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Im Zwielicht

Georges Rodenbach: Im Zwielicht - Kapitel 17
Quellenangabe
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typenarrative
authorGeorges Rodenbach
titleIm Zwielicht
publisherGustav Kiepenheuer/Verlag
year1913
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
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In der Schule

Jedesmal, wenn es wieder Oktober wird, denke ich fast mit Schaudern an den Augenblick zurück, wo die großen Ferien zu Ende waren und ich in die Schule zurück mußte. O, traurige Zeit des Niederganges! Trübe Jahreszeit, die mich durch die Jahre hindurch noch immer anblickt wie die weißen Augen einer Statue auf einem Grabe! Wer in Paris seine Ausbildung in den großen Lyzeen erhält, der weiß von diesen Schmerzen nichts. Dort dringt durch Tür und Fenster immer noch ein Widerhall der großen Stadt und ihrer Vergnügungen, an denen sich die Neugier des Jünglings berauscht, – lauter Dinge, die einem Lust zum Leben machen.

Aber die großen Priesterschulen in der Provinz, wie traurig sind sie und wie öde! Die meine war abgeschlossen, wie ein Seminar. Und ringsum lag die tote Stadt in ihrer Schwermut, von den tränenweichen Klängen ihrer Glocken durchzittert. In der Mitte lag ein Hof, kahl und eben wie eine Sanddüne, an der die Meeresflut all ihren Kummer zurückgelassen hat. Nicht ein Baum, der ihn mit etwas Leben erfüllte. Nur das erbarmungslose Zifferblatt der großen Uhr in einem Giebel. Die Zeiger suchten und flohen sich, und der Stundenschlag scholl dumpf herab; wie ein Schatten legte er sich auf unser Leben. Es war wie ein Regen von Eisen und Asche ... O, trübes, eintöniges Dasein hinter den hohen Mauern dieses Hofes, die alle Sonne wegfingen! Dort lernte meine junge Seele dem Leben entsagen, denn sie lernte zuviel vom Tode.

Ja, der Tod! Ihn stellten die Priester, die unsere Lehrer waren, vom ersten Augenblick an mitten unter uns. Wir kamen aus dem Elternhaus mit unserer hübschen Lade voll neuer, weißer Wäsche – und sie legten die Sargdecke der Totenbahre hinein, mit ihrem schwarzen Sammet und gelben Borten. Wir dachten nur daran, bald erwachsen zu sein und auf eigenen Füßen zu stehen; wir wollten lieben, wir wollten die Welt erobern und leben lernen. Und man lehrte uns die Vorbereitung auf den Tod.

Alles trug den Stempel des Todes, wie mit Absicht. Selbst die Spaziergänge, die wir allwöchentlich einmal unternahmen. In langem Zuge, immer drei zusammen, schritten wir hastig durch die Stadt, an den Kanälen mit ihrem toten Wasser vorbei, durch die öde Stadtgegend des Bischofspalastes, um möglichst schnell nach den traurigen Vorstädten zu kommen, wo die Kirchhöfe lagen. Fast jedesmal begegnete uns ein großer, geputzter Leichenwagen mit finsteren Sargträgern, den schwarzen Dreimaster auf dem Haupte. Die Pferde fielen in Trab, sobald die Vorstadt erreicht war ... Der Wagen tanzte und holperte auf dem schlechten Pflaster. Welche Angst mochte wohl der arme Tote da ausstehen, dem diese harten Stöße sicher weh taten! ... Wohin unser Kinderzug sich wandte, in allen vier Ecken der Stadt traf man zuletzt auf Kirchhöfe, und diese sahen in unserer ernsten Provinz, wo man die Kunst des Gräberschmückens nicht kennt, doppelt trostlos aus. Nirgends frische Blumen, Bänder und Schleifen, dieses Leichenspielzeug, diese weißen Perlen, die wie Tränen zum Kranze vereinigt sind ... Nichts als das düstere Laub der Trauerweiden und die steifen Lebensbäume, wie ein Schicksalsgebot der Selbstverleugnung. Mir war, als würden wir alle in Reihe und Glied zum Tode geführt; es war das dumpfe Gefühl des Lammes mit dem roten Mal, wenn es zur Schlachtbank geführt wird ... Und wir wurden hastig auf der dämmernden Straße dahingescheucht; ein langer, knochiger Priester trieb uns wie ein schwarzer Schäferhund ... Derart verekelte man uns den Naturgenuß für alle Zeit. Fließende Bäche, der Wind, der durch das Korn geht, die Vögel, der weite Raum, der offene Himmelsdom, die Tiere mit ihren schönen Formen, die Bäume mit ihrem geschwätzigen Murmeln: nichts macht mir Freude, nichts verleiht mir die tiefe Trunkenheit des Lebens. Ich erblicke in der Erde nur die letzte Ruhestätte. Ja, der Tod! Noch mehr als auf diesen schwermütigen Spaziergängen umgab er uns beim Gottesdienst. Namentlich während der Bußzeit gleich nach den großen Ferien, als ob unseren jungen Seelen sofort wieder die Ewigkeit vorgehalten werden mußte, auf die es allein ankam.

