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Im Zwielicht

Georges Rodenbach: Im Zwielicht - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenarrative
authorGeorges Rodenbach
titleIm Zwielicht
publisherGustav Kiepenheuer/Verlag
year1913
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Es war keiner

Es war eine große, schier unglaubliche Neuigkeit, die eines Sonntags in einem flandrischen Dorfe umlief: »Ursula, die Irre, ist guter Hoffnung.«

Man gab sie von Tür zu Tür weiter. Die meisten wollten nicht daran glauben. Was? Die Irrsinnige des Dorfes? Dieses arme Zerrbild von einem Menschen, mit dem blöden Gesicht und dem ungeschlachten Körper, mehr Tier als Weib, das wie ein Bär watschelnd sich ewig durch Straßen und Felder herumtrieb? Das war unmöglich! Kein Mann hätte das über sich gewonnen. Trotzdem wurde es beteuert. O die schöne Geschichte. Das Lachen und die Anzüglichkeiten wollten kein Ende nehmen. Die Nachbarn steckten die Köpfe zusammen und fragten sich; die Vorübergehenden schrien sich vergnügt entgegen:

»Das war wohl der heilige Geist!«

»Nein, gewiß der Teufel!«

In der Tat, das gesamte Dorf hatte augenblicklich und in derselben Minute den gleichen Gedanken: »Wer ist es gewesen?« Die einen aus bloßer Neugier oder Niedertracht. Es war ein gefundenes Fressen für die müßigen Stunden und die öffentliche Bosheit. Ein Mysterium, das aufgedeckt werden mußte, noch dazu eines, das öffentlichen Skandal gab! Eine dunkle Geschichte ohne Zweifel, bei der jeder insgeheim hoffte, seinen Feind bloßzustellen, in Verdacht zu bringen und anonym zu denunzieren. Lauter Schadenfreude und Rachlust, grausame Wonne, schmutzige Wäsche auszuwaschen! Das würde Leben in die Eintönigkeit der Abendstunden bringen.

»Wer ist es gewesen?« Alle Welt stellte sich die gleiche Frage, manche nicht aus Freude am Skandal, sondern aus ehrlicher Entrüstung über den schmählichen Vorfall. Der Schuldige mußte herausgefunden und mit allgemeiner Verachtung bestraft werden; denn es war wirklich eine Schuld, und eine Niedertracht dazu gegen die arme Irre, deren wehrlose Kindereinfalt schließlich dieselbe Unverletzlichkeit besaß wie die Dinge der Natur ...

Nach dem Hochamt bildeten sich Gruppen auf dem Platze, und es gab lange Verhandlungen mit Tuscheln, Gelächter, schlechten Witzen und empörten Mienen.

Plötzlich rief einer: »Halt, da kommt sie.«

In der Tat kam Ursula die schräge Straße herunter, die zur Kirche führt, einem Bauwerk von unbestimmter Form zwischen den niedrigen Häusern mit ihren geraniumroten Ziegeln und grünweißen Fensterläden, und selbst ganz grau in dieser schreienden Umgebung.

Jeder sah sie sich diesmal mit besonderer Aufmerksamkeit an, namentlich daraufhin, was man jetzt wußte... Ihr Körperbau war abnorm, die eine Hüfte schief, was ihr den wackelnden Gang von Matrosen oder von Angetrunkenen gab. Das Gesicht mit der breitgedrückten Nase war geradezu tierisch, und der Mund zuckte fortwährend in einer nervösen Bewegung, als würde er an einem Bindfaden gerissen. Nur ihre Augen waren hell, feucht und groß, wie ein Rest von Menschlichkeit, ein Erbarmen des Schicksals in diesem unförmigen Antlitz... Sie stützte sich wie gewöhnlich auf ihren Stock, der ihr zur Wehr diente. Wenn die Dorfbuben sie mit Steinen warfen, so schwang sie ihn drohend und machte Miene, ihnen nachzulaufen und sie zu schlagen, aber ohnmächtig, wie sie war, setzte sie ihren Weg stumm fort und stolperte nach wie vor über das wirre Gesträhn ihres gehemmten Willens. Heute schien ihr Gang noch taumelnder, denn ihr einer Fuß war unbekleidet. Sie hatte unterwegs unbemerkt einen Schuh verloren und sah nun noch unvollkommener aus als sonst ...

