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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Viktor im Zweikampf mit Pseuda

«Nässer als naß kann ich nicht werden», hatte er gemeint. Irrtum! Der Hauptguß kam erst. Es begab sich nämlich eines Tages, daß Frau Direktor Wyß in seiner Gegenwart gegen die Galanterie eiferte (Galanterie, das war auch so ein Uhu für die Idealia). «Hm, hm!» lächelte Viktor, «Sie würden nicht übel erbosen, Frau Direktor, wenn Ihnen ein Mann tatsächlich die Galanterie verweigerte.» Und da sie diesen Satz hochfahrend bestritt, beteuernd, weder verlange noch wünsche sie Galanterie, vielmehr wäre sie dankbar, wenn man sie damit verschone, reizte ihn der Geist der Wahrheit, daß er beschloß, ihr eine Lehre zu erteilen. Zu diesem Zwecke stellte er sich nachher beim Abschied im Vorzimmer auffällig vor sie hin, mit auf dem Rücken verschränkten Armen, und ließ sie ihre Pelzjacke allein vom Haken nehmen und anziehen. Die Ärmel waren zu eng, so daß es ein mühseliges Freiturnen absetzte. Ergötzt spotteten seine Blicke: «Merkst du jetzt, Maidlein, wozu die Galanterie nütze ist?» Doch siehe da, nicht möglich, sie merkte nichts; Widerlegung durch Rebus, Rückbeziehung einer Handlung auf frühere Reden, diesen Belehrungsstil verstand sie nicht; offenbar war ihr noch nie dergleichen vorgekommen. Dagegen spürte sie natürlich gar wohl die Absichtlichkeit seiner Hilfeversagung, weil er es ja auffällig tat und weil er überdies als überförmlicher «Zeremonienmeister» in Verruf stand. Folglich mußte sie seine Unterlassung als böswillige Beleidigung auslegen. Der Blick, den sie ihm zuwarf! kein Auge mehr, bloß ein weißer Gallert, mit einem Tintenfleck darin. – Was tun? Sie aufklären? Unnütz, sie glaubte es ihm doch nicht. Sich entschuldigen? Ein weibliches Wesen nimmt niemals eine Entschuldigung an. «Legen wir's zum übrigen; ist es doch nicht die erste Ungerechtigkeit, die du erleidest. Und wer weiß, vielleicht ist es auch nicht so schlimm, wie es aussieht.»

Es war jedoch so schlimm, wie es aussah. Wo und wann sie ihn fortan erblickte, entfuhr ihr ein Naturlaut des Hasses, etwas wie das Fauchen eines jungen Panthers: «Rha! Cha!», und mit schlankem Schwung drehte sie ihm den Rücken.

Das erste und zweite Mal nahm er's überlegen, fand sogar Freiheit genug, um seine Blicke an dem gelenkigen Rückenschwung zu weiden. Allein beim dritten Mal fuhr ihm jählings der rote Kasper in die Nase: «Ach du einfältiges Affengesicht in deinem Thusneldahöschen!» schrie es in ihm, «wenn ich wollte! wenn ich dich nicht schonte! Was gilt's, ich möchte handkehrum dein kindisches ‹Rha! Cha!› in ein schmachtendes Gugurr umwandeln. ‹Jetzt müssen Sie mich selber verachten› (Seufzer), ‹Wie kann ich fortan meinem Mann und meinem Kinde› (Tränen), ‹Aber wirst du mir auch immer› (Umarmung), und so weiter der ganze übliche Trallala. – Doch halt! Hand davon! ob du's schon verdient hättest mit deinem albernen Getu'. Ehebruch in Ehren; aber es muß wenigstens ein gesunder, gerader Ehebruch sein, Liebe um Liebe oder Lust für Lust; dagegen eine Frau hinterlistig mittels Kunst und Berechnung zu überrumpeln, eine unschuldige Familie aus gemeiner gekränkter Manneseitelkeit zu vernichten – denn die geht ins Wasser, wenn sie gefehlt hat, daran ist gar kein Zweifel –, holla! so etwas tu' ich nicht. Erstens, weil ich's nicht tue, zweitens, weil ich für meinen Lebensberuf eine saubere Seele nötig habe. Und dann ihr Mann, der mein Freund ist! Darum nein und nein und nochmals nein! Lauf hin und sag Dank, Bebé! Aber wenn du mich hassen willst, so tu es auch recht; was gilt's, ich will dich mich hassen lehren, daß du vor Wut die Wände hinaufspringst. Ich aber werde gelassen einen Rettich dazu verspeisen. Je gründlicher du mich hassest, desto inniger soll's mich freuen. Das glaubst du nicht? Getrost! ich werde dir's sogleich beweisen.»

