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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Eine schlimme Enttäuschung

Wie sie sich sämtlich ein behagliches Plätzlein im Staat erarbeitet hatten, seine alten Schulkameraden! Der eine Professor, der andere Hauptmann im Generalstab, der dritte Gasröhrenfabrikant, wieder einer Kantonsförster, und ähnlich weiter; die meisten überdies zur Ruhe geheiratet, rund und zufrieden; alle ohne Ausnahme nützlich und angesehen. Dagegen er, mit seinen vierunddreißig Jahren! ohne Beruf und Stand, ohne Namen und Wohnsitz, ohne Verdienst und Werke, nichts. Und die grausamen Bisse, wenn sie ihn an die verlorenen Reichtümer seiner natürlichen Gaben erinnerten! «Kannst du noch so schön zeichnen wie damals?» – «Und was macht denn die Musik?» – Ach, seine armen Talente! verkümmert, verschmachtet im Dienste seiner Strengen Herrin! Und wofür? Für einen Wechsel auf die Zukunft. Immer und immer nur Zukunft, niemals Gegenwart! Es wäre bald Zeit, dünkte ihn, daß sie endlich anlangte, die Zukunft, mit vierunddreißig Jahren!

«Erinnerst du dich noch, Viktor», fragte ihn Vital, der Polizeileutnant, «an unseren gutmütigen Deutschlehrer, den Fritzli? Aus dem machen sie jetzt eine gewaltige Geschichte in den Zeitungen wegen seiner Bücher. Ach Gott erbarm, es hilft ihm wenig mehr, dem Schlucker, alt und krank, wie er ist!» Dem Fritzli trug Viktor einen alten Dank nach, weil der ihn einst in der Lehrerversammlung vor der Ausweisung aus der Schule gerettet hatte – «wegen schlechten Betragens»; das wollte sagen wegen Auflehnung. Den aufzusuchen mahnte ihn das Herz.

Er traf ihn gekrümmt im Bette liegend, ein gebrochenes, ächzendes Geschöpf.

Mühsam kehrte der Kranke den Kopf nach dem Besucher, mit gleichgültigem, leidbefangenem Blick. Allmählich aber schaute er den Viktor aufmerksam an, in seinen Zügen forschend, eine lange Zeit; übrigens ohne Unfreundlichkeit, bloß gefesselt und erstaunt, ungefähr wie ein Naturforscher, der eine seltene Raupe betrachtet. Während dann Viktor seinen Dank vorbrachte – in stammelnden Worten, denn er war ein schlechter Sprecher –, hörte der Fritzli gar nicht zu, sondern las nur immer weiter in seinem Gesichte. Endlich hub er wehmütig an: «Sie also auch! Ich weiß nicht, soll ich Ihnen Glück dazu wünschen oder Sie beklagen? Wie sagten Sie doch gleich, daß Sie heißen? Den Namen wird man aussprechen lernen.» Darauf schenkte er ihm mit erhobener Stimme und nachdrücklicher Betonung einen rätselhaften Gedenkspruch: «Nicht die Alten, die glauben's nicht; nicht die Zeitgenossen, die leiden's nicht; nicht die Frauen, die folgen dem Erfolg; sondern einzig und allein die auserlesene Mannschaft eines nachkommenden Geschlechts. – Gehen Sie jetzt, lieber Freund, Ihr Platz ist nicht neben dem Leichnam eines garstigen Greises, Sie haben genugsam mit eigenen Nöten zu schaffen; möge es gnädig ablaufen. Übrigens Dank, daß Sie gekommen sind, es war mir ein großer Trost; ich sagte Ihnen ja: einzig die auserlesene Mannschaft eines jüngeren Geschlechts. Doch gehen Sie jetzt, gehen Sie, ich bitte Sie darum.» Und als Viktor seine Besuche erneuern wollte, wurde er nicht mehr vorgelassen.

