Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Carl Spitteler: Imago - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
Schließen

Navigation:

Konvulsionen und Illusionen

Inzwischen waren die Winterfeiertage angekommen, Weihnacht mit ihrem schnellen Sprung, hernach der langsam daherkriechende Silvester. Selbstverständlich hielt er sich überall fern; denn ohnehin kein Freund von Familienrührseligkeiten und Kalenderhumanitäten «(muhen das ganze Jahr fühllos aneinander vorbei und bimmeln in der Neujahrsnacht Bruder Lieblich»), brauchte er gegenwärtig wahrlich keine Wachskerzen, um zu wissen, was Wehmut ist.

Dagegen die üblichen Höflichkeitsbesuche am Neujahrsmorgen durfte er anständigerweise nicht unterlassen. So machte er denn geziemlich die Runde, wobei er die schwierigsten Gänge, den zu Frau Steinbach und den zu Direktors, ans Ende schob.

Nicht wohl war ihm zumut, wie er in dem trauten Gartenhaus der Frau Steinbach die Treppe hinaufstieg. «ohne Anzüglichkeiten», mußte er sich sagen, «oder zum mindesten vorwurfsvolle Mienen werde ich schwerlich abkommen.» Allein nichts von alledem; mit unbefangener Freundlichkeit, als wäre er gestern hier gewesen und nicht ein Vierteljahr weggeblieben, empfing sie ihn, höchstens etwas zurückhaltender als früher.

«Ich habe in der Silvesternacht», berichtete sie lächelnd, «Ihre Zukunft ausgekundschaftet; Sie wissen, mit geschmolzenem Blei im Wasser. Aberglaube, zugegeben; immerhin, wenn das Orakel günstig lautet, so mag man ihm gerne Glauben schenken. Und was das Orakel mir von Ihnen erzählt hat, das glaube ich wirklich. Nämlich Sie werden einmal eine liebe, treue Frau bekommen, anspruchslos und selbstlos, jung und anmutig, die Ihnen von ganzem Herzen zugetan ist und Ihnen das Leben zur Freude macht; dazu ein paar liebe, gute, schnupperige, kußliche Kinder – kurz, Sie werden glücklich sein.»

«Ich? glücklich sein?» wiederholte er, tieftraurig.

«Ja, glücklich. Und zwar so glücklich, wie ein Mensch auf Erden nur sein kann, ob Sie es schon vielleicht in diesem Augenblick nicht glauben; ich fühle es, ich weiß es, Sie werden glücklich sein, denn Sie haben das Talent zum Glück. Und wissen Sie, was ich tue? Ich liebe Ihre künftige Frau schon jetzt, ohne sie zu kennen. Ob ich's erlebe, kann ich nicht wissen; ich hoffe es, es wäre meine schönste Stunde. Sollte es nicht sein dürfen, so grüßen Sie mir Ihre liebe Braut herzlich von mir, und sagen Sie ihr, daß ich sie innig segne für alles Zarte und Gute, das sie Ihnen antun wird.»

«Seine Frau, seine Braut», was für Worte, was für Vorstellungen! Und mit Traurigkeit getränkt, zog er verstört weiter, zu Direktors.

Er traf sie im Empfangszimmer, das Kind auf dem Schoß, freudig erregt von Festtagen, Geschenken und Besuchern. Treuherzig, ein bißchen nachlässig, bot sie ihm die Hand mit dem üblichen Neujahrsgruß: «Ich wünsche Ihnen recht viel Glück und Gesundheit zum neuen Jahr und alles Gute.»

Das sagte sie! sie wünschte ihm Glück! Von einem jähen Schwall von trostlosem Weh überwältigt, verließ er ohne Gegengruß noch Abschied das Zimmer («entschieden ein komischer Mensch, der Viktor»), stürzte durch die Seitengassen, hernach durch die Vorstadt – o die unendliche Stadt, die zahllosen Menschen, die neugierigen Blicke! –, dem rettenden Walde zu. Doch er gelangte nicht bis zum Walde; denn kaum daß er von ferne den Saum der gastlichen Tannen gewahrte, riß es ihn zu Boden, mitten in den Schnee, eine Beute unsinniger Schluchzer. Da galt keine Überwindung, keine Scham; so wie einer, der Arsenik im Leibe hat, im dichtesten Menschengewühl hinstürzt und sich in Krämpfen windet, ob er schon weiß, das schickt sich nicht, so mußte er die Schluchzer geschehen lassen. «Ich bin nämlich auch noch da», erwiderte sein Körper. «Dem ist jemand gestorben», hörte er eine vorübergehende Bauernfrau mitleidig sagen.

