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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Viktor ergibt sich

Dem unverhofften Frühschnee zum Gruß – man war ja fast noch im Oktober – hatte die Idealia eine Schlittenfahrt veranstaltet, und auf dem Rückweg wurde in einem Waldwirtshaus eingekehrt. Als nach genossenem Tee Viktor gleich den übrigen seinen frühern Schlitten wieder aufsuchte, zeigte der Kutscher, der ihn zusammen mit Pseuda und zwei andern Herren geführt hatte, mit der Geißel nach vorn.

«Eure Frau sitzt jetzt im vordern Schlitten.» Der hatte demnach, wer weiß warum, mag sein, weil sie sich beständig zankten, Viktor und Pseuda für Mann und Frau gehalten.

«Warten Sie einen Augenblick», rief Viktor leidenschaftlich, und hastig seine Börse ziehend, drückte er ihm ein Goldstück in die Hand.

Der Kutscher spiegelte das Geld im Laternenschein. «Das ist ja ein Goldstück», machte er verwundert, fast vorwurfsvoll.

«Weiß schon. Behalten Sie's nur.»

"Ja wofür denn?»

«Weil Sie unter vielen Tausenden der einzige vernünftige Mensch in der Stadt sind.» Nach diesen Worten setzte er sich ein und sprach auf der ganzen Heimfahrt kein Wort mehr.

Kaum jedoch zu Hause angelangt, berief er seinen Verstand: «Ich habe dich zwar in der letzten Zeit ein wenig stark vernachlässigt. Nimm mir's, bitte, nicht übel und hilf mir.»

«Ich nehme überhaupt nie etwas übel», erwiderte der Verstand. «Womit kann ich dienen?»

«Das und das ist mir in der Aufregung entschlüpft. Es kommt mir ein wenig verdächtig vor. Sag mir offen, was bedeutet das?» Und erzählte ihm den Vorfall mit dem Goldstück.

«Ja, willst du wirklich die Wahrheit hören?»

«Jedenfalls die Wahrheit. Nur nicht sich selber anlügen, nur das nicht.»

«Gut, so setz dich und hör zu. Aber rechne genau nach, ob ich nicht etwa einen Fehler mache. Also, ich fange an: Indem du dem Manne ein Goldstück schenktest, dafür, daß er Pseuda für deine Frau hielt, wolltest du ihn dafür belohnen, nicht wahr?»

«Selbstverständlich.»

«Und wenn du ihn dafür belohnen wolltest, so beweist das, daß dir sein Irrtum lieblich tönte.»

«Vielleicht.»

«Nicht ‹vielleicht›, ich verlange bestimmte Antwort. Ja oder nein?»

«Nun denn, meinetwegen ja.»

«Nicht ‹meinetwegen ja›, sondern bündig: ja oder nein?»

«Ja.»

«Gut. Ich fahre fort. Wenn aber schon die bloße irrtümliche Vorstellung eines Dritten, noch dazu eines gleichgültigen, wildfremden Menschen, eines Kutschers, Pseuda wäre deine Frau, dir armen Schlucker ein Goldstück wert war, so verrät das, daß du namenlos selig sein würdest, wenn Pseuda in Wahrheit deine Frau wäre.» Und da jetzt Viktor mit einer Verwünschung aufsprang, tollwütig gegen den Spruch lärmend, bemerkte der Verstand gelassen: «Ja, wenn du nur das hören willst, was du hören möchtest, so kauf dir einen Lakaien. Leb wohl, ich gehe.»

«Nein, bitte, bleib, es war nicht böse gemeint. Also, du hieltest es wirklich für möglich? Unsinn! Man kann doch nicht lieben, wenn man geringschätzt.»

«O lala! Nichts Gewöhnlicheres als das! Lieben müssen, wen man geringschätzt, ist das Tagblatt der männlichen Liebe. Übrigens ist es ja nicht einmal wahr, daß du sie geringschätzest; du möchtest es wohl, allein es gelingt dir nicht. Und es kann dir nicht gelingen; deswegen, weil du sie im geheimen bewunderst; und du mußt sie bewundern, weil du weder verblendet noch unbillig genug bist, um ihre bewundernswerten Eigenschaften nicht bemerkt zu haben. Doch wozu das Gerede? Zeig mir in meiner Rechnung irgendeinen Fehler.»

