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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Plötzlich tauchte in dem Erinnerungsbilde ein fraglicher Punkt auf. «Hat sie nicht hinter den Augen heimlistig gelächelt, als sie dich so fremdsachlich angaffte? Ihr Blick schien mir verdächtig.»

Er kam den ganzen Tag nicht zu einer bestimmten Ansicht hierüber. Aber als ihm abends im dunkeln Zimmer wie gewöhnlich wieder der Pseudakopf erschien, und zwar noch leuchtender als sonst, siehe da, kein Zweifel mehr, jetzt sah er es mit aller Deutlichkeit: sie lächelte heimlistig hinter dem Blicke.

Darob wallte sein Zorn: «Was soll dies Lächeln?» rief er drohend, «Lächeln ist eine vieldeutige Sprache; ich fordere redliche Auskunft. Pseuda, ich befehle dir, mir zu sagen, aus welchem Grunde du hinterlistig über mich lächelst.»

Anstatt einer Antwort erschien jetzt mitten zwischen dem hinterlistigen Lächeln ein spöttischer Punkt, der sich mehr und mehr vergrößerte.

Darob entfuhr ihm ein Wutschrei: «Weib, boshaftes! spotte nicht! Genug, daß du mich mit deinem giftigen Hasse verfolgst, täglich und stündlich hinter mir her, ohne Ruhe und Unterlaß, mit Steinen nach mir werfend, wenn ich ertrinke, aber spotte nicht, verstehst du, spotte nicht, das verbiete ich dir.» Allein der spöttische Punkt blieb, als ob er nichts gesagt hätte; und siehe, jetzt erschien, von unsichtbarer Hand bewegt, ein triumphierendes Siegesfähnlein über dem leuchtenden Spottgesichte.

«Was triumphierst du?» schrie er. «Was für einen Sieg hast du denn über mich errungen? Ich wüßte nicht, welchen! Also bitte, im Namen des guten Geschmackes, tu mir den Gefallen, laß das alberne Triumphtüchlein unterwegen!»

Doch es war, als ob er nichts gesagt hätte. Das Siegesfähnlein blieb, und sieh die neue Bosheit: das Spottlächeln ihrer Augen versetzte sich abwärts um die Mundwinkel, welche sich jetzt zu frechem höhnischen Grinsen verzerrten. Und das Grinsen nahm mehr und mehr einen höllischen Ausdruck an. Schließlich wurde aus dem Menschengesicht eine Teufelsfratze mit Hörnern und Schnabel, so eine Art höllischer Spottvogel, der aber doch zugleich die schönen Züge Pseudas aufwies.

Das war denn doch Viktors klarem Geiste zu viel. «Hinweg, Phantom!» rief er und schlug nach dem Phantom. Da barst das Phantom entzwei und flüchtete nach allen Seiten. Aber langsam, langsam kehrten die einzelnen Teile zurück, aus der einen Ecke das Siegesfähnlein, aus einer andern der teuflische Spottvogel mit Hörnern und Schnabel und aus der dritten Pseudas schönes Menschenangesicht; und sämtliche Teile blieben fortan durch einen Zwischenraum getrennt. Statt eines einzigen Phantoms hatte er nun drei. Da überfiel ihn bleiche Angst. «Viktor, was ist jetzt das? Bist du etwa wahnsinnig?» Mit scharfem Geiste prüfte er seine Gesundheit. «Was ist das Merkmal des Wahnsinns? Daß man Phantome nicht für Phantasiegebilde erkennt, sondern mit der Wirklichkeit verwechselt. Tust du das?» – «Fällt mir nicht ein; ich weiß gar wohl, daß ich bloß einen Phantasiespuk vor mir habe, nur gelingt es mir eben nicht, mit dem Willen den Spuk zu beseitigen, weil ich eben mit einer übermächtigen Phantasie behaftet bin.»

«Dann gut, laß die Phantasie spuken und kümmere dich nicht darum.» Und beruhigt legte er sich schlafen.