Seit diesem Augenblick war es, als ob ein Strom einen Dammbruch entdeckt hätte und schösse fortan seine Wogen durch die Bresche. Sein ganzes Sehnsuchtweh flutete ihm nunmehr durch die Augen, er lebte nur noch in Tränen oder in Furcht vor den Tränen. Denn in jähen Anfällen übernahm ihn der Tränenkrampf, ohne jede Warnung; und der mindeste Reiz genügte ihm: ein Glockenklang, ein Ton Musik, der Anblick eines Weges, den sie einmal geschritten, der Zug einer Wolke, welche von Kindheit und Heimat erzählte; ähnlich wie das bloße Summen einer Fliege hinreicht, um den Starrkrampf des Tetanuskranken auszulösen. Oh, wo ist eine Stelle, dahin ein Mensch flüchtet, um unbeobachtet und ungetröstet zu weinen? Warum umfriedigt der Staat nicht heilige Stätten für die Traurigen, unnahbar der Neugier? Man besitzt so viele unnütze Rechte, warum nicht das Recht auf Tränen?

In den Pausen der Anfälle fühlte er sich weich gemütet wie ein Genesender; nach guten Menschengesichtern verlangend, aber nach fremden, die ihm noch keinerlei Leid zugefügt; dankbar für einen Gruß, für ein gleichgültiges Wort, dankbar schon dafür, daß jemand an ihm vorüberzog, ohne ihm wehe zu tun. Deshalb mied er seine Bekannten, suchte dagegen Versammlungen, also zum Beispiel Wirtshäuser auf, denn der Anblick volkstümlicher Bewegung, die seiner nicht achtete, das Geräusch menschlicher Reden, die ihm nicht galten, tat ihm wohl.

Freilich verrechnete er sich dabei etwas, indem er dort, wo er Hinterdörfler suchte, auf einen Bekannten stieß. So tauchte einmal in der «Bierhalle Dreher» plötzlich der Statthalter vor ihm auf, nötigte ihn neben sich und stellte ihm einen fremden Herrn vor, «Doktor Eduard Weber, Ethiker». Kaum hatte der Statthalter das Wort «Ethiker» ausgesprochen, so geschah dem Viktor eine neue Nervenüberraschung: ein Lachkrampf. So gewaltsam, so unwiderstehlich überfiel er ihn, daß er vor Lachen laut aufjauchzen mußte, mitten unter den vielen Leuten. Und statt sich zu beruhigen, kamen die Stöße immer heftiger. «Und Eduard heißt er auch noch.» – «Und hast du das harmonische Weltbesänftigungsgesicht gesehen?» Es blieb ihm nichts übrig, als lachschreiend auf die Straße zu fliehen, während auf seiner Spur alle Welt, vom Gelächter angesteckt, fröhliche Gesichter zog. «Der ist aber lustig.» Und als er am nächsten Tage sich reumütig aufmachte, um dem Herrn sein aufrichtiges Bedauern auszusprechen, und bereits die Klingel ziehen wollte, geschah ihm, nur weil ihm auf dem Namensschild wieder das unglückliche Wort «Ethiker» entgegenjauchzte, der Anfall von neuem. Dreimal flüchtete er, dreimal zwang er sich ernst und entschlossen zurück; es half nichts, das fatale Zauberwort ließ ihn nicht über die Schwelle.

Und einmal angefangen, ging es ihm mit den Lachkrämpfen wie mit den Tränenkrämpfen; sie hatten den Weg gefunden, darum benutzten sie ihn. Und auch ihnen war der nichtsnutzigste Vorwand recht. Er sah ein Huhn Wasser trinken; dabei schob dieses die untern Augenlider hinauf und warf den Kopf zurück; Ergebnis: ein laut aufstöhnendes Gelächter. Er las in einem Buche, an einem Wirtstische wären drei Müller gewesen; darüber jubelndes Lachschluchzen; man denke doch: drei weiße Müller nebeneinander!

«Ach Konrad, wie springst du mit deinem Viktor um!»

«Ja, aber was hast du mir auch seit vier Monaten alles zugemutet.»

Eines Morgens, es war etwas vor elf Uhr, schoß ein leuchtender Gedanke vor seinen Augen auf, steil wie eine Rakete: «Da doch Güte deinem Herzen so wohl tut, warum begibst du dich nicht einfach zu ihr, dem Quell der Güte? Der Arzt, der dir wehe getan hat, wird dich heilen. – Tu nicht so ungebärdig! Was besorgst du? wen fürchtest du? Sie? Von guten Menschen geschieht einem nichts Böses. Dich? Ach Gott, du bist jetzt so gering, so anspruchslos geworden! Versuch's; es ist doch kein so gefährliches Wagnis, einer Dame, mit welcher man befreundet ist, einen Besuch abzustatten; du bist ja schon oft dort gewesen, ohne daß sie dir den Kopf abgebissen hat. Und warum nicht ebensogut heute als morgen? Oder hast du einen Grund, morgen vorzuziehen?»

