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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Draußen auf der Straße war ihm, als käme er aus einer närrischen Posse. Das also war der gepriesene Kurt gewesen! «Fein, liebenswürdig, bescheiden!» Haben denn hier die Wörter der deutschen Sprache einen anderen Sinn als sonst auf Erden? Der, und ein Genie?! Ja, eines von den zehntausend Werdenichts-Genies, von denen jede Familie eins auf Lager hat; in schwesterlicher Verhimmelung verzuckert, garniert mit einem Kranz schmachtender Basen. – Überhaupt, in was für eine Grube war er gefallen! Was für Gespräche! Verfaulte Gemeinplätze, die man anderswo mit keinem Stöcklein mehr anzurühren wagt, Urteilsmißgeburten, wert, in Weingeist aufbewahrt zu werden. «Steifes, lächerliches Zeremoniell in den Palästen der Großen!» Die glauben offenbar, es gehe in den «Palästen der Großen» so feierlich zu wie bei der Eröffnung einer Zuchtstierausstellung. «Glatte Höflinge!» Was die sich wohl unter einem Höfling vorstellen mochten? Vermutlich einen staatlich geeichten Ränkeschmied, der von Morgen bis Abend den Thron umschleicht wie ein Bühnenbösewicht den Souffleurkasten. «Freudloses Familienleben der Großstädter!» Wahrscheinlich, weil sie ihre Buben nicht prügeln! «Geistlose Unterhaltung der sogenannten vornehmen Welt!» Allerdings, von «unschuldig schuldig» redet man dort nicht. – Freilich, was den geistigen Horizont betrifft, scheint sie selber auch nicht gerade sonderlich... nun, kein Wunder, in solch einer Sippschaft! Mit einem Charakterkopf zum Vater und einem Genie zum Bruder! «Die höflichen Menschen sind alle mehr oder weniger falsch» – aus was für einem Demokratenkübel sie das elende Sprüchlein wohl aufgelesen haben mag; Aber hübsch hat sie's aufgesagt; sicher und beifallsbewußt wie eine Jahreszahl im Examen. «Schlacht bei Salamis? – Ich weiß», triumphierend den Zeigefinger in die Höhe. Soll ich dir sagen, was sie ist, Viktor? Ein unreifes Kind ist sie, auf der Schnellbleiche geheiratet; noch die Puppe auf dem Arm, und wupp! ohne daß sie merkt woher, ein Büblein auf dem Schoß. Dieses gilt ihr dann so für eine Art Fortbildungspuppe. Hast du gesehen, wie verliebt sie die Schlagsahne schleckte? Um ein weniges (schade, daß sich's für Erwachsene nicht schickt), so hätte sie sich den Magen gestreichelt wie der Clown im Zirkus. Aber war sie schön! Fast wäre man versucht, der Schöpfung eine bessere Note zu erteilen, ihretwegen; womöglich noch schöner als damals in der Parusie. Nichts verloren und mehreres dazugewachsen; «aufgebläht», mit einem Wort, wie die Romanschreiber sagen. Und wie tapfer sie ihren Hanswurst von Bruder verteidigte! Pseuda, du gefällst mir. Sie schlägt zwar noch ein bißchen aus wie ein wildes Rößlein; um so besser, Beweis, daß sie Rasse hat; ich sehe es gar nicht ungern, wenn sie zornig ist; im Gegenteil, das steht ihr gut, es paßt zu ihrer schwarzhaarigen Verfassung. Pseuda, wir werden noch gute Freunde werden. – Und fröhlich trällernd schritt er die Straße.

Allein, die ganze Lustigkeit war nur Kinderball auf dem Verdeck; unten in der Kajüte stöhnte ein gestochener Mann, und das war der Kapitän. Kaum im Gasthof zurück, warf Viktor die gekünstelte Fröhlichkeit weg und ging tiefsinnig in sich. «Viktor, eine Wahrheit hat gesprochen, und an dem Spruch einer Wahrheit soll man nichts abmarkten wollen. Die Wahrheit lautet: Auf Cäsarenmanier, nur so erscheinen und niederschmettern, ist es nicht gegangen; dein Auftritt, dein Blick, deine gerechte Empörung haben versagt, und zwar kläglich. Was war der Grund des Versagens, und wie steht es nach alledem zwischen dir und Pseuda? Denk nach, hernach antworte.»

