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Im Zwielicht

Georges Rodenbach: Im Zwielicht - Kapitel 19
Quellenangabe
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typenarrative
authorGeorges Rodenbach
titleIm Zwielicht
publisherGustav Kiepenheuer/Verlag
year1913
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Die Gunst des Augenblicks

Seit sie Witwe geworden war, lebte sie in klösterlicher Abgeschiedenheit. Leichenblaß, wie sie war, schien sie sich zur ernsten Statue umzuformen, mit Augen, die ins Leere blickten, und unbeweglichen Gebärden, ganz wie ein Marmordenkmal auf einem Grabe.

Plötzlich und furchtbar war es hereingebrochen, das Ende ihres leidenschaftlich geliebten Gatten. Er hatte sich an einem Herbstmorgen in seinem Arbeitszimmer erschossen – mit einem Revolver, klein wie ein Spielzeug ...

Kein geräuschvolles Drama. Der Knall wurde nicht einmal gehört.

Als ihm gemeldet werden sollte, daß das Frühstück angerichtet sei, fand man ihn über den Tisch hingesunken, an dem er zu schreiben pflegte ... Nichts als eine kleine, schon aufgetrocknete Blutlache auf der weißen, noch unbeschriebenen Seite ... Ein zackiger, karmoisinroter Fleck ... Wie ein rotes Blatt von den herbstlich gefärbten Bäumen der Straße, das durch das Fenster hereingeflogen und dort hingefallen wäre ... Alles war verblüfft über diesen freiwilligen Tod in einem jungen, reichen Haushalt ohne Lebenssorgen, einer scheinbar glücklichen Ehe.

»Warum hatte er Hand an sich gelegt?«

Niemand konnte die seltsame Frage beantworten. Man stellte Mutmaßungen an und verbreitete Verleumdungen. Nur die Witwe wußte es; sie kannte den heroischen und unwahrscheinlichen Beweggrund. Wie oft hatte sie den geliebten Toten über seine literarischen Mißerfolge klagen hören und ihn darunter leiden sehen. Er hielt sich für verkannt, da das Erscheinen seines ersten Buches ihn nicht auf einen Schlag berühmt gemacht hatte. Wie oft hatte er gesagt: »Weil ich reich bin, behandelt man mich als Dilletanten!« Und bisweilen hatte er hinzugesetzt: »Nach meinem Tode wird man mir Gerechtigkeit widerfahren lassen!«

Deshalb hatte er seinem Leben ein Ende gemacht. Die Witwe fühlte es wohl. Er hatte seinem ungestümen Ruhmesdrang dieses Opfer gebracht – das Opfer des Lebens, des Wohlstandes, des Glücks und seiner Frau. Es war verbrecherisch, doch auch erhaben; nach den ersten traurigen Erfahrungen fühlte er nicht mehr den Mut in sich, seine anderen Bücher unter denselben Bedingungen zu veröffentlichen – dieses ganze Lebenswerk, eine stattliche Reihe von Manuskripten voll lyrischer Ergüsse und dichterischen Schwunges, der auf dem Papier prahlte... Er würde ja doch zum zweiten Male verkannt, sein heißes Bemühen nicht gelohnt werden! Seine Werke waren schön und des Ruhmes wert. Aber der Ruhm wird nur den Toten zuteil. Er wählte also den Tod.

Die Witwe schloß sich in das unberührte Arbeitszimmer des heldenmütig Abgeschiedenen ein ... Der Priester hatte das Heiligtum verlassen, aber ein Gott war darin zurückgeblieben, der Gott, den er in der geweihten Hostie geschaffen hatte. Bleich war das Papier wie ungesäuertes Brot, und auch transsubstanziiert ... Die Witwe sichtete die heiligen Manuskripte und ordnete sie. Es waren Sachen aller Art: Romane, Essays über die Liebe, Gedanken über Philosophie, moralische und psychologische Studien, auch Dramen ... Ganze Tage verbrachte sie damit, sie zu entziffern und saubere, prächtige Abschriften anzufertigen ... Sie verließ das Haus nicht mehr ... Bleich wie ihr Toter, fuhr sie fort, mit ihm zu leben.

