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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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Fritz, der Schweinejunge

Eine lehrreiche Geschichte

Das hatte man den großen Spöttern immer gesagt. Aber sie wollten nicht hören. Sie wollten an die Gefährlichkeit der Dummheit nicht glauben.

Die Dummheit wird doch immer noch unterschätzt.

Wie gewöhnlich saßen die Spötter auch in der Sylvesternacht in der Prachtgondel ihres Luftballons. Sie waren hoch in den Wolken so recht fidel, denn die Prachtgondel war natürlich fein säuberlich mit dicken Glasscheiben auf allen Seiten zugeschlossen.

Um zwölf Uhr nachts sollte natürlich der Punsch mit den Kalbskotelettes nach oben geschickt werden.

Fritz, der Schweinejunge, sollte den Korb hinaufschicken.

Der Ballon mit der Prachtgondel war mit fünf festen, sehr langen Stricken unten angebunden.

Und da es Sylvesternacht war, schien es ganz natürlich, den Schweinejungen Fritz mit dem Korbe bei den fünf Stricken allein zu lassen.

Es schlug halb zwölf, und der Fritz sah, daß ihn kein Mensch beaufsichtigte.

»Ih!« dachte er, »wozu sollen die dummen Spötter da oben so viel Punsch trinken?«

Und er nahm eine Flasche aus dem Korbe und trank sie zur Hälfte aus.

»Ih!« dachte er, »die schmeckt ganz gut. Die andern Flaschen werden nicht schlechter schmecken – und die Kalbskotelettes?«

Er sann ein bißchen nach und machte dann die Stricke vorsichtig los und ließ den Luftballon davonfahren. Den Korb versteckte er hinten im Busch. Und dann rief der dumme Schweinejunge:

»Hilfe! Hilfe! Hilfe!«

Und dann kamen die Andern und sahen, daß der Luftballon fort war – die Andern waren natürlich nicht ganz nüchtern – denn es war ja Sylvesternacht. Und so schöpfte Keiner Verdacht.

Und Fritz, der Schweinejunge, aß nach einer kleinen Stunde gemütlich seine Kalbskotelettes und trank seinen feinen Punsch dazu.

Die großen Spötter fuhren durch Schnee und Regen im Mondenschein durch die herrliche Sylvesternacht – hatten aber nichts zu essen und nichts zu trinken.

»Verfluchte Zucht!« schrieen sie im Chore. Aber das half nichts. Fritz aß und trank und lachte die Spötter aus.

Ein dummer Schweinejunge ist fast immer zugleich auch ein verfluchter Schweinehund.

Hei! Da schaukelten die Spötter hoch in der Luft, denn der Luftballon war mit ihnen durchgegangen. Das kam davon! Die Spötter wollten dem dummen Schweinejungen niemals die Ehre antun, seine Schweinewege zu verfolgen.

Da schaukelten sie jetzt oben in der Luft – ohne Speise und ohne Punsch – daran labte sich der unverschämte Fritz.

Die Spötter hätten sich gleich um acht Uhr Abends den Punsch und die Kalbskotelettes hinaufschicken lassen sollen. Dann wäre das Unglück nicht passiert.

Man sollte sein Nachtessen nie aus den Augen verlieren – denn Schweinejungen gibt's überall.

Als ich wieder sehen konnte, sah ich, daß ich mit den alten Ägyptern in einem außerordentlich behaglichen Zimmer zusammensaß. Die Wände des Zimmers bestanden aus weißem Sammet mit goldenem Blattornament, das so recht unordentlich angeordnet zu sein schien.

Wir saßen in hellblauen weichen Sammetsesseln, und die Tischdecke war schwarzer Sammet mit blutrotem Medusenkopfornament. Eine silberne sehr große flache Aschschale stand auf dem Tisch. Die andern Herren pickten wieder schwebende Sterne, die aber diesmal wie Weintrauben zusammenhängend über der Tafel schwebten.

Und mir war so, als wenn meine Taschen leichter geworden wären.

Ich erinnerte mich, daß der Riboddi in meine Tasche gefaßt hatte – mit seiner Pincette – während ich meiner nicht mächtig war.

Ich erklärte etwas heftig, daß ich mich beunruhigt fühle. Da sagte der King Amenophis eifrig:

»Mit dem Verstande überwindet man keine Gefühle – so sagt man – und das stimmt wohl – da ›man‹ gewöhnlich nicht sehr viel Verstand besitzt.«

»Ich weiß nicht,« entgegnete ich gereizt, »was diese Bemerkung hier soll; ich habe das Gefühl, daß mir Manuskripte weggekommen sind. Und wenn mich nichts wütend macht – dieses macht es.«

Mit unerschütterlicher Seelenruhe sagte da der King Thutmosis – sanft wie stets:

»Vor die großen Freuden haben die Götter die kleinen gestellt, die man überwinden muß – um zu jenen zu gelangen. Aus diesem Grunde muß man den tierischen Amüsements aus dem Wege gehen, wenn man die komplizierteren möchte, die nicht bloß mit der Gier nach Existenzverlängerung gebacken sind.«

Der König Necho sagte danach, während ich meine Tasche nervös von außen befühlte:

»Und vor die großen Schmerzen haben die Götter wiederum die kleinen Schmerzen gestellt, die man nicht überwinden kann, wenn man jene flieht. Daher kommt Onkels Taschenärger.«

Ich wurde furchtbar wütend, doch die Herren lachten gemütlich und pickten in ihre Traubensterne.

Der Oberpriester Lapapi aber brüllte mit furchtbarer Stimme:

»Kleine Leute, die noch nicht zu leben gelernt haben, mögen wohl als Künstler die einzelne Erscheinung abgesondert wie ein Meerwunder betrachten und beurteilen – die Kunst jedoch, die ein bißchen mehr sein will, sollte stets den grandiosen Hintergrund haben.«

»Meine Herren,« rief ich da erregt, »ich möchte bloß wissen, wo mehrere von meinen Manuskripten geblieben sind. Sind die auch im Hintergrunde geblieben?«

»Nanu!« riefen da Alle durcheinander, »Sie werden uns doch nicht im Verdachte haben?«

»Ich,« erklärte ich, »finde unter den Manuskripten, die ich Ihnen noch nicht gezeigt habe, keine ernsten Manuskripte – die sind fort.«

»Das ist ja unglaublich,« sagte der General, »zeigen Sie mal her, was Sie noch da haben.«

Ich dachte natürlich nicht daran, ihnen meine übrigen Manuskripte anzuvertrauen.

Und ich gab ärgerlich bloß vier bis fünf Sachen hin. Doch kaum hatten die Herren die Sachen in der Hand, so rief der mir sehr verdächtig vorkommende Pyramideninspektor:

»Hier haben wir schon was Ernstes!«

»Was haben Sie denn?« fragte ich böse.

Er lachte, sagte, daß ich ein sehr vertrauensseliger Onkel sei, und las vor, was er für sehr ernst zu halten berechtigt zu sein glaubte.

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