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Im Zwielicht

Georges Rodenbach: Im Zwielicht - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorGeorges Rodenbach
titleIm Zwielicht
publisherGustav Kiepenheuer/Verlag
year1913
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
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Hoffart

Der alte Graf Jean Adornes war gestorben, und große Trauer herrschte darob im Lande Flandern. In allen Meiereien hießen die Weiber ihre flachshaarigen Kinder niederknien und vor der weißen Gipsstatue der Madonna an der blaugetünchten Wand ein Ave für seine Seele beten. Die Glocken läuteten von Dorf zu Dorf und zogen lange, schwarze Trauerpfade durch die Luft, die sich alle vereinigten. Die Dienstleute brachten all ihre Heckenrosen, die Sonnenblumen aus ihren Gärten und selbst die Blütenzweige ihrer Obstgärten nach dem Gitter des Schloßhofes.

Graf Adornes war in der ganzen Gegend beliebt gewesen. Kein Flecken trübte die Reinheit seines adeligen Wandels. Er war gut, wohltätig, keusch, Gott und seinem Namen treu. Ein ruhmreicher Name, dessen Glanz schon an der dunklen Schwelle der Überlieferung strahlte. Einer seiner Vorfahren hatte sich schon beim ersten Kreuzzuge ausgezeichnet und an der Erstürmung Jerusalems teilgenommen; zum Gedenken daran errichtete er später eine Kapelle in Brügge, die den Namen der heiligen Stadt trägt und auch seine letzte Ruhestätte ward. Von seinem festen Schloß Saint-André war schon in Urkunden vom Jahre 1200 und 1220 die Rede. Ein Teil davon stand noch in mächtigen Quadern, mit einem eckigen und einem Rundturme. Ringsum lief ein Graben von zwanzig Schuh Tiefe mit mächtigen Zugbrücken, die in diesem Augenblick nicht herabgelassen waren, als wären sie seit der himmlischen Einkehr des Todes aufgezogen.

Aber am Tage der Beisetzung, der auf den nächsten Sonntag festgesetzt war, damit alles Landvolk ihr beiwohnen konnte, sollten die Brücken wieder herabgelassen werden, die Gitter sollten offen stehen, desgleichen das große Tor und die Türen zu allen Sälen. Das Schloß sollte dem Volke gehören; denn vor dem Aufbruch des Leichenzuges mußte eine uralte Zeremonie stattfinden, die noch immer Brauch war, nämlich das Totengericht in dem großen Saale des Schlosses, der sich zum Gerichtssaal verwandelte. Eine unvordenkliche Überlieferung, der sich alle Herren im Lande Flandern stets gefügt hatten, so sicher waren sie im Gefühl ihres makellosen Wandels, daß sie ihre eigenen Untertanen darüber zu Gericht sitzen ließen. Die Hinterbliebenen vereinigten sich also zum Rat mit den Dienstleuten, Zinsbauern, Pächtern und Hörigen, und dieser Rat bildete den Gerichtshof. Man sprach für oder gegen den Verstorbenen, dessen Leichnam in der Kapelle des Spruches harrte. Die Zeugnisse wurden unparteiisch vernommen. Wenn die Summe der guten Taten die der bösen überwog, so ward der Sarg mit allen Zeichen der Ehrerbietung und Lobpreisung in die Ehrengruft getragen; war dagegen das Gedächtnis des Verstorbenen durch irgend ein schweres Vergehen befleckt, war er vor allem den Geboten des Glaubens nicht folgsam gewesen, hatte er irgend welches Ärgernis verursacht, so wurde er prunklos bestattet und fast heimlich in ein abgelegenes Grab gebettet, um das sich fortan niemand mehr kümmerte.

Ein seltsamer Brauch! Das Gericht des Volkes dem Gottes gleichgestellt! Ein ganzes Menschenleben in den Augen der Menge gewogen wie in einer Wagschale!

