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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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«Ob er's weiß? Diese Frage! Natürlich weiß er's; selbstverständlich weiß er's; selbstverständlich hat sie ihm getreulich jedes Wort, jede Träne, jeden Kniefall hinterbracht. Das war nicht bloß ihr Recht, sondern sogar ihre Pflicht; unterließ sie es, so hätte sie's mit ihrem Gewissen zu tun bekommen.»

Da biß er sich auf die Lippen und senkte die Stirn. Plötzlich gewahrte er einen Gedanken, der schon lange unbeachtet vor ihm gestanden hatte. «Und Sie, Sie selber, gnädige Frau, woher, wenn mir die Frage erlaubt ist, woher wissen Sie das alles so genau?»

«Nun, natürlich von ihr. Sie weiß ja doch, daß ich Ihre nächste Freundin bin; mithin war sie sicher, mir mit der Erzählung Ihrer Demütigung weh zu tun; diesen Genuß wird sie sich doch nicht versagen; das ist einmal unter uns Frauen so Brauch. Und sie hat richtig gezielt! Anhören zu müssen, wie Sie Ihre Würde, Ihren Stolz vergessen, wie ein ernster, bedeutender Mann, an welchen man glauben möchte, Taktlosigkeiten begeht, sich wie ein schmachtender Jüngling zu Kniefällen erniedrigt, das schmeckt bitter. Mehr als einmal war ich auf dem Punkt, Sie zu mahnen; allein ich habe keine Lust, in andrer Leute Wohnung einzubrechen wie eine Salutistin; wer mich geflissentlich meidet, wer mir die Ehre seiner Besuche nicht gönnt, dem will ich mich nicht aufdrängen; auch hatte ich immer noch eine kleine Hoffnung, Sie würden sich schließlich von selber auf Ihren Wert besinnen. Bis ich Ihnen dann heute zufällig begegnete.»

«Also, kurz gesagt, Frau Direktor Wyß in Person hat Ihnen alles und jedes, was zwischen uns unter vier Augen geschah und gesprochen wurde, haarklein mitgeteilt?»

«Kurz gesagt: ja.»

«Und alles auf einmal? oder zu wiederholten Malen? Jeweilen die neueste Zeitung? – Sie schweigen? Dann brauche ich keine weitere Antwort.»

Ihm war, er ersaufe in Schande wie eine Maus im Nachttopf. Die Geschichte seiner selbstlosen, andächtigen Liebe von der Geliebten kolportiert wie ein Feuilletonroman im Stadtblatt; Tag für Tag eine Nummer, «Fortsetzung folgt»! Die Tränen, die ihm das unerträglichste Herzeleid erpreßte, ein heiliges Herzeleid, das weit über der Welt in der Heimat aller Seelen wurzelte, dem nüchternen Urteil Unbeteiligter vorgewiesen, zur verstandesmäßigen Prüfung.

Frau Steinbach aber, da sie ihn so kleingeschlagen sah, gedachte seine Zerknirschung zu benützen, um einen rettenden Willensschluß aus ihm hervorzustrafen. « Also was wollen Sie? was hoffen Sie? worauf warten Sie?»

«Ich warte darauf», antwortete er feindlich, «ob Sie mich nun endlich genügsam erniedrigt zu haben glauben oder ob Sie belieben, mich noch länger zu mißhandeln.»

Betroffen schaute sie ihn an. Er war gänzlich verändert; wie ein fremder, finsterer Dämon starrte er ihr entgegen.

«Oh, sehen Sie mich nicht so an», rief sie schmerzlich. «seien Sie doch nicht ungerecht! ich meine es ja gut mit Ihnen; es geschieht, das wissen Sie doch, aus lauter Freundschaft.»

