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Jakob Elias Poritzky: Imago Mundi - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
authorJ. E. Poritzky
titleImago Mundi
publisherGeorg Müller
year1918
firstpub1917
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071026
projectid15c9b1fe
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I. Die Harmonie der Sphären.

Nach den Sternen sehnt sich alles.
Mohammed

Wenn mich grosse Not bedrängt oder düstere Verzweiflung mich anpackt, wenn eine entsetzliche Verzagtheit meine Denkkraft lähmt oder dumpfer Kleinmut mein ganzes Wesen zu Boden drückt, rettet mich immer der Gedanke an die Unendlichkeit. Ich flüchte dann zu den Sternen. Dorthin, wo die Harmonie des Universums nicht mehr von irdischem Geschehen gestört werden kann, wo der mächtige Akkord der Natur das menschliche Herz beruhigt durch seine überwältigende Erhabenheit, wo das Schauen Gottes uns still zurückführt zu unseren kleinen, ach, so kleinen menschlichen Maassen. Es ist dann wundervoll, an der eigenen Seele zu erfahren, dass Demut dem Menschen so heilsam ist und dass Frömmigkeit ihm so gut ansteht. Es ist keine Andacht, die in die Kirche treibt, oder eine Frömmigkeit, die sich an einen schreckhaften Popanz wendet. Es ist vielmehr, als ob die höchste Instanz unserer Empfindung uns plötzlich in die Knie zwänge und als ob zugleich irgend etwas in uns sanft zu klingen begönne. Und dieses Klingen kann so stark werden, kann so sehr unsere ganze Wesenheit erfüllen, dass es einer göttlichen Kraft gleichkommt, die uns emporträgt zu jenen reinen Sphären, wo das tönende Licht geboren wird und wo man gleichsam die Musik des Weltalls vernimmt.

Und plötzlich fühlt man – und die astronomische Wissenschaft bestärkt uns in diesem Gefühl –, dass unser staubgeborener Körper, in dem die Seele gefangen ist, aus dem gleichen Stoffe ist wie die Sonne, dass er, wie sie, Wärme erzeugt und ausstrahlt, dass das ganze Leben ein unausgesetzter Verbrennungsprozess ist und dass es lächerlich war von den Priestern, uns den Körper verächtlich zu machen. Weil wir aus unbekannter Dunkelheit einen Augenblick zur Sonne emporsteigen, um uns blicken, uns freuen und leiden, die Art unseres Wesens auf andere Wesen übertragen und wieder in unbekannte Dunkelheit zurücksinken, hat man geglaubt, uns in den Rachen der Vergänglichkeit werfen zu können oder gar in das Nichts, das es nicht gibt und nie gegeben hat. Wie unser Geist zur Sonne drängt, weil er sonnenhaft ist und lichtverwandt, ist unser Körper ursprünglich nichts anderes gewesen als kosmischer Staub, der von den Gestirnen zur Erde fiel. Vom Himmel kommen wir und zum Himmel kehren wir zurück.

Im Erforschen des Lichts und im Anschauen der Himmelsräume findet man alle Wesen und Körper, irdische wie himmlische im eigenen Selbst, und indem man sich gleichsam im All verliert, entweicht das schmerzhafte Irren und alles Leiden schwindet. Aller Wünsche, aller Hoffnungen Vergessen strömt aus der Ewigkeit der Gestirne herab. Dem Wissenden wird die Erlösung schon in dieser Welt zuteil, verheissen die Veden; für ihn gibt es keine Welt, keinen Leib, keine Schmerzen, keine Gesetze mehr. Er ist beruhigt, bezähmt, entsagend und gesammelt. Ihn überwindet das Böse nicht, aber er überwindet das Böse. Frei von Leidenschaften und Zweifeln geht er ein in Brahma.

