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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Und da nun eine längere Pause entstand, fuhr dem Viktor von der Seite ein Gedanke in den Kopf, den er je länger, je weniger los wurde. «Kennen Sie vielleicht», wagte er endlich unvermittelt, mit banger Stimme, «kennen Sie vielleicht zufällig hier in der Stadt einen gewissen sogenannten Herrn Direktor Wyß?» – Kaum hatte er den Satz draußen, so spürte er, daß er heiß errötete.

Der Herzkönig schaute überrascht auf. «Gewiß; warum?»

«Was ist er für eine Spielart von Mensch? ich meine: wie sieht er aus? groß oder klein? jung oder alt? garstig oder angenehm? jedenfalls ein hochgebildeter Herr, nicht wahr? nach seinen Titeln und Ämtern zu schließen?»

Der Herzkönig zog ein überaus schlaues Gesicht und lächelte belustigt vor sich hin. «Nun, er hat wie jedermann seine zahlreichen Fehler; daneben vielleicht auch, wie ich mir wenigstens schmeichle, einige erträgliche Eigenschaften. – Doch erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen vorstelle: Direktor Wyß ist mein Name.»

Das kam so anmutig, mit so liebenswürdiger Ironie heraus, daß Viktor, der nichts höher schätzte als Gefühlsfeinheit, jählings von Sympathie erfaßt aufsprang und ihm die Hand anbot, welche der andere eifrig ergriff und schüttelte. Es entstand wie ein Freundschaftsbund zwischen den beiden.

Nachdem dann Viktor auch seinen Namen genannt hatte, rief der Direktor hocherfreut: «Da sind Sie also offenbar der Herr, der uns heute morgen die Ehre seines Besuches zugedacht hatte. Wir bedauern aufrichtig; besonders meine Frau, mit der Sie, glaub' ich, wenn ich nicht irre, einmal in einem Meerbade zusammengetroffen sind.»

«Nicht in einem Meerbade», verbesserte Viktor verstimmt, «sondern in einem Bergkurort.»

«Leider muß sie auch diesen Nachmittag auf das Vergnügen verzichten, da sie einen Ausflug mit den Damen des Gesangvereins verabredet hatte; ich komme soeben von der Eisenbahn. Hoffentlich lassen Sie sich indessen dadurch nicht abschrecken, und wenn Sie mir's nicht als eine Zudringlichkeit auslegen wollen, so möchte ich Ihnen vorschlagen, in die Idealia zu kommen; es braucht keinerlei Förmlichkeit; Sie erscheinen ganz einfach als von mir. Zudem ist ja meine Frau Ehrenpräsidentin.»

«Idealia?»

«Ach so, ich vergaß, ich bin zerstreut – Sie können ja natürlich nicht wissen...» Hiernach begann er, weit ausholend, von der Idealia zu erzählen: eine Stiftung seines seligen Schwiegervaters – anspruchslose Zusammenkünfte ohne Zwang und Feierlichkeit – weder Kleiderprunk noch Schmauserei – nur zur Pflege einer etwas gehaltvolleren Geselligkeit, wo die Erhebung Hand in Hand mit der Erholung gehe (eines schließt ja das andere nicht aus), hauptsächlich die Musik empfehle sich zu solchem Zwecke – und dergleichen mehr, mit Aufzählung von Namen der Mitglieder und Daten der Zusammenkünfte und wie die Runde laufe; gewöhnlich Mittwoch, Freitag und Sonntag.

Aufmerksam hielt Viktor der Rede sein Ohr hin, mit dem Geiste dagegen schlich er am Gehör vorbei in die Augen: Das der Statthalter! der Herzkönig! der Herrlichste von allen! Und er, der den Adonis für den Statthalter genommen hatte! Warum hatte er eigentlich vorausgesetzt, der Statthalter müsse ein komischer, mindestens unbeholfener Mensch sein? Oh, durchaus nicht komisch, der Herzkönig! durchaus nicht! – Und starrte ihn unverwandt verblüfft, fast erschrocken an. – Nun, so sei doch froh, Viktor! dient es doch auch deinem Stolze, wenn dein Statthalter eine gute Figur macht. Auch das finde ich völlig in der Ordnung, daß sie ihn offenbar liebt; oder habe ich denn jemals etwas anderes gewünscht? Bewahre; im Gegenteil; es müßte mich bekümmern, wenn es nicht so wäre. – Hingegen wieder sie! Diese Herausforderung! Mit einem Gesangverein über Land zu trudeln, nachdem ich meinen Besuch angekündigt! Ohne Frage, der Dame fehlt das Schamgefühl.

«Sie sind doch wahrscheinlich auch musikalisch?» tönte des Statthalters Stimme in seine Gedanken; «oder lieben wenigstens die Musik?»

«Ich glaube, ja; das heißt, ich weiß nicht recht, es kommt darauf an.»

Da schlug drüben vom Kirchturm die Stunde. «Drei Uhr!» entsetzte sich der Statthalter, erschrocken aufspringend, «ich habe mich verplaudert, ich muß schleunigst ins Museum. – Also, nicht wahr, ich zähle darauf, Sie in der Idealia begrüßen zu dürfen?» Reichte ihm hastig die Hand und sputete davon.

Viktor aber zog verstört durch die Gassen. Er mochte sich noch so oft vorsagen: «Viktor, sei froh», es half nichts, er war gedrückt, niedergeschlagen, entmutigt. Was war ihm denn Schlimmes widerfahren? Nicht das mindeste; und trotzdem war er eben niedergeschlagen. Bis er sich draußen vor der Stadt müde gelaufen hatte. Darauf, zu Hause, wie er die Glieder aufs Ruhbett streckte, wurde ihm wieder leichter. «Zur Gesundheit», wünschte ihm sein Körper.

