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Im Zwielicht

Georges Rodenbach: Im Zwielicht - Kapitel 14
Quellenangabe
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typenarrative
authorGeorges Rodenbach
titleIm Zwielicht
publisherGustav Kiepenheuer/Verlag
year1913
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Die Erfüllung

Die Irrsinnigen haben sich nicht zu beklagen. Oft setzen sie sich nur auf diesem Wege durch. Sie werden zu dem, was sie sich ersehnten und doch niemals geworden wären. Sie erreichen ihr ersehntes Ziel und ihre Pläne gehen in Erfüllung. Sie leben, was sie träumten. Ihr Wahnsinn ist gleichsam ihre innere Vollendung, denn er entspricht ihrem heißesten Verlangen, ihrem geheimsten Sehnen. So erreicht der Ehrgeizige im Größenwahn wirklich die erschauten Höhen; er besitzt unendliche Reichtümer, gebietet großen Völkern und steht nur noch mit Herrschern im Verkehr. Wer ein Übermaß von Frömmigkeit entfaltet, erreicht im Augenblick der Geistesumnachtung mit einem Male den vollkommenen mystischen Zustand, und der religiöse Wahnsinn macht ihm Gottes Gegenwart und das Leben im Paradiese zur greifbaren Wirklichkeit. So verwirklicht der Wahnsinn stets das Ziel, das ein jeder erstrebt hat. Er führt unsere Neigungen bis ans Ende. Mitleidig greift er ein und vollendet das zu anspruchsvolle Schicksal derer, denen keine Erfüllung lächelt.

Das ist mein fester Glaube seit einer seltsamen Geschichte, in die ich während meines letzten Landaufenthaltes verwickelt wurde. Es war in einer waldigen Berggegend, in der ich den Sommer zu verbringen pflegte, und an einem einsamen Orte, wenngleich heute ja die ganze Natur unsicher gemacht wird. In der Nähe war nämlich ein Dorf, in dem sich kleine Hotels und Pensionen aufgetan hatten, seitdem ich zum erstenmal den Sommer dort verbracht hatte. Jetzt waren die Wege also nicht mehr ganz einsam. Man sah bisweilen Spaziergänger durch den Hochwald streifen. Eines Tages sah ich ein junges Mädchen, das ich von meinem ersten Aufenthalt her oberflächlich kannte, ein Fräulein von Agnis, das aus dieser Gegend war und in einer der umliegenden Städte wohnte. Auch sie liebte diese fast noch unberührte Gegend mit ihrer wilden, noch von keiner Eisenbahn geschändeten Schönheit, ihren Wildbächen und Lärchenbäumen mit den bittend ausgestreckten Armen, ihren Felsen, die menschliche Gesichter zu tragen schienen. Wir unterhielten uns ein wenig. Sie hatte sich mit ihrer alten Mutter in einem der kleinen Hotels im Dorfe eingemietet. Fast jeden Tag kam sie hierher, wo ich sie traf, um zu malen. Sie saß vor einer Staffelei, die Palette in der Hand.

»Lieben Sie die Malerei?« fragte ich sie.

»O ja! Und dann ist es ja auch eine Hilfe im Leben.«

Sie seufzte leicht auf, wie von einer unbestimmten Traurigkeit ergriffen, die in ihr aufgestiegen war und schnell verhauchte, wie dort die Wasserblasen an der Oberfläche eines anstoßenden Morastes, die ich im selben Augenblick zerplatzen sah, und die von irgend einem Aufruhr auf dem Grunde des Wassers kamen.

Ich sah sie prüfend an. Wie hatte sie sich seit der Zeit unseres ersten Aufenthalts verändert! Ein paar Jahre genügen also, um die lieblichsten Gesichter welk zu machen... Damals war sie vielleicht nicht schön, aber doch reizend gewesen. Vielleicht besaß sie die Anmut vergänglicher und gebrechlicher Dinge. Sie hatte rotblondes Haar und jene durchsichtige Haut mit einem leichten Stich ins Grüne, wie sie den Rotblonden eigen ist, ein Farbton, wie eine Azalie in einem Garten, oder wie Wäsche, die auf einem Rasenplatze gebleicht wird. Und die feinen Einzelheiten dabei: ein tiefblaues Geäder an den Handgelenken! Jetzt waren alle diese zarten Reize dahin. Wie? so schnell! Sie konnte kaum an die Dreißig sein. Trotzdem gewährte sie schon den Eindruck der alten Jungfer. Die weiße Azalie war gelblich und hier und da auch blau geworden. Das Adernetz hatte sich verwirrt. Nur die Haare waren noch prachtvoll und so im Einklang mit dem nahen Oktober des Waldes, in dem wir uns befanden, ein Zwischenton zwischen der Sommersonne und dem welken Herbstlaub, ein kräftiges Rotgold, ein später Glanz...