Allein seine Augen rollten, sein Mund verzerrte sich. Plötzlich war er aufgesprungen, erhob den Arm und rief mit lauter, bebender Stimme, als spräche er in die Ferne: «Wenn ich diese gräßliche Stunde erlebe, wenn ich schimpflich hier stehe wie ein abgestrafter Schulbub, mit Lächerlichkeit übergossen wie ein geprellter Liebhaber am Schluß einer Posse, ein Spielball herzloser Menschen, so erleide ich das, weil ich meinen Fuß auf den Weg zur Größe setzte. Ich hätte es anders haben können: Ruhm und Ehre, Ansehn und Reichtum, Glück und Liebe lagen zu meinen Füßen; ich sah es glänzen, ich brauchte es bloß aufzuheben. Hätte ich's getan, hätte ich als ein Wicht gehandelt, die Niederung vorziehend, ich schwelgte heute in Wonne und Seligkeit, geliebt und umworben; niemand spottete mein, niemand wagte mich zu schmähen, mich zu maßregeln; mit scheuer Ehrerbietung würdet ihr mir heute nahen, die Männer würden sich meine Freundschaft zur Auszeichnung anrechnen, und das unedle Gezücht der Weiber würde mich umbuhlen. Herzlose Menschen! stumpf und fühllos wie das Tier! Siehe da, meine arme Seele überflutet von reiner, heiliger Liebe wie ein brandend Meer, ich begehre zum Entgelt um das Opfer meiner Jugend, meines Lebensglückes nichts als ein winziges, geiziges Tröpflein Liebe für mein durstiges Herz – was sage ich ‹Liebe›, oh, nicht einmal Liebe; nichts als die Erlaubnis, ungestraft lieben und leiden zu dürfen. Und was gebt ihr mir dafür? Spott und Gelächter. Wohlan denn, demütigt mich, nehmt Kübel und Kannen, stürzt eimerweise über meinen Scheitel allen Unrat der Schande, ich werde auch das zu ertragen wissen. Das aber sage ich euch, es wird eine Zeit kommen, wo vor meine Persönlichkeit andersartige Menschen mit ihrem Urteil herantreten werden, Menschen, die ein Herz und Gemüt haben; die werden mir die beschmutzten Wangen mit Ruhm abwaschen, und wenn sie meine Wunden gewahren, werden sie sprechen: ‹Der war kein Narr, sondern er war ein Dulder.› Und meine arme, mißhandelte Liebe, die mir heute zum Verbrechen ausgelegt wird, um deretwillen ich von einer herzlosen Frau genarrt und von einer zweiten herzlosen Frau verunglimpft werde, ich sage euch, manch eine wird dereinst, wenn ich tot bin, in ihrem Herzen sehnlichst wünschen, so geliebt zu werden, wie ich liebte, und jene beneiden, der ein solcher mit solcher Liebe huldigte.»

Kaum hatte er diese Rede gerufen, so erwachte er wieder und war wie zuvor. «Verzeihen Sie mir», bat er trübe, « nicht ich habe das gesagt, sondern das Übermaß des Schmerzes hat es geschrien.» Hiermit schritt er zum Klavier und langte nach seinem Hut.

«Aber es verspottet Sie ja kein Mensch!» klagte sie. «Niemand nennt Ihren Namen anders als mit Wohlwollen und Hochachtung. Und was im besondern Frau Direktor Wyß betrifft, so ist sie Ihnen in warmer Sympathie aufrichtig zugetan und tief betrübt darüber, die unschuldige Ursache zu sein, daß Sie sich ihretwegen so viel unnützes, zweckloses Leid schaffen. – Und mir, mir Herzlosigkeit vorzuwerfen, wie können Sie, lieber Freund, mir das antun! Sagen Sie nicht ‹herzlos›, sagen Sie das mir nicht, sagen Sie das nicht mir!» Es tönte leise und klang doch wie ein Schrei.

Doch seine Sinne waren verschlossen, seine Augen blickten abwesend. Sie umgehend, tat er einige Schritte nach der Tür; dann, sich erinnernd, kehrte er um und verneigte sich. «Gnädige Frau», hub er an, «es bleibt mir noch übrig, Ihnen meinen Dank auszusprechen. Ich finde die Worte nicht; ich kann nur sagen: edle, treue Freundin, Dank, innigen Dank für alles. Und bewahren Sie einem reichlich Bestraften, der wohl manches versehen mochte, aber keinem Menschen etwas Böses wollte, ein nachsichtiges Andenken.»