«Danke, Konrad», erwiderte er freundlich. Er pflegte nämlich, weil er mit ihm so gut auskam, seinen Körper kameradschaftlich Konrad zu nennen.

Nachdem er sich sattsam gedehnt hatte, bemerkte er auf dem Tisch ein Brieflein, welches, nach den Naturgesetzen zu schließen, vermutlich schon geraume Weile dort gelegen hatte. Von Frau Steinbach.

«Sie böser Mensch! Frau Direktor Wyß braucht vor niemand die Augen niederzuschlagen. Augenblicklich kommen Sie zu mir, damit ich Sie schelte.»

Gefaßt, in trotziger Stimmung, gehorchte er der Aufforderung.

«Ich wußte gar nicht, daß Sie solch ein unangenehmer Mensch sein können!» überfiel sie ihn. «Da! setzen Sie sich auf die Anklagebank, und lassen Sie sich verhören. Was haben Sie Frau Direktor Wyß vorzuwerfen?»

«Den Ehebruch.»

«Was heißt das, in vernünftige Sprache übersetzt?»

«Das heißt in vernünftiger Sprache – eine Übersetzung braucht es nicht –, daß sie die Ehe gebrochen hat.»

«Jetzt aber, mein Herr, muß ich ernst und scharf mit Ihnen reden; denn es geht um die Ehre einer unbescholtenen Frau. Ich rufe Ihre Wahrhaftigkeit an, der ich fest vertraue, und frage Sie auf Ihr Gewissen: Hat zwischen Ihnen und Theuda Neukomm ein Verlöbnis bestanden?»

Heftig wehrte er ab: «Wohin denken Sie!»

«Oder dann wenigstens etwas, was einem Verlöbnis gleichkam, was Sie zu der Annahme berechtigte – ein Liebesgeständnis? ein bindendes Wort oder Zeichen? ein Kuß? was weiß ich?»

Wiederum verwahrte er sich eifrig: «Nein, nein, nein! Sie sind auf ganz falscher Fährte; es wurden nur wenige und völlig bedeutungslose Worte gewechselt. Ich saß bei Tische neben ihr, wir taten zusammen ein paar Gänge durch den Garten, dann hat sie mir im Saal ein Lied vorgesungen. Weiter nichts.»

«Dann also Briefe?»

«Warum nicht gar! Dazu war ich viel zu ehrfürchtig, auch zu gewissenhaft; sie wiederum zu vorsichtig. Frauen vergessen sich ja nicht schriftlich, das wissen Sie wohl.»

«Ja, was denn? Bitte helfen Sie meinem armen Verstande.»

Da verwandelte sich plötzlich sein Gesicht zu fremdem, tiefernstem Ausdruck, als ob er ein Gespenst erblickte. «Eine persönliche Zusammenkunft in der fernen Stadt», bebte seine Stimme.

«Verzeihen Sie, daß ich Ihnen rund widerspreche: Ich weiß das Gegenteil von Frau Direktor, und Frau Direktor Wyß lügt nicht.»

«Ich ebenfalls nicht! Wenn ich daher sage: ‹eine persönliche Zusammenkunft›, so meine ich natürlich keine körperliche.»

Unwillkürlich rückte sie mit dem Stuhle und starrte ihn an. «Keine körperliche? Sie werden doch hoffentlich nicht etwa – oder wie soll ich das verstehn?»

«Sie verstehen richtig, es handelt sich um eine Zusammenkunft von Seele zu Seele. – Beruhigen Sie sich; ich bin bei gesundem Verstande und gewahre die äußeren Dinge so scharf wie irgendein anderer. Warum machen Sie so ein ungläubiges Gesicht? Meinen Sie vielleicht, man sähe aus einem möblierten Hause minder deutlich als aus einem leeren? Wenn ich daher von einer Erscheinung rede...»

«Sie glauben an Erscheinungen?» klagte sie.

«Wie jedermann, wie zum Beispiel auch Sie. Oder ein Traum, eine Erinnerung, der Nachglanz eines geliebten Antlitzes, das Aufleuchten einer Vision in der Seele eines Künstlers, sind das etwa keine Erscheinungen?»

«Bitte, keine sophistischen Kunststücklein! sprechen wir ernsthaft. Denn bei einer Erinnerung, bei einer künstlerischen Offenbarung bleibt man sich eben bewußt, daß es sich um ein bloßes Phantasiebild handelt.»

«Dessen bleibe ich mir auch bewußt.»

«Gottlob, Sie heilen mich; ich atme auf Sie hatten sich nämlich vorhin so ausgedrückt, daß ich einen Augenblick meinte, Sie wollten ihrer sogenannten Erscheinung bestimmenden Einfluß auf Ihr wirkliches Leben, auf Ihre Handlungen einräumen.»

«Das tue ich auch in der Tat.»

«Nein, das tun Sie nicht!» rief sie verbieterisch, «das können Sie nicht tun!»

Er verbeugte sich: «Verzeihen Sie mir, daß ich mir erlaube, es doch zu tun.»

«Aber das ist ja Wahnsinn!» schrie sie auf.

Er lächelte: «Was soll Wahnsinn sein, bitte was? Daß ich innere Erlebnisse so hoch werte wie äußere? oder vielmehr unendlich höher? Oder daß ich mich von ihnen bestimmen lasse? – Und das Gewissen? und Gott? Ist es etwa auch Wahnsinn, wenn einer sich von seinem Gewissen oder von seinem Gott in seinen Handlungen beeinflussen läßt?»

Sie stutzte einen Augenblick, betroffen, um Antwort verlegen.

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