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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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Schlechtes Publikum!

Auf dem braunen Kameel saß ein kleiner Affe.

Der Affe hatte ein rotes Röckchen an und blickte neugierig nach tallen Seiten herum, wie das so Affen zu tun pflegen.

Aber die beiden Tiere waren auf einer einsamen Landstraße, wo's keine Zuschauer gab.

Da machten sie denn den Krähen ihre Späße vor.

Die Krähen flogen in großen Scharen vorüber und hielten sich nicht auf.

Wie sich manche Tiere an die Menschen gewöhnen können!

»Schlechtes Publikum!« brummte das Kameel.

»Das also,« sagte nach einer Viertelstunde der Herr Amenophis, »soll nun lustig sein!«

Ich sagte leise:

»Es fällt mir immer schwerer, die Lebenskomödie anzusehen und als solche zu empfinden. Mir wächst die irdische Atmosphäre, um es ganz deutlich zu sagen, zum Halse hinaus. Ich kann nicht mehr.«

Da standen die Nilpferdchen auf, stellten ihre Folianten in die Regale, hüpften auf einem Beine und sagten:

»Hm! Du bist ein interessanter Gast!«

»Man gut, daß wir Dich am Abhange vom Tode errettet haben.«

»Du bist es wert, leben zu bleiben.«

»Aber so wie Du bist, erscheinst Du uns nicht grade sympathisch.«

»Möchtest Du nicht doch, uns zu gefallen, anders werden?«

»Wir möchten Dich ja so gerne anders machen.«

»Das elektrische Bad scheint nicht viel genützt zu haben. Vielleicht bist Du jetzt ein bißchen anders bloß aus Höflichkeit.«

Nach diesen Bemerkungen hüpften sie wieder auf einem Beine und pfiffen dazu, wobei ihr breites Maul spitz wurde und furchtbar komisch aussah.

Aber mir machte das alles nicht den geringsten Spaß, und ich meinte nur verdrüßlich:

»Schneidet mir die Langeweile aus, wenn Ihr mich anders haben wollt.«

Da sprach der Pyramideninspektor Riboddi ernst:

»Wir wollen Dich allein lassen, wenn Du Dich in unsrer Gesellschaft langweilst.«

Und sie gingen ohne Gruß davon.

Und ich blieb lange Zeit allein.

Und ich wollte über das nachdenken, was die alten Ägypter gesagt hatten – aber meine Gedanken schweiften ab und fuhren ruhlos umher durch meine Kindheit und durch die mathematische Bedeutung der Kegelschnitte und durch einen stillen Wald und durch Dinge, die mir immer unsympathisch waren – durch Geschrei und Gewimmer – Krankenbett und Totenhalle.

Meine Traurigkeit nahm immer mehr zu, und ich sagte leise:

»Es ist doch Alles gar nichts.«

Da fiel ein Glas von einem Schranke herunter und zerbrach.

Ich sprach dann leise, als wären die alten Ägypter noch da:

»Das Glas zerbricht so leicht – wie wir selber zerbrechen – und dann sind bloß noch Scherben da – und die Scherben sind immer ein kläglicher Anblick. Warum zerbrach das Glas? Es bleibt überall ein schriller Ton von zerbrochenen Gläsern zurück – und ich finde nicht das mehr in den Scherben, was ich einst im Glase fand. Ihr sagt, es gäbe ja noch viele Trillionen Gläser. Das mag wahr sein, aber ich wollte doch, das alte Glas wäre nicht zerbrochen. Ihr sagt, daß es nicht ewig bestehen könnte – das wäre langweilig, wenn man immer dasselbe Glas vor sich hätte. Aber ist es nicht auch langweilig, daß man immer wieder Scherben vor sich hat? Es mag durchaus nicht geistreich sein, wenn man etwas beklagt. Schon richtig! Aber wollen wir denn immer geistreich sein? Mir ist es ganz egal, ob mein Gesicht dumm oder klug aussieht. Und wenn Alles bloß ein Schattenspiel ist – kann man's sehr geistreich nennen, wenn uns die Welt immer bloß als müßiges Spiel erscheint? Gewiß, es ist nicht nötig, daß Alles immer ernst aussieht – es sieht ja leider das Meiste schon ernst genug aus – aber was habe ich, wenn ich das Ernste als Komödie behandle – und die Komödie als eine bitterernste Sache? Schließlich ist mir Alles ganz egal. Und das macht nicht heiter. Das sind, sagt Ihr, bloß Übergangsstadien. Jawohl, es wird ja Alles wieder anders. Auf Regen folgt Sonnenschein. Bloß hier bei diesen ägyptischen Herren gibt es weder Sonnenschein noch Regen – die Fenster fehlen ja.«