Und begann sie – zwar immer in den Grenzen des Erlaubten, aber hart an der Grenze – aus Leibeskräften zu reizen und zu ärgern, zu welchem Zwecke er sich ihr rücksichtslos aufdrängte, schonungslos an ihrer Seite klebend. Je nach Laune bediente er sie mit Spott oder mit Hohn, auf geradem Wege oder auf Umwegen.

War seine Stimmung im Zeichen des Hohnes, so ließ er schauerliche Sprüche vom Stapel, welche ihre heiligsten Gefühle rundum drehten. Ob ihr nicht schon aufgefallen wäre, daß bei den Frauen oft eine erstaunliche Gemütsroheit zutage trete? Ob sie nicht auch schon beobachtet habe, daß man nirgends einen erschrecklicheren Mangel an Gemüt und Herz finde als bei den Musikbolden? Oder er bewunderte den treffsicheren Instinkt des Frauenherzens, welches mit wahrhaft genialer Unfehlbarkeit unter hundert Männern den größten Esel herausfinde, um sich in ihn zu verlieben. Oder befürwortete den Ehebruch als ein Erziehungsmittel für den Ehemann, damit er sich gegen seine Frau artiger betrage. Oder beklagte sein erbarmungswürdiges Schicksal, in diesem elenden Neste «zur Sittlichkeit verdammt» zu sein. Und warum man denn ihn und seinesgleichen Wüstlinge nenne, man müßte ihn vielmehr einen Schönling nennen, da er doch von der Schönheit des Frauenkörpers angezogen werde. Überhaupt, was das für ein verlogenes pharisäisches Gekeif gegen die Lüsternheit sei: «Wenn ich eine Frau unappetitlich finde, nicht wahr, so fühlt sie sich dadurch beleidigt; folglich, wenn mich der Appetit nach ihr lüstert, erweise ich ihr damit eine Huldigung, das ist doch klar.» Gelt, das schmeckt dir, wie wenn du eine Blindschleiche verschlucken müßtest? Wohl bekomm's, darum laß uns fortfahren. «Was ich nie habe begreifen können, ist das, daß ein Seeräuber mit einer geraubten Jungfrau Umstände macht. Sie kann ihn ja doch nur mit dem Gesicht gehässig ansehen, nicht mit den Beinen; das Gesicht aber ist in solchen Fällen Nebensache.» Noch mehr in diesem Stil gefällig? nein? Nun, darum also weiter. «Jeder Mann begehrt jeden Augenblick jede schöne Frau; wenn einer das abstreitet, so ist er entweder kein Mann, oder er lügt.»

Sie mochte ihm nicht die Ehre antun, mit ihm zu streiten; nur ihre Blicke verkündeten ihm: «Falls Sie etwa, mein Herr, das Unglück haben sollten, unter einen Eisenbahnwagen zu geraten, so würde ich das zwar aufrichtig bedauern, aber keineswegs beklagen.»

Worauf sein frecher Blick höhnisch erwiderte: «Gnädige Frau, falls Sie etwa geruhen, platzen zu wollen, so, bitte, sagen Sie mir's voraus, damit ich mir ein auserwähltes Stück sichere.»

War er gelinder gestimmt, so begnügte er sich mit der Verletzung ihrer Überzeugungen und Schulsätze, gegen ihren alpenrosenfarbigen Patriotismus, ihre hirtenselige Volksbegeisterung und dergleichen zielend.

Sie liebte auf Spaziergängen das Volkslied zu jauchzen: «Am Morgen in der Frühe, da melken wir die Kühe.» «Ja, können Sie denn überhaupt melken, Frau Direktor?» fragte er in bewunderndem Tone. – Und als sie mit einem andern Liede loreleite: «Jedem sag' ich einfach du», klatschte er eifrig Beifall. «Es war schon lange mein stiller Wunsch gewesen, daß wir uns duzten.» – Neben ihrem Bruder war ihr besonderer Staat ein langbeiniger Vetter namens Ludwig, der jahraus, jahrein ruhelos Gipfel stürmte; diesen stürmischen Ludwig nannte er einen Duliehu. – Und überhaupt, warum denn seine lieben Landsleute sich so gewaltig viel auf die Alpen einbildeten? «Sie haben sie ja doch nicht gemacht; hätten sie sie machen müssen, so wären sie wahrscheinlich etwas flacher ausgefallen.» Ohnehin, ganz abgesehen von den Alpen, würde die leblose Natur gegenwärtig unendlich überschätzt; die kleinste Zehe einer schönen Frau wäre vor dem Antlitz Gottes wertvoller als der anspruchsvollste Gletscherklotz, und er gestehe offen, in einem tadellos sitzenden Zylinderhut mehr Seele und Geist zu entdecken als in einem Sonnenaufgang; «denn einen Sonnenaufgang kann ein Mammut begreifen; einen Zylinderhut dagegen bloß ein Kulturmensch von feinem Geschmack.» – Oder er erteilte ihr unerbetene Ratschläge. Beklagte sie die vandalische Zerstörung der heimischen Altertümer, so riet er: «Kanonen auffahren und den hölzernen Plunder zusammenschießen!» Bedauerte sie das allmähliche Verschwinden der Trachten und der Dialekte, so empfahl er, man solle Verbrecher zur Strafe in die Volkstracht stecken und den Dialekt auf erblich belastete Familien beschränken.

