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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Er aber fuhr fort: «Der einzige Unterschied ist der, daß die andern sich mit undeutlichen Erscheinungen begnügen, während ich sie klar sehen muß, wie der Maler Mariens Himmelfahrt. ‹Finger Gottes›, ‹Auge Gottes›, ‹Stimme der Natur›, ‹Wink des Schicksals› – was tue ich mit diesem anatomischen Museum? Ich will immer das ganze Gesicht sehen.»

Mutlos seufzte sie: «Im spitzfindigen Denken sind Sie ja natürlich meinem schwachen Weibesgehirn hundertmal überlegen; auf dieses Gebiet will ich mich indessen gar nicht begeben. Ich kann nur noch bedauern und trauern.»

Da legte er die Hand auf ihre Schulter: «Edle Freundin, nicht wahr, Sie haben niemals begriffen, weshalb ich Ihren wohlgemeinten Wink, mir Theuda durch ein bindendes Verlöbnis zu sichern, unbeachtet ließ? Gestehen Sie, Sie waren und sind der Ansicht, ich hätte mein Lebensglück albernerweise aus gemeiner Ehefeigheit verscherzt. Sehen Sie, Sie nicken.»

«Sagen wir Unentschlossenheit», milderte sie.

«Nein, sagen wir Feigheit; denn Unentschlossenheit ist auch eine Feigheit: Willensfeigheit. Ich aber ertrage es nicht länger, vor Ihrem Urteil in unrichtigem Lichte dazustehen. Ich will Ihnen deshalb meine Gründe mitteilen. Sind Sie bereit zu hören?»

«Ich bin zu allem bereit», flüsterte sie und senkte den Kopf, «obschon ich Ihnen nicht verhehle, daß mir dieses Thema peinlich ist, und daß ich nicht einsehe, was das Aufrühren veralteter Geschichten nützen soll. Indessen, wenn Sie wollen...»

«Nicht, wenn ich will», verbesserte er, «sondern, wenn ich muß!» Und mit veränderter Stimme, in gehobenem Tone fing er an: «Nein, nicht aus feiger Unentschlossenheit, nicht aus alberner Torheit habe ich nicht zugegriffen, als leisen Schrittes das heilige Glück mir nahte, mich mit seinen klaren Augen anschauend und mir zuflüsternd: ‹Nimm mich!›, sondern wissend, was ich tat, wertend, was ich von mir wies, nach schwerer, reifer Wahl habe ich mit männlichem Entschluß entschieden. Und nun will ich Ihnen meine Entscheidungsstunde erzählen.»

Nach diesen Worten machte er eine Pause, wie um Atem zu schöpfen. Als jedoch die Pause nicht enden wollte, schaute sie auf. Da stand er bebend vor ihr, von inneren Stürmen geschüttelt, die Lippen gewaltsam schließend. «Ich kann es Ihnen doch nicht erzählen», brachte er mühsam hervor, «es geht zu tief» – und stemmte sich aufs Klavier.

Geschwind sprang sie auf, um ihn nötigenfalls zu stützen.

Doch er hatte sich bereits wieder aufgerichtet. «Ich habe recht entschieden!» rief er, «ich weiß, ich habe recht entschieden! Und stände ich nochmals vor der Wahl, ich würde nicht anders entscheiden!» Dann nahm er seinen Hut, verbeugte sich und küßte ihr die Hand. «Ich werde es Ihnen aufschreiben», sagte er.

Tief ergriffen begleitete sie ihn bis zur Haustür. «Gut», sagte sie, nur um etwas zu reden, und zwang ihre Stimme zu unbefangenem Ton: «Gut, schreiben Sie mir's auf. Sie wissen, daß alles, was Sie bewegt, auch mir nahegeht; und glauben Sie mir, ob ich Sie schon nicht jederzeit verstand und auch jetzt nicht verstehe, so habe ich doch niemals, auch nur einen Augenblick, an der Lauterkeit und Vornehmheit Ihrer Beweggründe gezweifelt.»

«Dank! treue edle Freundin!» rief er leidenschaftlich, sie mit beiden Händen stürmisch ergreifend. «Sie heilen mich; es tut so weh, so unerträglich weh, wenn jemand an der Vornehmheit meines Charakters zweifelt.»

«Wer hat das jemals getan?» rief sie heftig, fast zornig.

Er erstaunte. «Jedermann», antwortete er zaudernd, «das heißt – eigentlich niemand Bestimmtes.»