«Sie reisen?» fragte sie tonlos.

Er nickte. «Morgen früh, so früh als möglich, so früh, als ein Zug abgeht.»

«O Gott!» schrie sie auf. «Und wohin?»

Er zuckte die Achseln. «Weiß ich's? Einerlei.»

«Ach mein lieber, lieber Freund», jammerte ihre Stimme. Und in dem Augenblick, da er ihre Hand erhob, um sie zu küssen, küßte sie die seinige.

Dann riß sie das Fenster auf und spähte in die Nacht. Wie sie den Schatten seiner Gestalt am Gartentürchen wahrnahm, rief sie ihm mit lauter Stimme nach: «Ich glaube an Sie und an Ihre Größe und Ihr Glück.»

Am nächsten Morgen früh, in nebelnasser Dämmerfinsternis, wanderte er, wie beschlossen, reisegerüstet zum Bahnhof, noch nicht völlig aufgewacht, einem Traum nachstaunend, dessen selige Farben bis in die öde Wirklichkeit hereinblühten.

Und, o Schmach! von ihr hatte ihm wieder geträumt, trotz allem. Erst auf dem Bahnhofplatze schaute sein verschlummerter Geist träge um sich. An diesem selben Tage, dessen Beginn ihn jetzt umdämmerte, wird sie ihn heute abend erwarten! «Heute abend», wie das alt ist! Vergangen, ehe nur geschehen. Übrigens nicht das mindeste Gefühl bei dem Gedanken an sie zu spüren, überhaupt keinerlei Abschiedsstimmung, weder Rührung noch Groll, höchstens ein fader Geschmack von Ekel im Gaumen; gleichgültig, wie ein Fremder, verließ er die herbe Heimat.

Ein Schalter war erleuchtet, mit einem Beamtengesicht zwischen dem geöffneten Rahmen. Da können wir also gleich fort. Nachdem er über dem Schalter die Richtung abgelesen hatte, heischte er den Namen irgendeiner fernen Stadt im Auslande.

«Zweiter Klasse?» tönte die Frage.

«Dritter», antwortete er, einem unklaren Bedürfnis folgend; sei es, um sich vor dem Zusammentreffen mit Bekannten zu schützen (die Unwahrscheinlichkeit des Zusammentreffens in dieser Morgenstunde genügte ihm nicht, er wollte gänzlich sicher sein), sei es zum Sinnbild seiner Erniedrigung; es paßte besser zu seiner schimpflichen Flucht: dritte Klasse.

Bei seinem Eintritt in den Wagen bemerkte er gleich auf der ersten Bank, hart neben der Tür, ein freundliches Männlein von bescheidenem Aussehen. «Ein bescheidener Mensch, ein guter Mensch», sagte er sich, «der sei mein Nachbar.» Wie er jedoch sein bißchen Gepäck unterbringen wollte, wehrte das Männlein eifrig ab: «Halt, halt, Herr! dort oben liegen meine Beine.» Nicht gelaunt, heute müßige Späßlein zu enträtseln, stellte Viktor verträglich anderswo ein und nahm dann gleichgültig Platz, sich seitwärts schiebend, um sein Gegenüber nicht an die Knie zu streifen. Das Männlein aber blinzelte schlau: «Herr! wegen meiner Knie brauchen Sie nicht so viel Umstände zu machen; die spüren's nicht, wenn man sie stößt.» Hiermit schlug er eine Decke auseinander, und siehe da, er hatte gar keine Beine! «Die haben sie mir im Spital abgeschnitten», erklärte er schmunzelnd, beinahe stolz. Darauf begann er redselig seine Leidensgeschichte zu erzählen. «Was ich ausgestanden habe, das glaubt kein Mensch», lautete der Kehrreim. Da ging Viktor in sich: «Dem hat's doch noch mehr weh getan!» – «Bürgisser ist mein Name», schloß die Erzählung, «Leonhard Bürgisser von Ötlingen; oder Lienert, wie man bei uns sagt; sonst ein Schreiner.» Nach dieser Auskunft schwieg er befriedigt.

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