Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georges Rodenbach >

Im Zwielicht

Georges Rodenbach: Im Zwielicht - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typenarrative
authorGeorges Rodenbach
titleIm Zwielicht
publisherGustav Kiepenheuer/Verlag
year1913
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110611
projectid6a1935ed
Schließen

Navigation:

Das Opfer

Dorothea hatte heiß und tief geliebt. Wie ein plötzlicher Lichtschein war die Liebe in ihr graues, eintöniges Waisenleben gefallen, dort im kleinen Giebelhause neben dem Münster, wo sie mit ihrer alten Großmutter allein hauste. Auch das Häuschen war grau von dem Schatten des Turmes, der ewig darauf lag. Aber einen Augenblick war es darinnen licht geworden, als die Liebe einzog – und nun war sie so schnell wieder gegangen! Es war einer jener kläglichen Versuche des Glücks, eine jener Liebschaften mit achtzehn Jahren, wo ein Mädchen sich ohne Rückhalt hingibt, ohne zu wissen, was es tut. Und Dorothea gehörte nicht zu denen, die vergessen können und neue Erfahrungen zu machen wagen.

Sie lachte, weinte, verzweifelte und hoffte wider alle Hoffnung.

Sogar ihren Ring aus den Tagen der Liebe behielt sie am Finger, als wäre der Bräutigam nur fern und käme eines Tages wieder. Es wollte ihr nie in den Sinn, ihn auch nur für Augenblicke abzutun. So gingen Jahre dahin, und sie hoffte immer noch. Der Ring glänzte nach wie vor an ihrem Finger, nur ein wenig matter. Sie hütete ihn mit abergläubischem Sinne. Ihr Schicksal schien ihr an diesem Ringe zu hängen. Er blieb für sie ein Talisman, eine ewige Lampe und gleichsam ein goldenes Leuchtfeuer am Gestade ihrer bloßen Hand, das den Fernweilenden zurückführen konnte ... Ihr däuchte, daß den Ring verlieren die Hoffnung verlieren hieß. Und sie wollte noch hoffen.

Eines Tages geschah es, daß der Blitz in den großen durchbrochenen Turm des Münsters einschlug, der den Himmel mit einem riesigen Spitzenzierrat schmückte. Die steinernen Bogen und Schnörkel blieben unverletzt, denn der Blitz war sofort in die Glocke gefahren, die große Kriegs-, Feuer- und Sonntagsglocke, und hatte sich darin gefangen, wie in einem Brunnenschacht. Die Glocke war geborsten, zersplittert, geschmolzen und in tausend Stücke zerschellt. Das gab ein großes Entsetzen in der Stadt. Man sah darin ein Zeichen des himmlischen Zornes. Seuchen hatten bereits gewütet. Und diesmal behaupteten die Nachbarn allen Ernstes, sie hätten in dem Augenblick, wo die Glocke zerbarst, ein ungeheueres Gelächter vernommen, das in der Feme verhallte, als wäre der Teufel von dannen geflohen... Selbst die Pfeiler des Portals hatten gewankt. Die Glocke war verflucht. Man durfte gar nicht daran denken, die Glocke umzuschmelzen und zu einer neuen Glocke zu verwerten. Im Gegenteil wurden die Trümmer und Überreste der Glocke sorgfältig gesammelt und in aller Hast in den Fluß geworfen; und der Rost und Grünspan erschien den geängsteten Gemütern wie Schwefel und Feuer, das Wahrzeichen der Hölle.

Trotzdem konnte der Glockenturm nicht leerstehen. Die Glocke schlug die Stunden und kündigte die mannigfachsten Ereignisse an. Die Stadt erfuhr durch sie die Zeit und ward sich ihrer selbst bewußt. Sie hörte den Pulsschlag der Stunden im Läutewerk des Turmes wie den ihres eigenen Herzens, und als sie nun nicht mehr schlug, da däuchte es allen, als wäre das Herz der Stadt stehen geblieben ... Die Stadt kam sich wie tot vor.

