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Im Zwielicht

Georges Rodenbach: Im Zwielicht - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorGeorges Rodenbach
titleIm Zwielicht
publisherGustav Kiepenheuer/Verlag
year1913
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Der Spiegelfreund

Wahnsinn ist oft nur die Steigerung eines Gefühls, das zu Anfang rein künstlerisch und verfeinert erscheinen kann. Ich hatte einen Freund, dessen Wahnsinnsausbruch und dramatischen Tod im Irrenhause ich hier erzählen will. Sein Leiden äußerte sich zunächst auf ganz harmlose Weise und schien lediglich der Ausfluß eines poetischen Gemüts zu sein. Er hatte eine Vorliebe für Spiegel, weiter nichts. Er fühlte sich von ihnen angezogen, beugte sich über ihr flüssiges Geheimnis und betrachtete sie wie Fenster in die Unendlichkeit. Er fürchtete, sie auch ein wenig. Eines Abends, als er von langer Abwesenheit heimkehrte, von einer seiner gewohnten langen Reisen, fand ich ihn in ängstlicher Spannung.

»Ich reise heute nacht wieder ab,« sagte er zu mir.

»Ich denke, du wolltest diesmal den ganzen Winter bleiben.«

»Freilich, aber ich reise doch ab, und zwar gleich. Dies Zimmer ist mir zu feindlich ... Die Örtlichkeiten verlassen uns mehr, als wir sie. Ich fühle mich fremd in diesen Räumen, meine eigenen Möbel erkennen mich nicht mehr. Ich könnte es hier nicht aushalten. Hier herrscht ein Schweigen, das ich störe... Alles ist mir feindlich ... Und eben, als ich am Spiegel vorbeiging, erschrak ich ... Es war, als ob ein Wasser sich vor mir auftäte und wieder zusammenschlüge...«

Ich wunderte mich nicht über diese Worte. Ich wußte, mein Freund war sehr empfindlich, und ich kannte zudem jene Eindrücke bei der Heimkehr, wenn man seine verlassene Wohnung wieder betritt. Es riecht nach Staub, nach verschlossenen Räumen, und dazu die Unordnung und Schwermut der Gegenstände, die in unserer Abwesenheit ein wenig gestorben scheinen ... O Wehmut verrauschter Feste! Späte Heimkehr nach der Reise, wo man alles vergaß! Es ist, als ob all unser Kummer daheim geblieben ist und uns nun empfängt! ...

Ich verstand also die Empfindung meines Freundes bei seiner Rückkehr; wir alle haben sie mehr oder weniger, wenn es gilt, das alltägliche Leben wieder aufzunehmen. Da er übrigens reich und ungebunden war, so war es natürlich, daß die Laune des Augenblickes den Ausschlag gab ...

Trotzdem reiste er nicht ab. Ich traf ihn nach einigen Tagen wieder. Er war leidend, sagte er.

»Trotzdem siehst du ausgezeichnet aus ...«

»Das sagst du mir zur Beruhigung. Aber ich weiß es besser. Ich sehe mich in den Spiegeln und Spiegelscheiben... Du weißt gar nicht, wie mich das quält, wie ich darunter leide. Ich gehe aus. Ich fühle mich wohl, ich halte mich für gesund. Die Spiegel lauern mir auf. Es gibt jetzt überall welche, bei den Modisten und Friseuren, ja, selbst bei den Weinhändlern und Drogisten. Oh, diese verwünschten Spiegel! Sie leben vom Widerschein. Sie passen den Vorübergehenden auf. Man geht vorbei und achtet nicht darauf. Und plötzlich sieht man sich mit gelber Farbe, magerem Gesicht, die Lippen und Augen wie kranke Blumen. Sie nehmen uns vielleicht unsre frischen Farben. Wir sind blaß, weil wir ihnen unsre Farben geben ... Die Gesundheit, die wir besitzen, verliert sich in ihnen, wie ein schöner Fisch im Wasser ...«

Ich hatte den Worten meines Freundes zugehört, als ob er sich wieder einmal in jenen geistreichen Spielen des Gedankens gefiele, auf die er sich so meisterhaft verstand. Er war ein Künstler der Unterhaltung, reich, aber gewählt. Überall entdeckte er geheime Analogien und wunderbare Beziehungen zwischen Dingen und Gedanken ... Sein Redefluß strömte in kunstvollen Sätzen und streifte oft das Unbekannte. Aber diesmal schien er keinen Phantasien nachzuhängen, keinem visionären Müßiggängertum zu fröhnen. Er schien tatsächlich voller Unruhe und Besorgnis über die Anzeichen von Krankheit, die er in den Spiegelscheiben erblickte.

