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Carl Spitteler: Imago - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleImago
pages347-557
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Dem konnte die Regierungsrätin nicht länger zusehen; denn ihre friedliche Natur ertrug keine tiefspältige Zwietracht in ihrer Umgebung. Und da sie sowohl dem Viktor wie der Frau Direktor herzlich zugetan war, schloß sie nach der liebenswürdigen Unlogik des Frauenherzens, welches da meint, wenn ich A und B gern habe, so müssen sich A und B ebenfalls gern haben, auf ein bloßes «Mißverständnis» zwischen den beiden. Demgemäß unternahm sie jetzt die Vermittlung, indem sie dem Viktor die Tugenden der Frau Direktor und dieser wieder die Vorzüge des Viktor schilderte. Großartig, gemäß ihrer lautern und einfachen Natur, wo die Tugenden in kräftigen Zügen wie in Fresko gemalt waren, erklärte sich Frau Direktor willens, die Geschichte mit dem Kurt zu vergessen, vorausgesetzt, versteht sich, daß Viktor sich künftig der Verträglichkeit befleißige. Hingegen den Lobpreisungen über Viktor lauschte sie mit ungläubiger Miene. Und während Frau Keller sich zugunsten ihres Schützlings in eifriger Rede abmühte, sammelte sie sachte für sich selber ihre Eindrücke zu einem Charakterbilde Viktors, ungern zwar, denn es widerstrebte ihr, die Gedanken mit ihm zu beschäftigen.

Daß dieser Mensch ihr zuwider war, und zwar je länger, desto mehr (ganz abgesehen von der Beleidigung ihres Bruders), das brauchte sie sich nicht erst zu fragen, das spürte sie deutlich. Schon sein lockerer Lebenswandel, aus welchem er nicht einmal ein Hehl machte! «Doch seien wir nicht ungerecht; suchen wir ihm eine gute Seite abzugewinnen.» Allein sie mochte ihn drehen, wie sie wollte, es kam nirgends eine gute Seite zum Vorschein, und sein Eigenschaftsverzeichnis sah einem Sündenregister nicht unähnlich.

Sein unmännliches, übersanftes, fast süßliches Auftreten, ohne Mark, ohne Kraft, ohne Charakter, mit seiner leisen Stimme, seiner übertriebenen Höflichkeit, seiner geckenhaften Kleidung, seiner gezierten, fremdartigen Sprache – sein undurchsichtiges, vielgestaltiges und vieldeutiges Wesen, verschlossen und hinterhältig, wo man nie weiß, woran man mit ihm ist, jeden Tag ein anderes Gesicht («ich liebe einfache, offene, aufrichtige Menschen») – seine höhnische, frivole Gesinnung, die alles, selbst das Heiligste, Heimat und Vaterland, Moral und Religion, Poesie und Kunst mit wohlfeilen Paradoxen in den Spott zog – ohne Ernst und Tiefe, ohne Grundsätze, ohne Ideale – kein Schwung, keine Wärme, kein Gefühl (wie kann zum Beispiel jemand die Musik nicht lieben? außer er habe kein Herz!). «Gemüt jedenfalls hat er keines; an wen hat er sich denn in den drei Wochen angeschlossen? An niemand.» – Und dann seine anmaßlichen Absprechereien, seine albernen Taktlosigkeiten und Narrheiten, die mitunter an Beleidigung streiften! Hatte man doch zum Beispiel die größte Mühe gehabt, ihm abzugewöhnen, daß er sie «Fräulein» nannte.

Nein, ihr Widerwille war nicht ungerecht; was auch Frau Keller und ihr Mann zu seinen Gunsten sagen mochten. Auch ihr Vater würde ihn verurteilt haben; mit einem einzigen Wort hätte er ihn verdammt: «Er ist nicht klar.» Sie hörte den Ton seiner ehrwürdigen Stimme, wie er das gerufen hätte. Und da eben Frau Keller Viktors Talente rühmte: «Ja, wo sind sie denn, seine Talente?» rief sie, «bitte, zeigen Sie mir an ihm ein Talent, ein einziges! Was kann er denn? oder was weiß er? Ich sehe überall von den Talenten nur die Abwesenheit.»

«Geist wenigstens werden Sie ihm zugeben müssen», mahnte Frau Keller.

Jetzt aber riß der Frau Direktor die Geduld: «Geist?» brauste sie unwillig auf, «auch ich liebe und schätze den Geist; doch es fragt sich, was für ein Geist. Geist nach meiner Meinung fördert etwas Rechtes zutage, Wahrheit oder Schönheit, Taten oder Werke; Geist verehrt das Ehrwürdige, verneigt sich vor dem Verdienst, begeistert sich für das Hohe und Edle; Geist spricht vor allem, wo es sich um ernste Dinge handelt, ernst. Dagegen diese windigen, witzigen Sprachspielchen, ich gestehe, wenn das Geist sein soll, dann mache ich mir aus dem Geist gar nichts, nicht das mindeste; diese Art Geist hasse ich. Statt ‹Natur› zu sagen ‹Madame Pferdekraft›, was habe ich davon? ‹Die Psychologen – die schlechtesten aller Psychologen›, was soll das heißen? Wenn das Geist sein soll, so beanspruche ich als eine Auszeichnung, für dumm zu gelten. Der Kurt, nicht wahr, hat doch auch Geist, aber da sieht es anders aus!» Und da Frau Keller jetzt eifrigst einstimmte, so mündete die beabsichtigte Erhebung Viktors in einen Lobgesang auf den Kurt.