Seine Bilder häuften sich um sie: Photographien auf allen Möbeln, in jedem Alter, daneben ein Pastell in Lebensgröße auf einer Staffelei, das seinen olivengrünen Teint, seinen weintraubenblauen Mund, seine wehmütigen Augen wiedergab, als ob er lebte, als ob er sprechen wollte und der treuen Lebensgefährtin danken, daß sie seinen nahen, unfehlbaren Ruhm vorbereitete.

Die Witwe geriet in Extase: »Ja, er war ein Genie!« Dann erfaßte sie Rührung und Stolz zugleich, und sie wiederholte sich als besten Trost: »Ja, ich bin die Witwe eines großen Mannes.« Sie entschloß sich, diese herrlichen, zahlreichen Werke schnell zu veröffentlichen. Der Schriftsteller hatte ihnen sein Leben geopfert. Er mußte sogleich den Lohn des Ruhmes erhalten, den er dort oben, jenseits des Lebens, mit betrübtem Antlitz und zitternden Händen erwartete. Die Witwe fragte also seine Freunde, gleichfalls Schriftsteller, um Rat, welches die beste Art der Veröffentlichung dieser nachgelassenen Meisterwerke sei. Sie las ihnen Stücke daraus vor, wartete auf ihr Lob und zwang sie zur Bewunderung. »Ist das nicht herrlich, erhaben?«

Aber niemals fand sie, daß man den gewünschten Maßstab anlegte. Nur ein alter Freund tat ihr Genüge, als sie ihm eines Abends ein Kapitel aus seinen philosophischen Fragmenten vorlas. »Er ist ein neuer Pascal!« sagte er.

Die Witwe eines großen Mannes! Sie frohlockte, wollte alles zugleich herausgeben, am selben Tage, damit das Lebenswerk auf einmal in seinem ganzen blendenden Glanze erstrahlte... Ein Dom, der für Jahrhunderte gebaut war und dessen Gerüste alle an einem Tage fallen sollten!... Man riet ihr von diesem Vorhaben ab. Eine allmähliche Veröffentlichung, Band für Band, in regelmäßigen, weiten Zwischenräumen würde der vergeßlichen Menge unserer Zeit mehr imponieren... So geschah es denn, und ein erster Band der nachgelassenen Werke erschien unter demselben Schweigen und derselben einmütigen Gleichgültigkeit.

Die Witwe konnte nicht umhin, sich dem Leben wieder zuzuwenden. Sie war zu jung, um ein Engel des Todes zu bleiben, zu schön und reich, um die Wünsche nicht zu entflammen ... Bei Verwandten, in deren Haus sie allein noch verkehrte, um sich von ihren ermüdenden Abschriften und Korrekturen zu erholen, traf sie mehrmals auf einen Herrn von elegantem Äußeren, dessen beharrliche Blicke ihr Liebe, das Ende der Trauer und den Wiederbeginn aller Hoffnungen verkündeten ... Nach und nach verloren die Züge der Grabstatue etwas von ihrer Unbeweglichkeit.

Wenn er sie anblickte, war es der Witwe, als trüge sie plötzlich eine rote Rose an ihren ewig gleichen schwarzen Kreppkleidern. Sie fühlte sich verwirrt und belästigt, wie durch etwas Unpassendes, aber es durchrieselte sie auch wie der Schauer eines nahen Lenzes. Des Morgens überraschte sie sich bei holden Träumen. Sie nahm sich mehr Zeit zur Toilette und versuchte sich anders zu frisieren, denn sie war ihrer gewöhnlichen strengen Haartracht etwas müde ... Und immerzu das Gefühl der roten Rose, wenn sie ihr Trauerkleid anzog, der wieder erblühenden, stets mehr sich entfaltenden roten Rose ...

