Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Carl Spitteler: Imago - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
Schließen

Navigation:

Freilich, selbst die schärfste Arbeit bringt Pausen; oder sie hört auch einfach auf, abends in müdem Zustande. In solchen Stunden kamen die Überfälle zahlreicher und gefährlicher. Auf der Bibliothek standen, ordentlich gereiht, sämtliche Jahrgänge einer Monatsschrift; während er sorglos darin blätterte, schreckte er plötzlich zurück, wie von einer Schlange gebissen: einer der Bände trug nämlich die Jahreszahl der Parusie; so daß er künftig jeder Zeitschriftensammlung in weitem Bogen auswich.

Er kam an einer Frauenkleiderhandlung vorüber. Im Schaufenster prangte ein weißer Rock mit grünen Knöpfen. O sengender Sonnenstich der Erinnerung! Sie hatte in der Parusie einen weißen Rock und einen weißen Gürtel, mit grünen und goldenen Fäden gewirkt.

Und ähnliches. Unter den scheinbar harmlosesten Gegenständen lauerten Skorpione. Dieser Kamm scheint doch unschuldig, nicht wahr? und dieses Papiermesser auch? Eitel Tücke und Gleisnerei! denn diesen Kamm hatte er sich zwei Wochen vor der Parusie gekauft! das Papiermesser das Jahr darauf während der «fliegenden Hochzeit». Und jedesmal schrie das getroffene Herz auf: «Es kann, es darf ja nicht sein; es ist ja ganz und gar unmöglich.» – «Tatata!» mahnte der Verstand, «keine Gaukeleien! Es ist; folglich wird es wohl möglich sein.» Und schleunig duckte er die winselnde Hoffnung.

Immerhin, von Stunde zu Stunde tapfer kämpfend, kam er über die Tage leidlich hinweg; meistens siegreich, zuweilen unentschieden, niemals geschlagen.

Aber die Nächte! Wo im Traum das tagsüber unterdrückte, doch keineswegs vernichtete Heimweh seiner Seele, nun nicht mehr von Arbeit, Wille und Verstand gebändigt, freiledig emporstieg, wie die Dampfsäule aus einem siedenden Kessel, nachdem der Deckel abgehoben worden! Keine Nacht ohne Traum, und kein Traum ohne sie. Und unfehlbar vermählte ihn der Traum mit ihr, behauptend: «Ich bin die Wahrheit, das Gegenteil ist Trug und Täuschung.» Und nicht vereinzelt dichteten die Träume, jeder für sich ein besonderes Ganzes darstellend, heute dieser Traum, morgen ein anderer; nein, der Traum der jeweiligen Nacht bezog sich rückwärts auf die Träume der vorangegangenen Nächte wie eine Romanerzählung auf die früheren Kapitel; seine Träume bildeten Kette. So daß er ein förmliches Doppelleben führte: nachts, herzlich mit ihr vereint, von ihrem Lächeln beleuchtet, von ihrem Liebesblick besonnt, mit ihr plaudernd und kosend, ein Leben voll süßer, goldener Seligkeit; tags ein hoffnungsloses Schmerzensdasein in der Trübsal uferloser Verdammnis. Oh, wozu erwachen! Daß doch niemals die Enttäuschung einsetzte! daß der wonnige Traumwahn auch den Tag tröstete!

«Wenn's nur das ist», meinte die Phantasie, «dem ist bald abgeholfen.» Und eins, zwei, ohne seine Einwilligung abzuwarten, hatte sie den Guckkasten aufgerichtet und die Vorstellung begonnen: Unmöglichkeiten, auf Lügenfüßen stehend, immerhin denkbare Unmöglichkeiten, wofern man von den Lügenfüßen absah.

Eine demütige Greisin hielt auf seiner Schwelle; dahin die Schönheit, zerstoben die Freunde und Anbeter, das erloschene Auge um ein Liebesalmosen bettelnd. «Auch du, natürlich», klagte ihr Blick, «nun ich alt und häßlich bin, kennst mich nicht mehr.»

