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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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Die wilde Kralle

Ein Raketen-Scherzo

Ich kletterte immer höher; es ging ja so leicht.

Die Astknorren waren nicht zu dick und nicht zu dünn – grade so recht.

Aber die Spitze der Tanne konnt' ich nicht erreichen, so eifrig ich auch klettern mochte.

Es war doch ein schrecklich hoher Baum.

Er war bedeutend höher, als ich dachte.

Einmal, als ich runtersah, kam mir's so vor, als wäre die Erde unten längst unsichtbar geworden.

So hoch im Weltall zu sein, erschien mir da ein stolzes Vergnügen zu sein.

Ringsum kein andrer Baum – kein Stück Erde – kein Stück Wasser – nur Himmel – nichts als Himmel – mit unzähligen seligen Sternen.

Mit stiller Andacht starrte ich in den großen Himmel.

Und der Himmel schien mir plötzlich so eng und begrenzt – wie eine kleine Dorfkirche.

Da knisterte was unter mir.

Ich weiß nicht mehr genau, wie's war – ich sah nur allmählich, vor mir an der sternbestickten Himmelsdecke eine weiß schimmernde Riesenkralle zitternd emporsteigen.

Und die Riesenkralle krallte sich in die sternbestickte Himmelsdecke fest und riß ein großes unregelmäßiges Loch hinein; die Eckfetzen flatterten steif ab, als wenn ein starker Wind durch das Loch mich anbliese.

Und ich schaute durch die flatternden Eckfetzen in eine andre Welt, die größer ist als unsre kleine Dorfkirchenwelt.

Dort hinten – weit hinter unserm Fixsternhimmel – war der Hintergrund tiefschwarz und unendlich tief.

Und in der Mitte dieser anderen Unendlichkeit stiegen langsam zwei goldene Riesenraketen empor, die aus lauter goldenen Sonnen bestanden; sie perlten immer höher wie langsam aufsteigende Riesenfontänen.

Aber die Raketen gehen nicht grad in die Höhe, sie biegen sich nach allen Seiten wie alte Baumstämme, die oft vergeblich nach dem Lichte strebten.

Und sie werden immer größer.

Und sie bekommen wie die Baumstämme Äste.

Die rechts sich aufreckende Rakete hat keine Ecken; sie biegt sich, wie Schlangenleiber sich biegen. Die links sich aufreckende Rakete hat jedoch sehr viele Ecken und Kanten wie knorrige Eichen.

Es sieht anfänglich alles ganz friedlich aus – leider darf man keinem Frieden trauen.

Die goldenen Sonnenraketen biegen sich vor und zurück, als wenn der Sturmwind an ihnen rüttle. Und bald wird mir's ganz klar: Die Raketen stehen sich gegenseitig im Wege.

Ich hatte wohl vorher gedacht, dieses Schwanken, Drängen, Schieben und Stucksen wäre nur eine Äußerung der Zärtlichkeit. Mir fiel jedoch zur richtigen Zeit ein, daß ordentlichen Feindschaften ein zärtliches Vorspiel was ganz Natürliches ist.

Die Atmosphäre scheint mir recht heiß zu werden. Die Schlangenrakete dehnt oft ganz beängstigend ihren gierigen Sonnenleib. Und die Eichenrakete schwankt und zittert wie ein wilder Trotzkopf, der gern seine Wutkrone aufsetzt.

Die beiden Ungeheuer stehen sich im Wege – das ist mir bald völlig klar.

Und ich nehme Partei für die goldene Eiche, die mir der Schlange an Schlauheit unterlegen zu sein scheint.

Der Schlauheit mag ich stets an den Hals.

»Ich schütze die Dummheit!«

Also ruf' ich laut. Und ich erschrecke, da mir tausend Echos – der Himmel mag wissen woher – antworten – höhnend antworten.

Hei! Jetzt kommen die goldenen Sonnen ordentlich in Bewegung! Das Gold glitzert und zuckt! Die Raketen machen Ernst! Das ist keine Zärtlichkeit mehr! Ich recke mich auch! Meine sehnigen Muskeln schwellen an wie springende Wildbäche im Frühling!

Es zittern die Spitzen der weichen und der knorrigen Äste so stark, daß ich mitzittern muß.

Und aus den Spitzen fliegen nun blaue, grüne und rote Lichtblasen heraus – die brennen in dunklen Farben und werden immer größer. Und aus den Lichtblasen schießen in die Nacht gelbe und weiße Lichtkegel, die wie weite Scheinwerfer blitzschnell den Himmel durchfliegen – von einem Ende zum andern – wie rasend!

Eine Lichtschlacht!

Zwei goldene Milchstraßen liefern sich eine Lichtschlacht – eine lautlose.

Ich muß mich sehr wundern.

»Himmel! Wetter!« ruf ich wieder ganz laut, »ist denn da hinten auch alles so eng, daß nicht mal zwei Sonnenbäumchen Platz haben? Sind denn ›sämtliche‹ Weltwinkel zu klein?«

Über mir hör ich ein heftiges Brummen, und seltsam hüstelnd antwortet mir eine dunkle Baßstimme:

»Was weißt Du von Weltwinkeln? Tu doch nicht so, als ob Du kosmische Größenverhältnisse besser ausrechnen könntest als unsereins. Die Naseweisheit steht Dir nicht gut. Verkrieche Dich in der alten Weltpauke! Da ist noch Platz für dich.«

Ich ducke mich, obgleich ich Keinen sehe.

Die Raketen kämpfen weiter.

Es wird furchtbar lebhaft da hinten.