Nachdem sie dann beide an dem Kurt ihr Herz sattsam gelabt, erklärte sich Frau Direktor schließlich bereit – Verträglichkeit kann niemals schaden, und sie vergab sich ja nichts damit –, mit dem leidigen Menschen glimpflicher umzuspringen.

Wer sich dagegen bock und stock weigerte, die angebotene Versöhnung anzunehmen, war Viktor. Natürlich, er ließ ja Pseuda, also die wirkliche, leibhaftige Frau Direktor, gar nicht als zu Recht und Tat bestehend gelten. Ehe sie sich «bekehrt» hätte, also rückwärts wieder in die Seele der Jungfrau Theuda hineingeschlüpft wäre, gab es für ihn keine Verhandlung mit ihr.

Hier abgeschlagen, suchte die Regierungsrätin den Frieden von einer anderen Seite: den Kurt und den Viktor miteinander aussöhnen. «Es ist ja doch ganz unmöglich, wenn sich die beiden nur erst kennenlernen, und so weiter.» Das ergab dann eine jener verunglückten Harmonieaufführungen, welche die Sache noch weit schlimmer machen als vorher. Und wieder war es Viktor, der den Widerborstigen spielte. Zwar hatte er sich mit Ach und Krach zu einer Zusammenkunft herbeigelassen, enthielt sich auch – so viel vermochte er über sich – eines feindseligen Wortes; zur Entschädigung dafür behandelte er jedoch mit Blick und Gebärden den Kurt dermaßen hochfahrend, daß es der schlimmsten Beleidigung gleichkam. Diesmal aber gab es keine Entschuldigung, die beleidigende Absicht war offenkundig. «Warum nur», fragte er sich nachher selber verwundert, «warum muß ich diesen Menschen durchaus demütigen, ob er mir schon nichts zuleide getan, ob ich schon weiß, daß es unklug ist, daß ich mir durch ein artiges Benehmen die Gunst Pseudas erwerben könnte?» Er fand keine Antwort; es war ihm gekommen wie dem Hund, wenn er eine Katze sieht; läßt sich der vom Angriff zurückhalten, so verschlingt er wenigstens die Katze mit den Augen.

«Naturgeschichten!» meinte er ratlos, «unerklärliche, aber unüberwindliche Idiosynkrasie!» Er täuschte sich; es war ein Berufshandel: der Zorn des echten Propheten gegen den falschen Propheten, die Entrüstung des Erben über den Erbschleicher; mit einem Wort: ihn hetzte gegen dieses Talmi-Genie der heiße Atem der Strengen Frau.

Jetzt gab die Regierungsrätin die Vermittlung auf. Mit Pseuda aber war es nun natürlich gründlich vorbei. «Zu allem obendrein noch ein boshafter Mensch, der aus eitel Neid auf meines Bruders Genie sich an ihm zu reiben versucht.» So lautete fortan ihr Urteil über ihn; und sie sorgte dafür, daß er über ihr Urteil nicht im unklaren blieb. Wozu hat man denn sonst Seitenbemerkungen und Anspielungen?

Über diese neue «Ungerechtigkeit» empörte er sich dann wieder mit einer Beimischung des Erstaunens. «Was geht sie überhaupt ihr Bruder an? Der gehört ja gar nicht zur Handlung. Schon sein Dasein bedeutet einen Fehler im Stück.» Und daß nun vollends sein Verhältnis zu Pseuda Rückschritte statt Fortschritte machen wollte, ging doch gegen allen Sinn. Schon öfters hatte er sich ärgerlich gefragt: «Was zaudert sie? wann will sie endlich aufwachen? meint sie etwa, ich hätte Lust und Zeit, Jahrzehnte auf ihre Bekehrung zu warten?» Und nun sollte es gar noch rückwärts gehen?

