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Im Zwielicht

Georges Rodenbach: Im Zwielicht - Kapitel 20
Quellenangabe
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authorGeorges Rodenbach
titleIm Zwielicht
publisherGustav Kiepenheuer/Verlag
year1913
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
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Die geliebten Augen

Therese hatte vom Fleck weg ein Herz gefaßt für den lustigen und kräftigen Matrosen Jan. Es war an einem Sonntag nachmittag, als sie ziellos am Hafen der altertümlichen Stadt einherschlenderte. Sie folgte den Uferkais, den Innenhäfen, den Landeplätzen ... Sie lachte sich selbst an in den kupfernen Beschlägen der Schiffsgallionen. Sie verglich die rostbraune Farbe der Segel mit dem ähnlichen Rot der alten Ziegel auf den Dächern. Therese war glücklich. In ihrem kindlichen Gemüt träumte sie bereits von Abreise und langer Fahrt, von Inseln mit fabelhaften Papageien und unbekannten Früchten. Das war die Folge ihrer Lektüre von Reisegeschichten, Schiffbrüchen und Seeabenteuern. Der bloße Anblick von Schiffen bot ihr die Möglichkeit zu langen Träumereien. Ihr dünkte, als ob ihr Geschick wie Christus über das Meer schritt, weit, weit fort ...

An diesem Tage war sie vor einem großen, weißbordigen Dampfer mit vielem Takelwerk neugierig stehen geblieben. Die Bemannung verließ es gerade auf einem Steg und betrat das Ufer. Einer der Matrosen blickte Therese an, verlangsamte den Schritt, kam näher, lavierte hin und her und umkreiste sie, wie die Albatrosse das Segelwerk ... Therese errötete. Der Matrose faßte sich ein Herz.

»Möchten Sie wohl mit uns reisen?«

»Reisen?« Er sollte also noch einmal reisen? Unbewußt hallte dieses Wort in ihren Ohren wieder, es tat ihr sofort weh ... Denn sie liebte Jan vom ersten Augenblick an, wo sie ihn sah. Er hatte das Gesicht all ihrer Träume, ach, wie vieler! Sie empfand sogleich eine große stille Freude, eine plötzliche Beruhigung, als ob der, den sie schon lange suchte, gekommen wäre. Er schien freilich allzu lustig und so anders als sie! Aber sie sah nichts, weder seine sinnlichen Lippen in seinem Seegrasbart, noch seine Satyrohren mit den feinen Goldringen – nichts als seine Augen, seine großen sehnsüchtigen Augen in dem ausgelassenen Gesicht. Eine Anomalie, die bei Seeleuten häufig ist. Ihre Augen sind nicht mehr ihr eigen. Sie sind getreue Spiegel der Länder, die sie berührt haben. Augen! Spiegel! Sie leben vom Widerschein. Therese sah an ihm vornehmlich seine schönen, weiten Augen. Sie liebte ihn ob dieser Augen. Sie glichen den Geschichten, die ihre kindliche Phantasie begeisterten.

»Ich lese in deinen Augen,« sagte sie ihm bisweilen traumverloren mit der Miene einer Schlafwandlerin. Aber Jan verstand sie nicht.

»So, nun sehe ich sie noch näher.« Und er benutzte die Gelegenheit, um ihrem Gesicht naher zu kommen und seinen glühenden Mund auf Thereses empfindsame Lippen zu pressen. Sie wich zurück und wehrte sich. Sie wollte nichts als seine Augen. Sie begann stets von neuem darin zu reisen. Sie waren endloses Wasser, Inseln, Papageien, namenlose Früchte ... Therese liebte Jan mit unendlicher, verzückter Liebe. Welch ein Lichtblick in ihrem grauen, eintönigen Waisenleben, allein mit ihrer Großmutter, die sie erzog, dort in dem spitzen Giebelhäuschen neben der Kathedrale. Ach, stets den Schatten, die schwere Last des Turms auf ihrer Seele! ... Jetzt hatte sie die Einbildung, als wäre sie auf einem Schiff, als lebte sie ein luftiges, sonniges, bewegtes Leben ... Und wenn sie mit ihm spazieren ging, war es ihr auch zumute, wie auf einer Seefahrt, schon wegen Jans Matrosenschritt, der auch schwankte. Die kurze Frist und das unerbittliche Schicksal verdoppelten ihre Liebe. Therese hatte gehofft, sofort zu heiraten.

»Unmöglich,« hatte er gesagt. »Ich bin noch für ein halbes Jahr an Bord meines Schiffes verdungen.«

»Geh nicht fort.«

»Ich habe unterschrieben.«

»Und wenn du untergehst?« stöhnte Therese und gedachte ihrer Lektüre von Robinson, den Holzflößen, den verlassenen Küsten, den Winternächten am Pol ...