Den nächsten Morgen, wie er im nachtschwarzen Zimmer die Augen öffnete und bei allmählich erwachendem Bewußtsein durch den Gedankennebel die Erinnerung sich zu regen anfing, gewahrte er den ganzen Spuk von neuem: das triumphierende Fähnlein, den höhnisch grinsenden Teufelsvogel, die schöne menschliche Pseuda.

«Ja, soll jetzt das so fortgehen?» Es ging so fort. Sein gesamter Lebensinhalt, Sekunde für Sekunde ward jetzt der Kampf mit seiner Phantasie, die Berichtigung des Phantoms, die bange Sorge, nicht etwa den Spuk mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Eine angestrengte, fürchterliche Arbeit, die für keinen anderen Gedanken mehr Raum ließ. Und das Verzweifeltste dabei: die Arbeit war zugleich nötig und zugleich vergeblich; nötig, damit er dem Wahnsinn entrinne, vergeblich, weil, was die eine Stunde mit unendlicher Mühe erstritten hatte, die nächste Stunde wieder vernichtete. Als wäre nichts gewesen; vom Morgen bis zum Abend immer das höllische Trio ihn umschwebend, erbarmungslos, ohne einen Atemzug Pause. Und statt zu schwinden, wuchs es ins Riesige, ins Ungeheuerliche. In der Finsternis grinste es ihn aus den Zimmerecken an, am Tage vom Fenster, von den Dächern, von den Hügeln, von überall.

Wahnsinnig wurde er nicht, aber rasend. Es kam vor, daß er wutschreiend durch die Wälder rannte, daß er einen Menschen, der friedlich mit ihm sprach, plötzlich wild anfletschte, weil er das höllische Phantom zwischen sich und jenem erblickte. Und in seinem Innern flutete unaufhörlich ein schwarzer Strom, das Bewußtsein umkreisend, mit roten Flecken darin, als ob aus einer Wunde blutige Tinte quölle.

Eines Abends unterlag er der Müdigkeit: «Ich kann einfach nicht mehr, ich weiß nicht mehr aus und ein.»

Da war ihm, als ob er einen schönen Mann neben sich erblickte, der ihm die Hand auf die Schulter legte. «Viktor», sprach der schöne Mann, sonst nichts.

Viktor schaute den schönen Mann kummervoll an, darauf senkte er die Stirn, die er mit den Händen stützte. «Ich will gut sein», murmelte er schließlich, «das ist das einzige, was ich noch verstehe.»

«Ja, sei du gut», tröstete der schöne Mann, «alles übrige, Wahnsinn oder nicht Wahnsinn, ist ja schließlich Nebensache.»

Nach diesen Worten versiegte der schwarze Strom mit der blutigen Tinte aus der Wunde. Die Gespenster dagegen beharrten nach wie vor.

Das war an einem Donnerstag. Am Samstagmorgen gewahrte er sie leibhaftig auf der Straße, etwa einen Steinwurf entfernt vor ihm einhergehend, durch andere Leute von ihm getrennt. «Ah, hab' ich dich endlich!» seufzte er auf und eilte ihr im Laufschritt wolfsgierig nach. Und da er die Augen des schönen Mannes auf sich gerichtet sah: «Keine Besorgnis! weder ein scharfes Wort noch eine unziemliche Bemerkung; nichts als dem tückischen Feind, der mich aus dem Unsichtbaren hetzt, in die Augen sehen.»

Als er sie eingeholt hatte, erstarrte er, sprachlos vor Verblüffung. «Nichts als das?» Zusammengeschrumpft in kläglicher Begrenzung, lächerlich klein, das Ganze kaum ein Meter achtzig hoch, schritt sie einher; nichts von ihr außerhalb ihrer Haut; keine Phantome um sie herum, keine Spiegelfechterei, keine Ungeheuerlichkeit. Und der geschmacklose Hut, den sie aufhatte! Welch eine erbärmliche Entpuppung!