Nicht umsonst hat sich der menschliche Geist schon in den Urzeiten der Erforschung des Lichtes zugewendet, wohl ahnend, dass er durch das Licht zuallererst seine Verwandtschaft mit den Sternen werde erweisen können. Und es wundert uns gar nicht mehr, wenn die Astronomen uns sagen, dass das Licht, das in den entferntesten Regionen des Universums erzeugt wird, dem Lichte nah verwandt ist, dessen Ursachen und Wirkungen wir auf Erden genau studieren können, und dass das Licht, das die Sterne ausstrahlen, dieselben Eigenschaften hat, wie das Licht der Sonne. Es hat eine Fortpflanzungsgeschwindigkeit, die sich der Mensch unmöglich vorstellen kann. Und wenn man diese Geschwindigkeit zahlenmässig ausdrückt und sagt, dass das Licht in einer Sekunde einen Weg von etwa zweiundvierzigtausend geographischen Meilen zurücklegt, so geschieht das nur, um auf dieser Basis einen Begriff von den ewigen Weiten geben zu können, mit denen wir hier rechnen müssen. Alle diese astronomischen Versuche, mit Hilfe der Mathematik Gott erfassen zu können, haben jedoch etwas Spielerisches und sind gewissermassen nur dazu da, um unserem leicht verwirrbaren Begriffsvermögen kleine Ruhepunkte zu geben. Denn wenn die Astronomie vielleicht auch nicht die einzige Wissenschaft ist, in welcher der menschliche Verstand sich in seiner ganzen Grösse offenbart, sicherlich ist es diejenige Wissenschaft, die den Menschen am besten lehren kann, wie klein er ist. Wenn er in ausgestirnter Nacht seinen Blick dem unendlichen Himmel droben zuwendet, sieht er zahllose ungeheure Welten im Ozean des Raumes schweben und er verliert sich in diesem unvorstellbaren Universum wie ein Infusorium in einem Wassertropfen des Meeres. Sein Denken scheint vollkommen gelähmt und nur das Gefühl vermittelt ihm die Erkenntnis der eigenen Nichtigkeit und Ohnmacht. Die Vorstellung einer Geschwindigkeit von zweiundvierzigtausend Meilen in der Sekunde geht ebensowenig in unseren Verstand ein, wie die zehntausendmal kleinere von vier Meilen in der Sekunde, mit welcher Geschwindigkeit sich zum Beispiel die Erde in ihrem jährlichen Lauf um die Sonne fortbewegt. Aber so unwirklich diese Zahlen auch scheinen, sie sind dennoch Wirklichkeit und besser als jede Sonntagspredigt lehren sie Demut. Allein hier sind wir erst am Anfang dessen, was unserer Fassungskraft zugemutet wird. Halten wir fest, dass das Licht in der Sekunde zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt und gedenken wir nun der Tatsache, dass es Sterne gibt, deren Licht trotz seiner unbegreiflichen Geschwindigkeit Jahrzehnte, Jahrhunderte und selbst Jahrtausende gebraucht, um zu uns herabzugelangen. Es sind nur Wahrscheinlichkeitsschlüsse, die es vermuten lassen, dass zum Beispiel das Licht der Milchstrasse, die ja aus einer unzählbaren Menge kleiner, dicht aneinandergedrängter Sterne zusammengesetzt ist, etwa zweitausend Jahre braucht, um zu uns zu gelangen. Begreift man nun, welch ein unfassbares Wunder das Auge ist, das ohne Instrument noch den Stern zu sehen vermag, dessen Licht einen Weg von vielen Billionen Meilen zurücklegen muss? Denn selbst die Entfernungen der allernächsten Fixsterne betragen schon Billionen von Meilen. Es gibt aber nur etwa zwanzig Sterne, bei denen durch direkte Messung eine so »geringe« Entfernung festgestellt werden konnte; alle übrigen Sterne spotteten unserer feinsten Messwerkzeuge.

