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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Ob er ihre Aufforderung wiederzukehren befolgen solle, war für ihn nicht fraglich. Oder fragt sich etwa ein Kranker, der nach unerträglichen Qualen endlich ein schmerzstillendes Mittel verabreicht erhalten hat, ob er das Mittel wieder nehmen wolle oder nicht? Es gibt eben Grade des Schmerzes, wohin Stolz und Scham nicht reichen, wo nur noch der einzige Gedanke gilt: «Hilfe», einerlei womit, gleichviel durch wen. Er hatte die geliebte Stimme, den guten Spruch ihrer barmherzigen Rede gespürt. Was Stimme! was Rede! Mit ihrer eigenen Hand hatte sie sein Antlitz berührt, mit ihrem Arm seine Wange gestreift. Was braucht es da der Überlegung? Dort ist der Trost, das Heil und das Leben; die übrige Welt ist Kram.

Also zog er schon am folgenden Morgen wieder hin, am übernächsten Morgen von neuem und so weiter jedes Tages Morgen. Und jedesmal fand er sie am Nähtisch allein, und immer durfte er ihr sagen, daß er sie liebhabe. O welche Erleichterung! Statt fern von ihr sein Leid in den kalten Tannenwald zu weinen, es einem warmen Menschen, es ihr zu gestehen, es von ihren schönen Augen bescheinen zu lassen, teilnehmende Worte, freundschaftliche Blicke dafür einzutauschen! Und wie man eines Kindes Tränen durch Anblasen und nichtige Sprüchlein stillt, so brachten ihm ihre unbedeutendsten Worte durch den bloßen Ton der ersehnten Stimme Trost und Linderung, so daß er schon bei seinem zweiten Besuche der Tränennot ledig wurde; nicht anders, als ob seiner Wunde der Stachel wäre entzogen worden. Und mit jedem neuen Male nahm die Entzündung ab. «Wir wollen Sie heilen», hatte sie zu ihm gesprochen; es ließ sich wirklich so an.

Bald gelang ihm sogar – in der Tat, er hatte das Talent zum Glück –, daß er aus dem Vorrecht, jeden Morgen mit ihr allein zu wohnen und ihr seine Liebe darzubringen, Zufriedenheit und hiemit Seligkeit schöpfte; denn wenn ihm nichts unleidlich wehe tat, war er immer selig. Und warum sollte er nicht zufrieden sein? Täglich eine Stunde ihrer Gegenwart in Freundschaft und Eintracht, eine Art neuer Parusie auf höherer Stufe, überdies durch ein gemeinschaftliches Geheimnis, das Geheimnis seiner Liebe, mit ihr verbunden – wer von allen Menschen, außer dem einzigen Statthalter, dessen Rechte zu schmälern er ja niemals beabsichtigt hatte, besaß denn so viel? Ob sie ihn nun liebe oder nicht liebe, darum sorgte er sich nicht; ja, es interessierte ihn nicht einmal, da er, der Frühreife, sich schon seit unvordenklichen Zeiten in die Überzeugung eingelebt hatte, daß des Menschen Heil oder Unheil nicht von außen, sondern von innen kommt, und daß der Schein den nämlichen Dienst tut wie die Wahrheit, meist sogar einen besseren. Nicht ihre Liebe bedurfte er, sondern bloß ihre Gegenwart, damit sein durstiges Herz ihren Anblick, ihre Stimme, ihre Gebärden und Bewegungen trinke. Wie er denn von jeher mit Vergnügen ihren Haß und Abscheu angenommen hätte, wenn er sie dafür hätte heimnehmen, gefangenhalten und an die Wand schließen dürfen. «Zapple, schrei, schilt, verwünsch: nur bleib bei mir.»

Von dieser begehrten Gegenwart nun hatte er, ohne Gewalt zu gebrauchen, ohne sie rauben und an die Wand schließen zu müssen, durch ihre friedliche Einwilligung ein kostbares gesichertes Stücklein; das sie ihm auch sorglich aufsparte und behütete, indem sie, solange er bei ihr war, jede Störung barsch beseitigte, jeden Eindringling kurz abfertigte; nicht einmal ihr Bruder wurde vorgelassen. So daß er sich gewissermaßen ein wenig mit ihr verheiratet fühlte; eine heimliche Ehe zwar, doch nur um so süßer.

Durch das trauliche Sonderstündchen gedieh dann allmählich ein kameradschaftlicher Verkehr zwischen ihnen. Seine Liebe, nunmehr als selbstverständlich vorausgesetzt, hatte nicht nötig, immer von neuem ausgesprochen zu werden, sie rückte zur harmonischen Begleitung in die untere Notenlinie hinab, zwar die Stimmung beherrschend, aber Raum für andere Gespräche und Unterhaltungen freilassend, die dann oben im Diskant wie durchgehende Noten nach Laune und Belieben schalteten. Sie konnten wie Bruder und Schwester miteinander plaudern, Kunstblätter betrachten, vierhändig Klavier spielen «(ich hatte gemeint, Sie wären unmusikalisch!»); oder sie erzählte ihm von ihren Mädchenjahren, besprach mit ihm die Zukunft ihres Kindes, zeigte ihm die Räume und Einrichtungen ihrer Wohnung. Sogar zu Neckereien fanden sie die Unbefangenheit.