Viktor dachte nach, hierauf antwortete er: «Der Grund des Versagens ist folgender: Dieses Dämchen ist glücklich und zufrieden; sie bedarf daher nichts und begehrt deshalb nichts, am wenigsten von mir; ich bin ihr einfach überflüssig. Die Vergangenheit aber hat sie begraben, und zwar ohne Denkmal. Das also ist der Grund, daß mein Auftreten versagt hat. Mit meinem künftigen Verhältnis zwischen mir und ihr aber steht es so: Meine geistige Überlegenheit nützt mir hier nicht das mindeste, denn sie vermag sie gar nicht zu ermessen. Sie schadet mir sogar; denn durch meinen Geist gerate ich in Widerspruch zu ihren Überzeugungen, die darum nur um so störrischer sind, daß sie sie aus anderer Leute Köpfen bezieht. Mit einem Wort: ‹Sie ißt nicht von dieser Konfitüre›, um mit Frau Steinbach zu reden. Wer einen Charakterkopf verehrt, wer einen Kurt bewundert, wird niemals einen Viktor hochschätzen; das ist naturunmöglich; denn eines schließt das andere aus. Nun ist aber der Charakterkopf ihr Vater, der Kurt ihr Bruder. Ich mußte demnach einen Kampf gegen ihr eignes Blut und gegen ihre schönste Tugend, die Pietät, beginnen. Folglich...» Hier jedoch stockte sein Gedanke, gegen die Schlußfolgerungen sich sträubend.

Statt seiner ergänzte den Satz eine leise Stimme aus dem dunkelsten Grunde seines Gefühls: «Hoffnungslos», murmelte die Stimme. Und als ob das ein Stichwort gewesen wäre, erhoben sich jetzt plötzlich von allen Seiten Hunderte von Stimmen, die sämtlich das Wort «hoffnungslos» hersagten, in ewiger Wiederholung, mit scharfem Tonschritt, immer lauter und mächtiger, lawinenartig anschwellend, wie die Zuschauer im Zwischenakt, wenn der Vorhang nicht auf will.

Da ließ Viktor den Kopf hangen, überzeugt, aber willenlos.

Ihm tippte der Verstand auf die Schulter: «Viktor, du hörst das Urteil des Volkes, es stimmt zu dem meinigen, und im Grunde auch zu deinem eigenen. Kurz, hier ist kein Klima für dich.»

«Also was denn?»

«Aufpacken und abreisen.»

«Ja, wenn du meinst, es munde meinem Selbstgefühl, mich kleinlaut davonzuschleichen, nachdem ich als zürnender Odysseus dahergefahren, so täuschest du dich.»

«Wird es etwa deinem Selbstgefühl besser munden, dereinst gedemütigt abzuziehen, schimpflich geschlagen, mit schwärenden Wunden, das Herz voll bittrer Galle?»

«Irgendeine Genugtuung, irgendeinen Triumph über die Verräterin ist mir das Schicksal doch schuldig.»

«Das Schicksal ist ein schlechter Zahler. Komm, sei gescheit und renn nicht mit dem Kopf gegen die Mauer.»

Viktor seufzte und schwieg eine Weile. Darauf versetzte er: «Du magst vielleicht recht haben; auch ist ja nicht gesagt, daß ich dir nicht schließlich nachgebe; allein ich möchte zuerst noch ein bißchen die Torheit strampeln lassen; das tut einem so wohl, und ein wenig Trost habe ich doch auch nötig. Morgen früh gebe ich dir dann Bescheid; zunächst laß mich eins darüber schlafen.»

Wie er dann im linden Bette lag und, mit Vorausnahme der nahen Abreise, im Gefühl schon halb ein Abwesender, weich und weh seinem verunglückten Richterrachezuge nachsann, benützte das Herz die mürbe Stimmung: «Schade», zischelte es, «ich hätte dir einen besseren Abschied gegönnt. Mißversteh mich nicht, ich maße mir keineswegs an, deinen Entschluß zu beeinflussen, folge nur gehorsam dem Verstande, er ist bei weitem der Gescheiteste von uns allen – nur ist es halt doch zu bedauern, daß du so in Unfrieden von ihr wegziehen mußt, das Gedächtnis zeitlebens mit einer feindseligen Pseuda behaftet. Denn darüber, denke ich, bist du doch im klaren, daß du sie zeitlebens nie mehr wiedersehen wirst; du kannst mithin das Erinnerungsbild nicht mehr ändern; so, wie du sie heute zuletzt geschaut hast: als eine Fremde und Erzürnte, so mußt du sie fortan ewig vor Augen haben. Ich hätte dir zum Abschied etwas Versöhnliches gewünscht, einen guten Blick, ein herzliches Wort, was weiß ich, kurz irgend etwas Schönes, was man hätte mitnehmen können und was einem in der Fremde nachgeleuchtet hätte. Dir hätte es wohl getan (ich rede nicht von mir, ich bin ja, scheint's, nur zum Entbehren auf der Welt), und für die kranke Imago wäre es Arznei gewesen.»

