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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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In der Hölle der Gemütlichkeit

Um der widerspenstigen Dame seine Persönlichkeit zu demonstrieren, mußte er vor allem mit ihr zusammentreffen können, und zwar öfters, womöglich regelmäßig, denn persönliche Vorzüge sind keine Fernwaffen. Wo? Diese Frage! Was einfacher? Bei ihr daheim natürlich! Wozu hat man denn sonst einen Statthalter? Der hatte ihn doch eingeladen!

Der Statthalter empfing ihn aufs herzlichste, eine lange Stunde mit ihm über wissenschaftliche Fragen verhandelnd; seine Frau dagegen, auf welche der Besuch gemünzt war, blieb unsichtbar; und als er ihr beim Fortgehen begegnete, bedachte sie ihn mit einem solchen eisigen Gruß, daß er begriff: sie verbat sich seine Besuche.

Auf diesem Wege also ging es nicht. Er mußte versuchen, sie an einem dritten Orte zu fassen. Er erkundigte sich, wo und mit wem sie zu verkehren pflege; übereinstimmend meldeten die Nachrichten, ihr gesellschaftlicher Verkehr beschränke sich fast ausschließlich auf die Idealia. Aus tiefstem Herzen seufzte Viktor: «Idealia!» Er hatte sie bereits gekostet, die Idealia, damals, bei Frau Keller. – «Bah», ermutigte er sich, «es sind im Grunde liebenswürdige, wackere Leute; sogar von seltener Herzenshöflichkeit, trotz ihrem schulbuchdogmatischen Blast, womit sie prahlen. Schon allein, daß mich kein Mensch seine Verstimmung über den Vorfall mit dem Kurt fühlen läßt! – Also mit einigem guten Willen...», und andere Einladungen verschmähend, Frau Steinbach vernachlässigend, schloß er sich den Zusammenkünften der Idealia an, auf die schlimmsten Abenteuer der Gemütlichkeit in Geduld gefaßt.

Auch sie brachten ihm guten Willen entgegen, doch bald spottete die Macht der Gegensätze des künstlichen Harmoniespiels.

Da war vor allem seine angeborene (oder anerfahrene?) Absonderungssucht, die ihm vor jeder Vergruppung der Menschen, heiße sie, wie sie wolle, einen Schauder einflößte; und nun gar ein «Verein»! noch dazu mit dem Namen Idealia! Sie wiederum setzten bei jedem Menschen zwei Haupteigenschaften voraus, die er nicht beibrachte: nämlich einen ewigen Bildungsdurst und einen unersättlichen Musikhunger. Ohne Musik waren diese Leute so hilflos wie Beduinen, denen die Kamele davongelaufen. «Wollen Sie uns denn nicht etwas spielen?» konnten sie einander fragen. Dieses «etwas» jagte ihn vom Stuhl. Sagt man auch: «Wollen Sie uns ‹etwas› sprechen?»

Angesichts der Bildung lautete der Gegensatz noch klarer: sie interessierten sich für alles, er für nichts. (Deshalb für nichts, weil seine mit Gesichten und Gedichten bis zum Überlaufen volle Seele überhaupt jede Aufnahme von außen verweigerte.)

Die Hauptsache aber war: ihm fehlten die Vorbedingungen zu ihrem anspruchslosen Geselligkeitsstil: der strenge Beruf mit seinen Pflichten und Mühen, das Familienleben mit seinen Sorgen, mit einem Wort, das Erholungs- und Erschlaffungsbedürfnis. Kurz, der altehrwürdige Lebensgegensatz zwischen dem Geisteszigeuner und den Familienbenedikten. Auch der Umstand, daß er tatenlos auf etwas wartete (nämlich auf die Bekehrung Pseudas), mußte schon für sich allein sein Lebensgefühl verstimmen; denn auf die Lungerlage ist der Menschengeist nicht eingerichtet.