Bei dieser Art zu rechnen, würden wir selbstverständlich zu ganz monströsen Zahlungeheuern kommen; die Astronomen rechnen deshalb nach Lichtjahren, worunter sie die Entfernung verstehen, die der Strahl in einem Jahr durchläuft. Das sind, wenn wir uns noch einmal daran erinnern, dass das Licht in einer Sekunde zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt, in einem Jahre 1 1/3 Billionen Meilen. So gerechnet, hat unser Sonnenlicht 8½ Minuten nötig, um bis zu uns zu gelangen; die Sterne erster Grösse brauchen bereits 15½ Lichtjahre, die Sterne zweiter Grösse 28 Lichtjahre. Der Strahl der Sterne sechster Grösse wandert bereits 120 Lichtjahre, bis er zu uns herabkommt. Die Sterne neunter Grösse sind 500 Lichtjahre von uns entfernt, und die letzten Sterne, die die Astronomen gesehen haben, über 3500 Lichtjahre. Alle diese geometrischen Messungen sind selbstverständlich an gesichteten Sternen vorgenommen worden. »Stellen wir uns ein Wesen vor,« – sagt Wilhelm Meyer, der an diesen Zahlen zum Dichter wird – »das sich mit der Schnelligkeit des Gedankens von einem Stern zum anderen schwingen kann und mit vollkommenem Sehvermögen begabt ist. Begibt sich dieses vollkommene Wesen auf einen Stern der ersten Grössenklasse und schaut zu unserer kleinen Erde dort unten in den Tiefen des Weltgebäudes herab, so kommt eben der Lichtstrahl zu ihm empor, welcher die grossen Ereignisse des Kriegsjahres von 1870 dem Weltall verkündete. Napoleon und Bismarck begegnen sich auf der Landstrasse vor Sedan, und alle Einzelheiten der Begegnung sind ihm gegenwärtig, als geschähen sie eben jetzt. Weiter hinschwebend sieht dieses göttliche Wesen auf einem Stern siebenter bis achter Grösse die Schlachten des Dreissigjährigen Krieges gegenwärtig; auf einem Stern neunter Grösse sieht er Gutenberg seine ersten Lettern setzen oder Kolumbus auf San Domingo landen. Von den Sternen der Milchstrasse her sieht er unseren Heiland unter den Menschen wandeln, und auf den letzten Sternen, die wir kennen, erscheinen ihm die Anfänge der ersten menschlichen Kultur in den Kolonien der Pfahlbauer. Alles ist ihm gegenwärtig, die ganze Vergangenheit liegt entschleiert vor ihm, welche das strahlende Licht für alle Ewigkeiten unverlöschbar in die Annalen der Geschichte der Weltsysteme einschreibt.«

Wir können hier haltmachen, ohne dass jedoch die Astronomie hier haltmacht. Denn das Fernrohr des Astronomen vermag den erstaunten Blick in Regionen des Weltalls zu tragen, von denen das Licht eine halbe Million Jahre wandert, um bis zur Erde herabzukommen. Aber hier macht endlich auch die Astronomie halt. Und gesetzt selbst, sie dringt dereinst bis zu Sternen vor, deren Licht eine Million oder mehr Jahre brauchte, um seinen schwachen Schimmer bis zur Erde zu senden, – eines Tages gelangt sie doch einmal an die unübersteigbare Grenze des Messbaren und Berechenbaren. Allein, jenseits dieser Grenze geht es weiter von Unendlichkeit zu Unendlichkeit, immer weiter, ohne Ende weiter; andere Sterne füllen den Raum aus, der ohne Anfang und ohne Ende ist, ewig abgründig wie die Zeit.

Hier bleiben wir stumm und voller Staunen stehen, wie die Kinder, Furcht und Demut im Herzen und zugleich Freude darüber, dass wir eine Sekunde lang durch die Tore blicken durften, die zur Unendlichkeit des Weltalls führen.

Man hat unser Sonnensystem mit allen seinen Planeten und Millionen Kometen, soweit sie durch das Fernrohr sichtbar und zählbar sind, mit den zerstäubten Atomen eines Wassertropfens verglichen – denn nur durch verkleinernde, dem menschlichen Geist angepasste Vergleiche können wir es wagen, von dem mysterium cosmographicum zu sprechen – Atome, die in unbekannten Kreisen einem unbekannten Zentrum im Raume entgegenstürzen, wo ungezählte Millionen von Sonnen zusammenwirkend wieder nur einen Tropfen bilden, in welchem sich die ungeheuren Sonnenatome bewegen müssen. Denn was ist ein ganzes Milchstrassensystem anders, als eine Gruppe von Millionen Sonnen und Sternen! Und auch dieses wiederum bildet nur einen kleinen Teil eines noch höherstehenden Systems, von dem wir Sterblichen keinerlei Zeichen mehr erhalten. Und Abertausende solcher Milchstrassensysteme sind wie ein Tropfen im All. Soweit kann man nur noch theoretisch folgen, denn hier bewegen wir uns bereits im unendlichen Raume und in der unendlichen Zeit.

