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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Jetzt verwandelte sich ihr Gesicht und nahm einen kalten Ausdruck an. «Ich weiß, ich weiß», sagte sie, sich abwendend, «Sie haben sie vor vier Jahren einmal flüchtig an einem Kurorte getroffen. Ein oder zwei Tage, glaub' ich.»

«Flüchtig!» rief er empört, «flüchtig? Das sagen Sie, die Sie es doch besser wissen? ‹Ein oder zwei Tage?›, was heißt das: ‹Tage?› Mißt man den Wert des Lebens mit dem Kalender? Ich denke, es gibt Stunden, die schwerer wiegen als dreißig Jahre der Gewöhnlichkeit; Stunden, die ewig leben, so gewiß wie irgendein Kunstwerk, gewisser sogar; denn der Künstler, der sie schuf, ist der heilige Weltgeist der Schönheit!»

«Was sie leider nicht davor schützt, zu vergehen und vergessen zu werden.»

«Ich kenne kein Vergessen, ich dulde keine Vergangenheit.»

«Sie mit Ihrer Phantasie nicht; dafür andere Leute; namentlich wenn die Gegenwart alle ihre Wünsche befriedigt. Glauben Sie wirklich, daß Frau Direktor Wyß Ihren Besuch erwartet oder ihn sonderlich vermissen würde, wenn er ausbliebe?»

«Das glaube ich allerdings nicht, bezwecke auch mit meinem Besuche keineswegs ihr Vergnügen.»

Frau Steinbach schwieg eine Weile, dann redete sie wie für sich selber, doch laut und nachdrücklich: «Die schöne Theuda Neukomm ist jetzt ein abgeschnitten Stück Brot; zufrieden in glücklicher Ehe. Ein gebildeter, angesehener und hochachtungswerter Mann, den sie liebt und der ihre Liebe auch wert ist; ein reizendes Kind (ein wahrer Engel von einem Buben, sage ich Ihnen; ein kecker, schwarzlockiger Trotzkopf wie seine Mutter; fängt sogar schon zu sprechen an. – Ja, machen Sie nur ein Gesicht, als ob Sie mit der Achsel zuckten. Ihnen mag das Nebensache sein, der Mutter aber nicht!) – dazu ein reicher Sippschaftssegen von Freunden und Verwandten, in denen ihre Wonne schwimmt; allen voran ihr Bruder Kurt, der Wundermensch, das große Genie, ihr Abgott.» Hier unterbrach sie sich und lächelte ein wenig vor sich hin. «Übrigens, da fällt mir eben ein, sie ist ja diesen Nachmittag gar nicht einmal zu Hause; sie fährt mit dem Gesangverein über Land.»

«Verzeihen Sie, sie wird zu Hause sein!»

«Ah, wenn Sie das so bestimmt wissen, so füge ich mich natürlich.» Dann plötzlich, ihn ernst anschauend: «Lieber Freund, sagen Sie mir aufrichtig, was wollen Sie von Frau Direktor Wyß?»

«Nichts!» schnitt er unwillig ab.

«Um so besser, sonst würden Sie einer empfindlichen Enttäuschung entgegengehen. – Also dann ein andermal. Wann immer Sie mögen. Bei mir, das wissen Sie ja, sind Sie jeden Tag, zu jeder Stunde willkommen.» – Und während sie ihn hinausgeleitete, sagte sie noch einmal nachdrücklich: «Die schöne Theuda ist jetzt ein abgeschnitten Stück Brot.»

Wie auffällig sie den Spruch vom abgeschnittenen Stück Brot wiederholt hatte! Sie wird doch nicht etwa glauben...? O nein, meine Teuerste, der Bräutigam der hehren Imago ist gegen eine Frau Direktor Wyß gefeit. – Also das ist jetzt ihr neuester Sport: Buben in die Welt zu setzen? Bitte, gnädige Frau, lassen Sie sich ja nicht etwa stören. Zwillinge, Drillinge, meinetwegen Zwölflinge, tun Sie ganz, als wenn ich nicht da wäre. – Doch halt, daß ich antwortete, ich wollte nichts von ihr, war nicht genau; das müssen wir berichtigen. Und ließ ungesäumt durch den Aufzugsknirps Frau Steinbach einen Zettel zustellen.

«Liebe Freundin, eine Berichtigung: Nicht ‹nichts› will ich von ihr, sondern daß sie die Augen vor mir niederschlage, das will ich von ihr. Ihr getreuer Viktor.»

Im Speisesaal langweilten sich die Gäste längs den Wänden auf und ab; bald zum Fenster hinausstierend, bald zerstreuten Geistes die Bildertafeln betrachtend, bis das Mittagessen endlich käme.

