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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Es war anläßlich eines Gesprächs über «Tasso». Dabei kam die Rede auf die angebliche Anziehungskraft des Genies auf die Frauen. Mit instinktiver Unfehlbarkeit, behauptete Pseuda, fühle sich das Herz des Weibes zu einem wahrhaft bedeutenden, außerordentlichen Mann hingezogen. Nachdem sie das gesagt hatte, seufzte sie sinnend vor sich hin.

«Sind Sie der Wahrheit Ihres Satzes so sicher?» wagte er einzuwenden.

«Ebenso sicher», trotzte sie, «wie der andern Tatsache, daß wir mit Gewißheit spüren, wer jedenfalls kein bedeutender, außerordentlicher Mensch ist.» Und damit ihm ja die Anzüglichkeit nicht entgehe, schenkte sie ihm einen spöttischen Nick und Blick dazu.

Da riß ihn ein tiefes Weh; dann schoß ihm die Empörung das Blut in die Stirn. «Sage, was du zu sagen hast», befahl die Stimme der Strengen Frau.

Widerstrebend gehorchte er, denn sein Schamgefühl und seine Bescheidenheit sträubten sich gewaltig; dennoch gehorchte er. Also redete er und sagte: «Wer bürgt Ihnen dafür, daß ich kein außerordentlicher, bedeutender Mensch bin?» Dieser Spruch, mit seiner zaudernden Stimme in die vier Wände des tageshellen Zimmers herausgesägt, tönte so unerträglich häßlich, daß er selber sich dessen schämte und sämtliche Anwesenden vor Verlegenheit die Augen niederschlugen, als wäre eine Unanständigkeit vorgefallen.

Der Pfarrer Wehrenfels fand das erlösende Wort: «Es könnte halt doch nicht schaden», meinte er, mit milder Mahnung gegen Viktor gewendet, «wenn einer erst den ‹Tasso› läse, ehe er in dieser Frage mitspräche.»

«Brav gegeben!» jubelten aller Augen.

In die Trauer über seine entziehende Hoffnung mischte sich, anscheinend unabhängig von der Idealia, eine merkwürdige Allgemeinverstimmung, er wußte nicht ob körperlicher oder seelischer Art oder beides zusammen; ein Elendgefühl, dessen erste Anzeichen er schon gleich nach seiner Ankunft verspürt hatte und das ihn nie mehr gänzlich losließ. Jetzt, in seiner übrigen Niedergeschlagenheit, kam die schleichende Krankheit – denn so etwas war es wirklich – zum Ausbruch. Was mochte es nur sein? Ein abscheuliches Gefühl der Leere, eine öde, widerlich schmeckende Empfindung, als ob er eine Lehmwüste verschluckt hätte. Heimweh? Ja, etwas dergleichen; indessen ein Heimweh ohne Poesie, ohne Glanz und Farbe, eine zentrifugale Trostlosigkeit, ein Wegweh. Eines Abends, wie er aus der Idealia durch die finstern Gassen heimkehrte, nirgends Licht und Leben außer in den Wirtsstuben, aus welchen ihm Gejohl, Krakeel und Alkohol entgegenschlug, erkannte er plötzlich sein Leiden: das Elend des Großstädters, der in die Kleinstadt verschlagen worden ist. Auf einer Kirchentreppe heulte ein verlassener Hund. Den Hund begriff er; er hätte mitheulen mögen.