Da ward Viktor zumute wie einem, der bei gesundem Befinden ein sonderbares Pustelchen an der Unterlippe entdeckt, und ein teuflischer Gedanke raunt ihm zu: «Doch hoffentlich nicht etwa Krebs!» – «Ach was, warum nicht gar?» Und geht lieber gleich zum Arzt, um sich von ihm tüchtig auslachen zu lassen; der aber zieht ein rätselhaftes Gesicht: «Gut, daß Sie rechtzeitig gekommen sind; jetzt ist die geringfügige Operation noch eine lächerliche Kleinigkeit.»

Trübsinnig unternahm er einen verzweifelten Versuch, die Diagnose zu entkräften. «So etwas kommt doch nicht plötzlich; da müßten doch noch andre Zeichen von früher her da sein.»

«Sind auch da», versetzte der Verstand. «Zum Beispiel jenen Abend bei Doktors, als du dich wie ein Dieb ins Speisezimmer zurückschlichst, um eine Apfelsine aufzuessen, in welche sie gebissen hatte.»

«Kindereien!»

«Einverstanden. Allein eben das, daß du ihretwegen Kindereien begehst, bedeutet für mich ein Zeichen. Oder bei Direktors, als du vor ihrem offenen Schlafzimmer stille standest – erinnerst du dich? – und das Dienstmädchen dich fragte: ‹Sind Sie unwohl, daß Sie so seufzen? darf ich Ihnen ein Glas Wasser holen?›»

«Ja, habe ich denn überhaupt geseufzt? Ich weiß von nichts.»

«Glaub' ich gerne; die Seufzer geschehen meistens unbewußt; ich denke aber, das Dienstmädchen wird es schwerlich erfunden haben. – Und wieder damals, als du den Kaminfeger mit ‹Pseuda› angeredet hast und er dir antwortete: ‹Das muß eine Verwechslung sein; ich heiße nicht Pseuda, sondern August Hürlimann.›»

«Beweist doch nichts als Zerstreutheit.»

«Beweist, daß du keines andern Gedankens mehr fähig bist als Pseuda. – Und das Taschentuch, das du ihr stahlst und nachher heuchlerisch suchen halfst, warum trägst du das ewig in der Tasche herum? Ich will wetten, du hast es sogar in diesem Augenblick bei dir; gelt, du errötest? – Und dann die Räubergeschichte mit den Zahnschmerzen! Und überhaupt, warum ist dir denn so erbärmlich zumute? Wo ist deine Fröhlichkeit hingekommen? Warum machst du ein Gesicht wie ein Fisch an der Angel, den man auf dem Trockenen herumzerrt? Warum zankst du dich mit jedermann und polterst über die ganze Welt wie ein rheumatischer Major? Das kommt davon, daß dir etwas fehlt. Was dir aber fehlt, läßt sich mit einem einzigen Worte nennen: Pseuda. So, jetzt hast du die Wahrheit, nach der du gefragt hast.»

Nach dieser Unterredung blieb Viktor stundenlang sitzen, gedankenlos, betäubt von der niederschmetternden Entdeckung. Dann plötzlich ermannte er sich. «Der stolze Ritter soll kommen», befahl er in seine Seele hinein.

Er erschien, waffenklirrend, ein Löwe hinter ihm. «Hier bin ich; was steht zu Befehl?»

«Gefahr! Ein Überläufer ist unter uns; ein Elender, der, Imagos heiligen Dienst verratend, mit einer Unwürdigen liebäugelt, einem gewöhnlichen Menschenweib. Halt scharfe Wacht, und den ersten, den du darüber ertappst, daß er sich unterfängt, eine gewisse sogenannte Pseuda, alias Frau Direktor Wyß, anzuliebeln, den bring mir.»

«Gehört, gehorcht», rief der stolze Ritter und entstampfte klirrend mit dem Löwen. Gleich darauf erschien der Löwe, ein ohnmächtiges Kaninchen in der Schnauze. «Da ist der Sünder», knurrte er, warf das Kaninchen auf den Boden, kehrte sich und ging.

