stört sie nicht.

Unantastbar bleibt ihr seliger ewiger Schöpferrausch.

»Das ist ja viel zu einfach!« sagte hierzu der heftige King Amenophis – und dabei schlug er mit seinen Vorderpfoten so kräftig auf die schwarze Sammetdecke, die über der Tischplatte lag, daß diese in allen Fugen knackte und knisterte – und daß sie silberne Aschschale hoch aufsprang.

Ich erklärte, daß ich durch eine derartige Tischbearbeitung mein Eigentum schwerlich wiederbekommen würde.

Hatte ich aber geglaubt, daß ich durch diese Bemerkung das Gespräch auf meine verlorengegangenen Manuskripte lenken könnte, so hatte ich mich arg getäuscht.

Als wäre gar nichts los, hub nun wieder der Thutmosis zu reden an – mit seiner lieblichen sanften Stimme sagte er holdselig – lächelnd:

»Das Leben des Einzelnen muß, wenn er Schöpfer zu sein vorgibt, viel inniger mit seinen Geschöpfen zusammenhängen. Das Leben des einzelnen ist so ohne Weiteres als ein unabhängiges für uns gar nicht vorstellbar. Die Welt ist viel komplizierter und interessanter. Man müßte die unendliche Folge der Erscheinungswelten in allen schaffenden Existenzen als empfindbar und wirksam hinstellen; die unendlichen Reihen, die die verschiedenen Erscheinungswelten darstellen, müssen doch im schaffenden Geiste sehr bald als unendliche Reihen bewußt werden. Wenn sie das nicht werden, hat man kein Recht, von ›Weltschöpfern‹ zu reden, da es doch, wie wir wohl wissen, auch schaffende Geister gibt, die da schaffen, ohne zu wissen, wohin ihr Schaffen führt; solche Schöpfer stehen aber nicht auf einer hohen Stufe – auch die Intelligenz der Schöpfer ist nur in einer unendlichen Reihe für uns zu versinnlichen.«

»Es läßt sich,« bemerkte dazu der brummige King Necho, »eben nicht so ohne Weiteres sagen, daß wir gar nichts von der Welt wissen. Da wir unsre Erscheinungswelt immerhin als eine winzigkleine Teilerscheinung des Alls betrachten müssen, so wissen wir damit wahrlich schon genug. Aus dieser winzig-kleinen Erkenntnis von einem Teile geht uns die große Erkenntnis von dem grandiosen, nie zu fassenden Weltenzauber des Ganzen auf. Und Leute, die von diesem noch keine Ahnung haben, sollten doch das Wort ›Welt‹ ein wenig vorsichtiger gebrauchen.«

»Ich gebe das,« erwiderte ich rasch, »durchaus zu und bitte die Herren höflichst um Entschuldigung. Ich werde die unendlichen Reihen, die die Erscheinungsformen darstellen, nicht mehr vergessen. Aber ich muß doch auch bemerken, daß ich durch diese Erkenntnis wirklich nicht wieder in den Besitz meiner Manuskripte gelange.«

Da gab's aber einen Sturm.

»Mit wem reden wir denn?«

»Hält hier Jemand in diesem Medusenzimmer seine Manuskripte für Erscheinungsformen?«

»Es scheint hier ein guter Onkel immerfort Kopf und Zeh miteinander zu verwechseln.«

»Laß uns mal erst lesen, was wir haben.«

Nach solchen und ähnlichen Redensarten, bei denen mich Keiner von den alten Herren eines Blickes würdigte, lasen sie – das, was sie hatten.

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