Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Scheerbart >

Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
Schließen

Navigation:

Parademarsch

Verrückte Bein-Vision

Und sie schreiten mächtig aus.

Die Trompeter – die guten Trompeter – blasen so hell in den Frühling hinein.

Und die Beine der Soldaten heben sich immer wieder zum Himmel auf.

Oh – es sind so viele Soldaten.

Welche Lust muß es sein, so viele Soldatenbeine ganz und gar beherrschen zu können!

Und sie schreiten mächtig aus! – Linkes Bein! – Rechtes Bein! – Immer mutig! – Immer mutig! – Linkes Bein! – Rechtes Bein! – Auf und ab! Auf und ab!

Beine – Beine – echte Beine sind feine Sachen! Kannibalischfeine!! – Hoch das Bein! Hoch das Bein! – Hoch das alte Soldatenbein! – Höher! Noch höher! Immer noch höher! bis in den alten blauen Himmel hinein! So ist es fein!

Ja – ja – es muß tatsächlich fein sein – Herr vom Soldatenbein sein!

Beine hoch! Alle Beine hoch! Hurrah!

Der Frühling lacht dazu – und die Trompeter blasen immer noch – sie blasen über die grünen Rasen – es sind so viele Trompeter!

Aber oben über den Wolken liegt der Herr der Soldatenbeine, lang ausgestreckt wie eine lange lange eiserne Maschine, und die sieht so greulich schwer aus – beängstigend!

Sollte dieser Herr von Eisen – diese Maschine – diese Beinmaschine – die Absicht haben, herunterzufallen? Ich danke schön! Mein Schädel ist nicht von Eisen – andrer Leute Schädel auch nicht. Denen, die sehr viel über Alles nachdenken, wird schon ganz brägenklietrig! So'n geharnischter Riesenritter – wenn der aus den Wolken fällt ...

Buh! Huh! Rechtes Bein!

Buh! Huh! Linkes Bein!

Aber – wie? Was ist das? Da kommen ja andre Soldaten – schwarze – ganz schwarze – große Gespenster – zwei Meilen große – sehr schlanke – mit schlackrigen Gliedern und langen, dürren, wackligen Knochenbeinen. Und die Knochenbeine heben sich genau so wie Soldatenbeine beim Parademarsch – nur noch viel höher – viel viel höher – wahrhaftig! bis an die Sterne!!

Und jedes Mal, wenn die Gespenster oben mit den kralligen Zehen einen Stern berühren – fällt der runter – der Himmel weiß – wohin.

Und während die Gespenster immerfort in Zickzacklinien durch die andern Soldaten durchstolzieren, werden allmählich alle Sterne vom Himmel heruntergerissen – auch Sonne und Mond – so daß es ganz duster wird – ringsum.

Die Trompeter blasen immer noch in der alten Tonart.

Die Soldaten und Gespenster marschieren unentwegt weiter – man hört's! – man hört's! Die Stiebelsohlen klatschen man so. Die Gespenster treten ein bißchen leiser auf.

Und jetzt wird's oben über uns plötzlich wieder hell. Der Herr der Beine, der mit seiner ungeheuren hochfeudalen Stahlrüstung lang ausgestreckt auf den Wolken liegt wie eine lange Maschine, wird innerlich erleuchtet – wie – weiß ich nicht. Aber die Stahlgewölbe werden auf Brust und Bauch, Ellenbogen, Knie und Schienbein überall hell – die Wolken dazwischen ebenfalls.

Der Herr der Soldaten- und Gespensterbeine, diese eiserne Maschine, die augenscheinlich jeden Augenblick aus den Wolken fallen möchte wie ein ehrlicher Nachtwächter – der Herr des Kriegs – der schlägt das Visier auf und schaut hinab – grinsend – wie ein frecher Gewohnheitsmörder.

Das Gesicht oben ist jedoch ganz kreidebleich wie ein Angststück – bartlos natürlich – ich mag's nicht sehen und drücke meine beiden Fäuste in meine Augenhöhlen.

Indessen – jetzt muß ich wieder hören – die gleichmäßigen Schritte der Soldaten und Gespenster dröhnen mir in den Ohren. Rechtes Bein! Linkes Bein! Weiter! Kehrt! Weiter! Kehrt! Feste! Feste!

Immer mutig! Auf und ab! Immer mutig! Auf und ab! Auf und ab!

Es ist unheimlich. Ich öffne wieder die Augen und – und sehe nichts – gar nichts.

Alles ist duster und – merkwürdig! – so ölig – als wenn's Maschinenöl geregnet hätte.

Stiebel knarren, trockne Eichen rauschen, Flinten knattern in der Ferne. Und oben scheuern sich im Marschtakt eiserne ungeheure Beinschienen.

Und nun prasselt wahrhaftig ein veritabler Oelregen auf mein Haupt hernieder.

Das ist mir höchst unangenehm – beinah ekelhaft!

Alles duster und ölig!

Und die Trompeter blasen immerzu – ohne Pause.

Was ist das? Was ist das Alles?

Dalldorf und Maison de santé?

Nee!Ih nee!

Ich weeß schon – bloß Europa und Amerika – selbstverständlich!

Wat dachten Sie?

Die Elfenbein-Maschine wird wieder ordentlich eingeölt! Na ja!

Alles klar!

Hinter den Kulissen – alten spanischen Wänden – klatscht die Zukunft fortwährend Bravo – Bravo! – Bravissimo!!

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.