In solchen Stimmungen waren Namensumtaufungen sein Lieblingsvergnügen. Ihre gemeinsame stolze Vaterstadt nannte er Muhheim; die hiesige Politik eine periodische Aufregung darüber, ob man den Franz oder den Fritz wählen solle. Statt eine «Roheit» sagte er: ein «Patriotismus», statt eine «Grobheit»: eine «Germanität»; Taktlosigkeiten nannte er «Dialektfehler der Seele»!

Zuweilen ärgerte er sie auf weiten Umwegen mit scheinheiliger, unschuldiger Miene. Zum Beispiel mittels Anekdoten und Denkwürdigkeiten, die er für den guten Zweck schlankweg erfand. – «Kennen Sie, Frau Direktor», konnte er harmlos anheben, «die Anekdote von der Gräfin Stepansky, Beethoven und dem Kapellmeister Pfuschini?»

«Ich will sie gar nicht kennen», schnurrte sie, eine Bosheit witternd.

«Da haben Sie unrecht, sehr unrecht, denn sie ist ebenso lehrreich wie ergötzlich. Als die Gräfin Stepansky, welche den Beethoven und den Pfuschini gleichzeitig zu Tisch gehabt hatte, gefragt wurde, welchen von den beiden sie für den Bedeutenderen halte, den Beethoven oder den Pfuschini, zog sie ein überlegen gescheites Gesicht: ‹Das läßt sich nicht vergleichen; jeder in seiner Art; sie ergänzen einander.›»

«Überhaupt die Musik und die Frauen! Wollen wir einen Versuch anstellen, gnädige Frau? Lassen Sie das genialste Musikmädchen im Konservatorium ausbilden, halten Sie nachher jede männliche Anregung von ihr fern, und sehen Sie nach zehn Jahren nach: sie hat den Flügel abgeschlossen und sich eine Katze angeschafft. Den Flügel, weil sie keine Zeit hat, die Katze, weil sie nicht weiß, was mit der vielen Zeit anfangen.»

Und als sie wieder einmal im Gespräch den Überwert des Weibes vor dem Manne behauptete: «Ich würde Ihnen mit Vergnügen beipflichten», sagte er, «wenn nur nicht die Frauen selber in unbeobachteten Augenblicken den Mehrwert des Mannes predigten.»

«?»

«Nun, freilich. Denn wenn einer Mutter nach sechs weiblichen Mißgeburten endlich ein Bub gelungen ist, so erhebt sie ein Siegesgegacker, als hätte sie den Messias geboren. Und alles Weibliche auf eine Quadratmeile im Umkreis eilt freiwillig herbei, um dem wundersamen Übermädchen unterwürfig zu dienen. Der ‹Bube›, der ‹Bubi›, der ‹Bub›! als wäre ein Bube ein Weltwunder. Aus dem Messias wird dann später ein Kantonsrat, wenn's hoch kommt.»

Mit alledem erreichte er in der Tat mühelos, was er erwartet hatte, nämlich ihren tiefsten, gründlichsten, herzinnigsten Abscheu. Nicht mehr «Rha! Cha!» rief sie bei seinem Anblick, sondern «Äh! Uäh!» wie vor einem schmierigen Lurch. Darüber frohlockte er dann, als hätte er weiß was für einen Sieg über sie errungen. «Siehst du jetzt», lachte er in sich hinein, «wie gleichgültig dein Urteil mir ist!» Und belustigt zog er einen Vergleich: «Von den Fröschen wolltest du sie erlösen, und nun bist du selber der Frosch.»

«Viktor, jetzt fange ich an, selber zu glauben, du bist wirklich verrückt. – Ein Grund mehr, um verrückt zu tun», lachte er.

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