In diese beiden unvorstellbaren Begriffe vom unendlichen Raume und von der unendlichen Zeit – ich hätte gern einen funkelnagelneuen, bildhafteren Ausdruck für »unendlich« geprägt, einen eindringlicheren und weit tieferen; denn der menschliche Geist empfindet bei diesem abgebrauchten Worte nicht mehr jene mystischen Schauer, die es einst in dem Menschen erwecken musste, der seine göttliche Riesenhaftigkeit zum ersten Male schaute – ich sage: in diese beiden ewigen Begriffe von Raum und Zeit ist Gottes Allmacht eingeschlossen. Und wollen wir eine schwache Ahnung bekommen von den unfassbaren Attributen Gottes, so müssen wir in die Endlichkeit zurückflüchten, in ein kleines Teilchen des beschreibbaren Raumes und der ausdrückbaren Zeit.

Und hier werden wir finden, dass alle diese unfassbar grossen und unfassbar zahlreichen Welten von den gleichen Gesetzen regiert und bewegt werden, wie das geringste Staubatom. Ein und derselbe grosse Gedanke beherrscht das Universum von einer Unendlichkeit zur anderen. Dies ist der erhabene Gedanke, den uns die Forscher geschenkt haben: dass alles sich zu einem Kreise zusammenschliesst und dass Kristalle und Pflanzen und Menschen von demselben einfachen Zahlengesetz beherrscht werden, von demselben Gesetz, dem auch die Sterne unterliegen.

Dass das Licht der Sterne sich genau so fortbewegt wie das künstlich erzeugte Licht auf der Erde, haben alle Untersuchungen der Sterne ergeben. Denn das ist eines der grössten Wunder, dass der Mensch – diese Milbe vor dem Angesichte Gottes – der nicht einmal die Zahlen begreift, die von der Grösse des Universums Kunde geben, es doch verstanden hat, die Sterne zu untersuchen, als hätte er sie in der Hand und von ihnen auszusagen, welche Stoffe sich auf ihnen befinden, welchen Weg sie beschreiben und welche Gesetze ihnen vorgeschrieben sind. Mehr wissen wir freilich nicht. Wir wissen nicht, welche Arbeit die Sterne verrichten, wozu sie diese Arbeit verrichten, und ob das Ganze einen beabsichtigten Zweck hat und welchen. Wir sehen nicht das Innere des Daseins. Genug, dass wir ahnen, aus welchen Elementen die Oberfläche der Sterne zusammengesetzt ist.

Es ist das Spektroskop, das uns verrät, wie die Sterne beschaffen sind. Dank diesem wunderbaren Instrument, diesem unfehlbaren Analytiker des Lichtes, zerlegen wir die Strahlen der Sonne, des Mondes und der fernsten Sterne, wie das Licht der Kerze, die vor uns auf dem Tische steht, in die elementaren Farbennüancen, aus denen sich jeder Strahl zusammensetzt, und erfahren so, welche Substanzen in diesem oder jenem Lichte verbrennen und welche Substanzen dem Lichte fehlen. Denn jede Substanz strahlt in ihrem Verbrennungszustande ein jeweils anders gefärbtes Licht aus. Kupfer brennt grün, Zink brennt blau – ein anderes, leuchtenderes Blau als das des Spiritus –, Eisen brennt weiss usw. Aber die weisse Flamme des Eisens offenbart im Spektrum bereits eine Zusammensetzung von mehreren tausend Farbennüancen, während das Natrium oder Thallium zum Beispiel im Spektrum nur eine Farbe zeigt (Gelb, beziehungsweise Grün). Der Stoff des Lithium spaltet sich im Spektroskop in orangefarbenes und rotes Licht, glühender Wasserstoff in grünblaues, blaues und rotes Licht. Und so weiter. Auf diese Weise hat uns das Spektrum mit unbedingter Sicherheit gezeigt, dass im Umkreis der Sonne mehr als fünfundzwanzig Substanzen verbrennen, die uns als irdische Elemente bekannt sind (Natrium, Eisen, Kalzium, Nickel, Zink, Wasserstoff, Kupfer usw.). Und da die meisten dieser Stoffe erst bei einer ungemein grossen Hitze in Gasform übergehen, schliessen wir daraus, dass jene Substanzen, von denen uns das Sonnenspektrum Kunde gibt, unter dem Einfluss einer unermesslichen Glut beständig in Dampfform erhalten werden. Diese glühenden Metalldämpfe umhüllen in dichten Wolken die Oberfläche der Sonne und bilden ihre Atmosphäre. Dass die Sonne selbst aber die Mutter der Erde und der Planeten ist, wird eben durch diesen chemischen Nachweis, dass Sonne wie Erde aus den gleichen Stoffen bestehen, zur Gewissheit. Aber selbst die fernsten Weltkörper, deren Lichtstrahlen einen jahrhundertelangen Weg bis zur Erde zurücklegen müssen, verraten uns, sobald sie im Spektroskop eingefangen sind, dass ihre Lichtquellen von ganz denselben Stoffen gespeist werden, wie der Strahl der Sonne.