«Das also ist die böse Frau, die einem so grausam weh getan hat», lächelte er.

«Huhu!» drohte sie, zog eine grimmige Miene und krallte die Finger.

«Laß sehen, zeigen Sie», scherzte er ein andermal, «schauen Sie mich, bitte, wieder einmal so feindselig an wie einst.»

«Das kann ich jetzt nicht mehr», lehnte sie ab, einfach, wahr und gut.

Als er einmal eine Nadel, die ihr entfallen war, blitzschnell vom Boden aufhob, nannte sie ihn «Herr von Wolzogen». – «Frau von Stein», erwiderte er, sich verbeugend.

Wenn er beim Klavierspielen heimtückisch ihren kleinen Finger unabsichtlich berührte, patschte sie ihm auf die Hand; wenn er im Gespräch einen unliebsamen Kraftspruch äußerte, auf den Arm. Eines Morgens überfiel sie ihn mit einem Panthersprung aus dem Hinterhalt und würgte ihn herzhaft. «Ihr Namenstag heute», erklärte sie dem Verdutzten.

Nur ein einziges Bedenken schaffte ihm dann und wann etwas Unbehagen: wo bleibt denn bei alledem Freund Statthalter? warum ist der niemals sichtbar? wieso gelingt uns Tag für Tag das trauliche Alleinsein, obwohl zuweilen oben in der Studierstube ein Stiefel scharrt und Tabakrauch wie ein warnendes Orakel durch die Ritzen qualmt? Das Geheimtun, welches seinem Herzen süß schmeckte, wollte, wenn schon nichts Böses geschah, seinem Gewissen nicht recht munden. Andererseits konnte er doch auch nicht oben an der Studierstube anklopfen und Meldung abstatten: «Herr Direktor, wissen Sie das Neueste? Ich habe nämlich die Ehre, Ihre Frau Gemahlin ergebenst zu lieben; Sie können übrigens ruhig auf beiden Ohren schlafen; denn wir sind unschuldig wie zwei Osterlämmer, ein weißes und ein schwarzes.» Nein, gegen eine solche Biederei empörte sich sein Geschmack. Es gibt eben Dinge, die, obgleich sie nicht böse, vielmehr hoch und edel sind, dennoch die Geheimhaltung verlangen; deswegen, weil sie durch die bloße Kenntnis eines Dritten entweiht würden. «Und schließlich, das geht sie an, nicht mich; er ist ja ihr Ehemann, nicht meiner. Also, wenn ihr Gewissen es erträgt...»

Nachdem das so einige Wochen zwei gedauert hatte, wurde ihr Benehmen anders, nämlich undeutlich, wechselvoll, gegensätzlich; nie fand er sie so wieder, wie er sie tags zuvor verlassen hatte. Zunächst überraschten ihn Rückfälle in ihr altes Mißtrauen; offenbar waren Einflüsterungen geschäftig; vermutlich von Freundinnen, vielleicht auch von Neidern und Eifersüchtigen.

«Wenn es in Dur nicht gegangen ist, versucht man's in Moll», warf sie ihm einmal ohne jeden Anlaß hin, anzüglich, mit gescheitem Blick. Sie war demnach geneigt, wenigstens in diesem Augenblick, das wahnsinnige Herzeleid, das ihn zu ihren Füßen geworfen, für gespielt, für einen abgefeimten Schachzug zu halten!

Ein anderes Mal, als er von ihrer ersten Begegnung, also von der Parusie, erzählte, verlief folgende Rede:

«Sagen Sie mir aufrichtig», fragte er, «haben Sie mich eigentlich damals geliebt, oder haben Sie mich nicht geliebt?»

Sie schüttelte den Kopf. «Ich hielt Sie für falsch.»

«Wie kamen Sie auf diesen abenteuerlichen Gedanken?»

«Weil Sie mir so viele übertriebene Schmeicheleien sagten.»

«Ich sagte Ihnen niemals eine einzige Schmeichelei; ich sagte bloß, daß Sie unbeschreiblich schön seien und daß ich Sie wie ein Symbol der Gottheit verehre.»

«Nun ja eben: solcher abgeschmackter, süßer Schnickschnack. Das mag bei eitlen, inhaltlosen Modedämchen seinen Dienst tun, bei mir nicht.»

«Und jetzt?» lachte er, «halten Sie mich etwa noch für falsch, da ich Sie nach wie vor unbeschreiblich schön finde und heute mehr als je als ein Symbol der Gottheit verehre?»

«Hm?» zweifelte sie mit mißtrauischem Blick, «manchmal nein, manchmal ja.»

