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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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Stille Nacht

Der große Lärm ist fort.

Totentanz.

Zwei Elefantenrüssel winden sich neben mir, als suchten sie was – einer rechts und einer links.

Nachtglück.

Jetzt hat das große Schweigen begonnen, das lautlose Schwärmen bricht an mit düstren Wolken.

Totentanz.

Die Priester bewegen ihre Arme so wie Elefantenrüssel, die heiligen Tiere schweben empor und sinken zurück, kommen näher und wenden den Kopf mühsam nach rechts und nach links, als suchten sie was.

Nachtglück.

Meine beiden Elefantenrüssel schmiegen sich an mich, schlingen sich um meinen Leib und drücken – würgen.

Totentanz.

Ich schwebe weiter den düstren Wolken zu.

In der trüben Dämmerung sind die Priester mit den heiligen Tieren.

Jetzt lösen sich meine beiden Elefantenrüssel von meinem Leibe langsam los. Die Priester setzen sich auf die heiligen Tiere und reiten davon in die Finsternis.

Nachtglück.

Ich bin allein – Alles verschwindet.

Die trübe Dämmerung zerfließt und wird ganz schwarz.

Die Welt ist dunkel – wie einst.

Totenglück.

Nun entwickelte sich das folgende Gespräch:

King Ramses: Wir nehmen zunächst an, daß Du allem Irdischen Realitätenwert nicht beimessen willst – bemerken aber, daß Du dieses löbliche Wollen sehr häufig zu vergessen pflegst. Und dieser Vergeßlichkeit entspringen Deine traurigen Stimmungen in erster Linie. Du brauchst Dich nicht zu genieren – auch die größten der irdischen Philosophen haben an dieser merkwürdigen Vergeßlichkeit gelitten. Auch das Meer ist eine reale Sache durchaus nicht. Nichts ist so merkwürdig wie die Vergeßlichkeit der Skeptiker. Aber so kommt es, daß Deine sieben Geschichten über die ganz gewöhnliche Anschauungsart der Dinge nicht sehr hoch hinausragen. Siehst Du das ein?

Ich: Ja, ich muß das wohl einsehen – obwohl ich nicht recht weiß, was ich denn zusammendichten sollte, wenn ich die Eindrücke, die ich von der Welt empfangen habe, beim Dichten weglassen wollte.

King Ramses: Das war nicht sehr geistreich erwidert, liebes Onkelchen! Der radikale Skepticismus, der die Grundlage sämtlicher Philosopheme ist, bedeutet durchaus nicht die große Lehre von der großen Leere der Welt – vielmehr das Gegenteil. Wenn die Welt, wie sie den menschlichen Sinnesorganen erscheint, nur eine einzige Seite des Daseins der Betrachtung darbietet, so wird das Dasein wohl noch mehr Seiten haben – und wir irren wohl nicht, wenn wir sagen: noch unendlich viele Seiten! Und wenn Du dieses beim Dichten nie vergessen würdest, so würde jede Deiner Dichtungen einen kolossalen Hintergrund bekommen – und Du würdest beispielsweise die scheinbare Tatsache, daß sich eine arme Frau zum Fenster hinausgestürzt hat, mit einem Weltenhintergrunde ausstatten, der die scheinbar traurige Tatsache als ein wunderbares, rätselhaftes Phänomen erscheinen läßt, in dem auch Strahlen des allmächtigen Weltganzen aufsprühen, die nur dem Dummkopf unsichtbar bleiben.

Ich: Da muß ich nur fürchten, daß diese Anschauungsart die menschliche Rohheit noch vergrößern könnte. Die Realität der Empfindungen kann ich doch nicht so ohne Weiteres leugnen.