Da ward es plötzlich ganz dunkel in dem Bibliothekzimmer, und ich sagte nur noch:

»Das ist wahrscheinlich die ägyptische Finsternis. Neugierig bin ich doch – was jetzt kommt.«

Und ich sank dabei in die Tiefe.

Und es ging immer schneller hinunter.

Und plötzlich ward es wieder ganz hell.

Und ich war in einem orientalischen Wundergarten, in dem die Früchte an den Bäumen große Edelsteine sind.

Ich wurde von unsichtbaren Händen durch den Garten getragen und konnte dabei die Edelsteine ruhig betrachten.

Es waren viele zierliche Pavillons mit glitzernden schlanken Säulen in dem großen Garten – in dem wirkte ein seltsames, blaugrünes Licht so duftig wie ein feiner Nebel von Wohlgerüchen.

Und wie ich nun ein paar Topasbirnen genauer ansah, bemerkte ich, daß sich kleine gelbe Perlen von den Birnen loslösten und wie Seifenblasen in der Luft herumschwebten und auch wie Seifenblasen größer wurden. Und dann sah ich auf diesen gelben Blasen unzählige winzig kleine Kerlchen, die Kanonen auf kleine Hügel hinaufschleppten und von dort aus auf die anderen gelben Blasen losschossen. Auf den anderen Blasen krabbelten ebenfalls kleine Kerlchen mit Kanonen herum. Und ich bemerkte bald, daß sich die Blasen nach zwei Seiten hin ordneten, und danach flogen die Schüsse immer schneller von Blase zu Blase; es knisterte in der Luft. Und bei dem Schießen sah ich, wie jede der winzig kleinen Kugeln entsetzliche Verheerungen unter den kleinen Leuten anrichtete. Und es dauerte nicht lange, so zappelten auf den Blasen all die kleinen Wesen mit zerrissenen Gliedmaßen neben den Kanonen herum und starben, wie es schien, unter großen Qualen.

Und dann sah es so aus, als zögen die Topasbirnen all die gelben Blasen wieder an – und dann verschwanden die Blasen in den Birnen.

»Das ist,« sagte mir ein Unsichtbarer, »Alles nur ein Entwicklungszauber. Dieser Garten ist die Wunderküche der Nilpferde, allwo die kleinen Sterne geschaffen werden, die den Nilpferden, wie Du weißt, zur Nahrung dienen.«

Ich wurde weiter getragen und sah an einer dunkelblauen Saphirpflaume ein anderes Schauspiel.

Da kamen kleine Zwerge mit Allongeperrücken heraus, umschwebten die Pflaumen und redeten zu ihr. Ich konnte die Worte der winzig kleinen Zwerge deutlich verstehen:

»Liebe Pflaume,« sagte der eine Zwerg, »es ist außerordentlich überflüssig, daß du so glänzend bist. Du mußt jenen zarten, stumpfen Hauch bekommen, der Dir so gut steht.«

Und danach klopften alle Zwerge ihre Perrücken aus, sodaß ein großer Puderstaub entstand, der der Saphirpflaume jenen zarten Hauch verlieh.

Nach diesem Perrückenausgeklopfe steckten die Zwerge alle ihre Finger in den Mund und wurden nun immer kleiner – und nach ein paar Augenblicken unsichtbar.

