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Im Zwielicht

Georges Rodenbach: Im Zwielicht - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenarrative
authorGeorges Rodenbach
titleIm Zwielicht
publisherGustav Kiepenheuer/Verlag
year1913
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Die Unbekannte

Dronsart schritt durch den Garten des Palais Luxembourg. Unwillkürlich verlangsamte er seinen Gang, bezaubert durch die Pracht des Herbstes. Uralte Bäume schlossen den Gesichtskreis wie mit rostbraunen Vorhängen ab, und droben am Himmel schoben sich schimmernde Luftschlösser hin, gläserne Treppen, rosige Aschenberge. Der Abend schmückte sich mit Purpur und Grau, den stolzen Farben eines untergehenden Reiches. Die sehnsüchtige Stimmung des herbstlichen Parkes steckte den Spaziergänger an. Er blieb an einem Wasserbecken stehen, dessen Fontaine unaufhörlich stieg und sank, wie ein ungestilltes Verlangen...

Sein überreiztes Gehirn knüpfte noch andere Analogien. Das Kupfer des welken Laubes, das unter seinen Schritten raschelte, erinnerte ihn an die Hörner, die im rotbraunen Walde klangen. Und durch den Kontrast der Farben wurde er plötzlich auf eine schwarz gekleidete Frau aufmerksam; sie bildete den geraden Gegensatz zu diesem Gold und der Buntscheckigkeit des alten Parks, die in seiner Seele weiter leuchtete. Sie war einfach und dunkel gekleidet, wenn auch nicht gerade in Trauer.

Fast schien es, als hätte sie sorgfältig jede helle Farbe vermieden. Sie trug nicht ein freundliches Band, nicht ein Schmuckstück, ja nicht einmal Blumen auf dem Hute. Darin lag Absicht, es war nicht anders möglich; sie wollte, daß ihre Kleidung ihren Gedanken entsprach. Denn sie sah nachdenklich und bleich aus und blickte in die Ferne, nach den Bäumen, in den Sonnenuntergang und noch weiter, wer weiß, wohin, über das Leben hinaus ... Er fühlte sich sogleich angezogen und durch ihr müdes Wesen gefesselt. Hatte sie einen wirklichen Kummer oder war es nur die Witwenstimmung der Stunde, die sie so schwermütig machte?

Es gibt leicht gereizte Nerven, gleichsam empfindliche Fäden, auf die sich alle Tränen der Welt aufreihen... Er warf der jungen Frau einen kühnen, zärtlichen Blick zu. Sie wandte sich ab. Er ließ sich jedoch nicht abschrecken. Er ging vor der Bank hin und her und setzte sich schließlich neben sie. In der Nähe erschien sie ihm noch rührender. Den Himmel, die gläsernen Treppen, die rosige Asche, alles fand er in diesen großen Augen wieder. Ihr Mund war fein geschweift und wie aus dem Fleisch einer Frucht geschnitten. Ihr feines Ohr formte sich muschelartig. Ihr brandrotes Haar faßte den Goldglanz des ganzen herbstlichen Gartens zusammen. Auf den Wangen trug sie ein paar Sommersprossen – die ersten welken flüchtigen Blätter... Sie war sehr blaß, die Haut ungemein zart und weiß, als ob Licht von inwendig hervorschiene, wie ein Nachtlicht aus einer Glasschale.

Dronsart war tief erregt. Er blickte sie an und betrachtete ihre schmalen Hände mit den Gabelungen der Adern, ihre schlanke Figur mit dem ruhelos auf- und abwogenden Busen, der ganz wie der Wasserstrahl vor ihnen sich hob und senkte. Einen Augenblick begegnete ihr Blick den seinen. Sie hielt ihn aus, und er klammerte sich daran. Die Augen der Unbekannten willigten ein. Denn die Augen haben ihre Sprache und reden wie die Lippen. Dronsart wußte, daß ihm im voraus verziehen war. Da wagte er, sie anzureden. Ein scheuer Versuch, stammelnde, schleppende Worte zögernder Lippen, nachdem die Herzen, die das Schicksal verknüpft, sich schon gefunden und erkannt haben. Dronsart sprach von dem schönen Abend, ihren großen Augen, und wie die Jugend oft so vereinsamt ist...

»Auch Sie sehen traurig aus,« setzte er fragend hinzu.