Der Tag der Beisetzung kam heran. Die Witwe des alten Grafen, Frau Ursula Adornes de Borlant, hatte einen großartigen Pomp entfaltet, der des Toten würdig war. Und da sie künstlerischen Geschmack besaß und Musik liebte, hatte sie eine große Orgel herbeischaffen lassen, die mit ihrem weihevollen Ewigkeitsklange so recht hierher stimmte und im Gerichtssaale den Leichenpomp vertrat, wie ein Katafalk von Tönen. Alle Tore standen weit offen. Die Menge drängte sich herein. Und von all den Heckenrosen, von all den Sonnenblumen aus den Gärten und all den Blütenzweigen aus den Obsthalden, die ununterbrochen nach dem Schlosse gebracht wurden, trug dieses weniger die düstere Farbe des Todes, als den Schmuck einer Betprozession. Die Tränen der Witwe flossen reichlicher beim Anblick all dieser blühenden, lachenden Dinge, doch sie waren nicht mehr so bitterlich. Sie selbst hatte diese poetische Ausschmückung gewollt. Und bevor sich die ernsten Stimmen erhoben und auf den Wink des Zeremonienmeisters von dem Wandel des Toten sprachen, ihn lobten oder verurteilten, stimmten Kinderchöre, ihrem Wunsche gemäß, sanfte Weisen an, Engelshymnen, die von den Meisterschaften der einzelnen Dörfer aus dem Stegreif eingeübt waren. Frau Ursula de Borlant vergoß reichliche Tränen, aber sie quollen sanfter, als sie diese sanften Stimmen vernahm ... Sie erinnerten sie an die Stimmen ihrer Kinder, da sie noch klein waren, an die ersten Jahre ihrer Ehe, die Zeiten verrauschter Liebe! Ihr Gatte lag nun tot ... O, diese reinen Sopranstimmen ... Ihr war, als schallten sie dem Toten entgegen, der in der Kapelle in seinem Sarge harrte, als wären sie ihm eine liebliche Kühlung in seinem Schlafe, der vielleicht durch die Flammen des Fegfeuers gestört ward ...

Der Gesang verstummte. Die Orgel breitete ihren schweren Sammet aus. Dann verstummte auch sie, und der Zeremonienmeister berief die dichtgedrängte Menge, die Hinterbliebenen, Verwandten, Freunde, Knechte, Dienstleute, Pächter, kurz, die ganze Landbevölkerung zum Spruche. Sie sollten den Verstorbenen preisen oder seinen Wandel tadeln, sein Tun richten und etwa verborgen gebliebene Fehler und Sünden enthüllen. Niemand wagte den Mund zu öffnen. Ein hehres Schweigen herrschte und schien immer tiefer zu werden, wie eine Gruft, in die der Tote immer mehr und mehr versank. Da begann der Herr de Borlant, der Schwager und Busenfreund des Verstorbenen, zur Erleichterung des Volksurteils eine Art Fragestellung über die sieben Sünden, welche die schlimmsten Vergehen gegen Gott, sich selbst und die Menschen sind. »Hoffart?« Bei diesem Wort flüsterte alles: »Nein, nein!« Und das Murmeln war ansteckend, es war einmütig, wie ein Windschauer, der über das Korn fährt und es mitsamt niederbeugt.

»Geiz?« fuhr er in der Liste der Todsünden fort. Dasselbe Murmeln, dessen Geräusch sich immer weiter fortpflanzte ... Denn jedes dachte an die Wohltätigkeit des alten Grafen.

»Unzucht?« Bei diesem Worte wandte sich die Menge in einer schönen Regung des Volksempfindens gegen Ursula de Borlant, die Witwe, die edle, einzig geliebte Lebensgefährtin des Entschlafenen, die er in der Zucht und Fruchtbarkeit der rechten Ehe geliebt hatte, und alles verneigte sich vor ihr. Es war ein erhebender, rührender Augenblick. Sie stieß einen Schrei des Schmerzes aus, in dem so viel Stolz lag ... Kein anderes Weib hatte ihm je Versuchungen bereitet. Treu der Gattin, wie sie selbst dem Gatten, hatte er das Sakrament der Ehe heilig gehalten.

»Neid, Völlerei, Zorn, Trägheit?« ging die Aufzählung fort, und jedesmal folgte ein verneinendes Gemurmel, als striche wieder der Wind über das Korn.

