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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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Gerettet!

Es lehnen sich unzählige Riesen, die gestrandet sind, an eine alte zackige ganz steile Steinwand. Die messerscharfen Zacken der Wand schneiden in das Fleisch der Gestrandeten, daß es schmerzt.

Aber es heißt: stillhalten – oder abstürzen!

Die wild an die Steinwand anprallenden Meereswogen spritzen den Riesen oft in die Augen.

Es heißt: stillhalten!

Nachdem die Sieben das gelesen, erhoben sie sich ernst von ihren Plätzen, und der König Ramses sprach würdevoll:

»Wir gatulieren Dir, liebes Onkelchen! Es freut uns, daß Du endlich auftaust und anfängst, unsre Gesellschaft so zu würdigen – wie sie's verdient. Wir würden Dir, falls wir noch im Besitze einer Hand wären, mit ihr die Deinige kräftig schütteln und dann mit Dir lachen und fröhlich sein – nach dem Muster der biederen und nicht biederen Rauschphilister der Menschheit.«

»Jetzt kommt,« sagte der Oberpriester Lapapi, »der große Rausch!«

Der König Amenophis aber bemerkte hierzu gleich wieder sehr heftig:

»Wenn ich diese Reden vom Rausch schon höre, so wird mir immer gleich so betrunken zu Mute. Meine Herren, vergessen wir nie, daß auch unser Rausch nur ein Schattenspiel ist – wie unser Kater desgleichen.«

Und ich versetzte lustig:

»Warum sollen wir grade beim Rausch daran denken, daß auch er nichts Wirkliches ist?«

»Weil das den Rausch noch steigert!« gab da der alte Thutmosis zur Antwort.

Und dann gingen wir zu einer Nische, die von einem schwarzseidenen Vorhange abgeschlossen wurde.

Der Inspektor pfiff, – es erloschen alle Lampen – aber die Ägypter zogen den schwarzseidenen Vorhang langsam zur Seite.

Und ich sah draußen den Nachthimmel mit unzähligen funkelnden Sternen.

Und der alte Thutmosis sagte mit seiner weichen Stimme ganz leise: »Vergessen wir nie, daß auch dieses Weltbild nur ein Bild ist – und daß auch hinter dieser großartigen Weltenpracht noch ein Hintergrund mit unendlich vielen anderen Erscheinungswelten – lebt.«

»Lebt!« wiederholten die Ägypter.

Und ich fühlte, daß nichts so herrlich ist – wie das Leben – wie's auch sei!

Und die Sterne strahlten.

Und wir standen ganz still und sahen hinauf und dachten an das, was dahinter – lebt.

Als der Vorhang vor den Sternen wieder fiel, flammten in dem Saale, der hinter uns war, unzählige dunkelgrüne Lampen auf – und die machten, daß die Wände und Säulen und besonders die hohen Kuppelgewölbe ganz geisterhaft leuchteten; feine Schattenspiele zuckten durch das Geleuchte, und auch die Nilpferdchen neben mir wirkten in dem grünen Licht wie Schattenspiele aus einer anderen Welt.

Lautlos wandelten die ägyptischen Herren auf dem Mosaikfußboden auf und ab. Und dann sprangen sie über einander – und dabei sprangen sie immer höher – bis in die hohen Kuppelgewölbe hinein, wo die Schattenspiele gleich in noch größere Bewegung gerieten, da sich die Nilpferdchen oben sehr fix in unzähligen Saltomortals überschlugen.

Ich sah mir das ohne Erregung an.

Aber plötzlich standen die Herren wie eine Säule vor mir – einer auf des andern Kopf – alle sieben über einander – was mich an mexikanische und indische Skulpturen erinnerte.

King Ramses stand ganz oben und sprach jetzt mit feierlicher Vorderpfotenbewegung ohne Pincette:

»Jetzt kannst Du lachen, liebes Onkelchen! Du sollst heiter sein für alle Ewigkeit. Du hast jetzt begriffen, was überall dahinter ist – wie viel dahinter ist – daß unendlich viele Erscheinungswelten hinter jeder Sinneswahrnehmung den grandiosen Welthintergrund bilden.«

»Ja,« rief ich nun freundlich, »darüber kann ich aber doch nicht immerzu lachen und hinter sein – das wäre doch langweilig.«

»Aha!« riefen da die Sieben im Chore.