Es gibt allerdings auch Sterne, auf deren Oberfläche Stoffe nachgewiesen wurden, die im Sonnenspektrum fehlen (zum Beispiel beim rötlich strahlenden Aldebaran, auf dem Antimon, Tellur, Quecksilber und Wismut vorkommen, vier schwere Stoffe, schwerer als der schwerste, bis jetzt auf der Sonne wahrgenommene Stoff).

Aber nicht nur das Spektroskop lehrt uns, dass das ganze Universum aus den gleichen chemischen Stoffen aufgebaut ist; die von der Sternenwelt in unseren Erdkreis fallenden kosmischen Stoffe geben uns gewissermassen den handgreiflichen Beweis für die durch das Spektrum beobachtete Tatsache. Denn was sind die Meteoriden anderes als Reste erschaffener und wieder zerstörter Welten? Und diese Meteorsteine, die manchmal schon in Blöcken bis zu fünfundzwanzigtausend Kilogramm Schwere »vom Himmel gefallen« sind, enthalten keinen einzigen Stoff, der unseren Chemikern nicht schon längst bekannt wäre. Reines Eisen, das auf der Erde in ungebundenem Zustande gar nicht vorkommt, ist der hauptsächlichste Stoff, der als reines Element vom Himmel fällt. Es fällt aber nicht nur in Blöcken, sondern auch als Staub herab, oxydiert und färbt die Erde rot. Zuweilen kommt dieser Eisenstaub auch in Hagelkörnern eingeschlossen vom Himmel hernieder oder im Regen; das ist dann der »Blutregen«, von dem die mittelalterlichen Astronomen sprechen, und der so viel abergläubische Vorstellungen hervorgerufen hat. Aber man hat auch schon oft Chrom, Kobalt, Nickel, Chlornatrium und viele andere Stoffe beobachtet, die als kosmischer Staub von den Sternen fielen.

Man muss einmal eine solche Abhandlung wie die über »Die geologische Bedeutung des Herabfallens kosmischer Stoffe auf die Erde« von Nordenskjöld lesen, um von diesen unzähligen beobachteten Fällen zu erfahren, dass die Erde im regsten Wechselverkehr mit den übrigen Gestirnen steht, und dass ein und derselbe schöpferische Gedanke das All beherrscht. Ebenso wie das organische Leben unserer Erde sich nach gleichen Gesetzen aufbaut und entwickelt, ebenso wie Grashalm und Zeder, Milbe und Wal von den gleichen physiologischen Prinzipien beherrscht werden, sind auch alle Welten vermöge dieser chemischen gleichen Beschaffenheit miteinander verwandt.

Dies bedingt weiter eine gleiche Tätigkeit der chemischen Moleküle. Und wenn es nun gewiss ist, dass die chemischen Elemente der Gestirne mit den chemischen Elementen der Erde übereinstimmen, ist es ebenso gewiss, dass auch in den fernsten Sternen ähnliche Reaktionen und Kraftentfaltungen unter den Stoffen stattfinden, wie die, welche wir auf unserer Erde beobachten. Die weitere logische Folgerung drängt die Ueberzeugung auf, dass die im ganzen Universum wirksamen molekularen Kräfte auch auf den Sternen Wesen hervorgebracht haben, die sich nicht erheblich von den irdischen Schöpfungen unterscheiden können.

Die zweite Eigenschaft der Sterne, die man mittels der thermo-elektrischen Säulen positiv festgestellt hat, ist die, dass und wieviel Wärme uns von den Sternen zustrahlt, ein für den Aufbau der Weltwirtschaft höchst wesentlicher Faktor.