Bis jetzt war er Pseuda nirgends begegnet, und nur ein einziger Gang noch blieb zu erledigen: Frau Regierungsrat Keller. Nachher konnte er reisen – «sagen wir Montag, spätestens Dienstag». Zweimal schon hatte er bei ihr vorgesprochen und sie nicht zu Hause getroffen, jetzt versuchte er's zum dritten Mal und fand sie wieder nicht daheim. Es scheint, es soll nicht sein! «Gut, dann fahr' ich also Montag.» Da erhielt er von ihr eine schriftliche Einladung auf nächsten Mittwochnachmittag zum Tee. «Ich habe am Mittwochnachmittag die Idealia, Sie werden einige interessante Menschen vorfinden, und wahrscheinlich gibt es sogar Musik.» – «Sogar Musik», wiederholte er, «Musik als Unterhaltungsgipfel! Interessante Menschen, Idealia!» – das Programm hatte nichts Verlockendes, und spätestens Dienstag hatte er ja reisen wollen. Anderseits mochte er der verehrten Dame, der er von früher her zu Dank verpflichtet war, keine abschlägige Antwort erteilen. «Sei's darum! was habe ich schließlich zu versäumen?» und sagte zu, obgleich nur halbwillig.

Die Regierungsrätin empfing ihn mit alter Herzlichkeit, wiewohl etwas flüchtig und zerstreut. «Wir erwarten den Kurt», meldete sie glückstrahlend, mit gedämpfter Stimme, als verriete sie ihm ein Osterei.

Kurt? wo hatte er doch den Namen schon gehört?

Nicht möglich – ereiferte sie sich –, daß er den Kurt nicht kenne! Allerdings von jemand, der frisch aus der Fremde komme, lasse sich's entschuldigen. Und fing an, ihm das Lob des Kurt zu preisen, wie es nur eine Frau vermag, wenn sie mit dem Herzen urteilt. Alle erdenklichen Tugenden und Gaben; und in der Mitte der siebenfachen Perlenschnur leuchtete eine Spange, die das Ganze zusammenheftete: «Mit einem Wort ein Genie! Und zwar ein solches Genie und so weiter.» – «Und dabei von einer wahrhaft rührenden Bescheidenheit.» – «Und fein! und liebenswürdig!» – Und also fort. Viktor lächelte. Noch immer die nämliche, die Regierungsrätin, immer gleich in den höchsten Tönen, wenn sie jemand mochte. Freilich erriet er nun auch, daß er hier nur ein Stück Volk für den Wundermann Kurt bedeuten sollte; was ihn ein wenig verstimmte, so daß ihn beinahe reute, hergekommen zu sein. Mit verändertem Ton, wie wenn eine Opernsängerin in die Sprechweise verfällt, fügte sie nachlässig hinzu: «Seine Schwester ist ebenfalls da; ich glaube, Sie haben sie schon einmal gesehen, Frau Direktor Wyß.»

Ah, also jetzt! Mit einem tiefen Atemzug rüstete er seine Rache. «Nur ja keine Verwechslung! halt scharf auseinander: nicht Imago, nicht einmal Theuda, sondern bloß Pseuda die Verräterin! Und daß du mir nicht etwa wieder mit den Pulsen hämmerst, du dort drinnen!» Also gewappnet trat er ein.

Richtig, wahrhaftig! Dort saß sie, die Falsche! über ein Notenheft gebückt, im Glanz ihrer gestohlenen Schönheit, der Schönheit Theudas, umjauchzt von der Poesie der verratenen Erinnerungen. Aber wie sie Imago gleichsah! Kann sie denn das? Ob diesem Anblick jagte sein Blut herum wie ein Eichhörnchen in der Drille; und in seinen Ohren tobte ein Lärm, als ob eine vom Nachttisch gefallene Weckeruhr auf dem Boden abschnurrte. «Alle gescheiten Geister, kommt mir zu Hilfe!» betete er angstvoll. Allein, wehe, wo sind sie? Nichts Gescheites kam.

