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Im Zwielicht

Georges Rodenbach: Im Zwielicht - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorGeorges Rodenbach
titleIm Zwielicht
publisherGustav Kiepenheuer/Verlag
year1913
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
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Der Umzug

Ich werde die Eindrücke meines letzten Umzuges nie vergessen. Wer oft die Wohnung wechselt, wird dagegen abgehärtet und empfindet den Abschiedsschmerz, die Losreißung nicht mehr. Ich lebte seit zehn Jahren in meiner Wohnung. Mir war, als sollte ein ganzes Stück meines Lebens darin zurückbleiben und untergehen, wie in der Ewigkeit. Wie viele Erinnerungen hingen in welken Gewinden an ihren Wänden! Wie viele verblühte Jugendträume, die mit den jetzt vergilbten Vergoldungen verblaßt und verblichen waren! Und die Gesichter, die sich in diesen Spiegeln fingen, und die jetzt tot oder in der Ferne sind: mir war, als erschienen sie mir zum letztenmal darin, als hätten sie für mich nur dort noch Leben!

Es war im Hochsommer. Ich fühlte mich zum Überfluß auch noch etwas angegriffen und regte mich fast so auf wie ein empfindsames Frauenzimmer. Dieser Umzug war mir wie ein Stück Tod, wie eine zweite Beerdigung.

Ich hatte die Gelegenheit wahrnehmen wollen, um meine Papiere, Manuskripte und Briefe, die sich seit Jahren wahllos in den Schubladen häuften, etwas in Ordnung zu bringen. Vor allein die Briefe, diese tägliche Flut, die Welle auf Welle gekommen war. Sie mußten teils vernichtet, sortiert, gesichtet und folglich wieder gelesen werden! O, die Briefe, die man wieder liest! Die ganze Vergangenheit wacht wieder auf und steht einem vor Augen, trübe, wie durch einen Flor von Tränen hindurch. Das vergilbte Papier hat die Farbe vom alten Leinen. Und die verblichenen Schriftzüge scheinen von selbst ins Nichts zurück zu wollen. O, die alten Briefe! Windeln eines toten Kindes! Aussteuer, von einer Witwe wiedergefunden und in ihren Falten schlafend!

Ich las sie wieder ... Wie viele Dinge, für die man sich begeistert, über die man sich erregt, erzürnt hat, und nun sind sie schon so fern, so eitel, so weit zurück, als waren sie nie gewesen! Und gar die Liebesbriefe, wieviel eitler noch! Man hielt sich für glücklich in der Liebe. Und es sind doch nichts als Ängste und Aufregungen, Vorwürfe und Schmerzen, und wenn hier die Tinte blaß ist, so ist es wohl von Tränen ... Wirklich: war das die Liebe? Ist's immer so mit jeder Liebe? Und in demselben Kästchen lächerliche Angedenken: eine Schleife, ein Ring, eine vertrocknete Rose, das Gespenst einer Blume ... Immer noch Briefe und kein Ende. Und immer noch das Bedürfnis, sie wieder zu lesen, wie ein kleines, hastiges Fieber, das die Wangen rötet ... Man möchte seine Vergangenheit mit allen diesen Briefen wieder aufbauen ... O Kartenhaus!

In einer der Schubladen, die ich in Ordnung zu bringen hatte, fand ich alle meine Familien- und Kindheitserinnerungen wieder. Bilder vor allem, die meinen zuförderst, eins aus meinem siebenten Jahre, ein anderes aus dem fünfzehnten, und meine anderen Gesichter – lauter Konfirmationsgesichter – das heißt auch meine andern Seelen.

Dann andere Bilder, von der Mutter, vom Vater. O! wie sie mich wieder den Schmerz des Todes fühlen ließen! Ich sah sie wieder lebend, glücklich, dort unten in dem großen Provinzhaus, und mich als Kind an ihrer Seite. Das war nun alles vorüber und abgetan auf einem Kirchhof bei Paris, mit ihrem Namen, meinem Namen, auf dem Leichenstein. Und andere, noch ältere Erinnerungen, Familienpapiere, Stammbäume, Militärpapiere des Großvaters, der Soldat war, Ordenspatente, notarielle Akte, Manuskripte von Büchern – lauter Vergangenheiten, die ich wiederfand und Stück für Stück zusammensetzte, mit ihren Freuden, ihren Kämpfen, ihren Ehren und Trübsalen. Und ich dachte unwillkürlich: das alles wird mein Sohn einst auch durchstöbern – so wenig, das von so viel Leben bleibt! – und noch etwas dazu: mein eigenes Leben, ein paar Papiere mehr im Haufen! O, wie schnell geht alles vorüber! Wie wenig ist man doch! Wie wenig Raum nimmt solch ein Leben ein! Ich ward mir dessen noch deutlicher bewußt, als alles, was ich bei der großen Sichtung zurückbehalten, kaum einen kleinen Koffer füllte.