Die Bußtagspredigt hielt gewöhnlich ein fremder Prediger, oder vielmehr waren es vier Tage von Reden, geistlichen Betrachtungen und Übungen, die mit allgemeiner Buße und Eucharistie endigten. Der Priester auf der Kanzel hielt uns schwermütige und leidenschaftliche Reden über die Vergänglichkeit des Daseins, den unvermeidlichen Tod und die Furchtbarkeit der Sünde, um dann mit vorsichtigen Umschreibungen, die nur von einigen ganz verstanden wurden, aber den anderen, die keusch geblieben waren, kaum erklärlich waren, zum sechsten und neunten Gebot überzugehen. Namentlich, was der heilige Redner über die Hölle sagte, ist mir noch in grausamer Erinnerung. Jedesmal am Abend, wenn die Kirche schon in Schatten getaucht war, kam er auf diesen furchtbaren Gegenstand zu sprechen. Es war eine tragische, glühende Schilderung. Er zeigte uns einen plötzlich aufgähnenden Abgrund von ewigen Flammen, Körper in Lohe gehüllt. Arme voller Brandwunden, Lippen, die nach einem Tropfen Wasser lechzten, um sich zu erlaben, nach einer Träne Gottes, die doch nie rinnen wird ... Dunkel herrschte ringsum. Nur hier und da flackerten einige Kerzen unstet im Luftzuge. Wir waren niedergeschmettert. Das Feuer der Hölle umlohte uns schon. Und die Stimme des Predigers schallte allein ... Er selbst war in die Finsternis getaucht und gehörte zu ihr ... Es war, als hätte der Mund der Finsternis gesprochen ... Und ihre Stimme klang wie die eines Inquisitors. Jeder von uns fühlte sie drohend an sich gerichtet. Sie sagte: »Das ist euer Los, wenn ihr einst sterbt. Ihr werdet Flammenkleider tragen. Und es gibt Fälle von plötzlichem Tode in jedem Alter.«

Wir zitterten schon in Todesschauern ...

Bei unserer großen Jugend fühlten wir uns nicht immer so bedroht, trotz dieser ewigen Sterbensmahnungen. Aber es gab auch Krankheiten bei uns. Wer krank wurde, kam in das Zimmer mit den weißen baumwollenen Fenstervorhängen; es waren die beiden letzten Fenster in dem hohen Gebäude am Hofe ... Krankenzimmer – wie traurig das Wort uns klang! Es kam uns vor wie das Vorzimmer der Ewigkeit, und wir blickten ängstlich hinauf zu den zwei hohen Fenstern, wenn einer aus unserer Mitte erkrankt war und das Bett hüten mußte. Übrigens war fast stets einer oben, der an Kopf- oder Zahnweh litt, eine weiße Binde um Stirn oder Backen trug und sein bleiches Gesicht gegen die Scheiben drückte. O, wie traurig sah es unten vom Hofe aus, dieses junge Gesicht mit dem Reifbande und der schneeigen Binde! Es war wie nach einer Schlacht. Man meinte, einen kleinen Verwundeten zu sehen, und unter dem weißen Linnen floß Blut.