Trotz alledem war sein Verhältnis zur Idealia bisher ein freundschaftliches geblieben. Sie fanden zwar manches an ihm zu tadeln, genauer gesagt: alles, doch betrachteten sie ihn immer als einen der Ihrigen; er wieder hielt tapfer still, auf bessere Zeiten wartend, so daß er sich wie ein frommer Dulder vorkam, selber ganz gerührt über seine unglaubliche Sanftmut. Da entzündete ein einfältiges Gespräch, das sich ganz harmlos, ja vergnüglich angelassen hatte, innige Feindschaft; nicht bei den andern, denn der Feindschaft war das gemütliche Volk überhaupt nicht fähig, wohl aber bei ihm, dem Ideeneifrigen, Wahrheitsgrimmigen. Das geschah durch eine groteske Szene, die er später seine «Amazonenschlacht» nannte. Bei Frau Doktor Richard nämlich traf es sich, daß er als einziger Herr einem kleinen Dutzend hübscher Damen, worunter Pseuda, gegenübersaß. Durch den lieblichen Anblick aufgemuntert, begann er die Damen zu necken, wie man das darf und soll; allerlei kleine Bosheiten über die Frauen, von welchen er eine ansehnliche Zahl auf Lager hatte, zum besten gebend, aus lauter Liebe zum weiblichen Geschlecht. Nun huldigte jedoch, was er nicht wissen konnte oder in der Fremde vergessen hatte, die hiesige Frauenwelt dem Dogma vom Mysterium des germanischen Weibes, so daß sie, im Gegensatz zu dem intereuropäischen Brauch, zwar persönliche Grobheiten verziehen, dagegen den leisesten Zweifel an der heiligen Geschlechtshoheit des Weibes als einen Altargreuel verdammten. Da stak er denn bald in einem vielstimmigen Entrüstungsgeschrei (Schlachtruf der Amazonen), gegen welches er nicht aufkam. Und in der Hitze des Streites, wie er sich unterfing, das Zigarettenrauchen der Frauen zu entschuldigen, ließen sie sich hinreißen, über das qualvolle Ende einer russischen Studentin, welche vorige Woche beim Zigarettenrauchen jämmerlich verbrannte, laut jubelnd zu triumphieren. «Freut mich.» – «Ist ihr recht geschehn.» – «Möge es jeder, die da raucht, ähnlich ergehen.» Da schäumte in ihm das Gerechtigkeitsgefühl jählings in wildem Zorn empor; eine förmliche Prophetenwut, daß er hätte Feuer und Schwefel auf die blutdürstigen Anstandspriesterinnen herunterfluchen mögen. Er sah nämlich deutlich vor seinen Augen die arme Studentin in brennenden Kleidern herumtanzen, schreiend und sich windend, bald hoch aufspringend vor Schmerz, bald sich zu Boden duckend, und um sie herum beifallklatschend die teuflisch grinsenden Pharisäerinnen. «Mörderinnen!» schrien seine haßerfüllten Blicke. Und bei diesem Anlaß verstand er plötzlich die tödliche Feindschaft zwischen den Propheten und den Weibern.

Während jedoch seine anmutigen Gegnerinnen, sobald sie sich von der stürmischen Sitzung erhoben hatten, den heftigen Handel hurtig hinter sich schüttelten – eine Tasse Tee darauf, ein Schinkenbrötchen darüber, und man spürt nichts mehr davon –, blieb in seinem Gedächtnis das grausige Bild der Totentänzerin inmitten jubelnder Pharisäerinnen haften. Die zwölf schuldigen Damen, die in Wirklichkeit keiner Mücke etwas zuleide zu tun vermochten (mit Ausnahme der Motten), bekamen von seiner Phantasie ein Kainszeichen auf die Stirn geprägt, und die gesamte Idealia, weil ja solidarisch für jedes ihrer Mitglieder haftbar, erschien ihm fortan erinnyenfähig, in düsterer Atridenbeleuchtung. «Ob euch schon Polizei und Gericht nicht zu fassen vermögen, ob ihr noch so sittsam einhertrippelt und scheinheilig Schumannlieder schmachtet, in meinen Augen seid und bleibt ihr Verbrecherinnen: Mörderinnen!» Und er verspürte den finsteren Groll des Rächers. Denn die brennende Studentin zeigte beständig mit den verkohlten Fingern nach der Idealia, ihn mahnend wie das Gespenst den Hamlet.