Vor dem schwarz umränderten Kopfbilde eines Staatsmannes (der Name war natürlich unleserlich) blieb Viktor stehen. Ein kräftiges Gesicht; mit derben, markigen Zügen, wie nach dem Muster eines Holzschnittes geboren. Uneigennützigkeit und Zielbewußtsein im Ausdruck, feurige Überzeugungshaltung, blicklose Vereinsaugen, nicht gewohnt, Mann gegen Mann zu trotzen, sondern gegenstandslos über eine Menge zu gleiten. Des Mannes Kernspruch vermochte er zu buchstabieren: «Alles durch die Volksschule!» Ja, danach sah der gerade geschrobene Herr aus. Die Welt als eine Erziehungsanstalt aufgefaßt; Zweck des Lebens lernen, hernach lehren; keine Wahrheit, sie schmecke denn nach Weisheit, und keine Weisheit, oder sie röche nach Ermahnung. Das Unheil, das der angestiftet hätte, mit seinem wandtafeligen Überzeugungs-Viereck, wenn ihn das Schicksal statt in die unschädliche Abstimmungsschachtel an das Steuer der Weltgeschichte gestellt hätte!

Während er so mit dem Staatsmanne klugäugelte, hatte sich ihm unvermerkt ein Nebenmensch beigesellt, der über seine Schulter weg ebenfalls das Bild betrachtete. «Nicht wahr, ein prächtiger Charakterkopf?» urteilte der Unbekannte bewundernd. Andere Gäste sammelten sich herbei, wie die Fliegen um ein Zuckerstück, und aus der Gruppe kam zum zweiten Mal das ehrfürchtige Urteil: «Ein prächtiger Charakterkopf.» Er mußte wohl ein gewichtiger und volksbeliebter Herr gewesen sein, der Charakterkopf; denn das Gespräch blieb bei ihm hangen, nachdem man sich schon längst zu Tisch gesetzt hatte. Beiläufig verlautete auch sein Name – Neukomm. Halt, hast du gehört? Neukomm? So hatte ja auch sie geheißen. Vielleicht gar ein entfernter Verwandter von ihr?

«Hat er eigentlich Kinder hinterlassen?» munkelte eine Frage. «Zwei», meldete die Antwort; «einen Sohn und eine Tochter. Mit dem Sohne ist nicht viel, er dichtet; die Tochter dagegen ist an den bekannten Herrn Direktor Wyß verheiratet. Ein Prachtweib, sag' ich Euch; alles dreht sich auf der Straße nach ihr um. Groß, stolz, schwarz wie eine Südländerin (ihre Großmutter war eine Italienerin) und hitzig, potzteufel! Übrigens durch und durch brav und sittsam; kein Mensch kann ihr das mindeste nachsagen. Und eine überzeugungseifrige Patriotin wie ihr Vater selig.» – Der Charakterkopf ihr Vater! So wach doch auf, o meine Vernunft, und reg dich, denn daraus folgt ja eine ganze Menge wichtiger Betrachtungen. Nachlässig bewegte sich seine Vernunft, hob ein wenig den Kopf, dann legte sie sich gleichgültig wieder zur Ruhe, wie ein auf der Straße lagernder Hofhund, wenn der Milchmann vorübergeht. «Die Tatsache ist mir zu dumm», erklärte sie.

Nach dem Essen erkundigte sich Viktor beim Oberkellner: «Wohin jetzt, um Zeitungen zu lesen?»

«Da gehen Sie am besten ins ‹Café Scherz› beim Bahnhof; jedes Kind kann Sie weisen.»