King Thutmosis: Halt! Das geht denn doch zu weit. Wenn Du schon die Realität der sogenannten Gegenstände und Tatsachen leugnest, so wird Dir doch nichts Andres übrig bleiben als – auch die Realität Deiner Lust- und Schmerzempfindungen zu leugnen. Ich möchte bloß wissen, wo bei diesen die Realität sitzen soll. Die sogenannten seelischen Schmerzen erscheinen uns nicht einmal als direkt aus einer veritablen Ursache entspringende Empfindungen; man schneide die Raisonnements ab oder ändere sie um, so ist die Seelenqual nicht mehr da. Und der »physisch« genannte Schmerz wird in den meisten fällen auch bloß durch Raisonnements dazu. Wir können Dir sogar verraten, daß alle Schmerzen nur durch die Raisonnements entstehen – und solchen ganz künstlich entstehenden Empfindungen willst Du Realität beimessen? Die Schmerzen bekommen gewöhnlich erst in der Erinnerung Existenzgewänder.

Ich: So – also: wenn mir ein Bein abgehackt wird, so ist das gar kein Schmerz?

King Thutmosis: Zieh nur die Furcht vorher und die Raisonnements für die Zukunft nachher von dem Schmerze ab, so wird von diesem höchstens ein Etwas zurückbleiben, das Dir notwendiger Weise unangenehm nicht zu sein braucht.

Ich: Wie steht es nun aber mit den sogenannten moralischen Raisonnements?

King Necho: Mir erscheint doch, daß sich die Behandlung dieser Frage auch ganz von selbst ergibt. Da wir sämtlichen Raisonnements den realen Wert abstreiten müssen, so haben auch die moralischen keinen realen Wert. Und hieraus folgt sehr viel!

Ich: Das glaube ich schon; eine veritable Gemeinheit ist nicht mehr eine veritable. Die Schurken und die Gewissensbisse werden zu Nebelgebilden, die man einfach wegblasen kann.

King Necho: Und es ist nicht mehr nötig, daß Du Dich über einen Parademarsch allzu sehr entrüstest. Ja – der ganze Entrüstungszauber nimmt bedenklich-komische Physiognomieen an, wenn man auch die moralischen Qualitäten der menschlichen Handlungsweise als Gedankenkompositionen hinstellt, die nur im Banne menschlicher Sinnesorgane ein Daseinsrecht haben. Und höhere Lebewesen gar, die über Gestirne oder über noch Größeres gebieten, nach menschlicher Moral behandeln zu wollen, wirkt einfach komisch.

Ich: Aber jedenfalls darf man deshalb die Rohheiten nicht für eine göttliche Sache halten.

King Amenophis: Wer als Mensch erkannt hat, daß er überall von Dingen umgeben ist, die reale Bedeutung nicht haben – und wer daher davon überzeugt ist, daß die Welt in Wahrheit unendlich viele Male bedeutender und grandioser ist, als sie menschlichen Augen erscheint – der ist gar nicht mehr im Stande, etwas zu begehen, was andre Menschen roh nennen könnten. Daß eine jede Lehre auch mißverstanden wird, ist doch eine natürliche Folge der unendlich großen Vielseitigkeit aller Dinge. Es haben eben unsre gesamten kosmischen Vorstellungskombinationen gleichfalls keine reale Bedeutung – da die Welt noch immer unendlich viele Male grandioser ist – als wir durch Worte – anzudeuten vermögen. Und das muß man behalten – und darf es nie vergessen – dann wird man nie wieder ein trauriges Gesicht machen, das in keinem Falle geistreich aussieht.

Ich: Ja – ich erkenne sehr gerne an, daß die Vergeßlichkeit in dieser Angelegenheit Orgien feiert. Ich glaube schon, daß hier der Kern aller Sentimentalitäten steckt. Wir müssen viel öfter dran denken, daß unser ganzes Leben wirklich nur ein plastisches Schattenspiel ist.