In allen diesen trüben Jahren sollten wir nur einen Lichtblick haben, eine Offenbarung der Schönheit, ein himmlisches Mondlicht zwischen den dunklen Bäumen. Man wollte uns auf den Tod vorbereiten. Unsere Jugend bereitete sich von selbst auf die Liebe vor. Wie diese Enthüllung geschah? Durch ein Buch. Ich werde ihn nie vergessen, diesen unsäglichen Zauber. Die Schulbibliothek war ernst, sorgsam ausgewählt und von geradezu puritanischer Strenge und Reinheit. Nichts als Lebensgeschichten von Heiligen, Geschichtswerke, Reisebeschreibungen ... Durch einen Zufall fanden sich auch die »Harmonies poetiques et religieuses« vor. Wir durften nur am Abend lesen, eine halbe Stunde nach Beendigung der Arbeiten. Es übte eine magische Gewalt auf mich aus, dies geheimnisvolle Buch; es begann in meinen Fingern zu singen wie ein Lied ... Lamartine! ... Ich sah sein Gesicht auf den weißen Seiten, schön wie das eines Gottes ... Und ein anderes Antlitz erschien neben dem seinen – Elvire! Ihre Haare flossen zusammen ... Das Mittelmeer trug sie an sein Gestade ... Die Verse murmelten leise, sie hoben und senkten sich wie blaue Wogen ... Wo war ich doch? Der Traum entrückte mich ins Feenland ... Die großen Lampen des Arbeitszimmers gossen einen bleichen Mondschein aus ... Ihre schweren Schirme bildeten einen Hof ... Elvire! Das also war die Liebe! O, dieses Antlitz, dieses rabenschwarze Haar, diese ananasbraune Haut der Töchter des Südens! ...

War das die Liebe? Und was weiter? O unaussprechliche Verwirrung! ... Was sprachen sie uns doch vom Tode, diese traurigen Priester? Zuerst kam die Liebe! O, wann würde sie uns tagen? Elvire war unterwegs ... Wir träumten von Küssen ... Das Herz stand uns im Leibe still. Der Atem stockte wie beim Laufen oder bei gewaltigem Schreck. Elvire – wir verglichen sie mit den jungen Mädchen, die wir in den Ferien gesehen hatten, einer kleinen Kusine, die mit den Eltern zu Besuch war und uns errötend angeblickt hatte ...

O, über diese erste Offenbarung der Liebe! Sie war wie ein kleines Fieber, das uns die Wangen rötete ... Wir wußten nichts mehr von Raum und Zeit ... Wir träumten ... Wir mutmaßten ... Wir malten uns leidenschaftliche Bilder aus, aber ohne unreine Gedanken. Die Phantasie allein entwarf sie. So keusch wir waren, uns bezauberten die Traumbilder der Liebe; wir schwärmten von Elvire und der kleinen Kusine, die ihr glich. Aber die Gottesfurcht hielt uns in Schranken, die Furcht vor der Sünde, vor schlechten Gedanken und Gelüsten, denen wir zum Opfer fallen konnten, die Todsünde ... Und der Gedanke an den Tod kam wieder, die Todesfurcht, die bald die Liebeslust verscheuchte ...

Denn mehr als der allzuferne Traum der Liebe war uns der Tod die Wirklichkeit ... Besonders, als einer von uns ernstlich erkrankte. Er mußte ins Elternhaus zurück, und nach einigen Wochen erfuhren wir, daß er gestorben war. Unwillkürlich dachte jeder sogleich an die Worte des Predigers: »Man stirbt in jedem Alter. Hütet euch vor der Verdammnis! Ihr werdet Flammenkleider tragen in der Hölle!« War unser unglücklicher Mitschüler verdammt worden? Trug er auch Flammenkleider? Dann hatte er auch Elvire getroffen, die ebenfalls tot war ... War sie auch verdammt oder gerettet? Wir verwechselten die beiden in der Erinnerung ... War er es oder sie, der auf der leeren Schulbank fehlte? Niemand wollte den Platz einnehmen. O, diese Lücke war uns unerträglich! ...

Es war wie ein Öffnung in einer blühenden Hecke, durch die ein Sarg getragen worden. Eine klaffende Lücke. Sollte man dieses Grab nicht zuschütten? Sein Fehlen mußte verdeckt werden. Aber jeder zitterte davor. Keiner wollte den Toten ersetzen. So schien er seinen Platz in unserer Mitte zu behalten ...

Ein trauriges Wahrzeichen! Stets den Tod mitten unter uns in unserer Jugend! O, diese Jahre, wo wir hätten lernen müssen, das Leben zu lieben, und wo man uns nur das eine lehrte: mit dem Tode vertraut zu werden! O, allzu fromme Schule! Und ringsum eine tote Stadt! Die Todesfurcht verwandelte alles und gab allem einen Grabessinn, selbst der Liebe, die uns in Gestalt der toten Elvire entgegentrat. Und selbst wenn von der Turmuhr die dumpfen Schläge herabdonnerten, schien es uns armen Kindern, als begrüben sie die Stille, wie Erdschollen, mit denen man ein Grab zuschüttet.

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