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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Trotzdem – er mochte sich ihre Vollkommenheit noch so begeistert einreden –, ihre körperliche Gegenwart störte ihn eher, als daß sie ihn befriedigte. Nicht ihre menschlichen Schwächen – er wußte ja, daß sie ein Mensch war und liebte, daß sie es sei –, dagegen eine gewisse Lässigkeit in ihrer äußeren Haltung, die nicht immer zu seinen Wünschen und Bedürfnissen stimmte. Sie ließ sich nämlich zuweilen eine ausdruckslose Miene, eine unansehnliche, nicht bildgemäße Stellung, einen matten Blick zuschulden kommen, kurz, sie war nicht jede Minute völlig sie selber, nicht von Morgen bis Abend ununterbrochen Imago, so daß ihm mitunter beinahe der Verdacht kommen wollte, sie sei sich ihrer Aufgabe, der Phantasie Symbol zu stehen, gar nicht einmal bewußt. Dazu ein Augengreuel: ihrem Hauskleid waren schwarze Samtbändlein aufgenäht, unten nahe dem Saume eine doppelte Reihe, und wieder oben am Halse eine, rund um den Ausschnitt. Nein, Imago in der Tracht einer Choristin im «Freischütz», als wollte sie den Jungfernkranz singen, davor entsetzte sich sein Auge, darüber stolperte seine Andacht. Dies und dergleichen erzeugte dann in seinen Gefühlen ein unruhiges Hin und Her, dem er das Alleinsein mit ihr in seiner Phantasie vorzog.

Dagegen suchte er angelegentlich ihre Freunde und Bekannten heim, also die Leute der Idealia, um von ihren traulichen Gesichtern den Widerschein Theudas abzulesen; und jedesmal, wenn beiläufig ihr lieber Name verlautete, glänzte es durch die graue Unterhaltung, als ob ein Zauberzündhölzchen aufsprühte, mit einem farbigen Sternlein im Feuer. Aber mit seinem eigenen Mund ihren Namen auszusprechen, wagte er nicht, weil er schon errötete, wenn er nur das Wort «Münstergasse» sagen sollte.

Hierbei traf er auch einmal mit dem Kurt zusammen. Der eilte ihm freudebleckend entgegen: «Allerkünstedirnen, welche ihre Seele mit jedem hergelaufenen Lumpen von Meisterwerk prostituieren! Greulich, abscheulich, aber famos!» Und ein halbes Stündchen später, als Viktor gegen die vereinigte Moralpriesterei des Pfarrers und des Statthalters den Satz behauptete: «Eine Religion, die sich um die Moral kümmert, ist nicht wert, daß ein ehrlicher Mensch einen Gedanken daran verschwende», kam der Kurt auf ihn zu und fragte herzlich und bescheiden: «Wann können wir einmal miteinander allein sprechen?» Von da an, so oft der Viktor und der Kurt sich in einer Gesellschaft begegneten, setzten sie sich zueinander.

Es konnte nicht ausbleiben, daß Viktors erbaulicher Gesinnungswechsel in der Idealia bemerkt wurde; die Wendung war zu auffallend. Er, der einst so anmaßlich auftrat, der sich gegen jedermann der Unleidlichkeit befliß, der die Flucht ergriff, sobald ein Klavierflügel nur von ferne Miene machte aufzuklappen, der mit seinem höhnischen Überlegenheitslächeln jede Unterhaltung zu Boden schwieg, er hörte jetzt mit weit aufgesperrten Augen den längsten Familiaden nicht bloß zu, sondern rief von Zeit zu Zeit dazwischen: «Nicht möglich!» – «Was Sie sagen!» – «Wirklich?», erkundigte sich nach den Fortschritten der Buben in der Schule, fragte, ob die Gertrud bereits die Masern, der Mimi schon die Sucht gehabt habe, ja, er bettelte aus freiem Antrieb, ihm doch ums Himmels willen «etwas» zu singen. Kurz, er war auf einmal, wie durch ein Wunder, gemütlich geworden. Vor allem aber seine nunmehrigen vernünftigen Ansichten über das heilige weibliche Geschlecht erregten freudiges Aufsehen. War das wirklich der nämliche Viktor, der jetzt Aussprüche hören ließ, wie dieser: «Keineswegs die leichtfertigen Weiber sind die poetischen, sondern die züchtigen sind es; denn die Poesie des Weibes heißt Hingebung, der Name des liederlichen Weibes aber lautet Selbstsucht.» Oder: «Die engherzigste Sittenteufelin wird an Lieblosigkeit noch von der Vielmännerfrau übertroffen.» Ah! Das lass' ich mir gefallen! Das tönte jetzt anders! Leider verdarb mitunter ein bedauerlicher Nachsatz wieder die Erbauung, die sein frommer Vers gestiftet. Nachdem er zum Beispiel das Lob des tugendhaften Weibes mit einem Schwung gepriesen, daß man's hätte für fünfstimmigen Chor mit Orchester setzen mögen, konnte er hinzufügen: «Was in aller Welt aber, bitte, sagt mir, fange ich mit einem tugendhaften Weibe an?» Es war noch nicht ganz das; es haperte noch hier und da ein wenig mit seiner Bekehrung. Immerhin, der bußfertige Wille war unverkennbar, und alle Vollkommenheit auf einmal, nicht wahr, darf man doch billigerweise nicht erwarten. So daß bereits die Hoffnung munkelte, er werde sich vielleicht doch noch mit der Zeit als Tenor im Chor brauchen lassen.

