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Im Zwielicht

Georges Rodenbach: Im Zwielicht - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorGeorges Rodenbach
titleIm Zwielicht
publisherGustav Kiepenheuer/Verlag
year1913
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
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Die letzte Rose

Cantin war diesen Herbst ganz überrascht und erregt von dem, was in ihr vorging. Es war ein milder, lauer Oktober von welkender Anmut. Die Kastanienbäume im Park begannen wieder zu blühen. Es war ein schöner Besitz, eine Art Schloßgut in der Bannmeile einer kleinen Industriestadt. Wie schön ist solch ein großer Garten, der uns der Natur, dem Grün der Wiesen und Bäume, dem Wasser und allen Dingen der Natur zurückgibt! Madame Cantin fühlte sich jetzt besonders eins mit ihr. Sie war nun vierzig Jahre alt geworden, aber statt einer Mahnung an die Vergänglichkeit des Lebens und das Nahen des Winters war ihr dieser Geburtstag wie der Anfang eines neuen Lebens. Die Rosensträucher trugen frische Knospen und auch sie trugen in ihrem Herzen ein neues Blühen. Feuerrot ging in diesen Tagen die Sonne unter. War es der Abendschein, der ihre Lippen jetzt so rosig färbte, als wären sie wieder mit dem Purpur der Jugend geschminkt? Der Garten schien ihr wie verzaubert. Im Teiche spiegelten sich Wolkenbilder und trieben ihr wechselndes Spiel ...

Reife Früchte lachten an den Ästen und zeigten rote Kinderbacken. Madame Cantin lebte nur noch im Garten. Mit einer seit lange nicht mehr gekannten Ungeduld erwartete sie den Abend und die Rückkehr des Gatten. So hatte sie ihn früher wohl erwartet, voller Ungeduld, ja selbst mit Fieber. Wie lang war ihr die Zeit vorgekommen ohne ihn! Und alle Tage, ohne Ausnahme. Er ging jeden Morgen nach der Fabrik, die ihr Glück gemacht hatte, aber das griff ihn entschieden an! Als junge Frau – in einer Ehe, die ganz Liebe war – hätte sie ihn lieber ununterbrochen für sich gehabt, Minute für Minute, den ganzen Tag. Um die Wartezeit abzukürzen, war sie ihm oftmals entgegengegangen, weit, fast bis zur Fabrik. Später war sie ruhiger und besonnener geworden, sie liebte ihren Mann immer noch, nur stiller, und mit geteilter Zärtlichkeit. Denn sie hatte jetzt drei Töchter, alle mit den gleichen frischen Farben, demselben blonden Haar, einem Honig- oder Bernsteinblond, und alle so ähnlich, daß, da die erste Rosa getauft war, – und es war unmöglich, sie anders zu nennen, – die folgenden ähnliche Namen erhielten und Rosette und Rosine hießen. Sie waren wie drei sich folgende Stunden desselben Tages. Sie gingen stets zusammen, und immer Arm in Arm. Sie taten immer dasselbe. Und namentlich hatten sie die reizende Laune, daß sie sich stets gleich kleiden wollten, denselben Stoff, denselben Schnitt, dieselbe Form des Hutes und die gleichen Blumen darauf, in völliger Übereinstimmung. Sie gingen Seite an Seite, und man wußte nicht, wo die eine aufhörte und die andere anfing ...

Madame Cantin hatte ihre Kinder mit zärtlicher Hingebung geliebt. Soviel Liebe entzog sie ihrem Manne. Jetzt empfand sie auf einmal irgend welche neuen Wallungen und eine neue Verwirrung in seiner Gegenwart; ein Schauer überflog sie oft, und am Abend erwartete sie ihn mit einer Ungeduld wie in den ersten Monden ihrer Ehe. Er hatte gerade eine zweiwöchige Reise nach dem Auslande gemacht; es war wegen einer Eisenbahn, für die seine Fabrik Material liefern sollte. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Sie fühlte sich allein, trotz ihrer Töchter. Nachts schlief sie nicht auf ihrem einsamen Lager ... Als er wiederkehrte, brach ihre Liebe doppelt hervor, heiß und anhaltend, wie der warme Herbst im Garten. Sie begriff die sonderbare Jahreszeit. Sie fühlte sich eins mit den wieder aufbrechenden Rosen. O Trunkenheit des Neubeginns! Es ist wie die Freude von Liebenden, die sich erzürnt haben und wieder versöhnen! Die Freude derer, die sich nach langer Trennung wiederfinden! Aber verläßt man sich nicht stets ein wenig? Man verläßt sich, sobald man sich nicht mehr umarmt. Und das Berauschendste bei allem Neubeginn ist, daß er die Jahre streicht, über das Alter täuscht und zweien Wesen die erste Glut wiedergibt, die Spannkraft der Sinne, die man abgestumpft wähnte, und das Gefühl des Mysteriums, das gleichsam der dunkle Urgrund der Liebe ist ... Madame Cantin empfand aufs neue dieses tiefinnerliche Leben ... O unaufhörliche Entdeckungen der Liebe, die da währen, solange sie sich erneuert ...