 – –  – – – – – 

Bei den Vorbereitungen zum Umzug hatte ich auf dem Balkon des Hauses gegenüber ein junges Mädchen erblickt. Es weinte. Ich hatte es schon oft dort stehen sehen, blond und sanft, doch glücklich, wie es schien. Ich dachte mir: »Niemand ist glücklich.« Sie hatte also Schmerzen, denn sie weinte. Am Abend wußte ich, warum. Als die Nacht hereinbrach, sah ich, wie sie immer noch in Tränen wieder auf den Balkon trat und mit ihr zwei oder drei Angehörige von der zahlreichen Familie, die dort wohnte. Alle trugen Trauerkränze, Zweige und Buketts mit Crêpeschleifen und legten sie ins Freie, damit sie sich dort frisch hielten. Es war also jemand von ihnen gestorben! Ein Toter war im Hause gegenüber. Und ich sollte ihm gegenüber schlafen! Dieser Gedanke flößte mir eine wahrhafte Angst ein. Und die Beerdigung, die dann folgte! Wenn sie nicht gar mit meinem Umzug zusammenfiel! ... Ein trauriger Eindruck, die Straße, in der man lange gewohnt hat, an die ein großer Teil des Lebens geknüpft bleibt, unter solchen Umständen zu verlassen!

Ich hatte eine schlechte Nacht ... Das Nachtlicht in meinem Schlafzimmer schien mir für den Toten drüben zu brennen. Es flackerte unstet und warf gespenstische Schatten an die Decke.

Am nächsten Tage sah ich die Türe gegenüber mit Trauerdraperien ausgeschlagen. Also war das Begräbnis schon heute! Gottlob! dann fiel es wenigstens nicht mit meinem Umzüge zusammen, der für morgen bestellt war! Ich fing wieder an, zu ordnen, zu sichten und zu sortieren: Papiere, Bücher, Manuskripte, Zeitungen, alte Aufsätze, alte Verse, angefangene, aufgegebene, verurteilte Sachen, und noch einmal Briefe, gleichgültige Briefe zum Zerreißen, oder von Freundeshand zum teuren Angedenken, zu später Erinnerung oder zum Trost, wenn die unausbleibliche Stunde des Verrats, der Verleumdung schlagen würde. Wie lange dauert wohl eine treue Freundschaft? O, wie traurig ist das Leben! Wie traurig ist alles! Und folglich auch der Tod ... Ich hatte ihn ja jetzt vor mir, und besonders deutlich, denn die Fenstervorhänge waren schon abgenommen und meine Fenster waren kahl.

Hinter der drapierten Tür im Vestibül hatten sie den Sarg aufgestellt. Die Beerdigung stand bevor. Ich sah auf der Straße eine Wolke von weißgekleideten Mädchen im Konfirmationskleide. Jetzt wurde mir alles klar. Ich entsann mich der Einzelheiten, die ganz aus meinem Gedächtnis entschwunden waren. Zum Beispiel hatte ich oft ein leises, trockenes, hohles Husten gehört und mir sogar jedesmal gesagt, wenn ich es hörte: »Das ist ein böser Husten!« Ich entsann mich auch eines Abends im vergangenen Frühjahr, wo ein großes Fest in diesem Zimmer gewesen war. Ich hatte zugesehen, weil die meisten Gäste junge, weißgekleidete Madchen waren. Ich hatte mir gesagt: »Das ist eine Konfirmationsfeier.« Und ich hatte lange hingesehen. Es war ein liebliches Bild, diese weißen Mousselinkleider im Lampenschein auf der anderen Seite der Straße. Heute waren die kleinen Mädchen in Weiß wieder gekommen. O, die Konfirmandin, der die Feier galt! Sie war es, die jetzt tot war ...