»Ja.«

»Und wohin gehen Sie heute abend?«

»Nirgends hin.«

»Haben Sie keine Liebschaft?«

»O, reden Sie nicht von Liebe, nur davon nicht! Sprechen Sie dies Wort nicht mehr aus!« bat sie mit verstörter Miene.

»Dann kehren Sie wohl zu ihren Eltern zurück?«

»Quälen Sie mich nicht mit Fragen, ich bitte Sie!« flehte sie noch trauriger.

Ein Nebel umflorte ihre Augen. Ihr unruhig atmender Busen wogte noch schneller. Dann fuhr sie fort:

»Ich gehe nirgendswo hin. Ich kenne keinen Menschen mehr. Wenn Sie wollen, bleiben wir den Abend zusammen. Aber fragen Sie mich nicht mehr! Sprechen Sie, erzählen Sie Schönes und Trauriges, ganz langsam! Und fragen Sie mich nicht mehr nach mir selbst!«

»Nur Ihren Namen. Ich muß Sie doch bei Namen nennen. Ja, ich möchte Sie schon Du nennen. Sonderbar! Mir ist, als kennten wir uns schon lange Monate hindurch.«

»Mein Name! Ich habe keinen mehr. Ich möchte einen neuen Namen haben, einen andern Namen für uns beide und unter uns. Geben Sie mir selbst einen Namen, wie wenn ich geboren würde!«

Sie hielt inne. Dann wiederholte sie wehmütig:

»Wie wenn ich neu geboren würde.«

In diesem Augenblicke liefen zwei kleine Mädchen vorbei, die auf dem Wege Federball spielten.

Die eine rief: »Nel, Nel!«

»Halt, das ist ein hübscher Name!« sagte plötzlich die Unbekannte. »Nel, das soll jedenfalls Nelly heißen ... Vielleicht auch nicht ... Einerlei ...

Nennen Sie mich Nel!«

 – –  – – – – – 

Zwei Jahre waren dahingegangen, seit Dronsart die Unbekannte an jenem Abend ohne Widerstreben in seine Wohnung geführt hatte. Sie hatte sich bei ihm gleich wohl gefühlt und ihr Plätzchen gefunden.

Die Zeit war schnell verstrichen. Dronfart nannte sie immer noch Nel. Sie gedachten oft miteinander der Dämmerstunde, wo sie sich getroffen, der schönen gelben Bäume, des Wasserstrahls, der sich wie ihr Busen hob und senkte, und des Namens, den ihnen die Mädchen mit den Schlägern zugeworfen hatten wie einen Federball... Nel hatte ihre traurige Miene abgelegt. Sie lächelte und lachte, freilich stets etwas ernst. Sie schien glücklich. Manchmal fragte er sich, wie wohl dies Abenteuer enden würde, das wie die Laune eines Abends begonnen hatte und schon zum langen Verhältnis geworden war. Einerlei! Er fühlte jetzt nicht die Kraft, dies liebe Band zu zerreißen, noch überhaupt die Kraft, sie ins Leben zurückzustoßen, die sich aus ihm gerettet hatte wie aus dem Meere. Hatte sie wohl Schiffbruch erlitten an jenem ersten Abend im Luxembourg-Garten? Aber welcherlei Schiffbruch? Seit den zwei Jahren ihres Zusammenlebens hatte er nichts erfahren und erraten. Nel blieb stets undurchdringlich. Wagte er einmal, sich nach ihrer Vergangenheit zu erkundigen, so flehte sie: »Nein, laß!« Und sie wurde ungeduldig, wie wenn jemand Wunden sehen wollte, an denen sie nicht mehr litt.

Dronsart wußte also nichts von ihr, nicht einmal ihren richtigen Namen.

»Ich bin deine Nel,« sagte sie mit zärtlicher Schalkheit. »Ich trage einen Namen nur für unsere Liebe. Du mußt es zufrieden sein, daß ich für dich nicht dasselbe bin wie für die anderen. Übrigens gibt es nichts als uns. Du bist mir die Welt.«

Und wenn sie ihn umarmte, schauderte sie zusammen, war zärtlich und leidenschaftlich. So hatte er sie vom ersten Abend an gekannt. Sie wußte, was Liebe ist, aber sie war weder zu erfahren noch zu unverblümt; und leicht schwanden ihr die Sinne in stummer Verwirrung, die nichts davon verriet, wie sie die Liebe kennen gelernt hatte.