Noch brodelte seine Feindschaft unter der Decke; sie grollte, aber blitzte nicht; ihn gelüstete ein Angriff, aber er wollte ihn noch nicht. Da erhielt er, wenige Tage nach der «Amazonenschlacht», verspätet die ersten Briefe aus der Ferne. Was für ein anderer Atem! «Gefeiert und verehrt im Kreise der lieben Ihrigen, werden Sie hoffentlich Ihren alten fernen Freunden...» Gefeiert und verehrt, o Ironie! die lieben Meinigen, o Jammer! «Ihre hervorragenden Eigenschaften, Ihre Kenntnisse, Ihre Herzensgüte werden nicht ermangeln...» Was für Neuigkeiten! was für verlernte Dinge! Er und hervorragende Eigenschaften! Kenntnisse! Waren das schöne Zeiten, wo noch jemand an ihm nichts auszusetzen, sogar etwas zu loben gefunden hatte. Diese Briefe wirkten wie ein Wecker. Nämlich sein Selbstgefühl, täglich von der Vielzahl mattgesetzt, war allmählich verblödet, und unmerklich hatte ihn ein neuer, engerer Horizont umzogen, der hiesige, so daß er nachgerade anfing, für selbstverständlich hinzunehmen, was ihn zuerst aufgebracht hatte: die Voraussetzung, er wäre das fehlerhafte Pferd, an welchem jeder herumbessern dürfe. Nun wachte er auf, der enge Horizont entschwebte, sein Stolz erinnerte sich, und sein Gedanke verglich. Was für ein Gegensatz! und welch ein Hohn im Gegensatz! Draußen in der Fremde: offene Arme, warme Aufnahme, gutwillige Duldung seiner Eigentümlichkeit, Nachsicht gegen seine Fehler; hier in der Heimat: engherzige Nörgelei, Unfehlbarkeitsdünkel, Verneinung seiner gesamten Persönlichkeit. Durch diese Vergleichung wurde alle Bitterkeit aufgerührt, die er seit sechs langen Wochen geschluckt hatte, und jäh wie er war, entbrannte er in heißem Kriegszorn. Nicht mehr schweigend dulden! zum Angriff. Ich will unter euch treten, euch die Pharisäermaske herunterreißen, euer heuchlerisches Prahlwörterbuch zerzausen. Haltet still und merket auf, was ich euch sagen will, denn ich will euch zeichnen. Seid ihr bereit? Gut, dann fange ich an. Das habe ich euch zu sagen: Eure «Tugend»? Ein Mundstück, um den Nebenmenschen zu verlästern. Eure «Offenheit»? Ein angemaßtes Vorrecht, dem Nächsten Schnödigkeiten anzuwerfen, ohne selber den mindesten Tadel zu ertragen. Eure «Aufrichtigkeit»? Ein Erlaubnisschein, einem hinterrücks noch viel Schlimmeres nachzusenden, als was ihr einem ins Gesicht sagt. Eure «Wahrhaftigkeit»? Erkauft euch durch Wahrheitspedanterei in Nebensachen die Erlaubnis, im entscheidenden Falle ausnahmsweise zu lügen. Wenn ich mit solch einem Wahrheitsbold ein Geschäft abzuschließen hätte, der Halunke müßte mir's schriftlich unter vier Zeugen geben! Eure «Gemütlichkeit»? Egoismus in Herdenformat, schafwollene Oberhautanwärmung; wettert ein Unglück, hilft keins dem andern. Eure Familienseligkeit, eure Verwandtenliebe? Wirf ein Erbschäftlein dazwischen und sieh dann die Liebe! Eure Musik? O ihr jauchzenden Eiszapfen! Eure Bildung, eure Wonne über Kunst und Literatur? Wenn man euch zur Rechten die Tür zum Paradiese auftäte und zur Linken einen Vortrag über das Paradies ankündigte, ihr würdet sämtlich am Paradies vorbei in den Vortrag laufen. «Interessant, interessant!»

So werde ich mit euch reden; macht euch gefaßt und setzt euch bereit. Leider fiel ihm ein, daß in den Empfangszimmern der Idealianer keine Kanzeln stehen, von wo man die Leute hätte insgesamt herunterstriegeln können wie eine bußfertige Gemeinde zur Fastenzeit. «Getrost, so werde ich euch die Bescherung einzeln auftragen. Der erste, der mir eine tugendhafte Miene gleißt, bekommt die ganze Schüssel. Wem beliebt's?» Und wie ein Stier senkte er die Hörner, den Feind erwartend. Allein wie er sich kampflustig umsah, war nirgends ein Feind zu erspähen. Alle standen ihm entgegen, doch keiner; ob ihn niemand sonderlich mochte, bot ihm niemand Übelwollen. Ja, wie aus absichtlicher Bosheit geschah es, daß gerade jetzt, wo er zum Kampfe gerüstet war, sich alle schienen das Wort gegeben zu haben, ihm Freundlichkeit zu bieten; womit sie ihn dann natürlich sofort entwaffneten. Die Möglichkeit, jemand auf die Hörner zu nehmen, der einem mit treuherzigem Gruß entgegenkommt! «Nun, wie geht es Ihnen? Hoffentlich haben Sie sich bei dem ‹unnatürlichen› Wetter nicht etwa auch erkältet?» Gierig, doch umsonst ersehnte er einen Feind. Der Kurt? ein wehrloser Mensch, der die Flucht ergriff, wenn er nur Viktors Hut im Vorzimmer erblickte; zudem hatte der Kurt, das war nicht zu leugnen, zwei schöne, gutblickende Augen; was kann man da tun? So wußte sein schnaubender Zorn nicht, wen aufspießen.