Blindlings überstand er die Vorstellungen, erledigte er die Verbeugungen. Wie wohl sie ihn begrüßen wird? Siehe, jetzt streift ihn ihr Blick! Ein gleichgültiger Blick wie gegen einen Fremden. Sie erhebt sich ein klein wenig zur Form, dann guckt sie gelassen wieder in ihr Notenheft.

«Ist das alles?» fragte er sich, erstarrt.

Nein, es war nicht alles. Eine Schale voll Schlagsahne stand vor ihr; die äugelte sie mit liebevoller Zärtlichkeit an, sah sich ein paarmal scheu um, ob niemand sie beobachte, dann gönnte sie sich davon ein verschämtes halbes Löffelchen; endlich mit kühnerem Mut volle zwei und drei.

Solch ein Empfang! ihm! sie! Schmach und Empörung! Ingrimmig bohrte er ihr verdammende Blicke ins Antlitz. Bis ihn der Verstand am Ärmel zupfte: «Du, Viktor, falls du dir etwa einbildest, daß sie deine erhabenen Grimassen bemerkt, so täuschest du dich.» Da ließ er's bleiben und stierte sie sinnlos an, verstört wie in einem Operationsstuhl, gewärtig, was wohl zweitens anreisen werde, eine Schere oder ein Messerchen.

Während er so betäubt dasaß, drang ohne seinen Willen das Geräusch der Gespräche an sein Ohr; Brocken ohne Zusammenhang: «Protestantische Landstraßen besser gepflegt als die katholischen.» – «Im dritten Akt wird der Held unschuldig schuldig.» – «War der Kurt auch dabei?» – «Genie bricht sich immer Bahn.» – «Hatte der Kurt seinen guten Tag?»

Was jedoch wohl sie zuerst für einen Spruch tun wird? Mit dem seelenvollen Ton ihrer trautheiligen Stimme von damals? Lange Zeit wartete er umsonst. Doch halt, still! jetzt lauscht sie in die Unterhaltung herüber. Sie runzelt die Brauen, ihre schwarzen Augen blitzen, sie öffnet die Lippen: «Ach was!» rief sie, «die höflichen Menschen sind alle mehr oder weniger falsch!»

Das kam dermaßen unversehens daß er hellauf lachen mußte.

Da drehte sie langsam den Kopf nach seiner Richtung und schickte ihm einen Seitenblick: «Du, was dich betrifft», sagte der Blick, «mit dir bin ich fertig!» Und während sie den Kopf wieder abwendete, gewährte sie ihm auf geistigem Wege noch ein paar Nachtragsätze mit kleinen Buchstaben, die er deutlicher zu lesen vermochte, als ihm lieb war. «Mein Herr, was wollen Sie von mir? warum weisen Sie mir solch eine wichtige inhaltsvolle Erinnerungsmiene? Falls Sie etwa von früher her etwas wurmt, um so schlimmer für Sie; klagen Sie sich selbst an; mich aber lassen Sie gefälligst in Frieden, sonst holla! Heute gilt die Gegenwart, morgen die Zukunft; mein Mann und mein Kind sind mir alles, und Sie sind mir gar nichts.»

Es war weder ein Messerchen noch eine Schere, es war eine fürchterliche Säge. Und Schmerz und Zorn stürmten vereint wider seine mühsam verteidigte Fassung. «Sie wagt es! Mit den gemeinen Anhängseln ihrer nichtsnutzigen Ehe – Mann, Kind und dergleichen Hausrat mehr – möchte sie das unsterbliche Gemälde der Parusie auslöschen?!»