Unterdessen hatte sie sich ihm entwunden und flüchtlings einige Stufen nach oben zurückgezogen. «Und eins noch: nicht wahr, Sie sind nicht ungerecht? Sie tun ihr nichts zuleide?»

Er lächelte: «Ich tue keinem Menschen etwas zuleide als höchstens mir selber.» Damit verließ er das Haus.

«Sind Sie ein gefährlicher, ein unerlaubter Mensch!» seufzte sie ihm nach und warf sich erschöpft in den Lehnstuhl, um sich von der Anstrengung zu erholen.

Er aber eilte auf sein Zimmer, das Bekenntnis niederzuschreiben, das er ihr mündlich schuldig geblieben. Und siehe da, während ihn sonst das Schreiben wie Krötengift anwiderte, verspürte er jetzt, nachdem ihm durch das Verhör die Erinnerung aufgewühlt worden war, ein gieriges Verlangen, die Entscheidungsstunde seines Lebens einmal leslich festzubannen, damit sein erhabenes Geheimnis auch außer ihm dastände, unabhängig von seinem Gedächtnis, als feste Wahrheit.

So schrieb er denn, knirschend zwar und gegen den Zwang der nüchternen Denkgesetze schäumend, aber in einem einzigen Zuge, in fieberhafter Eile:

 

An Frau Martha Steinbach

Fluch und Schmach der kahlen Prosa zuvor, denn sie entweiht! Also, ich erzähle und entweihe:

Meine Stunde

Ihr Brief mit Theudas Bild war am Morgen angekommen, jener Brief, in welchem Sie mir andeuteten, daß ein klares Wort von mir erwartet werde, daß dem Wort eine holde Antwort gewiß wäre, daß dagegen längeres Zaudern als Verzicht ausgelegt würde. Ich verstand: eine Mahnung, verstärkt durch eine Warnung, und ich begriff: dieser Tag ist ernst; heute gilt die Entscheidung. Ich betrachtete das Bild; tausend wonnige Werte schauten mir daraus entgegen; die Reinheit einer auserlesenen, durch Schönheit, Tugend und Erziehung hervorragenden Jungfrau – die Erinnerung an gemeinsam verlebte Stunden, zwar von nichtigem Ereignisgehalt, doch von ewigem Poesiewerte (Parusie nenne ich jene Stunden für mich) – der innige Blick der seelenvollen Augen, die zu mir sprachen: «Dein denkt meine Hoffnung» – die Verheißung einer Unsumme von Seligkeiten jenem, der sie zu erwerben wissen werde. Unter dem Bilde stand in unsichtbarer Schrift zu lesen: «Dies ist der höchste Preis», und die Worte Ihres Briefes flüsterten: «Der Preis ist dein.»

Solange des Tages Unruhe meine Sinne beschäftigte, behielt ich das Bild im verborgenen, nur flüchtig daran naschend, sei es, um in die wundersamen Rätsel der tiefsinnigen Augen zu tauchen, sei es, um die unerschöpflichen Wunder der weiblichen Schönheit zu kosten. So weidete ich im verstohlenen mein Herz an dem lieben Bilde.

Am späten Abend jedoch, während ich einsam im dunklen Zimmer saß, stellte ich das Bild vor mich auf den Tisch, andächtig nach ihm schauend, ob ich es schon in der Finsternis nicht sehen konnte. Durch das Schweigen der weiten Wohnung, in welcher sämtliche Türen offenstanden, tönten melodische Laute: das weiche Gurren eines Turteltaubenpaares aus dem nachtschwarzen Speisezimmer und drüben, vom kronleuchtererhellten Saale das träumerische Trillerschwirren eines Kanarienvogels, von jenen, welche beim künstlichen Lichte singen.