So ergab sich denn statt der gehofften Anpassung beiderseitiges Unbehagen. Er war ihnen «ungemütlich», und sie wurden ihm unwohl. Freilich gab er sich redliche Mühe, sein Unwohlsein zu verbergen, um nicht den Schwarzpeter im Kartenspiel vorzustellen; allein versuch's: verbirg's, wenn dir übel ist! «Wie gefällt es Ihnen bei uns? haben Sie sich allmählich ein bißchen eingelebt?» – «O ja! sehr!» versicherte er eifrig, stöhnend wie ein harpunierter Walfisch.

Da begannen sie ihn zu trösten. Auf landläufige Manier, nach dem Volkslied «Ihr eigener Fehler». Hinter jedem Trostspruch kam eine Ermahnung getröpfelt, wie aus jenen doppelten Brüheschüsseln, wo aus dem obern Schnabel das Fett, aus dem untern der Satz läuft. Eine unaufhörliche Beugung seiner Person mit Hilfszeitwörtern: «Sie müssen», «Sie sollten», oder, rückwärts angespannt: «Sie müssen nicht», «Sie sollten nicht». Laß sehen, was sollte er dann eigentlich nach ihrer Meinung? und was sollte er nicht? Er sollte nicht: «sich gehen lassen», «sich einwickeln», «sich einspinnen». Er sollte «sich überwinden», «aus sich herausgehen», «Sich aus seiner Lethargie aufrütteln» (Viktor, merk dir dein Zeichen, du bist lethargisch), allmählich mit der Zeit vielleicht heiraten; warum denn nicht? und zwar womöglich eine etwas angriffslustige, derbe Dame, damit sie ihn aus seiner Lethargie (entschieden, das Wort hatte es ihnen angetan) gewaltsam herausreiße. Einstweilen möge er doch die mannigfachen Gelegenheiten benützen, die einem in hiesiger Stadt geboten würden; oder ob er denn für gar nichts Höheres Sinn habe? Am Donnerstag zum Beispiel wäre ein interessanter Vortrag über die Liebe bei den alten Germanen, am Sonntag gebe es einen siebenjährigen Geiger; wohlverstanden durchaus nicht etwa bloß so ein unnatürliches bedauernswürdiges Wunderkind, sie wären vielmehr die letzten, solch eine künstliche Treibhauspflanze zu begrüßen, sondern diesmal ein echter, gottbegnadeter Künstler. Und ob er denn wirklich auch gar nicht singe oder wenigstens irgendein Instrument spiele? Ein Einfall, ein Vorschlag: am 4. Dezember, zum Stiftungsgedenktag der Idealia, wird ein Festspiel vom Kurt aufgeführt: «Könnten Sie da nicht vielleicht eine Rolle übernehmen, zum Beispiel als Meergreis oder als einer der Berggeister?» Und warum er sich denn nicht einfach als Mitglied der Idealia anmelde? Und ob es nicht viel natürlicher und gemütlicher wäre, wenn er sich mit den Männern duzte wie die übrigen?

Oder sie versuchten ihn «aufzuheitern». Gab es ein Tänzchen oder ein Gesellschaftsspielchen, Ringsuchen, Tellerdrehen und dergleichen, so rissen sie ihn herzhaft am Arm: «Kommen Sie! ziehen Sie kein so verzweifeltes Gesicht und helfen Sie mit! Man braucht nicht immer so feierlich zu sein.» Wie dann alles nichts helfen wollte, wie er sich je länger, je mehr als ein «Egoist» entpuppte, der F-Moll bekannte, wenn die andern Cis-Dur anstimmten, überdies als verstockter «Realist», der sich für nichts, aber auch für gar nichts interessieren wollte, überdies von haarsträubender, geradezu empörender Unwissenheit (er hatte zum Beispiel den «Tasso» nicht gelesen!), nahmen sie die Tonart ein bißchen schärfer, und zu den Ratschlägen, zu den Ermahnungen gesellte sich der Tadel. Immer natürlich in aller Freundschaft; oder ist denn nicht Tadel an sich der untrüglichste Beweis von Freundschaft? Sie besserten also in der wohlmeinendsten Absicht an ihm herum; lediglich, um ihn der Idealia anzugleichen; ungefähr so, wie ein Familienrat vor der Reise einen Frack behandelt, damit er in den Koffer gehe: der eine meint, man müsse die Ärmel so falten, der andere vielmehr so; der dritte richtet den Kragen in die Höhe, der vierte schlägt die Schöße um; ihrer zwei drücken schonend mit Fäusten und Knien auf das Präparat, und das Virgineli setzt sich darauf.