Und sie träumte von der Begegnung am letzten Tage bei den Verwandten, wo sie ihre Abende zubrachte ... Kein Zweifel, dieser Mann erklärte sich ihr durch tausend unzweifelhafte, wenn auch unausdrückbare Nuancen!

Aber es war ja nicht möglich, sie hatte am Gedächtnis und am Ruhme ihres teuren Toten zu arbeiten und darüber zu wachen. Es bedurfte einer langen eifrigen Arbeit, für die ihr ganzes Leben kaum hinreichen würde. Sie kehrte also wieder in das Arbeitszimmer zurück und schloß sich darin ein, ehrte die Bilder, entzifferte die Manuskripte, fuhr fort, die endlosen Papiere zu sichten, und bestellte schön geschriebene Kopien.

Trotzdem wurde sie fortan durch allerhand abgelenkt ... Ihre Hand wurde eher müde ... Ihre Blicke wurden wie magnetisch zum Fenster gezogen, nach den frisch ergrünenden Bäumen der Straße. Sie sank wieder in Träumereien, erinnerte sich der Unterhaltungen und Begegnungen und dachte an diesen Mann, der ihre Lebenspfade gekreuzt hatte und sie zur Untreue an ihrem Kult verleiten wollte ...

Dann stürzte sie sich wieder über ihre Arbeit, griff zur Feder und schrieb, hielt abermals inne und begann die abgeschriebene Seite laut zu lesen: »Halt, das hier ist nicht so gut!« Der Inhalt enttäuschte sie jetzt. Die Gedanken kamen ihr banal vor, die Worte farblos ... Ein Schleier verdunkelte das Genie. Der Geist der Witwe wurde allmählich von Zweifeln erfüllt ...

Zugleich wuchs ihre Verwirrung und Unruhe dem Herrn gegenüber, den sie bei ihren Verwandten traf. Sie sah ihn jetzt öfter und in vertrauterem Verkehr. Eines Tages schlugen seine stummen Huldigungen in glühende Geständnisse und bewegte Bitten um.

»Sie sind zu jung und schön, um immer mit dem Tode zu leben!«

Die Witwe verlobte sich.

Nur ein Bedenken trübte ihre jetzige Freude, der Liebe und dem Leben wiedergegeben zu sein. Was sollte aus all den Manuskripten werden? Mit dem Augenblicke, wo sie wieder heiratete, war es nicht mehr passend, ja unzart, dem zweiten Gatten gegenüber ungebührlich, sich mit dem ersten zu beschäftigen und berühmt zu machen. Besonders wo sie ihren Namen wechselte, hatte sie keinen rechten Grund mehr, sich für ihn zu interessieren, ja, nicht einmal das Recht. Wenn er noch wirklich ein Genie gewesen wäre! Aber sie begann einzusehen, daß sie sich durch ein Trugbild hatte irreführen lassen, durch ihren Schmerz und ihren guten Glauben. Sie hatte das Blut kritiklos als Beweis, den Selbstmord als Unterpfand genommen, daß diese nachgelassenen Werke unsterblich waren. Aber der arme Tote hatte sich ohne Zweifel in seinen einsamen Stolz hineingeredet. Auch sie hatte in der Folge ein gleiches getan. Sie hatte durch das Prisma der Tränen gelesen und sich so verlesen. Jetzt kam der Text selbst zum Vorschein. Er war recht mittelmäßig im ganzen...

Und weil sie ihren zweiten Gatten nicht demütigen durfte, indem sie das, was ihr der erste hinterließ, zu hoch einschätzte, so nahm sie eines Abends unbedenklich ein ganzes Bündel Manuskripte und warf es in die Seine, wie eine kleine Kinderleiche, etwas Totes, das nicht lebensfähig war ...