Und wiederum tönte in seinen Ohren die Raspel der Gespräche. Von links her: «Glauben Sie wirklich, daß der Kurt noch kommen wird?» – «Schon vier Uhr! fertig, er kommt wieder einmal nicht!» – «Und ich behaupte: er kommt.» – Zur Rechten: «Glatte Höflinge.» – «Freudloses Familienleben der Großstädter.» – «Geistlose Unterhaltung der sogenannten vornehmen Welt.» – «Steifes, lächerliches Zeremoniell in den Palästen der Großen.» – Ihm war, er hätte in zehn Jahren nicht so viele Albernheiten gehört wie in dieser Viertelstunde. Überhaupt gesellte sich zu seiner Beschämung mehr und mehr der Unwille. Warum kümmert sich denn niemand um mich? Wie lange soll ich noch einsam auf meinem Stuhl sitzen wie Robinson auf der Klippe?

Da, mit einem Male lief eine freudige Erregung durch die Versammlung, begleitet von Geflüster und unterdrückten Jubelrufen, als nahte ein Festzug. Während er sich trägen Geistes – denn was galt ihm die Umgebung? – nach der Ursache der plötzlichen Glückseligkeit umdrehte, stürzte ein Mannsbild durchs Zimmer, ohne Gruß noch Vorstellung, im Vorbeistürmen ihn, den Viktor, mit dem Ärmel streifend, ohne sich zu entschuldigen; pflanzte sich ohne weiteres vors Klavier, legte ein Notenbuch bereit – er wird doch etwa nicht...? Doch, weiß Gott, er fängt an zu singen, mitten in der Versammlung, ohne Aufforderung noch Erlaubnis, wie ein Schnapsbruder im Wirtshaus. Eins, zwei war Viktor neben ihm, klappte ihm das Notenbuch zu und warf es ihm auf die Knie, worauf der Einbrecher ohne einen Mucks wieder aus dem Zimmer stürzte. Das Ganze war so schnell verlaufen, wie wenn eine Fledermaus zum Fenster hereinflattert und wieder hinaus.

«Was war das für ein Individuum?» fragte Viktor belustigt, gegen die Regierungsrätin gewandt, in der Meinung, ihren Dank für die schlanke Hinausbeförderung zu ernten.

Doch siehe da: Verwirrung und Aufstand ringsum, Bestürzung auf allen Gesichtern.

«Durchaus kein Individuum», brauste Pseuda mit zornrotem Gesicht auf, feindliches Schnellfeuer aus ihren funkelnden Augen schießend. Die Regierungsrätin aber, Tränen in den Augen, zischte ihm vorwurfsvoll ins Ohr: «Das war ja ihr Bruder, der Kurt!»

Jetzt verbeugte sich Viktor mit spöttischer Ehrerbietung vor Pseuda: «Gnädige Frau, mein aufrichtiges, tiefgefühltes Beileid!»

«Es braucht kein Beileid!» herrschte sie, «ich bin stolz auf meinen Bruder und darf es sein!»

Hiermit verließ sie geräuschvoll das Zimmer, und alles rüstete sich zum Aufbruch.

«Ach, mein schöner musikalischer Abend!» jammerte mit trostloser Miene die Regierungsrätin. Und als Viktor sich angelegentlich bei ihr entschuldigte, beteuernd, wie er doch unmöglich habe ahnen können, daß ein ungezogener Mensch, der ohne Gruß noch Vorstellung durch eine Versammlung stürmt und dabei die Anwesenden mit den Ellenbogen stößt – «Zeremonienmeister!» –, unterbrach sie ihn erbittert: «Er ist eben ein Original, ein Genie» – und schlich betrübt von dannen.

Lehmann aber, der Förster, Viktors Schulkamerad, klopfte ihm lachend auf die Schulter: «Viktor, Viktor, das war ein schlimmes Versehen!»

«Entschuldige, lieber Freund, das war kein Versehen, sondern eine Züchtigung.»

«Nenne es, wie du willst, jedenfalls mit Frau Direktor Wyß hast du es jetzt auf ewige Zeiten verdorben.»

«Das werden wir sehen!» trotzte Viktor furchtlos.

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