Dabei traf es sich ungeschickt, daß Viktor gerade dagegen einen entschiedenen Widerwillen verspürte, an sich herumbessern zu lassen; deshalb, weil er dieses Geschäft selber besorgte. Am ungeduldigsten ertrug er die Nörgeleien an seiner leiblichen Erscheinung. War das ein unaufhörliches Zupfen und Häkeln an seinem Äußern! Nichts erschien an ihm richtig, vom Scheitel bis zur Zehe; weder seine Sprache noch Aussprache, weder sein Haar- noch Bartschnitt, weder sein Kleid noch seine Schuhe; vollends über seinen Hemdenkragen vermochten sie sich gar nicht zu trösten. Schüchterne Versuche, mit Gegenkritik zu lohnen, fanden kein geneigtes Ohr.

Und dann die tausenderlei kleinstädtischen Übelnehmereien! erwidert von seiner unglaublichen Empfindlichkeit, der Empfindlichkeit des Phantasiemenschen (der Rückseite der Feinfühligkeit), die durch unablässiges Wühlen einen Nadelstich zur schwärenden Wunde entzündet, eine kleine Rücksichtslosigkeit zur tödlichen Beleidigung vergrößert! So trug von beiden Seiten jedes das Seinige bei, um jenen Qualzustand zu schaffen, den man mit dem Lindwort «Mißverständnis» zu beschönigen pflegt. Nun hatten zwar nach ihrer Auffassung «Mißverständnisse» wenig auf sich. Du lieber Himmel! in dieser friedlichen Idealia, wo jahraus, jahrein immer eins mit dem andern verzankt war und an Festtagen alle mit allen, was wollten da «Mißverständnisse» besagen! Nahmen einander alles übel, aber trugen sich nichts nach. Er dagegen, mit seiner Überempfindlichkeit und Vergrößerungssucht, mit seinem monströsen Gedächtnis, welches nichts, aber auch gar nichts in die heilsame Vergessenheit entließ, mit seinem metaphysischen Lebensgefühl, welches das kleinste Vorkommnis mit pathetischem Nachdruck belastete, mit seiner summarischen Phantasierechnungskunst, die immer sämtlichen ankreidete, was ihm ein einzelner angetan (es ist am einfachsten so), geriet allmählich in einen Zustand wie ein von Bienen überfallener Bär. Gewiß, gern gab er zu, alles widerfahre ihm aus lauter Freundschaft; allein ihm kam vor, die Freundschaft habe hierzulande eine verwünschte Ähnlichkeit mit einem Zahnschmerz. Und unversehens waren die Bienen, von seiner Phantasie ausgiebig genährt, zu Ungetümen angewachsen, die ihn mit tückischen Blicken umlauerten.