«Dacht' ich's doch», zürnte Viktor, «natürlich wieder das Herz, das alberne Kaninchen, das mir alles Unheil anrichtet.» Und das Kaninchen an den Ohren aufhebend, hielt er ihm eine Strafpredigt: «Siehst du denn nicht ein, du einfältiges, hirnloses Geschöpf, daß du dir selber eine Hölle heizest? Merk auf und lerne die fünf Paragraphen der Narrenliebe; sie sind so einfach, daß ein Regenwurm sie begreifen würde.

Paragraph eins: Keine Frau auf der ganzen Welt erträgt, daß man sie zuerst liebt; sondern sie muß dich zuerst lieben, deine Gegenliebe als eine unerhörte Gnade ersehnend. ‹Ich kann es nicht fassen, nicht glauben›, nach dieser Melodie. Sonst quält sie dich. Sie wollen nun einmal gequält sein, und wenn du sie nicht quälst, so quält sie dich. Sie braucht deswegen keineswegs böse zu sein, sie kann einfach nicht anders, es ist ein Naturgesetz. Weißt du, was ein Naturgesetz ist? Etwas, das man weder mit Hörnern noch Klauen ändern kann. Hast du das begriffen? Antworte.»

«Quiek», kreischte das Kaninchen.

«Ja, quiek. Es wäre gescheiter, du tätest danach. Paragraph zwei: Das Herz einer verheirateten Frau will von unten herauf erobert werden, durch den Ehebruch. Den mag ich aber nicht; du auch nicht. Also, was folgt daraus? Antworte.»

«Quiek», lautete die Antwort.

«Dritter Paragraph: Wenn du ein weibliches Wesen hättest heiraten können und hast es unterlassen, einerlei aus welchem Grunde, und stamme er aus dem siebenten Himmel, so verachtet sie dich zeitlebens. – Viertens: In dem Herzen einer zufriedenen Gattin und glücklichen Mutter kannst du so naturunmöglich Liebe reizen wie in einem satten Magen Hunger. Sag quiek.»

«Quiek.»

«Fünftens: Wenn eine Dame dich nicht ausstehen kann ...»

«Quiek.»

«Wart doch mit deinem albernen ‹Quiek›, bis ich den Satz zu Ende gesprochen habe.»

Da war ihm das Kaninchen aus der Hand geschlüpft und purzelte angstschreiend davon. «Ach du!» rief er ihm nach. «Aber nimm dich wohl in acht, denn wenn du mir nur noch ein einziges Schmächterlein schnupperst...!»

«Dem hab' ich's gezeigt», lachte er vergnügt, «das Kaninchen wird künftig nicht mucksen.»

Um jedoch vollständig sicher zu sein, tat er ein übriges und unternahm einen Rundgang durch die Arche Noah seiner Seele, vom obersten Stock bis in die Kellergewölbe des Unbewußten, nach allen Seiten Ermahnungen und Weisheit austeilend. Das edle Getier faßte er beim Selbstbewußtsein, indem er ihm von künftigem Ruhm und Triumphen erzählte, im Gegensatz zu der kläglichen Rolle, die sie als unglücklicher Liebhaber einer Frau Direktor Wyß spielen würden. Das Kleingetier dagegen köderte er mit Süßigkeiten, sie an frühere Liebesgenüsse erinnernd und ihnen noch weit köstlichere in Aussicht stellend, wenn sie sich nur noch ein kleines Weilchen wohl verhielten; endlich zum guten Schluß ließ er den Löwen die Treppe hinunterbrüllen.

«Seid ihr nun alle überzeugt?»

«Wir sind überzeugt.»

«Gut, so betragt euch auch danach und gebt gegenseitig aufeinander acht.»

Durch diese Musterung gewann er Ruhe. Allein es war die Ruhe der gewaltsamen Spannung, wo über dem mühsam errungenen Gleichgewicht die Angst flattert. Wie ein Riese, der mit gekrampftem Rücken ein Gewölbe stützt, aber die Pein der Anstrengung ist so groß, daß er zweifelt, ob er nicht wünschen sollte, es möchte lieber gleich über ihm zusammenbrechen, damit die Not ein Ende nehme.

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