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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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Der alte Mörder

Ein Gemütsmärchen

Epheu rankte sich über das alte Gemäuer der stillen Ruinenwelt.

Und es war einmal ein Mörder. Der mordete ohn' Unterlaß. So manchem Menschen-Dasein machte er ohn' Erbarmen ein blutiges Ende. Der Mörder mordete stets mit seinem langen kostbar ciselierten Patriarchendolch.

Dunkelgrüne Epheublätter fielen auf den Erdboden.

Als nun der Grausame nach harter Tagesarbeit wieder einmal des Abends seine Stammkneipe betrat, brachte ihm der Wirt Wasser zum Abwaschen des vielen Menschenbluts und Wein zum Ausspülen des Magens. Und während der Wirt seinen Gast eifrig bediente, fragte er so nebenbei:

»Sagen Sie mal, lieber Herr Mörder, warum morden Sie stets am Tage? In der Nacht kann man doch viel gemütlicher morden.«

Frische hellgrüne Epheublätter schwebten durch die Stube zum Fenster hinaus.

Und nach einer langen Weile sprach darauf der alte Gewohnheitsmörder folgendermaßen:

»In meinen Jugendjahren, als ich noch ein Mörderjüngling war, pflegte ich nur des Nachts zu morden. Da traf es sich mal, daß ich einem alten Wuchrer im Walde auflauerte. Die Nacht war dunkel, und ich bekam nachher den Jammerkerl zu packen. Ich schlug ihm gleich mit der Faust so feste unter die Nase, daß ihm alles Reden verging. Und dann mordete ich, so wie ich's gewohnt bin. Den Leichnam schmiß ich mitten auf die Straße, denn Totengräber spiele ich nicht gern; die vielen Epheublätter wirken nicht angenehm auf mein Gemüt. Was aber mußte ich zwei Tage nach dem Morde hören? Ich mußte hören, daß ich aus Versehen den ärmsten Mann der ganzen Gegend totgestochen hatte – und daß der Wuchrer entkommen war. Das ergriff mich furchtbar, und ich habe geweint wie ein kleines Kind. Nein – einen armen Mann töten, ist ein Verbrechen. Einen Wuchrer töten ist eine gute, brave Tat. Und so morde ich, jetzt nur noch am hellen, lichten Tage. Man sieht dabei sofort, ob es auch nötig ist, solchen Kerl totzustechen. Mancher Lump verdient bloß eine tüchtige Tracht Prügel. Ich renke manchmal den Schuften nur die Arme oder die Beine aus und laß sie dann laufen; die also Bestraften vergessen die Lektion nicht so leicht und bessern sich gemeinhin.« Der Wirt nickte freundlich, und die Frau Wirtin brachte dem Herrn Mörder Eisbein mit Sauerkohl und gutes Lagerbier dazu. Dunkle Epheuranken schwankten vor den Fenstern der Schänke. Der Mörder sah die Ranken nicht; er trank nach dem Abendbrot noch eine kleine Weiße mit Kümmel und ging dann hinaus in den Mondenschein, allwo viele schlechte Menschen spazieren gingen den Berg hinauf – bis zur stillen Ruinenwelt, wo der dunkle Epheu mächtig wucherte.

Aber der Mörder beschmutzte seinen Dolch nicht; das nächtliche Morden hatte er sich ganz abgewöhnt.

Das war damals, als noch Richter, Staatsanwalt, Henker und Rechtsanwalt dem Namen nach unbekannt waren auf Erden; die Justizpflege war noch von patriarchalischer Einfachheit.

Heute gibt es solche Leute, die mit so viel edlem Anstande wie unser alter Mörder morden, nicht mehr.

Grüne Epheublätter fallen auf den Erdboden.

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