Und so weiter in schummrigem Verführungsgeflüster, bis er darüber einschlief.

In der Nacht aber, gegen Morgen, träumte ihm ein Märlein.

Auf der Insel eines Teiches erblickte er Pseuda als verwunschene Prinzessin zwischen Fröschen und Molchen sitzend, unter denen der Kurt als Froschkönig mit abenteuerlichen Sätzen umherhopste. «Ist denn kein Edler auf Erden, der mich von den Fröschen erlöst?» jammerte ihre Stimme. Und am Ufer, in einem Weidenstrauch, kauerte der Statthalter, die Arme rhythmisch gegen seine Frau bewegend, als ob er mähte. «Hilf ihr», winkte flehentlich seine Miene, indem er die Augäpfel verdrehte. Er selber, Viktor, vermochte sich natürlich nicht zu rühren, weil es ein Traum war.

Als er dann am Morgen aufwachte, gesund und munter, frisch im Geiste, der Leib gestärkt mit Mut und Selbstgefühl, sprang er kriegerisch aus dem Bette: «Getrost, Pseuda», gelobte er gerührt, «ich werde dich von den Fröschen erlösen», kleidete sich an, öffnete das Fenster, schwang seine Seele über die Berge, blitzte mit den Augen und stampfte mit dem Fuße: «Wieso hoffnungslos? Wer behauptet ‹hoffnungslos›? Sie ist ja doch inwendig nicht hohl, sondern hat eine Seele wie jeder Mensch, und in der Seele schlummert ein Kern, und in dem Kern träumt, ob sie's schon selber vielleicht nicht weiß, eine Sehnsucht, und die Sehnsucht dürstet nach etwas Höherem, Edlerem, Schönerem, als was ihre nichtsnutzige alltägliche Umgebung ihr bieten kann. Sie ist bloß verkrustet. Wenn ich indessen in ihrer Nähe bleibe, so muß unfehlbar früher oder später die Magie meiner Persönlichkeit – vielmehr, besser gesagt, der glühende Blick der erhabenen Fremdgestalten, die mich erleuchten – aus meiner Seele in ihre Seele hinüberzünden, die Kruste durchbrechend, so daß sie aufwacht, entblindet, meinen Wert erkennt und meiner hohen selbstlosen Gesinnung huldigt. Seele gegen Gewöhnlichkeit, Geist gegen Trägheit, Person gegen Sippschaft, so gilt jetzt die Fehde; Magie heißt meine Waffe, und die Strenge Frau ist mein gewaltiger Feldherr. Wollen doch wahrlich sehen, wer stärker ist!»

Und denselben Morgen noch suchte er, in der mutmaßlichen Voraussicht, daß die magische Heilkur vielleicht längere Zeit beanspruchen könnte, eine Privatwohnung.

«Wohl bekomm's!» rief der Verstand, als er abends spät einzog. Und zwei Gedanken strichen, eifrig miteinander flüsternd, zuäußerst an seinem Geiste vorüber.

Der nähere der beiden Gedanken sagte: «Auch wieder einer, der erst ein Bein abgeschlagen haben will, ehe er Verstand annimmt.»

Der andere Gedanke aber wartete vorsichtig, bis er außer Bereich war, dann höhnte er, zurückschauend, die freche Bemerkung: «Weil er halt einfach verliebt ist», flüchtete jedoch Hals über Kopf, da Viktor jähgrimmig mit Bengeln nach ihm warf.

Den Viktor aber winkte vertraulich die Phantasie beiseite: «Laß sie schwatzen. Komm, ich will dir etwas zeigen», und zog sachte einen Vorhang auseinander, nur etwa drei Finger breit, gerade soviel, daß man durch den Spalt sehen konnte. Und siehe da, auf einer Bühne standen Pseuda und er selber, Viktor. Hand in Hand standen sie und sahen einander innig an. Dann sprach sie zu ihm: «Hoher du, Guter, Selbstloser, alles, was ich dir ohne Sünde gewähren darf, ist dein, nenn's Freundschaft oder nenn's Liebe.»

«Das war nur eine kleine Probe, um dir einen Begriff zu geben», schmunzelte die Phantasie, indem sie den Vorhang wieder zuzog, «später zeige ich dir dann noch viel, viel Schöneres.»

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