»Nein! Ich werde ein schönes Sümmchen verdienen, außerdem will ich da unten etwas Handel treiben weit fort, in den Kolonien. Dann haben wir, wenn ich zurückkomme, einen netten Heiratsgroschen.«

Therese hörte zu, gab nach, glaubte, wiegte sich in seiner Stimme und erblickte in seinen Augen schon die Küste, wo er landen würde ...

Der Mai kam und die Frühlingsabende waren von unvergeßlichem Zauber. Der Matrose ging erst um Mittsommer in See. Therese und Jan betrachteten sich als Verlobte. Nach den sechs Monaten, wo er noch aufs Schiff mußte, wollten sie heiraten. Inzwischen trafen sie sich täglich. Therese war gezwungen, ihre Großmutter zu belügen; sie sagte ihr, daß sie zum Abendsegen in die Kathedrale ginge, zum Segen des Marienmondes in diesem holden Mai. Um ihr weiteres Ausbleiben zu decken, hatte sie sich mit ihrer Nachbarin Gudula zusammengetan, die gerade mit Jans Eltern verwandt war, und jedesmal, wenn sie zu spät heimkehrte, sagte sie, daß sie sich bei ihr verspätet hätte ... Die vertrauensselige Großmutter ahnte auf diese Weise nichts. Und das Liebespaar ging spazieren ...

Laue Abende! Holdes Tändeln am Hafen... Und der Mond, der durch das Takelwerk schien! Jan sprach; er erzählte von weiten Reisen, von Unwettern und Landungen, vom Anlaufen berühmter Städte oder jungfräulicher Inseln. Therese blickte ihm in die Augen, als ob sie seine Erzählung illustrierten ... Sie erblickte darin farbige Bilder von Städten, Küsten und Himmeln, eine ganze wechselnde Erdbeschreibung. Dann hob sie ihr Gesicht zu dem seinen empor, umarmte ihn, küßte ihm die Augen, schien sie auszutrinken und unbekannte, plötzlich gereifte Früchte darin zu essen ... Und Jan küßte ihren Mund ... Dann setzten sie ihren Spaziergang langsamen Schrittes fort ... Und in der zunehmenden Dunkelheit wurde Jan kecker, schob Thereses empfindsame Lippen lüstern auseinander, umarmte sie ganz und preßte ihren zarten Leib an seinen Riesenkörper. O, wie mager war sie. Und die beiden kleinen Aprikosen ihrer Brüste an dem Spalier dieser Magerkeit! Jans Begierde nahm zu, da er sie so zart fand. Er wurde zudringlich, er forderte.

»Wir lieben uns ja doch!«

»Warten wir bis dahin.«

»Warum? Du bist doch schon mein Weib ... Wer wird's erfahren?«

»Gott.«

Aber Jan wußte ihr ihre Bedenken auszureden. Ja! sie hatte ganz recht. Aber wenn nun Gott selbst ja sagte?

Er konnte nicht gleich heiraten, denn er hatte seinen Kontrakt und mußte diese letzte Reise machen, die ja auch ihrem neuen Haushalt zugute kommen würde. Aber man kann sich schon vor Gott verheiraten. Sie würden mehr einander angehören und unzertrennlich verbunden sein. Sie würden sich während der Trennung mehr lieben ... Und er würde gefeit sein gegen Schiffbruch und alles Unglück ... Würde Gott zugeben, daß sie Witwe würde?

Diese Logik machte Therese wankend ... Jan hatte alles gut gefingert. Eines Abends gingen sie wirklich zum Abendsegen des Marienmondes in die Kathedrale ... Die Orgel rauschte und schäumte wie ein Meer um sie ... Therese sah sich auf den blauen Wogen ... Jan hatte seinen Sonntagsstaat angelegt. Es war eine wahre Hochzeit. Sie beteten zusammen. Im geeigneten Augenblick ergriff Jan ihre Hand und ließ im Halbdunkel der Apsis einen Trauring auf ihren Finger gleiten ...

Dann führte er sie in ein Gasthaus wie am Hochzeitsabend, wie auf der Hochzeitsreise. Es war Therese, als ob sie nun wirklich verheiratet seien. Hatten sie sich nicht vor Gott Treue gelobt? In sechs Monaten würden sie das heutige Gelübde nur bestätigen. Sie hatten es schon abgelegt, um sich während der Trennung mehr zu lieben ... Sie gaben sich einander hin, damit keiner von ihnen in der Abwesenheit allein war ... Und so vergaß Therese sich.

Jans Augen funkelten und vertieften sich mehr denn je. O Alkoven voller Spiegel! Ihr war, als ob sie sich ihm hierin zu eigen gab.