»Entwicklungszauber!« sagte mein unsichtbarer Begleiter, »nichts als Entwicklungszauber! An allen Früchten gehen solche kleinen Wunder vor. Wenn die nicht vorkämen, würden die Nilpferde nichts Ordentliches zu essen haben. Alle diese Steinfrüchte sind uralt und fühlen sich als große Welten; sie müssen sehr viele Verwandlungen durchmachen, bis sie eßbar sind. Hier kannst Du wohl noch mehr erleben als in den großen Sternen des Himmels.«

Ich fühlte, daß mir so leicht wurde.

Und ich wollte noch mehr von diesen Miniaturwelten sehen und sagte das.

Man kam meinem Wunsche gleich entgegen, denn aus einem Kirschbaum, dessen Kirschen Rubine waren, wirbelten plötzlich große Scharen kleinster Elfen heraus; die Elfen kneteten in ihren Händen kleine rote Tropfen. Und unter dem Kneten entstanden aus diesen roten Tropfen alte Köpfe, die ganz rot vor Zorn waren und niederträchtig schimpften. Und die Elfen warfen die Zornköpfe in die Höhe und stießen mit langen feinen Lanzen in die Köpfe hinein, daß die aufbrüllten vor Schmerz. Die Elfen stachen grausam öfters durch die Köpfe durch. Und während nun aus den roten Tropfenköpfen kleine Blutstropfen herunterrieselten, sah es plötzlich so aus, als wenn die Köpfe leuchteten. Und so war's auch; ich blickte schärfer hin und bemerkte, daß die Köpfe jetzt rote Sonnen zu sein schienen – die Augen waren zu Sonnenflecken geworden. Und diese Sonnen schwebten empor und verschwanden oben. Die Elfen warfen ihre Lanzen den Sonnen nach, klatschten in die Hände und verschwanden in den Kirschen.

»Wie leicht sich hier Alles verändert!« sagte ich leise.

Und die Stimme neben mir erwiderte ebenso leise:

»Wenn Du nun wüßtest, daß in jeder Stunde überall immer wieder neue Veränderungen vorkommen, würdest Du nicht sagen müssen, daß hinter diesen Wunderfrüchten unsäglich viele schöne Dinge stecken?«

»Das könnt ich,« sagte ich still, »nicht leugnen.«

»Nun mußt Du aber,« fuhr die Stimme fort, »wissen, daß alle Dinge, die Du auf Erden siehst, ebenfalls solche Wunderfrüchte sind. Hinter jeder Erscheinungswelt steckt eben eine unendliche Reihe andrer Erscheinungswelten.«

Ich fühlte nach diesen Worten eine große, sehr angenehme Schlaffheit in allen Gliedern. Und es kam mir so vor, als verstünde ich die ganze Welt. Und ich begann zu reden – wie im Traum. Was ich redete, erschien mir außerordentlich scharfsinnig. So als wären alle Weltgeheimnisse vor mir aufgelöst – so wurde mir.

Und ich sah nicht mehr die kostbaren Früchte des Wundergartens.

Ich schwebte zwischen perlgrauen Wolken und redete ohn Unterlaß.

Aber heute weiß ich leider nicht mehr, was ich redete; das habe ich total vergessen.

Ich weiß nur noch, daß ich damals mitten im Reden einschlief und dann weiter träumte – und mich im Traume auch noch reden hörte – sehr weise kam ich mir vor – und ich fühlte mich sehr glücklich.

Und das große Glücksgefühl verließ mich lange Zeit nicht; ich muß damals sehr lange geschlafen haben.

Mir ist heute noch so, als wenn das, was ich damals im Schlafe fühlte, das Herrlichste war – von Allem, was ich je erlebte.

Als ich die Nilpferdchen in einem kleinen weißen Sammetzimmer wiedersah – in dem Zimmer war Alles von weißem Sammet – da fühlte ich noch immer die ganze Traumseligkeit wie vorhin.

Und die alten Ägypter, denen ich davon sehr ruhig, aber auch sehr heiter erzählte, wollten nun etwas von mir lesen, in dem was vom Traumglück gesagt wird.

Ich erinnerte mich, daß ich so was bei mir hatte.

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