Da saß ich nun und wog mein Schicksal. Wie zweierlei Odem aus entgegengesetzten Weltgegenden umschauerte es mich; in der Mitte aber drohte die Frage: «Darfst du? Sprießt der Größe mit dem Glück ein Vergleich?» – Traurig vernahm ich die Frage, ahnend, daß die Antwort verneinend ausfallen müsse, sonst hätte ja die Frage nicht verlautet. Mein Herz aber, die Gefahr spürend, begann zu toben: «Deine Größe», schrie es, «der du mich opfern willst, wo ist sie? Zeig her, beweise deine Werke! – Zukunftsgröße? Ei, wer bürgt dir denn, daß du sie nur erlebst, die Zukunft? Es gibt Krankheiten, es gibt einen Tod. Oder wähnst du dich etwa den Nöten der Natur enthoben? Doch gesetzt, du bleibest leben, woher beziehst du es, das Märlein deiner künftigen Größe? Bitte, sage, woher? Aus deinem Selbstbewußtsein? O Jammer! o Fastnacht! Nimm mir's nicht übel, laß mich lachen. Nach Zehntausenden zählt man sie, die Jünglinge, die großwichtig von ruhmwürdigen Taten träumen; mit einem Selbstbewußtsein, so riesig, daß sie zur Weltkugel aufschwellen. Und was wird später aus ihnen? Schau hin: unnütze Wichte, Nullen, mit Bitterkeit gefüllt und mit Selbstkrieg behaftet. Oder meinst du etwa, dein Selbstbewußtsein wäre von besserem Karat? Weswegen? Woher? Weil es größer ist? Um so schlimmer, um so gewisser, daß du ein Tropf bist! Größenwahn, mein Teuerster! gemeiner germanischer Schulbubengrößenwahn! Nur, daß die andern, weniger unbescheiden, weniger verbohrt als du, den bübischen Blast mit dem Staatsexamen abzuwerfen pflegen. Viktor, ich sage dir, dein sogenannter ‹Beruf› mitsamt deiner eingebildeten künftigen Größe ist eitel Wunsch und Wind; das köstliche Geschenk dagegen, das dir die Gunst des Schicksals heute anbietet, ist haltbare, weltwirkliche Seligkeit. Lächerlichkeit über dich und Reue, lebenslängliche höllische Reue, lässest du für ein gaukelndes Irrlicht der Eitelkeit dein Liebes-, dein Lebensglück entgleiten. Nicht einmal Mitleid wird man dir zollen, wenn du elendiglich verendest, sondern statt des erhofften Nachruhms wird über deinem Grabe der Gedenkspruch warnen: ‹Hier platzte eine Blase.›»

Da lernte ich zum ersten Male in meinem Leben den Zweifel. Unsicher erwiderte ich: «Du weißt doch, o mein Herz, daß ich meinen Beruf, meinen Glauben, mein Selbstbewußtsein nicht aus mir selber beziehe, sondern...» – «Sondern von wem?» höhnte das Herz, «gelt, du verstummst? gelt, du schämst dich vor deinem Verstande, deine Torheit mit deutlichen Worten auszusprechen? Weil du, ob du dir's schon nicht gestehst, in deinem Innersten spürst, daß du einen kindischen Götzendienst züchtest, an Stelle eines anständigen, namhaften, weltschöpferischen Gottes ein wesenloses, selbstgeschaffenes Gespenst anbetend, ein luftiges Spiegelbild deiner eigenen Seele, das du mittels Phantasie-Kunststücklein außer dich setzest, in der albernen Hoffnung, daran über dich selber emporzuklettern wie Münchhausen an seinem Zopf. Nicht einmal den Namen deines Götzen wagst du ja ohne Erröten zu bekennen. Was ist das, deine geheimnisvolle ‹Herrin deines Lebens›, die ‹Strenge Frau›, der du mit fanatischer Hingebung dienst wie ein Prophet seinem Jehova? Ich will dir sagen, wer deine ‹Strenge Frau› ist! Jeder Student kennt sie, jeder Pfuscher, jeder Polterabenddichter, jeder Zuckerbäcker: Die Muse ist es, verjährten Angedenkens; die alte abgeschmackte Allegorientante, die Patin der Leblosigkeit, die Schutzpatronin des Nichtkönnens. Und solch einem verstaubten, von der Landstraße aufgelesenen Lehrbegriff soll ich mich von dir Narren verkaufen lassen? Wegen dieses Schulstubentrödels wagst du's und willst meine Seligkeit verschachern? Was schäumst du, was entrüstest du dich? Daß ich deine ‹Strenge Frau› gemeinhin eine Muse nenne? – Wäre sie nur wenigstens eine Muse! – Aber sie ist ja nicht einmal das! Eine Muse lehrt doch einen Gymnasiasten zwei Verse wohl oder übel zusammenreimen. Kannst du das? Und was kannst du denn sonst, du dreißigjähriger Bube? Gar nichts kannst du, nicht einmal einen gerechten Satz auf ein Stück Papier schreiben! Eine Null warst du, eine Null bist du, und eine Null wirst du bleiben; ungefähr wie die übrigen, nur noch um eine Nummer unbedeutender. Die übrigen aber bescheiden sich, und zum Lohne dafür dürfen sie glücklich sein. Bescheide dich, und du darfst es gleichfalls!»

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