Eine große Niedergeschlagenheit griff um sich, und auch eine große Bangigkeit. Man mußte den Himmel versöhnen, da er sich durch einen solchen Zornesausbruch bemerkbar gemacht hatte. Vielleicht würden wieder Seuchen ausbrechen. Man entschloß sich in aller Eile, eine neue Glocke zu gießen. Aber woher die Mittel nehmen? Die Ausgabe war doch beträchtlich. Die Domherren beratschlagten mit den Ratsherren der Stadt und verfielen schließlich allesamt auf einen gemeinsamen Entschluß, der nicht nur das notwendige Bronzematerial sicherte, sondern auch zugleich eine Art Buße in sich schloß. Es ward den Einwohnern kund getan, daß Wagen durch alle Straßen fahren und allerhand Metallspenden in Empfang nehmen würden. Aus ihnen sollte eine neue Glocke gegossen werden, die somit das Werk aller sein würde.

Am angekündigten Tage erschienen die Wagen in den Straßen. Sie waren vom Bischof eingesegnet worden und mit den Stadtfarben verziert. Sie wurden von schabrackengeschmückten Pferden gezogen; Knechte und Herolde bildeten das Geleit. Trompeten zerrissen die Luft mit ihren Goldblitzen, die Glocken der Stadtgemeinde läuteten. Die ganze Stadt war von wunderbarer Opferfreudigkeit erfüllt. Jeder glaubte, als guter Bürger und als guter Christ zu handeln. Die einen gedachten, Gottes Zorn zu besänftigen, die anderen hofften, die Stadt mit einer Glocke von solchem Umfang und von so edlem Guß zu beschenken, daß sie dem Turm zur höchsten Zier gereichen und einen gewaltigen Klang in die Luft senden würde, der die Unglücksvögel töten und die Blitze brechen würde.

Auf den offenen Plätzen, in den Stadtvierteln der Reichen, in den Gassen des kleinen Volkes, überall wurden die Wagen mit reichen Spenden überschüttet. Die Spendenden warteten an den Fenstern, auf den Steigen, an den Schwellen der Hauser und warfen allerhand Metallgegenstände, Leuchter, Kupferbecken, Zinnteller in den Wagen. Auch Gold und Silber strömte reichlich zu: Geschirr, Schmuckstücke, Kinderklappern und Becher. Die Opferfreudigkeit ward ansteckend. Patrizierfrauen taten ihre Halsketten und Ohrgehänge ab und warfen sie von ihren Balkonen und Terrassengärten hinunter. Uralte Schreine wurden geleert. Der Bischof warf von der Estrade seines Palastes den silbernen Krummstab in einen der Wagen. Selbst die Ärmsten trugen ihr Scherflein bei. Unaufhörlich regnete der Segen herab, häufte, bauchte und krümmte sich, wie ein Kirchhof von Metall, ein riesiges Beinhaus, das alsbald zu herrlichem Leben auferstehen sollte, um Jahrhunderte zu überdauern.

Die Opferlust war allgemein. Die Menge wird bisweilen eins, nicht nur in Untaten, nein, auch im Glauben und Eifer, in der Freude und Tat. Und selbst die, welche anderen Sinnes waren, wurden mitgerissen.

So ging es Dorothea.