Ich möchte noch mehr sehen; das Loch in der Himmelswand erscheint mir zu klein. Doch da kommt auch schon die weiß schimmernde Riesenkralle wieder höher und macht das Loch größer.

Jetzt kann ich bequemer dem Kampfspiele zuschauen. Die weißen und gelben Lichtkegel flirren immer heftiger. Die roten, grünen und blauen Gasblasen werden mordsmäßig groß und platzen dann – wie Alles, was zu groß wird. Dafür spritzen die Spitzen der weichen und der knorrigen Äste immer wieder neue Blasen hervor, die auch mit weißen und gelben Lichtkegeln herumflirren.

Die Schlangenrakete wird offenbar noch schlauer; sie bedrängt die Eiche wie ein unheimliches Krötenweib.

Ich kann's kaum ansehen; die Schlange wird mit ihren langen Schläuchen, die ihr immer dicker aus dem Leibe herauswachsen und gar nicht mehr was Astartiges haben, so aufgedunsen – so scheußlich groß.

Der Hintergrund, von dem sich die Raketen abheben, ist so bunt wie eine riesige zitternde Opalfläche; die roten, blauen und grünen Gaskugeln mit den gelben und weißen Lichtkegeln flattern umher, als wenn sie ein Weltföhn durchbrause.

Da kann ich mich nicht mehr halten.

Die Schlangenrakete wird von oben bis unten gemein.

Das ist die ewige Niedertracht!

Ich möchte der Schlange an den Hals.

»Eine Kralle möcht' ich haben!«

Das schrei' ich.

Und im selben Augenblick fühl ich, daß die wilde Kralle, die unsern alten dösigen Dorfkirchenhimmel aufriß, ›meine‹ wilde Kralle ist.

Und mit meiner weiß schimmernden Riesenkralle pack' ich durchs Loch, mitten in den Schlangenleib rinn.

»Ich will nicht die Schlauheit siegen lassen!« brüll' ich auf und drück' mit meiner wilden Kralle zu – den ganzen Leib der Schlangenrakete entzwei.

Doch dabei muß ich »Au!« schreien.

Ich habe mich verbrannt.

Horngeruch – widerlicher – steigt mir betäubend in die Nase.

Ich sehe nichts mehr.

Ich reiße die Hand mit der Kralle aus dem Loche raus, um mich auf meiner Tanne festzuhalten.

Aber die Hand mit der Kralle tut mir zu weh, und ich kann mich mit der Linken allein nicht halten.

Und ich falle mit der Kralle.

Mich ergriff eine namenlose Wut.

»Die Schlauheit siegt! Sie ist zu kaltblütig!« schrie ich noch.

Dabei fiel ich immer tiefer.

Ich hielt den Atem an, indessen – ich fiel trotzdem.

Das Horn roch – brenzlich.

Es war mir auch so, als ob der Docht einer alten, großen Wachskerze verglimmte – in einer Dorfkirche.

Ich fiel – der Teufel – mochte wissen – wohin.

Ich glaube, ich fiel in die alte Dorfkirche unserer greulich beschränkten Fixsternwelt zurück.

Ich fiel immer tiefer – immer tiefer – immer tiefer!

Und ich wunderte mich, daß unsre beschränkte Welt so tief sein konnte.

Nach der Lektüre dieser Geschichte sprang das Nilpferd wieder sehr erregt von seinem Schaukelstuhl auf und stampfte aufrecht auf den Hinterbeinen in der Stube herum, drehte sich öfters auf dem einen Fuße um sich selbst, wehte mit den Blättern durch die Luft, stellte sich wieder dicht vor mich hin und hielt mir mit wunderbarer Geschwindigkeit eine Rede – ohne mir einen Einwurf zu gestatten.

»Du mußt,« sagte es, »nicht gleich so schlecht gelaunt werden, wenn Du Dir mal die Finger verbrannt hast. Sieh nur unsere Pfoten an, da sind keine Finger dran – und wir wissen uns doch zu helfen; die Pincetten sind noch viel feiner als die Finger. Intelligente Leute müssen sich zu helfen wissen. Du darfst Deine Empfindungen nicht so ernst nehmen. Wenn schon unsre Gliedmaßen nicht als Realitäten von uns genommen werden wollen, so dürfen wir doch die Empfindungen dieser Gliedmaßen erst recht nicht als reale betrachten. Der Schmerz wird erst dadurch für uns zum Schmerze, daß wir ihn so nennen. Wir können den Schmerz auch als potenzierte Wollust auffassen. Intelligente Leute müssen sich zu helfen wissen. Wenn Dir ein Bein abgehauen wird, so bedenke sofort, daß Dir dieses scheinbare Unglück auch eine große Portion sehr angenehmer Augenblicke verschafft – denn man wird Dich verhätscheln dafür. Glaube mir, es ist nicht Alles Pech, was schwarz aussieht. Es tut auch nicht alles weh – was sich krümmt. Intelligente Leute müssen sich zu helfen wissen. Und ich finde, daß Du Dir in Deinen Geschichten sehr wohl zu helfen weißt, denn beim Runterfallen amüsierst Du dich gleich wieder über die köstliche ›Tiefe‹ der Dorfkirchenwelt. Merkwürdig ist es nur, daß Du Dir in Deinem Leben nicht zu helfen weißt – denn Deine Mienen lassen nicht den geringsten Grad von Heiterkeit erkennen. Dir scheint die Grütze sehr stark verhagelt zu sein.«

Ich wollte was erwidern, aber das Nilpferd ließ mich nicht zu Worte kommen; es wollte bloß noch ein paar »schmerzliche« Manuskripte lesen – es wollte gleich mehrere haben – und ich gab ihm diese drei:

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