Der Oberpriester Lapapi: Und darum müssen wir auch an der Grandiosität der Welt niemals zweifeln; es darf uns nie wieder in den Sinn kommen, daß irgend eine Sache nicht harmonisch in das Weltganze hineinpaßt. Wir müssen ganz fest davon überzeugt sein, daß die Welt, die sich in unendlich vielen Anschauungsformen allen Lebewesen offenbart, so großartig ist, daß jeder Zweifel an dieser Großartigkeit von selbst verstummen muß. Es muß uns einfach wie etwas Lächerliches vorkommen, wenn Jemand sagen möchte: dieses ganze Leben ist nicht einen Dreier wert. So was kann nur ein Ungebildeter sagen – oder Einer, der wieder mal die wichtigsten Erkenntnisse unsres Lebens »vergessen« hat.

Ich: Ja – ich sehe ein, wir sollen zu allen Zeiten vor dem Weltganzen knieen und anbeten.

Der Oberpriester Lapapi: Das Knieen und Anbeten ist eine Gewohnheit einfacher Lebewesen – wer weiter in der Erkenntnis gekommen ist, bildet sich nicht mehr ein, daß er jemals dem Weltganzen näher sein könnte; er glaubt auch nicht, daß das Weltganze ein Wohlgefallen an knieenden Betern haben könnte – das wäre denn doch allzu plumper Anthropomorphismus.

Ich: Aber das Bewußtsein sollen wir haben, daß keine Auflehnung dem Ganzen gegenüber erlaubt ist.

General Abdmalik: Wir sollen uns bloß gegen die Traurigkeit auflehnen und auch nie vergessen, daß es dem Weltganzen eigentlich sehr gleichgiltig ist, ob sich ungebildete Leute gegen das Weltganze auflehnen oder nicht. Wenn Jemand mal auf die Welt schimpft, so macht er sich nur lächerlich. Und darum soll man den Leuten, die nicht immer mutig sind, von Zeit zu Zeit einen derben Puff versetzen. Es eignet sich übrigens auch die Soldateska des Erdballs sehr wohl dazu, die Trauerklöpfe des Erdballs ein wenig durch Püffe aufzumuntern. Das soll man auch nicht vergessen, obschon es nicht so leicht zu begreifen ist. Die Soldateska hat eben ebenfalls ihre guten Seiten – wie Alles, was dazusein scheint. Was der physische Schmerz im Leben des Einzelnen bedeutet, das bedeutet der Krieg im Leben der Völker; Schmerzen und Krieg sind dazu da – zum Leben zu reizen.

Ich: Also: man schlägt sich gegenseitig tot, um den Beweis zu führen, daß das Leben wirklich lebenswert ist – nicht wahr? Der Oberpriester Lapapi: Höher stehende Lebewesen brauchen natürlich so plumpe Lebensreizer nicht mehr. Aber ich bitte Dich, nicht zu vergessen, daß auch der Tod eine reale Bedeutung nicht hat – auch das Sterben ist in unserm Leben – ein Ding, das was Andres ist – als es zu sein scheint.

Der Pyramideninspektor Riboddi: Und deshalb sollen wir immer im Geiste Pyramiden erbauen und in diesen Pyramiden unsre Schmerzen fein einbalsamiert zur Ruhe bestatten. Unsre Schmerzen haben auch ihre guten Seiten wie Alles, was dazusein scheint. Schade, daß meine Herren Vorredner schon so viel geredet haben, sonst hätte ich auch länger reden können. Indessen – die kurzen Reden haben auch ihre guten Seiten – wie Alles, was dazusein scheint. Und deshalb sind wir auch so froh, daß wir dazusein scheinen. Denn: da Alles seine guten Seiten hat – so können wir keine Ausnahme bilden – und haben darum auch unsre guten Seiten – auf die wir uns jetzt legen wollen.

Dieses sagt der Inspektor, schluckt noch einen kleinen Kometen runter und pfeift.

Und sofort wird Alles ganz dunkel.

Unsichtbare Hände heben mich auf, tragen mich weit fort und legen mich in ein großes Bett, allwo ich sofort einschlafe.

Und während ich schlafe, nehmen mir unsichtbare Hände ein Manuskript weg, das ich den Herren aus dem alten Ägypten grade recht feierlich überreichen wollte –

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