Nach zwanzigjähriger Ehe wurde ihr Mann, wie in einem Roman, plötzlich und unvermittelt von Leidenschaft und Verlangen erfüllt. Und ihr Herbst war wie ein zweiter Lenz. Selbst eine knospende Rose kündigte sich für ihren Herd an. Eine späte Rose, ein Kind dieses schönen, üppigen Herbstes, ihres Mitschuldigen, noch eine Rose mehr, nach Rose, Rosette und Rosine, eine unerwartete Rose, die sie in den gleichförmigen und harmonischen Strauß der drei großen Mädchenblumen noch hineinflechten wollten. Aber wie sollte das geschehen?

Madame Cantin hatte anfangs noch gezweifelt, aber bald hatte sie Gewißheit. Nicht lange, so mußten es auch die anderen merken. Der Gedanke an die Kinder beunruhigte sie. Sie fragte ihren Mann: »Soll man es ihnen sagen?«

Wenn sie an ihre Töchter dachte, so beschlich sie jedesmal ein unbestimmtes Schamgefühl, eine Verwirrung und peinliche Empfindung. Sie wurde rot in ihrer Gegenwart, als ob es ein abnormer Fall und eine Schande wäre, in ihren Jahren noch den Sinnen zu fröhnen. Auch die Liebe hat ihre Zeit. Es ging ihr umgekehrt, wie einem halb unreifen, lockeren Mädchen, das gefallen ist und sich nun vor der ehrbaren Mutter schämt. Sie litt an der Unschuld ihrer Töchter. Dieselbe Frage quälte sie immerzu; sie wußte nicht, sollte sie es lieber gestehen oder bis zuletzt schweigen.

»Sie werden es schon selbst merken,« meinte ihr Gatte.

»Wer weiß,« antwortete Madame Cantin. »Sie sind so unschuldig geblieben!«

So unschuldig, wahrhaftig! Keine war in einer Pension gewesen. Ihre ganze Erziehung hatte zu Hause unter den Augen der Mutter stattgefunden, durch besondere Lehrer und Erzieherinnen. Keine unliebsame Berührung, keine von jenen Schulbekanntschaften, die so oft nur verderben und beschmutzen. Ein Dunstkreis der Zurückhaltung und Frömmigkeit war um sie gewesen. Sie hatten die Scham der jungen Rosen, denen sie glichen, und nach denen sie hießen: Rose, Rosette und Rosine – so ähnlich, wie sie waren, daß man sie ohne ihre Altersunterschiede verwechselt hätte. Rose war jetzt achtzehn, Rosine sechzehn und Rosette, die letzte, die kleine Rose, erst dreizehn Jahre. Aber alle trotzdem gleich, in ihrer Kleidung wie ihrem Goldhaar, das zu ein und derselben Haarflut zu gehören schien, und in ihrem zarten, offenen, feinfühligen Wesen. Sie gingen stets eng umschlungen, die Arme einander um die Hüften gelegt, und in eine einzige harmonische Gestalt verschmelzend. Man konnte glauben, daß ihre Schritte von ein und derselben Bewegung gelenkt wurden. Sie waren wie die drei Segel eines Schiffes, stets im Einklang miteinander und von der gleichen Empfindung beseelt; sie schwärmten für die gleiche Musik und unternahmen alles, was sie taten, gemeinsam.

Es quälte Madame Cantin also nicht wenig, ob ihre Töchter wohl etwas ahnten. Denn man konnte es jetzt schon merken ... Sie errötete in ihrer Gegenwart immer mehr, suchte ihr Heil in weiten Frisiermänteln und machte verhüllende Bewegungen, als hätte sie ihnen eine Schande zu verbergen, eine Sünde, die ihre Unschuld nicht trüben sollte. Ja, sie waren unschuldig! Aber Unschuld ist nicht Unwissenheit. Wußten sie schon um das Mysterium der Geschlechter und der Mutterschaft? Waren sie auf das, was kommen mußte, gefaßt? Oder sollte man es ihnen im voraus sagen? Rosette, die erst dreizehn Jahre alt war, war ganz gewiß noch ganz unschuldig. Aber Rose, die älteste, war achtzehn! Konnte man annehmen, daß sie harmlos war, wie die heilige Agnes? Sie hatte doch gewiß auf Spaziergängen und selbst unter ihren Bekannten erwartende Frauen gesehen und sich Gedanken darüber gemacht. Schließlich ist dieser Zustand doch sichtbar. Die zweite, Rosine, war sechzehn Jahre. In diesem Alter erwacht der Geist; sie konnte also auch nicht mehr unwissend sein. Und außerdem dachten diese drei Schwestern, die einander so ähnlich und einmütig miteinander waren, stets dasselbe und sagten sich alles. Rose mußte es wissen, folglich auch Rosine. Aber dann mußte Rosette, die jüngste, es auch wissen. Dieser Gedanke tat der Mutter weh, sie wußte nicht warum. Wie? Ihre kleine Rosette sollte ihretwegen in der Ruhe ihrer unentwickelten Kinderseele, ihrem unberührten Schamgefühl gestört werden? Und da sie doch nicht alles verstehen würde, so würde sie eine Art von Widerwillen und Ekel gegen ihre Mutter empfinden, als wäre es ihr klar geworden, daß sie schamlose Eltern hatte, die mit jenen unanständigen Dingen zu tun hatten, vor denen sie selbst die Augen schloß.