Eine unerträgliche Vorstellung. Allein, wie dem steuern? Er wußte kein anderes Mittel als seine «Magie», dieselbe Magie, die bisher so kläglich versagt hatte. Wie ging das zu, daß sie versagte? daß seine strahlenden Herrschaften nicht aus ihm hinaus in ihre Seele hinüberzündeten? Eine Vermutung: möglicherweise teilt sich der Funke bloß im Zustande der Ekstase mit, so daß also die Wirkung einzig ausgeblieben wäre, weil er bisher der Dame immer nur lahmen Mutes, mit abgespannter Kraft gegenübergetreten war? Wie er daher eines Abends nach schöpferischer Phantasiearbeit seine Seele dermaßen mit erleuchten Gestalten übervölkert fühlte, daß er meinte, es müsse davon wie ein Dunstkreis um ihn zu spüren sein, faßte er sich ein Herz und suchte sie zu Hause auf, in der heimlich bewußten Absicht, seine Magie diesmal konzentriert auf sie wirken zu lassen, gleichsam im Kurzschluß. Also eine Art psychologisches Experiment, doch beileibe kein leichtfertiges, denn es handelte sich ja um sein Heil.

Der Zufall wollte, daß sie jenen Abend eine Schulfreundin bei sich hatte, mit welcher sie, die Vergangenheit zurückspielend und ihre neubackene Mutterwürde auf ein Stündchen abschüttelnd, die harmlose Wonne ausgelassener Kindsköpfereien kostete; es tut ja so wohl, nicht wahr? einmal zur Abwechslung wieder so recht von Herzen töricht zu sein. Da hatte denn die eine ein Kinderhäubchen, die andere einen Zylinderhut aufgestülpt, und die Seligkeit verlangte, damit im Zimmer herumzuhüpfen. Für solch eine Null aber galt Viktor, daß sie ihn bei seinem Eintritt nicht einmal der Störung wert hielten, den Schabernack zu unterbrechen. Da saß er nun und durfte dem Lustspiel zusehen. Nachdem er das eine Viertelstunde getan, wußte er fortan für sein Leben, was es mit der Seelenmagie auf sich hat! Unbeachtet, wie er gekommen, entfernte er sich und schlich kleinmütig nach Hause.

Jetzt zum ersten Male kam ihm seine Zuversicht abhanden. Ein Schreck durchbebte ihn, als ob an seinem Siegeswagen die Hinterräder abgebrochen wären und die Achse mit harten Stößen auf dem Boden schleifte. Und wie er seinen Geist nach Trost ausschickte, entdeckte er vor seinem Blick einen schwarzen Vorhang, zwar noch aufgerollt, indessen mit unheimlichen Bewegungen, als könnte er einesmals ungesinnt herniederfallen, ohne ein Klingelzeichen.

Nachdem seine Magie sich als unzulänglich erwiesen, was blieb ihm dann? Angst klemmte ihn, und in seiner Angst griff er vorzeitig zu seinem letzten Trumpf, den er eigentlich für später aufgespart hatte, wenn ihr Herz bereits erschüttert worden wäre: die Bekehrung durch ihr eigenes Bildnis aus früherer, edlerer Jungfernzeit. Der Anblick ihrer einstigen jungfräulichen Erscheinung, berechnete er, müsse die Erinnerung wecken, und Theuda werde Pseuda strafen; etwa so, wie wenn ein Verbrecher, dem man unvorbereiteterweise sein Abbild aus seiner unverdorbenen Kinderzeit vorhält, plötzlich in Tränen ausbricht, seine Missetat bereut und schwört, fortan wieder ein rechtschaffener Mensch zu werden wie vormals. Er holte also mit bebender Hand jenes Theudabild (sein Heiligenbild) hervor, das ihm vor drei Jahren Frau Steinbach zugeschickt hatte, ängstlich vermeidend, es anzuschauen, weil er sich nicht die Kraft zutraute, den Ansturm der Erinnerungen zu bestehen. Mit diesem Bilde bewaffnet, wie mit einem geladenen Revolver, pilgerte er am nächsten Tage nochmals zu ihr, gefährlich, so daß er beinahe Mitleidbedenken verspürte, von einer so fürchterlichen Waffe Gebrauch zu machen. Das Bild stellte er dann, ehe sie eintrat, aufs Klavier und erwartete mit klopfendem Herzen die Wirkung.

Kaum erschien sie unter der Tür, so gewahrten ihre scharfen Augen auch schon das Bild. «Wer hat Ihnen das gegeben?» heischte sie im scharfen Ton eines Untersuchungsrichters; «woher bezieht Frau Steinbach das Recht, Ihnen meine Photographie weiterzuschenken?» Darauf zuckte sie die Achseln. «Übrigens ein schlechtes Bild; ich habe es nie gemocht.» Das war die Wirkung des Heiligenbildes.

Nun wurde seine Lage ernst; denn er hatte keinen Trumpf mehr in der Hand. Noch hielt er zwar an seiner Hoffnung fest, weil er sie eben nötig hatte, allein mit krampfhafter Faust, und der Hoffnung fehlte die vernünftige Berechtigung, da er sich gestehen mußte, daß das, was er hoffte, nunmehr unwahrscheinlich geworden war, daß etwas Unvorherzusehendes ihm von außen zu Hilfe kommen müsse, damit es sich erwähre. Darob sammelte sich in den Gründen seiner Seele Trauer. Diese kam eines Tages ins Gefühl herausgestiegen und zeugte Weh.

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