Nach der Hochzeit widmete sie sich den Erfolgen ihres Gatten. Er war ein Gelehrter, ein weitschweifiger Vielschreiber, Mitarbeiter ernster Zeitschriften, der über alles Mögliche schrieb, Geschichte, Moral und politische Wissenschaften. Seine Frau war der Ansicht, daß er ins Institut kommen müßte. Und alle beide machten sich an die Ausführung dieses Planes; sie gaben nützliche Diners, luden einflußreiche Akademiker ein, besuchten die offiziellen Salons.

Welche Fülle von Geschäften! Ein organisierter Wirbelwind! Die Witwe vervielfältigte sich, ersann Schachzüge und Kombinationen. Dazu unaufhörliche Besuche, die als Sprossen zur Leiter dienten.

Trotzdem hatte sie in diesem vielbeschäftigten Leben doch Augenblicke, wo sie Gewissensbisse empfand. Sie grollte mit sich selbst, daß sie die Manuskripte zerstört hatte. Wenn es nun doch Meisterwerke waren? Diese Gedanken kamen ihr namentlich an Tagen, wo sie in ihren ehrgeizigen Plänen einen Mißerfolg gehabt hatte, irgend eine Enttäuschung ihrer Hoffnungen auf die so heiß ersehnte Aufnahme ins Institut.

Die Schuld lag ein wenig an ihrem Gatten. Sie tat alles, was sie konnte. Aber er wußte sich so wenig zu helfen. Mit dem andern wäre es viel leichter gegangen ... Er hätte sich schon durchgesetzt! Denn im Grunde war er vielleicht doch ein Genie! Die Gewissensbisse, seine Manuskripte vernichtet zu haben, nahmen immer mehr zu und wurden schließlich unerträglich. Es war ein Verbrechen, das sie in diesem Falle begangen hatte. Ein Verbrechen gegen den Toten, der sein Leben dem Ruhme geopfert hatte, ein Verbrechen auch gegen die Gesellschaft, die des Schönen bedarf wie des täglichen Brotes!

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus; sie wollte um jeden Preis Bescheid wissen, ihre Befürchtungen und die nagende Reue beschwichtigen. Sie hatte in ihrem Schreibtisch einige Blätter des Toten aufbewahrt, persönlichere Aufzeichnungen über die Liebe, die, wie sie sich damals eingebildet hatte, von ihr inspiriert waren. Eines Abends faßte sie den Entschluß, ihren Gatten um Rat zu fragen. Er sollte Richter sein; er würde sie, wenn er ihre Ansicht teilte, von ihrem ihm unbekannten Fehltritt freisprechen, über den sie sich ohne Zweifel allzusehr beunruhigte. Sie nahm also die Blätter zur Hand und sagte leichthin:

»Weißt du, er hat auch ... geschrieben ... Ich habe neulich ein paar Blätter wiedergefunden.« –

»Ach!« –

»Soll ich sie dir vorlesen? Wenn es dich nicht langweilt...«

Und sie las sie ihm wirklich vor. Aber ungewollt und wahrscheinlich unbewußt vereitelte sie alle Wirkungen des Schriftstellers und trieb mit dem Text ein falsches Spiel. Sie betonte die Fehler, las die besten Seiten zu schnell herunter, unterdrückte die wirklichen Schönheiten und hastete dem Ende zu in eintönigem Wortschwall, in dem die Worte dahin jagten wie eine aufgescheuchte Herde im Zwielicht. Trotzdem glaubte sie, ihr Bestes zu tun, und heuchelte eine aufrichtige Rührung, der sie schließlich selbst unterlag. Zuletzt sagte sie:

»Nicht wahr? das ist frankweg schlecht?« –

»O ja!«

Von nun an lebte die Witwe beruhigt und befreit von allen Skrupeln und Zweifeln; sie war glücklich über ihr neues Los und stolz auf ihren zweiten Gatten, dem sie alle Ehren erreichen half. Vor allem aber war sie zufrieden, daß sie den anderen los war, von dem sie sich jetzt sagte: »Er hätte es doch nie zu etwas gebracht.«

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