Er begriff und entschuldigte: Germania, der es nicht in den Kopf will, ein «Wüstling» könnte einer echten Liebe fähig sein. Ja, sie glaubte noch immer nicht an die Wahrheit und Reinheit seiner Liebe; das verriet ihm mancher Zug ihres Benehmens. So konnte sie zum Beispiel mitten im Gespräch das Kind aus der Wiege holen, es auf den Schoß setzen und wie einen schützenden Schild vorhalten. Oder sie stand bei seiner Ankunft abwehrend unter der Tür, mit ausgebreiteten Armen den Zugang versperrend. «Wolf, komm mir nicht in mein Hürdlein», drohten ihre Augen. Ließ ihn übrigens dann doch ein.

Andere Male wieder rührte sich Eva in ihr. Blieb er einen Tag aus, so forderte sie Gründe, heischte Rechtfertigung. Hatte er sich auf der Straße im Gespräch mit einer andern Dame betreffen lassen, so hielt sie ihm das vor, scheinbar in scherzhafter Meinung, doch mit der Stimme der Empfindlichkeit. «Sie werden sich auch verheiraten wie jeder andere», warf sie ihm etwa vor, in bitterm, fast verächtlichem Ton, als beging er hiemit eine kränkende, niedere Handlung.

Mitunter mochte ihn Eva auch plagen. Warum denn nicht? Benütz die schöne Jugendzeit; noch ein paar kurze, flüchtige Jährchen, ach Gott, und du kannst niemand mehr plagen.

In dieser frommen Absicht redete sie so oft wie möglich von ihrem Manne, natürlich im harmlosesten Ton; zeigte ihm ihre neueste Photographie: «Für meinen Mann zum Geburtstag»; oder sie phantasierte von der Zukunft «unseres» Buben, wenn «wir beide» einmal alt sein werden.

«Welche beide?» fragte er.

«Nun, natürlich mein Mann und ich. Wer sonst?»

Unmerklich hatte sich jedoch ihrem Sonderbund ein Dritter zugesellt: ihr Büblein, der kleine Kurt. War es, weil sich Viktor hin und wieder gnädig mit ihm einließ, der Mutter zuliebe? oder war es im Gegenteil, weil er das überflüssige Wesen anfänglich gar nicht beachtet hatte? Sei es, was es wolle, das kleine Geschöpflein hängte sein Herzchen an Viktor, ihm wie einem Vater entgegenwankend, aber einem Vater ohne Erziehungstücken, der einem niemals etwas verbietet, der nie böse wird, der immer freundlich dreinschaut. Wenn dann die zwei miteinander spielten, Viktor und der kleine Kurt, hielt sich die Mutter geflissentlich abseits, über den Stickrahmen gebeugt, viertelstundenlang stillschweigend, wie absichtlich sich in Vergessenheit hüllend, schaute von Zeit zu Zeit mit einem tiefen Atemzuge auf, und sooft sie aufschaute, glänzte ihr Auge von innerem seelischem Lichte. Es schwebte wie Andacht über der Gegenwart, wie Segen über den drei Menschen.

Unversehens, ohne den mindesten Anlaß, empfing sie ihn eines Morgens feindselig, ja geradezu brutal. «Wann reisen Sie wieder ab?» lautete ihr barscher Gruß.

«Warum? Würde Ihnen etwa meine Abreise erwünscht sein?»

«Ja.»

«Sie tun mir weh.»

«Sie mir auch.»

«Ich? – Ihnen?»

«Ja. Indem Sie mir Sachen sagten, die ich nicht hören darf und die Sie nicht sagen sollen.»

«Die ich auch nicht sagen wollte, aber sagen mußte.»

«Man muß nie, was man nicht soll.»

«Die Natur kennt das Zeitwort sollen nicht; das stammt aus der Sozialgrammatik der Menschen. Übrigens, wenn Sie wirklich wünschen, daß ich abreise, so geschieht es; ein Wort von Ihnen genügt. Also, bitte, wie lautet Ihr Befehl? Wollen Sie, daß ich abreise? Morgen? Oder heute noch?»

Sie sah ihn eine Weile finster an; dann wurde sie unruhig, stellte sich ans Fenster und kehrte ihm den Rücken. Er, wie von einem Magnet angezogen, trat von hinten neben sie und berührte sachte einen Finger ihrer nachlässig herabhängenden Hand, die sie bei der Berührung nicht wegzog. Hiermit waren beide Körper verbunden, und es lief wie eine Strömung hinüber und herüber, davor sie bebte und zuckte. Gab es keine seelische Magie, so gibt es doch sicher eine leibliche.

Ein Gedanke stürmte gegen ihn, begleitet von Fanfaren und Glockenspiel: «Jetzt», hetzte der Gedanke. «Jetzt! Sonst bist du lächerlich; lächerlich auf ewig.»

«Wohlan, seien wir lächerlich», erwiderte er fest und gab ihre Hand frei.

Da platzte in seinem Innern ein schallendes Hohngelächter: «Tugendheld! Tugendheld!»

Verächtlich über die Achsel blickend, gab er zurück: «Ehebruch-Pedanten!»

Ein gefährlicher Boden! Und ziellose Pfade! Wohin die junge Seligkeit wohl taumeln mag? Wird sie, kann sie überhaupt währen? Müßige Fragen; seine Aufgabe war es jedenfalls nicht, der Seligkeit ein Bein zu stellen.

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