Madame Cantin geriet in eine schmerzliche Aufregung. Namentlich weil Rosette jetzt unruhig, traurig und besonders blaß aussah. »Was hast Du?« fragte sie. Sie fragte die Schwestern. Alle antworteten, sie hätte nichts. Die Mutter fühlte trotzdem, daß der Fall diese jungen Seelen zu beschäftigen begann. Aber inwieweit? Noch einmal wollte sie alles freiweg gestehen und schlug es ihrem Manne vor.

»Nicht doch, laß den Dingen ihren Lauf. Das findet sich schon ganz von selbst!«

Eines Abends saß Madame Cantin nach einem warmen Nachmittag noch lange in der Gartenlaube ... Es war schön hier in diesem Winkel unter dem grünen Gewölbe mit seiner schattenspendenden Kühle und dem bläulichen Dämmerlicht, wie in einem Kirchenschiff. Das dichte Blattwerk verdeckte sie fast völlig. Sie saß und träumte in einen Rohrstuhl gelehnt und der schweren Frucht der Liebe müde, – der Liebe ihres letzten Herbstes, die in diesem Garten geboren war, eine späte Rose und Mitschuldige des Gartens. Sie dachte an die nahe Niederkunft. Sie dachte an ihre Töchter, besonders Rosette, die immer kummervoller wurde, ohne Zweifel infolge des Zustandes der Mutter. Plötzlich sah sie ihre drei Töchter am Ende der Allee auf und ab gehen. Sie waren eng verschlungen, jede hatte den Arm um die Hüfte der anderen gelegt, wie gewöhnlich, und so bildeten sie nur ein Ganzes. Dieselbe Bewegung belebte sie. Es war wie eine und dieselbe Welle, nur auf der einen Seite wo die Älteste ging, stand sie etwas über. Sie plauderten vertraulich und schlenderten auf und ab. Die Mutter konnten sie nicht sehen, und diese, in der Hoffnung, etwas zu erlauschen, hielt sich hinter dem dichten Blattwerk der Laube verborgen. Hin und wieder erhaschte sie einen Zipfel der Unterhaltung

»Doch! Ich bin sicher, Mama ist krank. Ihr wollt es mir nur nicht sagen. Sie hat ein schweres Leiden. Ich habe ihren Leib gesehen ... Und so häßlich ist sie jetzt! Ich mag nicht, daß sie so häßlich ist ...«

Rosette schluchzte; Rose, die Älteste, suchte sie zu trösten.

»Nicht doch, ich versichere es dir, es ist nichts. Es wird bald vorüber sein. Warte nur noch ein paar Wochen ... Mutter wird wieder wie früher. Aber sprich mit ihr vor allem nicht darüber.« »Ja,« bestätigte Rosine, die zweite, »Rose hat ganz recht. Weine nicht mehr, Rosette.«

Und die harmonische Gruppe schritt weiter, in derselben einmütigen Bewegung der rollenden, steigenden, sinkenden Welle.

Madame Cantin hielt ihren Atem an und weinte in ihrer Laube, still vor Freude, Rührung und Bewunderung. Also Rose und Rosine wußten Bescheid, Rosette wußte nichts. Mit welch zarter Rücksicht hatten sie der Jüngsten das Geheimnis verschwiegen! Madame Cantin errötete fortan noch mehr vor ihren Töchtern, seit sie wußte, daß diese nicht mehr unwissend waren. Sie stahl sich fort und blieb allein mit Rosette, die noch nichts ahnte.

Zum Glück trat das Ereignis bald ein und befreite die Mutter von der täglichen, wirklichen Qual im Verkehr mit ihren großen Töchtern, in deren Gegenwart sie stets eine Art von Scham, ein täglich zunehmendes, seelisches und physisches Unbehagen beschlichen hatte.

Aber sobald das Kind geboren war, machte es ihr nichts aus, es ihren drei Töchtern zu zeigen, davon zu reden und in freudiger Erregung sich seiner zu rühmen. Das Kind hatte alle Sünde von ihr genommen.

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