«Das nicht. Heute oder morgen, das käme ganz auf das gleiche heraus.»

«Wenn du jedoch heute gehen willst, so darfst du nicht säumen; es ist gerade die richtige Besuchszeit,»

«Du bist ein gescheiter Gedanke. Nur laß mich zuerst gründlich nachsehen, ob auch alles inwendig im Gleichgewicht ist, damit mir nicht am Ende wieder der Konrad mit seinen Nervenkünsten eine Überraschung spielt.»

Er prüfte sich. Rundum Ruhe, im Blut und in den Nerven; nirgends etwas Verdächtiges. Also ging er ohne weiteres zu ihr.

Sie saß allein im Zimmer, am Nähtisch. Kaum erblickte er sie, so funkelten alle Gegenstände wie durch Kristall geschaut, hierauf begannen sie zu schwanken und sich zu drehen, immer schneller; dann wußte er nichts mehr, als daß er zu ihren Füßen kniete, in einer Sturmflut von Tränen, ungestüm ihre Hand küssend. Darüber erschrocken, schnellte er tief beschämt empor, im Begriff davonzustürzen.

Sie aber erfaßte mit barmherziger Güte seinen Arm: «Wohin eilen Sie? was wollen Sie beginnen?»

Er stöhnte: «Weiß ich's? Mich irgendwo in einer Waldhöhle zu Tode schämen.»

«So dürfen Sie nicht fort; kommen Sie, ich will Ihnen die Augen waschen.» Und führte ihn ins Schlafzimmer. «Ich wußte von nichts», besänftigte ihre Stimme, «ich hatte keine Ahnung, wenigstens nicht, daß es so tief gehe. Habe ich mir vielleicht etwas zuschulden kommen lassen?»

Er schüttelte den Kopf, der Rede nicht mächtig, und ließ die Augenwaschung willenlos wie eine Operation über sich ergehen. «Welche Schmach!» stöhnte er von Zeit zu Zeit, «welche Schande!»

«Es ist doch keine Schande, jemand liebzuhaben!» tröstete sie, «man kann ja doch nichts dafür. Oder bin ich denn so schlecht, daß es eine Schande wäre, wenn man mich liebhat?»

Da biß er sich die Lippen bis aufs Blut.

Darüber war das Kind in der Wiege aufgewacht, richtete sich auf und schaute neugierig zu. Die Mutter holte es aus dem Bette. «Siehst du», sagte sie zu ihm, «da steht ein armer Mann, dem etwas furchtbar wehe tut. Allein niemand hat ihm etwas zuleid getan, niemand will ihm etwas Böses; er tut sich nur selber weh, weil er sich in seiner Phantasie Dinge vormalt, welche nicht da sind. – Gelt, Sie versprechen mir, daß Sie nichts Übereiltes begehen?» mahnte sie zum Abschied. «Falls Sie mich wirklich gern haben, so müssen Sie mir das versprechen; ich will es, ich verlange es. Kommen Sie lieber wieder zu uns, wir wollen Sie heilen; wenn Sie mich genauer kennenlernen, werden Sie bald genug selber sehen, daß ich durchaus nichts so Kostbares, Unersetzliches bin, wie Sie sich einbilden.»

«Ihr meine Liebe verraten!» klagte er auf dem Heimwege, «das heißt: mich ihr wehrlos überliefert! Summa: alles verloren! Wie ein lyrischer Apothekergehilfe, wie ein Romanwicht habe ich mich aufgeführt. Tränen, Handkuß, Kniefall, keine Art von Lächerlichkeit hat gefehlt. Bin ich das gewesen? O Konrad! Konrad! Und dieses Mitleid! dieses barmherzige Trösten! Was in aller Welt soll ich nun beginnen?»

«Nichts», erwiderte sein Verstand. «Nur gesund bleiben, alles übrige richtet sich später wieder ein.»

«Aber die Demütigung, die Erniedrigung!»

«Wenn es keine größere Erniedrigung gäbe, als der Liebe zu unterliegen!»

Der Verstand mochte schon recht haben. Auch war die Sache nun einmal geschehen. Also ließ er's laufen, wohin es dem Konrad beliebte. Hatte sie nicht gesagt: «Wir wollen Sie heilen, kommen Sie nur wieder zu uns»?

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.