Er aber rief. «Theuda, meine Braut, umsonst, daß du dich bemühst, die ewige Jugend deiner Schönheit unter der entliehenen Maske des Alters zu verhehlen; denn sie verrät der Glanz der Parusie, der dich umstrahlt. Doch warum stehst du demütigen Blickes auf der Schwelle? Sieh, ich beuge vor deiner Hoheit ehrfürchtig die Knie.»

Ihm antwortete Theuda: «O Wunder der Gnade! Heute, da ich alt und häßlich bin, wird mir aus einem einzigen Herzen der Liebe mehr, als mir von allen Menschen zusammen in meinem ganzen Leben geworden.»

«Gelt?» lachte die Phantasie, «das gefällt dir?» Und fuhr fort zu spielen.

Im Krankenbett sah er sie liegen, von Beulen entstellt, von den Nächsten verlassen, ein Ekel den Menschen. Er aber nahte ihr andächtig wie einem Altar.

«Das ist hingegen kein schönes Bild», tadelte er die Phantasie.

«Soll auch keines sein, denn das ist ja eben das Schöne daran, daß deine Liebe sogar den Ekel übermag. Doch wart, ich habe noch etwas.» Und fuhr fort zu spielen.

Eine Lasterhafte schaute er, von der Welt verurteilt, verstoßen, verspien; dem Trunk ergeben, im Rausch auf dem Boden sich wälzend.

«Pfui!» schalt Viktor entrüstet, «pack auf! was für eine sträfliche, hirntolle Vorstellung! Sie, die Züchtige, die Reine, die Hohe!»

«Aber wenn?» zischelte die Phantasie, «wenn? Sag ehrlich, was würdest du in diesem Falle tun? Würdest du, würdest du sie mit dem Fuß fortstoßen? würdest du das? Du schweigst? Schon gut, ich weiß jetzt genug. Übrigens hab' ich auch allerlei in anderm Stil. Vielleicht ein durchsichtiges Kartenspiel gefällig? Nicht? Schade, da hast du unrecht, es sind wunderhübsche Sächelein darunter. Dann also vermutlich lieber etwas Ernstes? Ja? im Augenblick.»

Und zeigte sie ihm als Witwe im Trauerkleide.

Da warf er ihr in jähem Zorn den Guckkasten über den Kopf Mußte er sie indessen wahnwitzig lieben, daß seine Phantasie sich getraute, ihm solche Unbilder zu bieten!

Die Erinnerung, daß es einst seiner Willkür anheimgestellt gewesen, statt der gegenwärtigen Hölle den Himmel einzutauschen, daß sechs lange Monate das Glück geduldig vor seiner Tür auf- und abwandelte, seiner Erlaubnis gewärtig, die Erwägung, daß er nicht allein ihre huldreiche Gewogenheit, die ihm jetzt als der unerreichbare Gipfel der Gnade erschien, sondern in atemstickendem Reichtum ihre gesamte Person, Leib, Liebe und Leben mit einem einzigen Wort hätte erwerben können, prägte seine Qual mit tragischem Stempel. Hart an der Reue streifte die Erinnerung vorbei, berührte sie jedoch nicht, auch nicht einen Augenblick. Wohl ihm! denn bereute er, so rettete ihn nichts vor Verzweiflung. Nein, er bereute nicht, ob ihm schon die Sehnsucht das Herz wie mit Zangen zerrte. Deshalb fühlte er sich auch beim kläglichsten Geschrei seines Herzens gar nicht einmal unglücklich. Es glänzte etwas wie Glorie um sein Weh; ähnlich der Glorie des Märtyrers, dessen Mund zwar während der Folter jammert, dessen Glieder sich gegen den Henker sträuben, der aber selber zur nämlichen Zeit freudig seinen Gott bekennt. Darob erhöhte sich sein Gefühl zur Passion; seine Seele schritt auf dem Kothurn, sein Geist wogte rhythmisch; der Blick seines Auges, dem der tragische Schmerz jede Träne verweigerte, ward ekstatisch, in solchem Grade, daß eines Tages ein Augenarzt ihn auf offener Straße anhielt, mit dem Gesuch, die erstaunliche Merkwürdigkeit beglaubigen zu dürfen.

Allein, wo Ekstase gedeiht, wächst auch die Anfechtung. Auch ihm widerfuhr sie, die Stunde der Anfechtung.