Ich sah sie oft wieder in allen Ecken des Waldes, in dessen uralter, schattiger Kühle ich gleichfalls meine Tage verbrachte. Sie saß stets vor einer Staffelei auf einen Klappstuhl und malte unermüdlich kleine Bilder. Eine Landschaft war in wenigen Sitzungen fertig.

»Nicht zusehen, das ist gräßlich!« pflegte sie zu sagen, wenn ich näher kam. »Es ist nur Broterwerb. Man muß doch leben! Ich habe nicht die Mittel, die Kunst um ihretwillen zu treiben.«

In der Tat, es war ein trauriger Roman, den ich erfuhr. Ihr Vater hatte Selbstmord begangen, als sie zwanzig Jahre alt war. Er war durch unglückliche Spekulationen und große, falsch geleitete industrielle Unternehmungen in Schulden geraten und als ruinierter Mann in den Tod gegangen, um sich vor Bankerott und Gefängnis zu retten. Fräulein von Angis stand also nach einer verwöhnten und an Vergnügungen reichen Jugend mit ihrer Mutter allein auf der Welt. Die Mutter war zu nichts imstande, schon weil ihre Gesundheit durch die furchtbare Katastrophe untergraben war. Da begann das junge Mädchen die Luxuskünste, die man es gelernt hatte, zum Geldgewinnen auszunutzen. Im Winter gab sie in der Stadt Musikstunden. Im Sommer zog sie aufs Land und malte in diesem Forste Bilder, durch deren Verkauf sie ihr Dasein fristete. Sie alterte rasch bei diesem Berufe, zumal ihr der Verlust des Vermögens jede Aussicht auf die Zukunft abschnitt. Sie war von lieblichem und feinen, Wesen, aber arm und nach bürgerlichen Anschauungen durch die Katastrophe ihres Vaters mit bloßgestellt, so daß es niemandem einfiel, um sie anzuhalten. Trotzdem hatte sie sich lange Zeit Hoffnungen gemacht, jetzt hegte sie keine mehr. Das war es, weshalb sie so verändert war. Nur ihre goldenen Haare trugen noch den alten Glanz.

»Wie schön sind Ihre Haare,« wagte ich eines Nachmittags zu sagen. Und in der Tat flammten sie vor meinen Augen, sie leuchteten aus ihrer Schwermut hervor, wie die Sonne aus Ruinen.

»Sie machen sich über mich lustig,« entgegnete sie. »Ich bin eine alte Frau, oder schlimmer noch, eine alte Jungfer.«

Sie hatte das Wort »alte Jungfer« in eisigem, strengem Tone ausgesprochen, wie wenn ein Kranker sagt: »Mit mir ist es aus.«

»Nicht doch,« antwortete ich; »Sie sind ja noch ganz jung und werden noch heiraten.«

Da schluchzte sie plötzlich auf.

Seitdem sahen wir uns oft wieder. Ich sehe das Leben ernst an. Sie faßte es traurig auf. Eine edle Freundschaft verband uns. Wir plauderten bald über die intimsten Dinge, machten uns die aufrichtigsten Geständnisse über uns selbst und öffneten einander jene letzte Kammer der Seele, in der man gewöhnlich für sich allein lebt. Aber stets kam unsere Unterhaltung nach dieser jener Abschweifung auf denselben Punkt zurück, d.h. auf sie selbst, ihr verfehltes, abgeschlossenes Leben und den Traum einer Ehe, der, obschon tot und begraben, doch immer wieder in ihr auflebte und zur fixen Idee wurde... Mehr als einmal hatte sie mit Sicherheit gehofft... Sie sprach von Begegnungen, Liebeleien, sogar von einer großen Leidenschaft, die aber auch zerronnen war. Wer heiratet ein Mädchen ohne Mitgift? Sie erzählte mir alles, nannte mir die Namen, gab die Orte und näheren Umstände an, damit ich ja nicht zweifelte, und das alles mit einer Eigenliebe, die ein Überrest ihrer an der Vergangenheit künstlich neu entzündeten Gefallsucht war. Jedesmal geriet sie bei diesen Erinnerungen in Feuer. Ihre Stimme wurde schrill, ihre Gebärden heftig, ihre Augen trübe, wie wenn sie in weite, allzuweite Ferne blickte! Die plötzliche Seltsamkeit ihres Gebahrens fiel mir zu Anfang noch nicht auf. Eines Abends, als sie Bild und Pinsel einpackte, um nach dem Dorf zurückzukehren, fragte sie mich unvermittelt:

»Neulich haben Sie mir gesagt, daß ich heiraten würde! Wissen Sie eine Partie für mich?«

Sie sprach fortan von nichts mehr, als vom Heiraten, solchen, die sie hätte machen können, und der, die sie erwartete, und zwar in kürzester Zeit. Sie gefiel sich in diesem einzigen Thema mit einer Erregtheit und Fieberhaftigkeit, die mir entschieden beunruhigend vorkam.

Eines Abends, beim Heimweg nach ihrem Dorfe, als ich sie begleitete, redete sie sich vollends in Bitterkeit und Heftigkeit herein.

»Ja, Sie wissen nicht und können nicht begreifen, wie ich gelitten habe und noch leide. Sie haben sich Maitressen gehalten, wie es Ihnen gefiel. Jetzt sind Sie verheiratet ... Aber ledig sein! Niemanden zu haben! Niemanden anzugehören! Ich warte und warte, ich habe stets gewartet, ich habe den Wahnsinn, noch zu warten ... Ja, es ist schrecklich! Es ist ermattend auf die Dauer. Ich kann nicht mehr so allein sein ... Ich habe mich im Spiegel selbst geküßt, um die Illusion zu haben, daß ich Lippe auf Lippe presse. Nachts im Bett habe ich mein Kopfkissen umarmt, als ob es ein Menschenleib wäre. Soll ich sterben, ohne den Wonneschauer des Kusses zu kennen, den man empfängt, – und der Küsse, die man gibt? Mir ist, als wimmelte mein Mund von Küssen. Sie ersticken mich bisweilen... Und ich küsse meine Hände, meine Arme, meine Brust, alles, was ich kann ... Ich betrachte mich ... Ich betrachte die Einsamkeit meines Leibes ...«

Unwillkürlich machte ich eine Bewegung des Staunens und der Überraschung über die Kühnheit dieser Mitteilungen, die mir um so seltsamer erschienen, als sie durch ein exaltiertes Gebärdenspiel begleitet wurden und ihre Wangen plötzlich fieberhaft erglühten. In meiner Verlegenheit wollte ich auf einen andern Gegenstand übergehen. »Welch ein schöner Abend!« bemerkte ich mit einem Blick auf die Fichten am Waldsaum, zwischen denen die Nacht schon heraufdämmerte. Fräulein von Angis hatte mich gar nicht gehört. Sie verfolgte nach wie vor ihren Gedanken und sagte mit deutlicher Betonung jedes Wortes:

»Verstehen Sie wohl, wohin ich gekommen bin: Ich betrachte die Einsamkeit meines Leibes!«

 – –  – – – – – 

Nach einigen Tagen wurde nach mir geschickt. Fräulein von Angis war plötzlich irrsinnig geworden und lief nackt im Wald herum. Man hoffte, daß mein Einfluß sie dazu bewegen würde, sich wieder anzukleiden und ins Dorf zurückzukehren, wo man dann weitere Maßnahmen treffen konnte. Ich dachte sofort an unsere letzte seltsame Unterhaltung. Jetzt endlich war sie ihrer allzulangen Ledigkeit erlegen! Aber der Wahnsinn erfüllte ihr gleichzeitig ihren Liebestraum. Als ich mich ihr nähern konnte, erzählte sie mir von Ihm, der da gekommen war und sie geheiratet hatte. Er fand sie schön, erwiderte ihre Küsse, bewunderte ihren Busen, bewunderte auch ihren Körper, ihren ganzen Körper... So brachte der Wahnsinn auch ihr die Erfüllung ihres tiefsten Traumes und gleichsam ihre Selbstvollendung in dem von ihr gewählten Sinne. Denn wie wäre es sonst zu erklären, daß dieses anständige, schamhafte Mädchen, das noch jungfräulich war, sich nackt ausgezogen hätte, wenn nicht der Wahnsinn den Glauben in ihr erweckt hätte, daß sie endlich verheiratet sei, und daß sie sich deswegen auszog, wie in der Brautnacht...

Im ganzen genommen verlieren die Irrsinnigen vielleicht nur den Sinn für die übrigen Dinge und geben sich dafür ausschließlich und bis zum Übermaß dem einen hin, was ihnen stets am Herzen lag.

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