Ich sagte ihm: »Jeder sieht schlecht aus in diesen Spiegeln. Man sieht sich immer entstellt darin, blaß oder grünlich, mit blutlosen oder violetten Lippen ... Man erblickt sich dick oder hager, zu lang oder zu breit, ganz wie in den Hohl- oder Konvexspiegeln auf den Jahrmärkten. Man sieht immer häßlich darin aus. Aber sie lügen. Wir sind nur häßlich von ihrer Häßlichkeit, nur bleich von ihrer Krankheit.«

»Vielleicht,« sagte mein Freund nachdenklich werdend und mit einem Anflug von Hoffnung. »Es sind Spiegel von schlechtem Glas, armselige Dinger, und darum können sie unser Ebenbild nur in armseliger Entstellung widerspiegeln ...«

 – –  – – – – – 

Ich ahnte nicht, daß meine Worte auf Gedanken und Schicksal meines Freundes einen entscheidenden Einfluß haben sollten. Er glaubte mir, daß die Spiegelscheiben auf den Straßen kein treues Bild gäben, und wollte bei sich »ehrliche« Spiegel haben, das heißt tadellose Spiegel von bestem Staniol, die sein Gesicht bis zum kleinsten Zuge restlos wiedergaben. Und da das Zeugnis eines einzigen nicht genügte und nichts bewies, so wollte er mehrere haben, immer neue, in denen er sich unaufhörlich bespiegelte, verglich, gegenüberstellte. Er bekam eine immer stärkere Vorliebe für reiche Spiegel – aus Haß gegen die armseligen, heuchlerischen, lügnerischen Spiegelscheiben, die ihn zum Kranken gestempelt hatten. Er legte sich also nichtsahnend eine Sammlung an ... Spiegel in alten Rahmen, im Louis XV.- und Louis XVI.-Stil, deren vergilbtes Goldoval das Spiegelglas umgab, wie ein Kranz von Herbstlaub einen Brunnenrand ... Venetianische Spiegel mit Glaseinfassung, Spiegel in Schildpattrahmen, in ziseliertem Metall, in eingelegter Arbeit mit Girlanden, eingelassene Spiegel aus getäfelten Wänden – lauter seltene, alte, originelle Spiegel. Einige darunter waren durch die Zeit grün geworden. Man sah sich darin wie in einem Wasserspiegel. Aber mein Freund litt nicht mehr darunter wie bei den Spiegelscheiben. Er wußte jetzt Bescheid. Er betrachtete sich darin wie sein zweites, zeitloses, in die Vergangenheit entrücktes Ich ... Er sah sich von rückwärts, so wie er später sein würde, wie er seinen Freunden jetzt schon erscheinen mußte, durch die Trennung verblaßt und abgeschwächt. Denn er ging nicht mehr aus.

Die Spiegelscheiben in den Läden schreckten ihn ab, sie raubten ihm alle Hoffnung auf Gesundheit ... Aber in seinen eigenen Spiegeln, die neu waren, sah er gut aus, hatte er frische Farben und rote Lippen.

»Ich bin gesund,« sagte er mir eines Tages, als ich zu Besuch kam. »Sieh nur, wie wohl ich in meinen Spiegeln aussehe. Die Spiegelscheiben auf den Straßen haben mich krank gemacht ... Ich gehe darum auch nicht mehr aus ...«

»Nie mehr?«

»Nein, man gewöhnt sich daran.«

Mein Freund sprach ruhig und mit wehmütiger Entsagung. Ich glaubte immer noch, er triebe einen seiner seinen, ironischen Scherze, in denen seine bizarre Laune sich oft gefiel. Sonst war er ja auf dem besten Wege verrückt zu werden. Um Gewißheit darüber zu haben, suchte ich ihn in die prosaische Wirklichkeit zurückzuversetzen.

»Und die Frauen?« fragte ich. »Bei dieser totalen Abschließung? ... Du, der sie so sehr liebte und ihnen bisweilen auf den Straßen nachlief? ...«

Mein Freund machte ein geheimnisvolles Gesicht und blickte nacheinander in alle seine Spiegel, alte und neue.