Als die Wagen am Ende ihrer Reise vor ihrem Hause vorbeikamen, reich beladen mit ihrer unermeßlichen Beute, die noch immer zunahm, da dachte sie plötzlich – einen Augenblick vorher war es ihr noch nicht in den Sinn gekommen –, daß auch sie etwas spenden müsse. Aber was? Unwillkürlich sah sie ihren Ring an, der sich wie von selbst anzubieten schien. Er sträubte sich nicht, er war bereit, ihr vom Finger zu gleiten. Eine alte, unnütze Erinnerung! Der letzte Ring einer Kette! Warum sollte sie das grausame Andenken aufbewahren, das sie stets an ihre unglückliche Liebe gemahnte? Die Wagen kamen vorbei. Von allen Seiten regnete es Spenden herab, dazu Geschrei und Lärm der berauschten Menge. Eine plötzliche schwere Versuchung ... Dorothea schauderte, zauderte und empörte sich in Herz und Seele. Ihre abergläubische Anhänglichkeit an den Ring gewann wieder die Oberhand. Er war doch immer noch das Wahrzeichen ihrer Hoffnung, ein Talisman der immer noch möglichen Wiederkehr. Den Ring hingeben, hieß auf immerdar verzichten, hieß ins Vergessen willigen.

Aber die Versuchung war stärker als sie. Es war ja doch nichts mehr zu hoffen. So viele Jahre waren dahingegangen, und der Bräutigam war nicht wiedergekehrt. Er würde nie mehr kommen. Heute brachte ein jeder Gott und der Stadt sein Opfer. Hatte sie ein Recht, sich auszuschließen? Noch einmal bot der kleine Ring sich an wie ein unnützer Schmuck, eine schmerzliche Erinnerung. Und plötzlich, ohne daß sie wußte wie, glitt ihr der Ring in einer raschen, sozusagen unfreiwilligen Bewegung vom Finger und flog hinab bis in den Wagen, in dem er sich sofort verlor, wie der Becher des Königs von Thule im Meere ...

Dorothea begriff sofort, daß jetzt alles zu Ende war. Die Liebe, deren Wiederkehr sie stets erhofft, die noch immer möglich gewesen, war nun aus. Sie hatte sich selbst die letzte Hoffnung geraubt. Der Bräutigam war für sie tot. Es gab kein Wiedersehen mehr.

Und wie der Ring in der Glocke aufging, so verschmolz Dorotheas Liebe in der Erinnerung. Als sie ihn fortgeworfen, da wähnte sie, ihn los zu sein. Aber er wechselte nur die Form, und ihr Kummer desgleichen. Sie merkte es wohl, als vierzehn Monde danach die große Glocke ihre vierzehntausend Pfund in Bewegung setzte. Es hatte lange gedauert. Man hatte auf dem Domplatze, wo einst der alte Friedhof gewesen war, eine riesige Grube gegraben; man spornte die Bläser an, um eine erhöhte Schmelztemperatur zu unterhalten, und es gab selbst einen Wettstreit unter ihnen, bei dem der Sieger eine Denkmünze und einen Hut mit Bändern erhielt. Ein berühmter Glockengießer besorgte den Guß. Und so gab die Glocke einen guten Klang bei der Taufe, wo sie im Spitzenkleide wie ein Täufling aussah und berühmte Paten hatte. Sturmschläge, Stundenschlag, feierliches Meßgeläut, fröhliches Glockenspiel – die neue Glocke vereinigte alle Schicksale, aus denen sie gegossen war, und läutete den ganzen Tag. Dorotheas Giebelhäuschen zitterte beständig von ihren Schlägen. Die Verlassene horchte, träumte und lebte wieder auf ... Die Glocke sang ihre ganze Liebe.

Sie war heiter und sonnig wie die Zeit ihrer ersten Begegnungen. Sie war ungestüm wie der Kuß, fern wie die weite Trennung, unerbittlich wie die Erinnerung. Ihr ganzes Leben sprach dort oben in Tönen ... Die Glocke wußte alles. Wohl durch den Ring, der hineingeschmolzen war, wie eine kleine Goldträne, die nun darin weinte und jahrhundertelang weinen würde. Ihr ward wehmütig zu Sinne, als sie den Ring in der Glocke hörte ...

Aber er hatte sein wenig Gold mit dem großen namenlosen Bronzefluß vermischt, und so erschien ihr auch ihr Kummer nicht mehr so deutlich und persönlich, sondern wie aufgelöst in der großen Trübsal des Lebens.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.