Dadurch wurde er jetzt argwöhnisch wie ein Kettenhund in der Dämmerung; überall böse Absicht witternd, links und rechts Erläuterungen heischend, Ehrenerklärungen, Entschuldigungen fordernd, wobei er mitunter ins Kindische fiel. Die Frau Pfarrer Wehrenfels hatte ihm die linke Hand gereicht: «War das mit Vorbedacht geschehen, um mich zu demütigen?», so daß er nach einer schlaflosen Nacht von ihr eine Erklärung verlangte, mit der Miene eines beleidigten Offiziers. «Mit Ihnen ist überhaupt nicht auszukommen», rief nach einem ähnlichen läppischen Stücklein Frau Doktor Richard ärgerlich. Der Vorwurf peinigte nun wieder seine gewissenhafte Seele, die er jeden Augenblick so blank in Bereitschaft halten mochte wie zur Parade am jüngsten Gericht, mit kummervollern Bedenken. «Wenn sie recht hätte? Warum auch nicht? wohl möglich. Allein wie abhelfen? ich kann mich bessern, aber nicht ändern.» Und ganz klein und demütig schrieb er an eine auswärtige Freundin: «Aufrichtig, ohne die mindeste Rücksicht: Ist mit mir nicht auszukommen?» Die Antwort lautete: «Ich lache über Ihre Frage. Kinderleicht, wie mit einem Kaninchen. Nur muß man Sie halt tüchtig liebhaben, wie sich's gehört, und es Ihnen auch von Zeit zu Zeit sagen.» Das Einfältigste war, daß er jene, die er in der Idealia suchte, um deretwillen er sich all dem Freundschaftsungemach unterzog, nur ausnahmsweise zu Gesicht bekam. «Frau Direktor Wyß ist ungemein häuslich», lautete die Erklärung, «sie lebt ganz allein für ihren Mann und ihr Kind.» Er ahnte indessen wohl, daß dies nicht der einzige Grund war, sondern daß sie hauptsächlich deshalb wegblieb, um nicht mit ihm zusammenzutreffen. Das war aber so ziemlich das Schlimmste, was ihm widerfahren konnte. Wenn er dann erschien und sie nicht vorfand, starrte er geistesabwesend auf den Stuhl, auf welchem sie, wenn sie gekommen wäre, vermutlich würde gesessen haben, redete kein Wort und hörte nicht, was man zu ihm sagte. Zu der Unseligkeit des Wartens erhielt er hiermit noch die Beschämung der getäuschten Erwartung. Und jedesmal, den folgenden Tag nach einer solchen Enttäuschung, irrte er verstört in der Stadt umher, wie ein Gespenst, das den Rückweg nach dem Kirchhof verloren hat.

In den Ausnahmsfällen wieder, wo Pseuda zugegen war, zahlte sie ihm die Mißhandlung ihres Bruders getreulich heim, aufrechten Hauptes, herzhaft und tapfer, ihn als Türkenkopf gebrauchend, nach welchem sie widrige Bemerkungen schleuderte, einerlei was für? denn zur Genauigkeit fühlte sie sich nicht verpflichtet. Kaum daß er den Mund auftat, fuhr sie ihm darüber. Hierbei setzte es mitunter schwere Verwundungen seines empfindlichen Ehrgefühls. «Ich liebe nicht die Schmeichler», warf sie ihm einmal herrisch zu, als ihm der Ausruf entschlüpfte: «Sind Sie schön!» Ein anderes Mal, als er den Satz bestritt, der Adel Europas wäre idiotisch und verkrüppelt, schalt sie ihn «Snob». Das war nun natürlich bloß als weibliche Stimmungsmusik gemeint; er aber faßte jungtörichterweise das Wort wörtlich, und da er es wörtlich faßte, mußte er's auch ernst und schwer nehmen. Drei Nächte würgte er an dem vermeintlichen Schimpf. Eine Rute, ein Feuer, einen Skorpion legte er neben sich und prüfte seine Seele in den hintersten Winkeln, um sich nötigenfalls schonungslos zu büßen; bis er endlich die tröstliche Gewißheit gewann, daß das schimpfliche Merkmal ihm nicht gebühre. Nein, wer vor dem Bettler, während er ihm das Almosen reicht, den Hut abnimmt, wer gleich einem evangelischen Pfarrer einem überführten Dieb den Handschlag nicht verweigert, wer es wagt, am hellen Mittag eine Dirne zu grüßen, ist kein Snob; und wer zeitlebens das Kunststücklein verschmähte, die Gunst einer Frau durch Herabsetzung ihrer Feindin zu gewinnen, ist kein Schmeichler. «Also warum sagt man mir's dann!» schrie seine Empörung; und fortan saß er Pseuda mit einer Miene gegenüber, als hätte sie ihm ein Auge ausgeschlagen und er hätte ihr's verziehen.

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