Indessen, was wollte in dieser wichtigen Zeit Viktor, was überhaupt ein einzelner besagen! Das Stiftungsfest der Idealia rückte heran, und Adventsstimmung bemächtigte sich der Gemüter. Endlich wurde sie Gegenwart, die große Woche, unglaubliche, doch unleugbare Gegenwart.

Am Vortage des Festes ergab sich, gewissermaßen von selber, durch die Unfähigkeit, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, im Verein mit der ungewöhnlich milden Witterung (elf Grad Celsius im Schatten!) eine Art Vorfeier, indem ein Teil der Mitglieder, darunter Viktor als Gast (sonst fast lauter Damen), verabredeten, nachmittags draußen vor der Stadt in der Waldegg zusammenzukommen; leider ohne Frau Direktor, welche durch Zurüstungen zum Fest ferngehalten war. Nach genossenem Kuchen belustigte sich das muntere Trüpplein mit körperlichen Freispielen, im besondern mit «Platzvertauschen», eins, zwei, drei – husch von einem Baum zum andern; und der gezähmte Viktor sprang zwischen den Idealianerinnen wacker mit wie der Wolf zwischen den Lämmern im Paradiese. Unter dem zahlreichen Volk, das der sonnige Tag in die Waldegg gelockt hatte, saß auch Frau Steinbach; die schaute dem minniglichen Ereignisse mit sonderbaren Augen zu, als gewahrte sie ein Fastnachtwunder. Nicht wenig schämte sich Viktor vor ihr, bestrebt, möglichst korpulente Baumstämme zwischen sich und ihren beobachtenden Blick vorzuschützen. Allein auf das Schämen kommt es ja schließlich nicht an, wofern einem nur bei der Sache, worüber man sich schämt, wohl zumute ist. Und so wagte er sich denn allmählich dreister vor, unbekümmert um die gescheiten Augen der Freundin durch die vordersten Baumreihen springend.

Am Haupttage dann, abends um acht Uhr im Museumssaal, wickelte sich das umsichtig geordnete und fleißig einstudierte Programm zufriedenstellend ab. Zunächst der Prolog zwischen dem Statthalter und dem Viktor (alte und neue Kultur), wobei sich, wie der Pfarrer witzig bemerkte, die alte Kultur der neuen entschieden überlegen zeigte; nämlich Viktor vermochte zeitlebens keine zehn Verse textrichtig auswendig zu lernen. Hierauf, nach etlichen Gesangsvorträgen, kam das gewaltige Festspiel des Kurt an die Reihe. Aber o weh! Bestürzung! Ein Bär sollte zwischen die Nymphen und Meergreise fahren; und jetzt schickte wahrhaftig der Apotheker Röthelin im letzten Augenblick den kostbaren Bärenpelz zurück; so leid es ihm täte, allein eine plötzliche Erkrankung seines Vaters – er müsse unbedingt mit dem nächsten Zug verreisen. Allgemeine Aufregung; nur der Kurt selber, den es doch in erster Linie anging, blieb bewunderungswürdig ruhig; es gehe auch ohne den Bären, tröstete er seine Gemeinde; wiewohl etwas gezwungen, denn ärgerlich war ihm der Ausfall doch. Da kam ihm der Viktor lachend entgegen: «Es wird wohl keine so schwierige Kunst sein, Herr Neukomm», meinte er, «ein bißchen zu brummen. Falls ich also aushelfen kann...», und duckte sich, von Beifall begleitet, in den Bärenpelz; brummte auch in der Tat gar nicht schlecht, soweit es seine kraftlose Stimme erlaubte.