Im vollen Saale fand er noch ein Tischlein am Fenster mit zwei unbesetzten Plätzen. Leute gingen, Leute kamen, sahen sich um; doch niemand nahm ihm gegenüber Platz. «Hier wie überall! Entschieden, Viktor, du hast nichts Einladendes, du bist nicht ‹gemütlich›. – Ein fröhlicher Gedanke: Wenn jetzt mitten unter all dem Volk mein getreuer Statthalter säße? warum auch nicht? Er wird sich doch wahrscheinlich auch seine Zeitungen gönnen. Etwa so einer wie der dort hinten, mit den flachsblonden Strähnen und der doppelten Brille im Schafsgesicht? Ein Adonis ist er gerade nicht, das könnte man mit dem besten Willen nicht behaupten; und mehr Geist, als zu einem Herrn Professor unbedingt nötig ist, scheint er auch nicht zu haben. Statthalter, Statthalter, wenn ich dir raten darf, verlaß dich nicht allzusehr auf deine Gelehrtheit, sonst tauft dich eines trüben Morgens deine schöne Juno, auf die du dir so viel einbildest, ‹Doktor Überdruß›. Eigentlich nach den Gesetzen der Schicklichkeit müßte man zu ihm hinüber und ihn ein wenig hänseln. Wenn ich nur ganz sicher wäre, daß er's ist! Nun, wir werden's ja bald erwähren. Zehn Minuten nach zwei Uhr; noch drei Viertelstunden. Wie die Zeit schleicht! – Ha! was für ein stattlicher Mann kommt jetzt hereinspaziert! Brr! Ein Held für Mädchenträume. Etwas zum ‹sich ablehnen›, zum ‹sich emporranken›, ‹eine Stütze fürs Leben›! Könnte ich singen, ich sänge: ‹Er, der Herrlichste von allen!› Und Jupiterlocken hat er auch! An wen erinnert mich doch dieser minnesame Herkules? – Richtig, an den Herzkönig im Kartenspiel. – Wehe, ihr Jungfrauen, weinet! Schauet den Ehering! Sogar bereits Papa, denn so weltzufrieden schreitet bloß, wer Vatergefühle kennt. – Wie sorgsam er seinen Überrock faltet! und die feine, tadellose Wäsche, die jetzt zum Vorschein kommt! Was noch gar! Ich glaube wahrhaftig, er steuert zu mir. Willkommen, Herrlichster von allen!»

Mit einer höflichen Verbeugung ließ sich der Herzkönig nieder; darauf zog er eine Zigarrentasche hervor: «Darf ich mir vielleicht erlauben?»

Dankend erwiderte Viktor: «Ich rauche nicht.» Aber hast du die kunstvoll gestickte Zigarrentasche gesehen? Jedenfalls von seiner Frau.

Jetzt griff der Herzkönig – «Ist es gestattet?» – eine illustrierte Zeitung auf und schaute wohlwollend, fast gnädig hinein, mit halber Aufmerksamkeit; dazu trommelte er mit den Fingern auf den Tisch. Was für gepflegte Fingernägel!

Dem Herzkönig schien jedoch nicht sonderlich ums Lesen zu tun; eher ums Plaudern; offenbar hatte ihm das Mittagessen geschmeckt. «Sie als Fremder», begann er mit zögernder Einleitungsstimme die Unterhaltung, als sich die Kehllaute in ihrer Nähe kräftiger vernehmen ließen, «werden wohl auf unseren etwas rauhen Dialekt nicht besonders günstig zu sprechen sein?»

«Nicht Fremder», berichtigte Viktor, kurz ablehnend, «hier geboren und aufgewachsen; bloß viele Jahre in der Fremde gewohnt.»

«Ah, um so besser; dann habe ich also das Vergnügen, einen Landsmann in Ihnen zu begrüßen.»

Hiernach hüllte er sich wieder hinter die Zeitschrift und begann vor sich hin zu schmunzeln. «Er lutscht an seinem Eheglück wie an einem Lakritzenstengel», dachte Viktor.

Als der Lakritzenstengel zu Ende war, zeigte der Herzkönig auf ein Wertherbildnis in seiner Zeitung. «Was ist Ihre Ansicht», hub er nach einigem Zaudern an, «glauben Sie, daß solch eine leidenschaftliche, schwärmerische Liebe heutzutage noch vorkommen könnte?»

«Natur kommt immer vor», entgegnete Viktor.

Der Herzkönig schmunzelte. «Nicht übel. Es kommt eben alles darauf an, wie eng oder wie weit man den Begriff Natur faßt. Also Sie glauben allen Ernstes, in unserem realistischen Zeitalter...»

«Es gibt keine realistischen Zeitalter.»

«Wenn Sie so wollen, allerdings nicht. Immerhin, es gibt doch, das werden Sie zugeben, verschieden gestimmte Zeitalter; zum Beispiel solche, in welchen gewisse Seelenzustände, die früher beobachtet wurden, einfach undenkbar wären. Oder könnten Sie sich zum Beispiel einen Johannes der Täufer, einen Franz von Assisi oder, um bei unserem Beispiel zu bleiben, einen Werther mit einem hohen, steifen Hemdenkragen vorstellen? – Verzeihen Sie, ich sagte das ohne die mindeste Anzüglichkeit. Nein, wirklich, ich bitte, glauben Sie mir, es war durchaus harmlos gemeint.»

Viktor begütigte lächelnd: «Ich mache keinen Anspruch auf den Titel eines Täufers oder eines Heiligen – ob jedoch der Heilige Geist vom Heuschreckenessen komme oder die Ekstase vom Hemdenkragen abhange, möchte ich bezweifeln. Übrigens pflegte sich der Schöpfer des ‹Werther›, wenn ich nicht falsch berichtet bin, zierlich, sogar geziert zu kleiden.»

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