»Deine Bemerkung beweist uns,« fuhr der König Ramses fort, »daß Du auf dem rechten Wege bist. Du siehst ein, daß auch die beste Laune auf die Dauer unerträglich werden kann. Gut, mein Sohn! Du hast Dich eben auch mit der schlechten Laune abgefunden und sie als eine Notwendigkeit erkannt. Der grandiose Welthintergrund ist für Dich nicht mehr ein leeres Spukphantom. Wenn ich also sagte, Du würdest von jetzt an für alle Ewigkeit ein Lachender sein – so meinte ich das selbstverständlich bloß figürlich und symbolisch. Ich wollte sagen: Du wirst nicht mehr das Gleichgewicht verlieren.«

Da schrieen die Ägypter:

»Wir verlieren's auch nicht!«

Und dabei standen sie auf dem rechten Bein, wodurch die Tiersäule fein gegliedert wurde.

Und dann schrieen sie:

»Wir können auch lachen!«

Und dabei standen sie auf dem linken Bein und lachten, daß es oben nur so knarrte.

Und dann machten sie zusammen oben sieben mal sieben Saltomortals – und standen danach wieder unten auf dem Mosaikfußboden in einer Reihe.

»Ich hätte,« sagte der König Ramses, »eigentlich in Versen sprechen sollen, aber der Klangzauber der Verssprache ist der Deutlichkeit nicht immer dienlich. Und wir sind nun mal die Apostel der Deutlichkeit.«

»Wir wollen,« fiel da der Herr Oberpriester Lapapi ein, »unserm lieben Gaste zeigen, daß jetzt auch für ihn die große Sonne aufgeht.«

Der Inspektor pfiff wieder – es ward wieder dunkel – und der seidene Vorhang wurde zum zweiten Male knisternd nach beiden Seiten auseinandergezogen.

Und ich sah einen Sonnenaufgang.

Über weißen Schneegebirgen flammten himbeerrote Wolken in einen dunkelblauen Himmel hinauf.

Und große goldene Quadrate wurden in den roten Wolken sichtbar und schaukelten wie Glasscheiben, daß es funkelte.

Und es rieselten feine Schleiergebilde herunter, in denen seltsame Wesen staken mit braunen Gesichtern. Und diese Schleierwesen setzten sich auf die goldenen Platten.

Hiernach sah's so aus, als wenn Funken aus den himbeerroten Wolken herausspritzten – brandrote Funken, die auf die Schneegebirge fielen.

Gleichzeitig kamen seltsame Gestalten aus den Schneegebirgen heraus – und auch aus dem blauen Himmel kamen seltsame Gestalten heraus – und die vereinigten sich in den roten Wolken und auf den schaukelnden goldenen Platten.

Und Alles wurde immer heftiger bewegt, und glühende Strahlen flogen wie Pfeile durch.

Dabei kam die Sonne hervor – ganz glutrot – mit einem Medusenantlitz – das mich ganz starr machte – so daß ich nichts Andres mehr sehen konnte – als dieses blutrote Medusenantlitz.

Und ich hörte, wie der seidene Vorhang von den Ägyptern wieder zugezogen wurde.

Jedoch ich sah das blutrote Antlitz trotzdem.

Dieser Medusenkopf war in allen Teilen rot – doch zeigten sich verschiedene Rots – das dunkelste in den großen starren Augen.

Ich hörte die Ägypter miteinander flüstern und sah das Rot immer noch.

Mir war, als wenn in weiter Ferne Dinge vor sich gingen, die ich beim besten Willen nicht verstehen konnte – und das blieb so, wie mir schien, eine lange Zeit.

Später fühlte ich, daß mich unsichtbare Hände wieder aufhoben – und mir übers Gesicht strichen – so daß ich das Rote nicht mehr sah.

Das wirkte wie eine Erlösung.

Und dabei empfand ich plötzlich einen heftigen Heißhunger.

Und der Pyramideninspektor Riboddi sagte neben mir, als wenn er meinen Hunger mitempfände:

»Wenn Du gestattest, daß ich mir ein Manuskript aus Deiner Tasche nehme, so sollst Du sofort eine Zigarre haben.«

Ich war selbstverständlich einverstanden – und obschon ich nichts sah, fühlte ich doch gleich Riboddis kalte Pincette in meiner rechten Brusttasche.

Und dann rauchte ich – und sah die brennende Glut meiner Zigarre.

Aber Riboddi hatte, was er wollte.

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