Zum Schluß folgte eine rätselhafte Nummer: Als der Vorhang auseinanderwich, sah man auf der Bühne einen Pflanzenwald mit einer mannshohen glänzenden Schmetterlingspuppe aus Flitterpapier zwischen den Blättern. Frau Direktor Wyß, als Ehrenpräsidentin der Idealia, sang drei Strophen, deren Text auf Verwandlung deutete; dann tupfte sie mit einem Zauberstabe auf die Puppe; die Hülle fiel, und aus der Hülle schlüpfte, statt eines Schmetterlings, zwei wacklige Fühlhörnchen in den Haaren, das mit Blumen und Kränzen lieblich geschmückte «Idealkind». Das sogenannte Idealkind war ein begabtes, hübsches Waisenmädchen, das Frau Direktor Wyß und Frau Regierungsrat Keller in ihren Schutz genommen hatten und auf ihre Kosten erziehen ließen. Mit scherzhafter Anspielung auf die Idealia wurde es «das Idealkind» getauft, machte übrigens auch seinem idealen Namen durch vortreffliche Schulzeugnisse alle Ehre. Das Idealkind nun lispelte, die Fühlhörnchen schüttelnd, einige Verse des Dankes, tat ein paar zierliche Knickse, hierauf wurde es von der Bühne geholt, von den Damen um die Wette abgeküßt und heimlich in den Winkeln mit Geschenken überhäuft. Hiermit war der feierliche Teil des Festes zu Ende; und ein unendliches Erlösungs-Tanzen hub an, mit dem Idealkind als Lieblingsgeschöpf, welches Idealgeschöpf übrigens, ungeachtet ihrer lenzknospigen Jugend, nicht übel nach dem Kurt äugelte. Aber auch Viktor erfreute sich der Bevorzugung, zum Lohn für seine Mitwirkung und gefällige Aushilfe. Kaum ein Paar glitt an ihm vorüber (denn selber zu tanzen fühlte er sich nicht aufgelegt), ohne ihm eine Artigkeit oder eine neckische Anspielung auf seinen Bären oder seine Kultur zuzuwerfen, in verschiedenen Geistesgraden, aber immer im liebenswürdigsten Tone. Ja, den Witzigsten gelang sogar, mit einem als Lasso kühn geschleuderten Gedankenfaden den Bären und die Kultur geschickt zu verknüpfen: «Ich hätte gemeint, der Bär passe besser in die alte Kultur als in die neue» oder: «Haben Sie uns am Ende mit Ihrer neuen Kultur einen Bären aufbinden wollen?»

Ein Strom von harmlosem Wohlwollen flutete ihm entgegen, so daß er sich der schlecht verdienten Gewogenheit ordentlich schämte. Und jählings quollen aus seiner Beschämung Rührung und Dank, die nun wieder aus seinem Herzen dem gutartigen Volke zurückfluteten und endlich im dritten Rückprall ihn selber mit einem gänzlich neuartigen, nie vorher verspürten Glück erfüllten, dem Glück des Gemeingefühls. Er, der eingefleischte Sonderling, lernte heute durch die allgemeine Gunst den Segen der Genossenschaft werten. Oh, spöttle nur, Frau Steinbach, mit deinen gescheiten Augen! Leuchter der Weltgeschichte sind sie ja nicht, zugegeben; allein gute, liebe Menschen sind's, und das ist die Hauptsache.

Friede innen, Friede außen, versöhnt mit sich selber und aller Welt, er wußte gar nicht, wie ihm geschah und wie er die tausendstimmige Harmonie aushalte. Und als er nun gar am nächsten Morgen ein Brieflein – ist's möglich? von ihr! – erhielt, das erste seines Lebens, tat ihm der Überschwang der Seligkeit ordentlich weh. Zwar eigentlich enthielt das Brieflein soviel wie nichts, wenigstens nichts fürs Gemüt; sie ersuchte ihn einfach um die Gefälligkeit, im Museum nachzufragen, ob man nicht ihren Fächer aufgefunden habe. Allein es waren doch Zeilen von ihrer Hand; und darüber hatte sie gesetzt: «Hochgeehrter Herr» und darunter «Ihre Theuda Wyß». Ob er sich schon vorsagte, das sind leere Formeln, so erhob und berauschte es ihn trotzdem, daß sie ihn einen hochgeehrten Herrn zu betiteln nicht für unwert erachtete. Mit der Unterschrift aber unternahm er ein listiges Kunststücklein: er schnitt mit der Nagelschere von den drei Worten «Ihre Theuda Wyß» kreisum die zwei ersten säuberlich aus, das dritte unterschlagend. Siehst du jetzt: sie unterschreibt sich «Ihre Theuda». Das heißt meine Theuda; sie bekennt sich demnach als mir gehörig. Und versorgte das gefälschte Bekenntnis in die Kapsel seiner Uhrenkette. «Nun hab' ich sie sozusagen in meinem Besitz», jubelte sein Herz.

Jetzt überlief ihm die Seligkeit in die Nerven, daß er vor Ausgelassenheit irgend etwas recht Närrisches hätte beginnen mögen, er wußte nur nicht, was. Einstweilen stellte er sich vor den Spiegel und schnitt Grimassen, oder er ahmte Tierstimmen und menschliche Dialekte nach, was bei ihm den Gipfel der Fröhlichkeit bedeutete. Nein wirklich, im Ernst, er wußte nicht mehr, ob es ihm eigentlich wohl oder weh tue, so unausstehlich glücklich war er.

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