Die dritte grösste Naturkraft, die das Universum regiert, ist die Schwerkraft, die jedem Kinde die Frage aufdrängt, warum die Sterne nicht auf die Erde fallen, wenn sie von der Erde angezogen werden, ein Rätsel, das durch die Gegenkraft gelöst wird, die auf die Gestirne einwirkt: die Fliehkraft.

Ein Stein, der zu Boden fällt, beschreibt in seinem Fall eine senkrechte, gerade Linie; aber ein horizontal geschleuderter Stein, oder eine abgeschossene Gewehrkugel etwa, fällt in einem weiten Bogen zur Erde. Dieser Bogen, den die Kugel beschreibt, ist um so horizontaler, je grösser die Kraft war, mit der die Kugel fortgeschleudert wurde. Könnte man diese Schleuderkraft ins Unendliche vergrössern, so würde die über die Erde hingeschleuderte Kugel selbstverständlich niemals zur Erde fallen. Der Bogen, den die geschleuderte Kugel beschriebe, liefe dann mit dem Bogen der kugelförmigen Erdoberfläche parallel, das heisst die Kugel liefe fortwährend um die Erde herum.

Dank diesen genau ergründeten Schwer- und Fliehkraftgesetzen, die eine unbekannte Macht »an allem Anfang« wirksam werden liess, war es möglich, die Bewegungen der Planeten so unfehlbar genau zu bestimmen und auf Jahrhunderte vorauszusagen, dass wir in dieser Beziehung eine vollkommene Gewissheit erlangt haben.

Licht, Wärme und Schwerkraft sind die durch alle Himmelsräume mächtig wirkenden Gesetze, die alle Welten miteinander verbinden. Welchen Stern wir auch beobachten mögen, er ist aus denselben Urstoffen wie die Erde, erzeugt und verliert aus denselben Gründen seine Wärme, bewegt sich nach denselben Prinzipien und ist den gleichen Entwicklungsprozessen, demselben Werden und Vergehen unterworfen, wie die Erde. Ist es dann so phantastisch, anzunehmen, dass auch auf anderen Sternen denkende Wesen ihren Geist bewundernd durch das Weltall schweifen lassen, dass auch dort forschende Blicke das tiefe Geheimnis der Welt zu enträtseln suchen und nicht fassen können, dass die Seele, die in einen erdgebundenen Körper verhaftet ist, und sich bis zu den fernsten Gestirnen aufzuschwingen vermag, vergehen soll, wie der Tau in der Sonne?

Die Erde, fünfviertelmillionenmal kleiner als die Sonne, die uns leuchtet, bedeutet im Universum weniger als ein Sandkorn in der Wüste. Und nur Wenige kennen die Oberfläche dieses Sandkorns. Und diese wenigen Auserwählten kennen diese Oberfläche sehr schlecht. »Auf dem Himmel mögt Ihr ganz gut Bescheid wissen, Herr; hier auf Erden aber seid Ihr ein Narr,« sagte der Kutscher zu Tycho de Brahe. Auf diesem Sandkorn hat der Mensch sich zum Herrn ausgerufen und hat sich Götter und Religionen gebildet, hat die Zivilisation geschaffen, aus der sich die Kultur entwickelte, die wiederum innere und äussere Gesetze und Bedürfnisse zur Folge hatte, Liebe und Luxus, Gewissen und Moral, Glück und Unglück, Freude und Schmerz, – kurz die ganze Stufenfolge der seelischen und geistigen Werte, die den Menschen zuweilen empfinden lassen, dass er ein Teilchen jener göttlichen Kraft ist, die »die unbegreiflich hohen Werke« im ewigen Gange hält.

Verweilen wir einen Augenblick bei diesen menschlichen Eigenschaften und Errungenschaften!

»Untersuchen wir!« pflegte der alte Sokrates zu sagen, wenn die Schüler schon glaubten, hinter die Lösung der letzten Rätsel gekommen zu sein. Ihr Meister liess sie beständig erkennen, dass hinter tausend gelösten Schwierigkeiten sich abertausend neue auftaten, und dass es mit dem menschlichen Geist genau so beschaffen ist, wie mit dem Sternenhimmel, wo hinter Millionen bekannten Sternen noch Abermillionen ihrer Entschleierung harren.

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