Der Zug setzte sich in Bewegung. Lauter Weiß in der Julisonne, die Decke auf dem Sarg weiß, und eine ganze Ernte von weißen Zweigen und Kränzen, bleich wie das Mondlicht. Und ringsumher wogten die jungen Mädchen wie weiße Schwäne. Dahinter eine schwarze Schar im düstren Crêpe, der ganze düstre Schmerz der Verwandten, die das Leben kannten. Lange folgte ich dem Zug mit den Augen.

Ein paar Minuten später hielt der grüne Wagen des Beerdigungsinstituts vor der Tür. Der geraffte Trauervorhang wurde mitsamt seinen Haltern von der Hausfront entfernt, die Draperien abgenommen und zusammengelegt, die Kandelaber, die Böcke und alles Zubehör dieses beweglichen Trauergerüstes aufgepackt. Einen Augenblick später war keine Spur von Tod und Leichenzug mehr übrig. Das Haus fiel nicht mehr auf, es war bereits wieder wie die andern. Die Leute hatten geschwind und sorglos gearbeitet – wie beim Umziehen. Ja, der Tod ist ein Umziehen ... Und das Umziehen ein Stück Tod. Ich fühlte es nächsten Morgen doppelt. Ich hatte wieder schlecht geschlafen. Gegen Morgen lag ich im Halbschlummer, wo Traum und Wirklichkeit ineinander überfließen und die Grenze zwischen den Empfindungen sich verwischt, eine Art Helldunkel des Bewußtseins. Ich hörte Schritte, ich glaubte, die Möbelwagen wären schon da und die Packer auch. Dann trat wieder die Erinnerung an den gestrigen Leichenzug dazwischen, und mir war, als sähe ich auch den Leichenwagen unten auf der Straße und die Leute des Beerdigungsinstituts ... Sie hatten eine Verwechslung begangen ... Die, welche den Umzug besorgen sollten, nahmen den Sarg, und die Sargmänner kamen zu mir, um die Möbel abzuholen. Ich fuhr jäh aus dem Schlaf empor, wie aus einem Albtraume. Ich riß das Fenster auf, damit die frische Morgenluft mir den Spuk von Antlitz und Seele abwüsche. Die Umzugswagen waren wirklich schon da und standen unten in der leeren Straße. Einen Augenblick später erschienen die Leute in meiner Wohnung und ergriffen mit der unerbittlichen automatischen Geschwindigkeit starker, gedankenloser Menschen alsbald meine Möbel, Sessel, Bilder, Bettgestelle, Bücher und Kleinigkeiten, alle meine Erinnerungen, all mein Leben, das nun die Treppen hinunterrumpelte.

Ich dachte an die Sargmänner, die gestern gegenüber mit derselben unglaublichen Geschwindigkeit den ganzen Apparat des Todes in den Wagen geladen hatten. In diesem Augenblick wurde mein Leben aufgeladen. War das mein Leben? So wenig Raum nahm es also ein? Waren das meine Möbel? O wie häßlich sahen sie aus in ihren Überzügen, mit Tüchern und Staub bedeckt, und so dicht aufeinander gepackt in dem grellen Tageslicht! Ja, es war ganz wie eine Beerdigung, die Grablegung eines Teils von meinem Leben – und meine Möbel standen um meine Tür herum wie arme Verwandte. Ich dachte noch einmal an die gestrige Beerdigung. Eine Leiche ist immer häßlich. Das kleine Mädchen mit dem hohlen Husten war gewiß auch häßlich gewesen in seinem Sarge ...

Bald war alles aufgeladen. Mein Zimmer war leer. Ich erkannte es nicht wieder ... Es war nichts mehr von mir darin. Es war sich selbst wiedergegeben. Auch das Vestibül drunten war schnell ausgeräumt.

Es bewahrte die Spur meines Lebens nicht länger, als das andere gegenüber die Spur des Todes bewahrt hatte.

Und als der Möbelwagen von bannen rollte, um die Ecke bog und verschwand, da war es mir, als trüge ein Leichenwagen die Zeit davon, die ich hier verlebt hatte, die Zeit von zehn Jahren, – das Alter der Konfirmandin von gegenüber, – die auch tot war.

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