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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die Maschine stampfte in regelmäßigen Stößen, so daß Viktor, der die Nacht nicht viel geschlafen hatte, unvermerkt einnickte. Da tupfte ihn sein Nachbar auf die Knie, daß er aufschreckte. «Sehen Sie doch», zischelte der Beinlose, «sehen Sie doch den mordsmäßigen Blumenstrauß mitten im Winter, den das feine, vornehme Fräulein dort spazierenführt, vorn bei der zweiten Klasse! Den hat die auch gern, für den sie alle die köstlichen Blumen gekauft hat; sehen Sie, beständig hat sie mit dem Nastuch an den Augen zu schaffen. – Aber wenn er jetzt nicht bald kommt, so kommt er zu spät; der Zug sollte sogar eigentlich schon abgefahren sein. – Bst! still! jetzt kehrt sie um, gegen uns zu: passen Sie auf. – Und Maienblümlein sind auch darunter; man riecht's sogar von hier. – O jerum, du armes Frauelein! sehen Sie, jetzt bei der dritten Klasse, wo sie weiß, daß kein Mensch sie kennt, fängt sie an zu schluchzen.»

Viktor, nachdem er zuerst das Geschwätz ungeduldig mißachtet, schaute schließlich doch hinaus, mechanisch, wider seinen Willen. Eine schlanke und, soviel er in der düsteren Halle zu unterscheiden vermochte, ausnehmend wohlgestalte Dame schritt draußen mit einem Blumenstrauß vorbei, das Gesicht im Taschentuch verborgen, die Schultern vom Weinen geschüttelt. Darob schnitt ihn eine schmerzliche Vergleichung: «Mir – o weh! keine Gefahr! – mir bringt niemand einen Blumenstrauß. O nein! eher eine Handvoll Disteln, wenn sie von meiner Abreise wüßten.» Hiermit wandte er den Kopf ab und rückte in bittern Gedanken vom Fenster weg.

«Einsteigen!» mahnten plötzlich die Rufe der Schaffner. «Endlich!» scholl aus den Fenstern die höhnische Antwort. Wagentüren wurden zugeschmettert, dann wartete ein Weilchen Stille. «Fertig!» Ein schriller Pfiff. – Da wurde hinter ihm die Wagentür aufgerissen; zwischen kalten Luftstrichen hauchte Blumenduft herein – doch nur einen Augenblick, dann schlug die Tür wieder zu. «O nein, Frauelein», lachte der Schreiner der Verschwundenen nach, «der, den du suchst, sitzt nicht in der dritten Klasse. Aber wenn du nicht schnell abspringst, nimmt dich der Zug mit. – Hören Sie die Schaffner, wie sie aufbegehren? Sie sind aber auch in ihrem vollen Recht; denn wenn es einmal ‹Fertig!› geheißen hat, so hat niemand mehr die Abfahrt aufzuhalten, einerlei ob vornehm oder nicht.»

Ein nochmaliger gebieterischer Pfiff des Zugführers; dann rollten die Räder schwerfällig vom Fleck. Erleichtert seufzte Viktor auf «Auf Nimmerwiedersehn!» gelobte er sich, während sein Blick an den Pfeilern der Bahnhofhalle gierig die erlösende Fortbewegung ablas. – «Doch halt! wart! Ist denn das nicht Frau Steinbach, die dort über die Schienen nach der Station zurückeilt, einen Blumenstrauß in der Hand? Ihr Schritt wäre es wenigstens. Wenn sie mir nur einmal das Gesicht zeigte!»

«Alle Fahrkarten vorweisen, alle! – Fahrkarten gefälligst», forderte der Schaffner, die Hand gegen Viktor vorstreckend. Nach Erledigung des leidigen Geschäftes war der Bahnhof entschwunden; und allerlei Straßen rannten von links und rechts dem Zug entgegen. «Nun, Viktor, schenkst du uns denn kein Grüßlein zum Abschied?» riefen die Häuser im Vorbeilaufen.

«Nein», versetzte er trotzig. «Bitte, tut mir den Gefallen: nur keine gleisnerische Schlußakt-Rührszene! Meint ihr, ich sähe nicht auf euren Dächern die Hohnaffen hüpfen und die Spottdrosseln von euren Bäumen grinsen?» Mählich erhellte sich das Düster; Landhäuser, Gärten, Baumreihen entwichen, die einen nach hinten, die andern seitwärts; endlich sprang aus dem freien Feld der lichte Tag in den Wagen.