Dann folgte tiefes Schweigen. Man hörte die Atemzüge und das Rauschen der Trauerschleier und Kreppkleider, die bei der geringsten Bewegung knisterten, das Rauschen der Bäume im Park, das durch die weitgeöffneten Türen hereindrang, und das Murmeln der Menge, die nur zum Teil drinnen Platz gefunden hatte. Da plötzlich trat auf einen freigebliebenen Fleck des großen Saales der Pfarrer vor, der ehrwürdige Jean Biscop, seit mehr als einem halben Jahrhundert Seelsorger des Dorfs. Er schien zu zaudern und verwirrt zu sein, hielt die Augen auf den Boden geheftet, und nie hatte sein Antlitz trauriger ausgesehen. Er hub an zu sprechen in jenem Ton, den er hatte, wenn er auf der Kanzel ein Ärgernis der Gemeinde rügte. »Gewiß,« sagte er, »Graf Jean Adornes, Baron des heiligen Reiches und der Kreuzzüge, Herr von Saint-André, war ein mächtiger und barmherziger Herr. Er hat manches Verdienst vor Gott und den Menschen. Habsucht, Unzucht, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit waren ihm in der Tat fremd. Und was die Hoffart anbetrifft, so war niemand einfältiger und leutseliger gegen die Kleinen und Demütigen ... Aber, meine Brüder, ich schulde es meinem Priesteramt, meinem Gewissen und der Wahrhaftigkeit dieses öffentlichen Totengerichtes, das einer unser ältesten und kostbarsten Gebräuche in Flandern ist, ich schulde ihnen das Geständnis, daß er nicht einfältig vor Gott war. Er hat durch Hoffart gesündigt, und sein Hochmut ging bis zur Gotteslästerung. Ich allein weiß es – und Gott. Ich muß es euch also offenbaren, denn ich bin der berufene Diener Gottes an diesem Tage des Gerichts. Ich habe gezögert, aber ich fühle, daß es meine Pflicht ist, zu reden. Schon zu Lebzeiten des Grafen wollte ich widerstehen, aber ich wagte es nicht. Ich war feige, ich war sein Mitschuldiger in der Sünde der Hoffart. Heute, wo ich sie enthülle, ist es fast meine öffentliche Beichte, die ich ablege ... Also Graf Jean Adornes war hoffärtig vor Gott ... Er war stolz auf seinen Adel, seine Titel und sein Wappenschild, er wollte ein Vorrecht haben – selbst bei den heiligen Handlungen.

Denket euch, daß er nicht zufrieden war, im Chor unserer Kirche den vornehmsten Platz einzunehmen und ein Betpult zu haben, das mehr einem Throne glich und das ich ihm aus Schwäche und zum Dank für seine Wohltaten zugestanden habe; er trieb die Forderungen seines Adelstolzes noch weiter. Und dies ist die Gotteslästerung, der ich, ach! nur zu sehr Vorschub geleistet habe. Selbst beim Allerheiligsten der himmlischen Gnade, vor dem alle gleich sind, selbst am Tische des Herrn, der für jeden errichtet ist, wollte er sich vor der Herde der Gläubigen auszeichnen. Konnte ein Graf Jean Adornes, der Nachkomme dessen, der am ersten Kreuzzuge teilnahm und in Brügge in der Jerusalemkapelle ruht, die er selbst gestiftet hat, konnte er das Abendmahl nehmen wie jedes Pfarrkind? Er gab mir also ein Siegel, das sein uraltes Wappen trug, die Grafenkrone mit Abzeichen und einem Turm mit Zinnenkranz zwischen Blattzieraten.

Und ich mußte dieses Siegel auf seinen Befehl jedesmal auf die für ihn bestimmte Hostie drücken. Das ist die Todsünde der Hoffart, die Gotteslästerung, deren ich mich schäme. Gottes Leib in der Hostie war ihm nicht genug ... Er drückte ihm erst sein Wappen auf. O, wie sie mir oft in den Fingern brannten, diese gesiegelten und durch das Wappen geheiligten Hostien, wenn ich sie dem hoffärtigen Haupte des Grafen darhielt! Er sah sie an und versicherte sich, ob das ungesäuerte Brot auch den Aufdruck des Wappens trug. Dann erst geruhte er sie zu nehmen, wenn auch mit gläubigem Sinne... Ich litt darunter. Auch Jesus litt ohne Zweifel... Mir deuchte stets, als sähe ich sein gefangenes Antlitz hinter der zackigen Grafenkrone wie hinter den Mauerscharten eines Kerkers. Er war in all diese Wappenzeichen eingekerkert, welche diese Hostie bedeckten und ihm kaum Raum ließen. Ich bin gewiß, unser Heiland war in diesen Hostien weniger zugegen als in den andern.«

Alle Anwesenden waren starr. Ja, das war die Sünde der Hoffart, ein Namensstolz, der gewagt hatte, sich selbst dem Namen Gottes gleichzusetzen! Das war eine Art Gotteslästerung, die an dem Toten selbst gesühnt werden mußte, und zwar durch eine Buße, welche die größte Demütigung war.

Und so beschlossen der Priester, die Herrschaften und die Menge, wie es Brauch war, ihn nicht in der Ehrengruft der Familie beizusetzen. Und der Graf Jean Adornes, Baron des heiligen Reiches und der Kreuzzüge, Herr von Saint-André, ward am Tage darauf prunklos nach dem Dorfkirchhofe gebracht und in die Erde gesenkt, ohne daß ein Stein sein namenloses Grab bezeichnete.

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