Direktors feierten in diesen Tagen den Geburtstag ihres Bübleins, des kleinen Kurt; und Viktor, ob er schon sonst zu keinem Menschen mehr zu bewegen war («ein komischer Mensch! kaum, daß man gemeint hatte, es wäre alles gut, spielt er wieder den Einsiedler!»), erachtete es für richtig, bei diesem Anlaß nicht zu fehlen; aus Geschmacksgründen. Irgendein allegorisches Anspiel, vom andern Kurt, dem Ohm und Paten des Geburtstagkindes, ersonnen (dieser geniale Mensch nämlich schüttelte nur so aus dem Ärmel, wozu andere Wochen und Monate brauchen), wurde aufgeführt, worin der Mutter, also der Frau Direktor, die Rolle einer Fee zukam, so daß sie ihre nichtsnutzigen Verslein im weißen Gewande sprach, mit zwei mächtigen Flügeln behaftet, die schwarzen Locken aufgelöst, auf dem Scheitel ein flittergoldnes Krönlein. Schon während der Aufführung, angesichts der hehren Erscheinung im Himmelsgewande, nahm sich sein Herz meuterische Bemerkungen heraus: «Da sieh, du Tropf, du Ehefeigling, was du verscherzt hast.» Wie dann nach Beendigung des Stückes Theuda im Feenkleide verbleiben mochte, also daß Göttin und Menschenweib, Rolle und Wirklichkeit, durcheinanderspielten und das Kind herumgereicht wurde und weihevoller Friede von der Stirn der beglückten Mutter leuchtete, Ort und Stunde und alle Anwesenheit mit Huld und Güte segnend, da begann sein Herz einen solchen unsinnigen, unbändigen Aufruhr wie nie zuvor in seinem ganzen Leben: «Und wenn alle Götter des Himmels und alle Religionen der Erde und sämtliche Pflichten, Erhabenheiten und Weisheiten vereint auf mich einschrien, ich behaupte ihnen ins Gesicht: es gibt im Weltall keinen Wert, der den Besitz der Geliebten aufwöge, und keinen Lohn im Himmel und auf Erden, der für den Verlust dieses Kleinods entschädigte. Wer diesen Preis hätte haben können und hat ihn verschmäht, und wäre es auf Geheiß des allmächtigen Gottes in Person, der ist kein Märtyrer, kein Held, sondern er ist einfach ein Narr. Recht und billig, daß dich der Fluch der Verdammnis zermalmt.»

Da eilte er heim auf sein Zimmer und rief in seiner Not seine Strenge Frau an, nicht anders als wie der Gläubige seinen Gott.

«Hilfe!» stöhnte er, «ich vermag's nicht mehr allein. Die Freundin, die du mir verlobtest, deine Tochter, die du mir vermähltest, mit feierlichem Spruch uns ewiglich verbindend, Imago, meine eheliche Braut und Gattin, sie kennt mich nicht, Imago sieht an mir vorbei. Oh, mißverstehe nicht den Schrei meines gefolterten Herzens. Keine Reue befleckt den zuckenden Wunsch meiner blutenden Seele. Flösse die Zeit rückwärts, zum zweiten Mal mir die Entscheidung vor die Füße spielend, ich würde zum zweiten Male entsagen; ja, das würde ich. Auch will ich ja gerne leiden und entbehren, wehmütig, doch gläubig und freudig. Aber warum denn so gräßlich, warum so unmenschlich? Ist es denn ein so unerhörtes Verbrechen, groß zu sein, daß ich dafür über Menschenkraft bestraft werde? Wenn es sein darf, so mildere den Spruch meiner Verdammnis. Öffne deiner Tochter Augen, daß sie mich nicht ganz und gar verleugne; sprich ihr zu, daß sie mich ihren edlen Freund nenne, daß sie mir wenigstens einen Blick der Erinnerung, einen einzigen, gewähre. Leg ihr das ans Herz, befiehl ihr das. Darf es nicht sein, so leihe mir deinen Beistand, damit ich nicht unterliege.»

Da war ihm, als schwebte der Schatten der Strengen Frau durch das Zimmer. Gestärkt stand er auf und litt, was zu leiden war.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.