Ein jungfräuliches Geheimnis umgab sie. Nie brach sie dieses starrsinnige Schweigen, in dem sie sich selbst vergessen zu haben schien, auch nur für Augenblicke. Im Gegensatz zu anderen Frauen, die die kompliziertesten Geschichten erfinden – eine reiche Kindheit, begründete, aber gescheiterte Hoffnungen – blieb sie verschlossen.

Dronsart konnte sich nicht einmal auf Anzeichen, kleine Züge, verstreute Einzelheiten stützen, die, zusammengehalten, einen Sinn bekamen und ein Bild gaben. Er bekam nichts heraus, entdeckte keinen Einzelzug. Ein achtloses Wort öffnet bisweilen wie ein Schlüssel die Türen zu erleuchteten Gängen und zu den großen Sälen der Gewißheit... Es gibt Worte, die plötzlich offenbar machen, welche Kindheit man hatte und welche Liebschaften. War sie in Paris aufgewachsen oder auf dem Lande? Wie hatte sie erfahren, was Liebe ist? Gewiß hatte sie Beziehungen gehabt; aber zu wem? Welches waren die Liebhaber, die man sich hätte vorstellen können? Denn die meisten Männer haben die Ausdrücke und Gewohnheiten ihres Berufes an sich, und die Frauen lernen sie ihnen sofort ab. Nel hingegen zeigte keine Spur von irgend wem und irgend etwas. Ihm war, als käme sie unmittelbar von ihm, als hätte er sie geschaffen in dem gelben Eden des alten Parkes an jenem Oktobertage. Nel! Sie war seine Nel! Sie hatte den Namen an jenem Abend angenommen – für ihn. Sie war tot für ihren weiteren Namen, ihre Vergangenheit und alles andere.

Ihr Glück war zu groß.

Die zarte, blasse Nel erkrankte an einem Brustleiden, das rasch ernst ward. Das Licht hinter ihrer bleichen Haut begann zu verlöschen. Sie war matt und ihre Farbe bleigrau wie schmelzender Schnee. Nel schwebte in Lebensgefahr. Da geriet Dronsart in Angst wegen des unaufgeklärten Geheimnisses ihrer stets verborgenen Vergangenheit. Sie hatte ohne Zweifel noch Eltern, denn sie war jung. Auch einen Mann, den sie vielleicht verlassen hatte. Mußten sie nicht benachrichtigt werden? Wer weiß, ob sie nicht in diesen letzten Stunden, wo man die Summe seines Lebens zieht, nicht selbst den Wunsch hegte, sie wiederzusehen? Nur wagte sie es nicht zu sagen und darum zu bitten. Dronsart entschloß sich, sie zu fragen.

»Soll deine Mutter nicht zu dir kommen und dich pflegen? Hast du jemanden, den du sehen möchtest?«

»Ach, ich soll also sterben!« schrie sie herzzerreißend.

Sie drehte sich nach der Wand um, ohne ein Wort zu sagen... Dronsart hörte sie lange unter ihrem Bettuch weinen.

Erst am Abend brach sie das Schweigen.

»Sag', daß ich wieder gesund werde, daß ich noch leben werde. Wir waren ja so glücklich.«

Und vorwurfsvoll setzte sie hinzu:

»Warum hast du mich wieder gefragt?«

»Nicht doch, du hast mich mißverstanden!«

»Was geht's dich an?« antwortete sie in fast feierlichem Tone. »Selbst wenn ich sterbe: ist's nicht besser so? Unsere Liebe war namenlos. Sie hatte keinen Namen als den unseren. Ich war für dich Nel, das heißt ich selbst. Und so ist's am besten für dich. Entsinnst du dich? In den Museen, wohin du mich führtest, standen wir oft vor Bildern mit der Aufschrift: »Unbekannt«. Und wir träumten lange. Meine Liebe wird ebenso sein und holder, weil sie so ist...«

Nel starb. Dronsart war untröstlich. Ohne das Geringste von ihr zu wissen, nicht einmal ihren Zivilstand, rief er dem Standesbeamten nur den tränenerstickten Namen »Nel« entgegen. Der Beamte hatte ihn mißvergnügt nach Daten, Alter und Familie gefragt.

Dronsart wußte nichts von ihr, die seit zwei Jahren seine Geliebte war. Aber im Angedenken an ihre letzten Worte setzte er auf das Kirchhofskreuz die wehmütige und doch so wahre Aufschrift: »Unbekannt« – als wären die Kirchhöfe auch Museen, die Museen des Todes.

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