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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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Zwei Knaben gingen ...

Zwei junge Leute gingen über Land.

Da kam ein alter Mann des Wegs und stöhnte sehr.

Die jungen Leute lachten.

Da kam ein eleganter Wagen – und der fuhr so schnell, daß der alte Mann nicht ausbiegen konnte und überfahren wurde.

Die jungen Leute lachten abermals, während sich der alte Mann auf der Landstraße hin und her wand und erbärmlich schrie.

Dies Alles hatte ein Gendarm gesehen; er eilte herbei und half dem Alten wieder auf die Beine.

Und die jungen Leute lachten zum dritten Male – johlend wie Gassenbuben.

Da die beiden jungen Leute ganz gut gekleidet waren, fragte der Gendarm, woher sie kämen und wer sie wären.

»Wir kommen,« sagte der eine, »vom Diner und sind moderne Leute.«

Da gab der Mann des Gesetzes dem kühnen Redner eine Backpfeife.

Doch im selben Augenblicke hatte der moralisch Entrüstete einen Messerstich im Herzen; den hatte ihm der andre junge Mann gegeben.

Hiernach liefen die beiden jungen Leute davon.

Aufgegriffen sind sie noch nicht, obschon Unzählige der Tat verdächtig erschienen.

Die modernen Leute sagen jetzt nicht mehr, daß sie die modernen Leute sind – denn sonst machen sie sich gleich verdächtig – zum mindesten kriegen sie Backpfeifen.

Es sollen auch schon zwei moderne Leute totgeprügelt sein – das ist aber bloß ein Gerücht.

Wahr ist jedoch, daß neulich ein Moderner angespuckt wurde.

»Dir fehlt was an der Galle!« sagte nach der Lektüre der Oberpriester Lapapi.

Und ich sagte gar nichts dazu.

Er aber fuhr fort:

»Es gibt Leute, die da glauben, daß nur eine bitter-ernste Weltanschauung Anspruch auf Bedeutung haben könnte; diese Leute merken gar nicht, daß sie sich mit ihrem traurigen Gesicht eigentlich nur blamieren, denn das Gesicht des Trübsinns ist zugleich das Gesicht der Unbildung; nur ungebildete Menschen sehen bitterernst aus. Wer ein bißchen weiter sehen kann – wer da gewohnt ist, mit weitem Bick in die Welt zu schauen – der läßt sich von dem äußeren irdischen Scheine der Dinge nicht täuschen – der weiß, daß hinter der uns sichtbaren Erscheinungswelt noch unendlich viele andere Erscheinungswelten stecken – und daß wir gar kein Recht haben, die Welt zu verachten, weil uns einzelne Phänomene, die von unsern Sinnen bemerkt werden, unverständlich oder abstoßend vorkommen.«

Da horchte ich auf und bemerkte hastig:

»Dann wär's aber doch wohl nötig, auf diese Phänomene einzeln einzugehen.«

»Damit,« erwiderte der Priester, »bin ich durchaus einverstanden. Frage nur, und ich will Dir Antwort geben.«

Ich erklärte nun zunächst, daß mir die Art der menschlichen Körper-Ernährung durchaus nicht imponieren könnte.

Und Lapapi antwortete:

»Zunächst muß doch wohl zugegeben werden, daß das Essen und Trinken den Menschen durchaus keinen Schmerz bereitet.«

»Besonders,« warf ich ein, »wird den Menschen dann das Essen und Trinken keinen Schmerz bereiten, wenn sie nichts zu essen und zu trinken haben.«

»Ganz richtig,« versetzte der Oberpriester, »aber Du wirst jedenfalls zugeben, daß eine wahrhaft gute Laune durch Hunger und Durst nicht umgebracht werden kann. Zum mindesten wird die Phantasie durch Hunger und Durst aufs angenehmste gesteigert. Und – habe die Todesfurcht mal total überwunden, so werden Dir die Schmerzen, die Hunger und Durst scheinbar verursachen, nicht sehr wehe tun. Du kennst ja wohl jenen pessimistischen Philosophen, der das freiwillige Verhungern für die einzig anständige Selbstmordmanier erklärte. Na ja! Indessen – kommen wir auf das Essen und Trinken, das dazusein scheint, wieder zurück! Du willst sagen – ich merke das wohl – daß es Dir nicht sympathisch ist, wenn man dazu lebende Tiere abtöten muß. Ja – willst Du noch was Besseres haben? Willst Du gleich Sterne essen, wie wir's tun?«

»Bitte! Bitte!« unterbrach ich das kleine Nilpferd heftig, »wir wollen doch ernst bleiben. Ich finde Ihre Bemerkungen frivol.«

Das Nilpferd machte einen Luftsprung mit doppeltem Saltomortal oben im Gewölbe; wir befanden uns in einem sehr hohen Bibliothekzimmer.

»Vergiß nicht,« sagte der alte Herr, als er wieder vor mir saß, »den Oberpriester Lapapi, der hier vor Dir steht, immer feste mit Du anzureden. Und gewöhne Dir ein wenig die Feierlichkeit ab – die habe ich am Nil vor vier Jahrtausenden so gründlich kennen gelernt, daß ich keinen Geschmack mehr daran finde.«

Ich wollte nun hören, was zur Sache gehörte, und bat darum.

Da ward er aber wütend, schmiß drei dicke Folianten auf den Fußboden und rief:

»Sollen wir denn hunderttausendmal erklären, daß irdische Visionen keine Realitäten sind? Weißt Du denn, daß die Tiere gelebt haben? Weißt Du denn, daß die Tiere, die Du essen darfst, gestorben sind? Man kann doch nicht Dinge verurteilen, die uns bloß furchtbar zu sein ›scheinen‹. Wie oft sollen wir denn die alte Weisheit wiederholen? Es ist geradezu ermüdend und höchst langweilig, immerfort dasselbe vorzukauen. Glaubst Du, wir seien als Professoren angestellt? Glaubst Du, wir hätten wie tellurische Magister die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, immer wieder das einmal behandelte Thema nochmals zu behandeln?«

Der Oberpriester Lapapi ließ mich plötzlich allein.

Und da saß ich nun mit meinen Manuskripten zwischen den Bücherregalen und bedauerte, daß ich nicht vorsichtiger vorgegangen war.

Und ich ordnete die Manuskripte, die ich noch hatte – und wählte drei Stücke aus, die ich bei der nächsten Gelegenheit den Ägyptern überreichen wollte.

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