»Jeder ist wie die Straße,« sagte er. »Alle diese Spiegel stehen miteinander in Verbindung wie die Straßen. Sie sind wie eine große, lichte Stadt. Und ich verfolge in ihnen auch Frauen, Frauen, die sich darin gespiegelt haben, verstehst du, und nun auf ewig darin haften ... Frauen des vergangenen Jahrhunderts in meinen alten Spiegeln, gepuderte Damen, die Marie Antoinette gesehen haben ... Gewiß verfolge ich noch Frauen ... Aber sie gehen schnell, sie wollen sich nicht anreden lassen, sie spüren mich von Spiegel zu Spiegel aus, wie von Straße zu Straße. Und ich verliere sie aus den Augen. Ich rede sie manchmal an. Und ich habe Stelldicheins ...«

 – –  – – – – – 

Bald stellten sich bei meinem Freunde alle Anzeichen von Geistesgestörtheit ein. Er verlor das Bewußtsein seiner Identität. Er ging vor seinen Spiegeln hin und her, ohne sich zu erkennen, und grüßte sich tief. Er hatte auch keinen Begriff mehr von der Eigenschaft der Spiegel. Er liebte sie gewiß noch immer und bereicherte seine Sammlung sogar noch, hängte überall welche hin, so daß sie sich gegenüberhingen und die Wände seiner Wohnung zurückzutreten schienen, um eine endlose Flucht von Spiegelzimmern zu bilden. Es war ein Weg ohne Ende, ein ewiges Sichselbstbegegnen. Mein Freund wußte nicht mehr, daß es Spiegelungen waren. Nicht nur betrachtete er sein eigenes Konterfei wie einen Fremden, es erschien ihm auch nicht mehr wie ein Abbild, sondern als ein Mensch von Fleisch und Blut. Und bei der Menge von Spiegeln, die kreuz und quer an allen Wänden hingen, wurde das eine Bild des Einsamen überall zurückgeworfen und unzählige Male verdoppelt, so daß es schließlich zu einer unendlichen Menschenmenge anwuchs, und diese war um so bedrohlicher, als sie aus lauter Zwillingen und Doppelgängern des ersten zu bestehen schien, der durch einen geheimnisvollen Zwischenraum stets von ihnen getrennt und für sich allein blieb ...

Zu dieser Zeit traf ich meinen Freund zum letztenmal zu Hause. Er schien glücklich und zeigte mir alle seine reichen und seltenen Spiegel mit ihren unendlichen Tiefen, die sein Bild zurückwarfen, wie in einer Höhle die Stimme tausendfältig widerhallt. »Siehst du,« sagte er, »ich bin nicht mehr allein. Ich lebte zu einsam. Aber Freunde – das ist so sonderbar, so anders als man selbst! Jetzt lebe ich mit einer großen Menge – in der jeder mir gleicht.«

Bald nachher mußte er in eine Anstalt gebracht werden; er hatte einige Exzentritäten begangen, die zu Aufläufen und Skandalen vor seinem Fenster Veranlassung gaben. Er war folgsam und sehr sanft; nur das schmerzte ihn, daß er statt seiner schönen Spiegelsammlung nichts als einen einzigen Spiegel in seinem Krankenzimmer hatte. Doch fügte er sich bald auch darein. Er liebte ihn allein ebenso, wie er alle andern geliebt hatte ... Er behauptete, Wunderdinge darin zu erblicken und Frauen zu verfolgen, die ihn liebten ... Als das Leiden sich verschlimmerte und er häufig Fieberanfälle hatte, sagte er: »Mir ist heiß.« Und eine Minute darauf: »Ich friere.« Dabei klapperte er mit den Zähnen. Eines Tages setzte er hinzu: »Es muß sehr schön in dem Spiegel sein! Ich muß einmal hineingehen.« Seine Wärter achteten nicht darauf. Sie waren an seine geheimnisvollen Selbstgespräche gewöhnt. Und dann mißtraute auch keiner diesem sanften, folgsamen Kranken, dessen ganzer Wahnsinn in zu schönen Träumen zu bestehen schien ...

Eines Morgens fand man ihn blutüberströmt und mit offenem Schädel vor dem Kamin seines Zimmers. Er röchelte noch ... Er hatte sich in der Nacht in den Spiegel gestürzt, um wirklich hineinzukommen und die Frauen anzureden, die er schon lange darin verfolgte, oder sich endlich unter die Menge zu mischen, in der jeder ihm glich.

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