Jan war abgereist und heimgekehrt. Jahre gingen dahin. Er hatte Therese nicht wiedergesehen. Ein einziges Mal begegnete er ihr, aber er schien sie nicht zu erkennen und ging schnell vorüber. Und sie, sie lebte wie eine Witwe, die ihren Gatten kaum gekannt hat, ganz wie sie als Waise ihre Eltern kaum gekannt hatte. Liegt nicht in manchen Schicksalen eine gewisse Logik? Sie fuhr fort, hochauf zu schießen und als Magd des Alters mit ihrer Großmutter zu leben, in dem Häuschen neben der Kathedrale, stets mit dem Schatten des Turms auf ihrer Seele. Trotzdem hoffte sie noch wider alles Hoffen. Jan hatte ein gutes Herz. Wenn er es satt wäre, die Mädchen und Kneipen zu besuchen, würde er in sich gehen und vielleicht zu ihr zurückkommen ... War er nicht vor Gott ihr Mann? Sie hörte nicht auf, ihn zu lieben, seine Augen zu lieben. Unaufhörlich reiste sie in diesen Augen, die durch sein Fernsein noch größer wurden ... Sie ging weit fort in seinen Augen, weit hinter den Blickkreis ihres Horizontes!

Eines Tages war alles aus. Das Warten hatte ein Ende. Gudula, die Nachbarstochter und gefällige Freundin bei den damaligen Stelldicheins, die mit der Familie des Matrosen in Verkehr geblieben war, brachte ihr eine furchtbare Kunde.

»Jan ist ertrunken.«

»O mein Gott!«

»Sie haben ihn aus einem der Hafenbecken aufgefischt. Er ist wohl in der Trunkenheit hineingefallen ...«

Im Nu stürzte Therese heraus... Sie wollte ihn wiedersehen, ihn aufwecken. War sie nicht sein Weib? O der Unglückliche! Der liebste Freund. Gudula lief ihr nach und suchte ihr abzureden. Was würden Jans Eltern dazu sagen? Aber Therese hörte nicht, sie lief und stürzte hinein ... Der Tote lag in einem kleinen Stübchen auf einem niedrigen Bett. Neben ihm brannten zwei Kerzen, deren rosiger Schein seinem Gesicht bisweilen ein trügerisches Leben verlieh.

Er war nicht sehr verändert ... Therese blickte sofort nach seinen Augen. Sie waren nicht geschlossen. Sie starrten weit geöffnet in die Ferne, weit über das Leben hinaus. Warum hatte man sie ihm nicht geschlossen? Sie fragte entsetzt und beklommen ...

»Sie ließen sich nicht schließen,« gab man zur Antwort. »Die Lider haben sich jedesmal wieder geöffnet. Er war schon zu lange tot. Er hat einen ganzen Tag im Wasser gelegen.« ...

Therese war herangetreten, um das Totenantlitz zu küssen, mit ihm zu sprechen, ihm zu verzeihen ... Wie sie sich so niederbeugte, kam sie den weit geöffneten Augen ganz nahe ... Plötzlich stieß sie einen furchtbaren Schrei aus. »O, ich sehe mich darin! Ich bin in seinen Augen!« Gudula, Jans Eltern, die anwesenden Freunde umringten sie. Man glaubte, sie wäre wahnsinnig. Jeder glaubte, es wäre eine von den guten Freundinnen des armen Jan, für den diese Strafe doch zu hart war. »Wegen mir kann er die Augen nicht mehr schließen. Ich habe seine Augen zu sehr geliebt. Ich bin noch in seinen Augen.«

Gudula beugte sich über das Bett und prüfte die toten Augäpfel, die klaffend und leer aussahen.

»Ei nicht doch, du bist toll! Es ist nichts in seinen Augen. Du siehst dich darin, weil du dich darin spiegelst, nicht anders wie bei Lebenden.«

»Doch, doch,« wehrte Therese schwärmerisch ab. »Ich bin für immer in seinen Augen, das ist, weil er im Augenblick des Todes an mich gedacht hat. Ich wußte wohl, er hat mich nicht ganz vergessen. Mein Bild war durch zu viele Himmelsstriche ausgelöscht, durch goldene Inseln, unbekannte Vögel und so viele Frauen mit farbiger Haut ... Aber in der letzten Minute bin ich ihm wieder erschienen ... Ich bin aus alledem emporgetaucht ... Ich war nicht mehr in seinem Herzen, aber in seinen Augen blieb ich ... Und ich bin wieder an die Oberfläche gekommen ...«

Und sie beugte sich abermals ganz dicht über das Totenantlitz mit den offenen Augen.

»Ja, ja, ich bin darin, ich bin es!«

Und wieder beugte sie sich über die Leiche, hielt ihr Gesicht ganz über das seine, blickte in seine Augen und verriet eine düstere Freude, sich noch darin zu sehen und sich selber zu betrachten, als wäre sie auch tot und ertrunken in diesen Augen voller Unendlichkeit, in die alles Wasser übergegangen war ...

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