Jetzt erst erwachte völlig sein Geist. Mit ihm die Erinnerung; mit der Erinnerung der Groll: «Frohlockt! ihr habt gesiegt; ich fliehe, ein Überwundener, Schmachbedeckter. Doch überwunden von wem? Von der Gewöhnlichkeit, von der Sippschaft, von der hölzernen Stumpfherzigkeit.» Zu finsterm Gewölk sammelte sich sein Groll; das Gewölk ballte sich zum Grimm, und der Grimm kochte den Fluch.

Da traf ihn eine Stimme, daß er zusammenschrak: die Stimme der Strengen Herrin.

«Was trägst du, in der Tasche versteckt, Heimliches mit dir fort?» fragte die Stimme.

«Eine Schrift, von welcher niemand weiß, als ich und du allein.»

«Und von wem zeugt diese Schrift?»

«Sie zeugt von dir, gestrenge Herrin.»

«Und wann hast du dieses mein Zeugnis geschrieben?»

«Ich habe den ersten Zug geschrieben jenen Abend, als ich diese unselige Stadt betrat; und den letzten Zug habe ich verwichene Nacht geschrieben.»

«Und was habe ich zu dir gesprochen, verwichene Nacht, nachdem du den letzten Zug geschrieben?»

«Du hast zu mir gesprochen: ‹Ich nehme dein Zeugnis an, und weil du unbeirrt und unbefleckt trotz Pein und Leidenschaft und Torheit getreulich Zeugnis von mir abgelegt hast, will auch ich von dir Zeugnis ablegen: siehe, ich will dich auf den Gipfel des Lebens erhöhen und den widerspenstigen Ruhm der Menschen an den Hörnern zu deinen Füßen zwingen›, so hast du zu mir gesprochen.»

«Ja, so habe ich zu dir gesprochen. Und nun willst du Undankbarer die heilige Spanne Zeit, darinnen du solches errungen hast, mit deinem Fluch verunehren? Merk auf, was ich dir befehle: Stimme die Saiten deiner Seele und singe und frohlocke und segne diese Stadt mit allem, was darinnen ist; und jede Stunde, jedes Vorkommnis, jedes Leid, das dir widerfuhr; von den Menschen angefangen, die dir weh getan, bis zu dem Hunde, der nach dir gebellt hat.»

Traurig gehorchte er; stimmte mit Mühe und Gewalt die Harfe seiner Seele und sang und frohlockte aus seinen Wunden, und sein Gram segnete seufzend alles, was hinter ihm lag, von den Menschen, die ihm unrecht taten, bis zu dem Hunde, der nach ihm bellte.

«Wohl», sprach die Stimme. «Empfange den Lohn deines Gehorsams; schau auf, schau um.»

Und siehe da: draußen vor dem Fenster neben dem Wagen, im Gleichschritt mit dem enteilenden Zuge, sprengte auf weißem Renner Imago; nicht die unechte menschliche Imago, namens Theuda, die Frau des Statthalters, sondern die Wahre, die Stolze, die Seine. Und von ihrer Krankheit war sie jung genesen, und ein fröhlich Siegeskränzlein hatte sie im Haar. «Ich habe auf dich gewartet», lachte sie zum Fenster herein.

Staunend rief er: «Imago, meine Braut, wie mochte das Wunder geschehen, daß du von deiner Trauer genasest? Und zu welches Sieges Feier trägst du das Krönlein im Haar?»

Sie gab ihm die fröhliche Antwort: «Ich sah deine standhafte Treue durch Trübsal und Schmerzen: darob bin ich genesen. Ich sah dich aus den Strudeln der Leidenschaft ohn' einen Makel emportauchen: darob setzte ich mir vor Freuden ein Krönlein ins Haar.»

«Und kannst du mir auch vergeben, Imago, meine hehre Braut, daß ich närrischer, verblendeter Mensch ein sterblich Trugbild mit deiner Hoheit verwechselte?»

Sie lachte: «Deine Tränen haben deine Narrheiten gewaschen.» Nach diesen Worten sprengte sie mit übermütigem Jauchzen voraus, den Zug überholend.

«Urteile jetzt», begehrte die unsichtbare Stimme, «nennst du mich noch eine Strenge Herrin?»

Ergriffen betete seine Seele den Dank: «Heilige Herrin meines Lebens, dein Name lautet ‹Trost und Erbarmen›. Wehe mir, wenn ich dich nicht hätte; wohl mir, daß ich dich habe.»

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