Hiermit hatte er den Talisman gegen ihre teuflischen Gaukeleien gefunden. Er brauchte sie nur körperlich vor sich zu haben, so war es mit ihren Zauberkünsten vorbei. Offenbar – mit Hinterlist ist ja meistens Feigheit gepaart – fürchtete sie sich vor ihm. Deshalb begab er sich nun so oft als möglich zu ihr heim und bannte sie mit seinen drohenden Blicken, vor ihrem Gesichte lauernd wie die Katze vor dem Mauseloche. «Gelt, du getraust dich nicht?» und weidete sich an ihrer Ohnmacht. Eigentlich, es nahm ihn doch wunder, hätte er gerne einmal mitangesehen, wie sie den Gespensterspuk bewerkstellige; ein Frauenkopf plötzlich in einen Vogelkopf verwandelt, das sieht man nicht alle Tage. Zu diesem Zwecke, also um sie beim Gesichtertausch zu überraschen, blickte er sie zuweilen, wenn sie es am wenigsten erwartete, blitzschnell an. Doch vergebens, sie war geschwinder als er.

Die Phantome aber, da sie sich entlarvt sahen und inne wurden, daß sie ihren Meister gefunden hatten, gaben das Spiel auf, erschienen noch ein paar seltene Male, doch ohne Überzeugung, nur um das Gesicht zu retten; endlich blieben sie gänzlich aus.

Das hätte noch eine unabsehbare Weile so weitergehen können.

Da ereignete es sich eines Abends, im Beisein eines anderen Gastes, aber in Abwesenheit des Statthalters, daß sie dem andern, nachdem sie verschiedene gleichgültige, unnütze Lieder vorgetragen hatte, auch jenes Lied singen wollte, das sie einst ihm, dem Viktor, in der Parusie gesungen hatte. Sie tat das ohne Arg, da ja für sie jenes Lied einfach ein Musikstück wie jedes andere bedeutete. Er aber spürte vor der bevorstehenden Entweihung seines heiligsten Besitzes einen wahnsinnigen Schmerz toben. «Das Ewigkeitsgold der Parusie durch gemeine Übermalung besudeln! Das Grab Theudas, ihrer Schwester, meiner Braut, einem Fremden vorzeigen! fühllos, lediglich zur Kurzweil, noch dazu in meiner Gegenwart! Ist das nun Teufelsbosheit oder Vertiertheit?» Ohnehin mit Wort und Rede kläglich beschlagen, verlor er in solchen Zuständen höchster Erregung die Stimme. Stummen Entsetzens verfolgte er, wie sie das Notenheft, jenes nämliche Heft von damals, nur mittlerweile ein wenig an den Rändern angegilbt, hervorkramte und gleichgültig auf dem Klavierpult ausbreitete. Als sie sich jedoch zum Singen zurückstellte, erzwang er, vorspringend, gewaltsam die Sprache: «Dieses Lied werden Sie nicht singen!» verbot er. Er hatte flehentlich darum anhalten wollen, allein Schmerz und Empörung verwandelten ihm unterwegs vom Herzen zur Stimme die Bitte zum schroffen Befehl.

Heftiger Unwille rötete ihre Stirn. «Ich möchte denn doch wissen», trotzte sie, «wer sich erlaubt, mir verbieten zu wollen, jene Lieder zu singen, die ich will.»

«Ich», stöhnte er.

Jetzt erst, jetzt erst recht mochte sie das Lied singen; seinem anmaßlichen Verbot zum Trotz. Öffnete den Mund und sang wahrhaftig das Lied der Parusie; wahrhaftig, sie sang es, erbarmungslos, eine unendliche Zeit, von der ersten Note bis zur letzten. Und er mußte dabeisitzen und es über sich ergehen lassen. Er fand die Kraft, an sich zu halten und sich nicht zu bewegen. Kaum aber hatte sie geendet, so lud er seinen Blick mit leidenschaftlicher Beleidigung, stand auf, trat vor sie hin und warf ihr aus den Augen ins Antlitz Verachtung.

«Halt da!» drohte ihr Auge zurück. «Entschlüpft Ihnen jemals ein einziges unehrerbietiges Wort...»

Nein, so konnte es nicht weitergehen; es mußte sich etwas entscheiden. Und neugierig, obschon vergeblich, befragte er seine Ahnung, was.

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