Einstweilen, in Ermangelung eines Feindes und eines Streitfalles, offenbarte sich sein ohnmächtiger Grimm durch eine mörderliche Laune. Sein Blick wurde drohend, seine Miene höhnisch, der Ton seiner Stimme herausfordernd, der Spruch seiner Behauptungen despotisch, jeden Einwand von vornherein verbietend. Ohnehin als ernster Wahrheitsdenker den Widerspruch angelernter Weisheit ungeduldig ertragend («ich liebe nicht, wenn man mit geliehenen Gedankengabeln gegen die Wahrheit fuchtelt»), setzte jetzt seine Stimme noch ausdrücklich die Warnung hinzu: «Untersteh dich, du Wicht, und widersprich!» Es fehlte ihm bloß die Leibwache von Söldnern, um den Gegner am Kragen packen zu lassen.

Damit erreichte er jedoch keineswegs den ersehnten Kampf; es ging ihm nur fortan jedermann aus dem Wege, wie einem unberechenbaren und unzurechnungsfähigen Tiere. Der Pfarrer, wenn über Viktor gesprochen wurde, nannte ihn jetzt einen toll gewordenen Nepomuk; der Doktor verglich ihn mit einer stigmatisierten Nonne, der Förster mit einem sonst durch und durch gutartigen, lammsanften, aber plötzlich aus unbekannter Ursache wild gewordenen Elefanten. Allerdings konnte er bisweilen einen Abend lang bescheiden und stumm dasitzen, trüb und traurig vor sich hin starrend; doch war man nie sicher, was für ein Unwetter vielleicht noch aufziehen mochte; da aber niemand die Verpflichtung hat, sich unliebsamen Überraschungen auszusetzen, ließ man ihn eben mit seiner stillen Wut allein.

Ein Beispiel: Der Doktor Richard hatte ein neues wissenschaftliches Werk gepriesen; «dieses Buch müssen Sie unbedingt lesen», schloß er, zu dem teilnahmslos dasitzenden Viktor gewendet. Schäumend sprang dieser in die Höhe: «Wie unterstehen Sie sich, mir Befehle zu erteilen?» Und den ganzen Abend ging es: «Herr Doktor, Sie müssen unbedingt diesen Bleistift in den Mund nehmen.» – «Herr Doktor, Sie müssen mir unbedingt mein Schnupftuch aus dem Überzieher holen.» – «Herr Doktor, Sie müssen jetzt unbedingt sofort nach Hause.» Nein, mit einem solchen Menschen zusammenzutreffen, dafür bedankte sich ein jeder.

Als Direktors ein kleines Nachtessen veranstalteten, zu welchem auf des Statthalters steifen Willen auch Viktor geladen werden mußte, kamen in letzter Stunde Absagen über Absagen, so daß der grausam enttäuschten Hauswirtin zuletzt als einziger Gast der Unhold von Viktor nachblieb, den sie nun betrachtete wie einen Knopf im leeren Kirchenbeutel. «Bah!» tröstete er sich, «nässer als naß kann ich doch nicht werden.» Frau Direktor Wyß aber nannte seither den Viktor klipp und klar einen «Greuel».

«Mit dem Viktor ist's nicht mehr auszuhalten», lautete das allgemeine Urteil. «Der Viktor ist krank», antwortete die einstimmige Entschuldigung.

Die Entschuldigung sprach richtig: der Stier stand quadrato, das Blut floß ihm über die Nase. «Mein Gott, wie sehen Sie aus», schrie Frau Steinbach entsetzt, als sie einmal um die Straßenecke auf ihn prallte. Denselben Tag noch erhielt er eine besonders dringliche Aufforderung, sie zu besuchen. Vergebens; denn er scheute seine Freundin wie die leibhaftige Vernunft.

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