Als sie näher kam, lief eine allgemeine Bewegung durch die Gruppen. Man lachte, rief sie an, kurz, es gab ein lautes Geschrei... Jeder beobachtete sie mit den Augen eines Inquisitors. In der Tat schien ihr schäbiger Rock sich schon zu raffen, und die ungleich gekleideten Füße kamen zum Vorschein... Trotzdem wollte keiner es glauben. Sie war wirklich zu abstoßend. Ein altes Weib bemerkte verständnisvoll: »Es ist nur 'ne Schwellung.« Ein Mann trat aus einer der Gruppen an sie heran und sagte: »Ich will sie fragen.«

Ursula blieb erschrocken stehen. Der unsichtbare Faden verzerrte den Mund zu einer schauderhaften Grimasse. Ihr Körper bebte vom epileptischen Zittern des Bären.

Der Mann fragte sie: »Nun, ist's wahr? Sag mir, wer ist der Vater ... Ich will dir Geld geben.«

Sie antwortete nicht. »Wer ist es?« fragte er wieder. Aber die Irre schien nichts zu verstehen. Nur die Augen, die noch etwas vom Menschen hatten, blickten ihn flehentlich an. Sie machte sich von der Unterhaltung los wie von einer Fessel und entfernte sich mit unbestimmten Schritten. Ihr Zerrbild von Körper tauchte halb in den violetten Schatten des sonnenglühenden Kirchplatzes, und die Kinder hörten auf zu spielen, um sie wieder mit Steinen zu werfen wie einen Vogel!

 – –  – – – – – 

Nach einigen Monaten kam Ursula, die Irre, wirklich nieder. Bis dahin hatte man ungläubig gelacht und diese paradoxe Mutterschaft zu schlechten Witzen und Bemerkungen, Zoten und schmutzigen Redensarten ausgebeutet. Als das Kind zur Welt kam, erwachte der menschliche Instinkt in der Menge – und das Mitleid. Die Nachbarn kamen herbeigelaufen. Das ganze Dorf erschien und erfüllte das Häuschen, in dem Ursula mit Marie Nimy hauste, einer alten siebzigjährigen Tante, die sie pflegte. Ein jeder wollte das Kind sehen. Alle Einwohner steuerten zu den Windeln bei. Arme Unschuld! Wie rosig und sanft es dalag! Bis jetzt konnte man noch nichts wissen, als daß es normal aussah. Nirgends eine Unförmigkeit, – aber die würde sich erst später zeigen, in der Entwicklungszeit, ganz wie bei seiner Mutter. Und was das traurigste war: diese hatte sich nicht eine Minute lang mit dem Kinde abgegeben. Kein Lichtschimmer hatte ihr umnachtetes Hirn durchbrochen und den Mutterinstinkt geweckt. Man zeigte ihr das Kind, man gab es ihr zum Küssen und versuchte es auf ihre Knie zu setzen, aber man mußte es rasch wieder fortnehmen. Sie hätte es heruntergeworfen wie einen Packen Zeug. Eine furchtbare, fast unausbleibliche Erbschaft, die es von einer solchen Mutter bekommen mußte! Das arme Ding, das jetzt schlief, es würde eines Tages ganz wie sie werden! Ja, es war ein Verbrechen, einem Wesen das Leben zu geben, das nur ein Untier werden konnte! Wer war der Schuldige? Man fragte sich jetzt nicht mehr zum Spaß. Man entrüstete sich. Man empfand eine Art Gewissensbiß. Wahnsinn ist immer eine Art Kindheit. Die Irre lebte unter dem Schutze des Dorfes, wenn man so sagen soll. Sie war die Schwachheit selbst. Und jemand hatte sie mißbraucht!

»Wer ist es?« – Die Frage kehrte täglich wieder und quälte alle. Man suchte und fragte die Nachbarn aus. Man befragte die alte Marie Nimy. Hatte sie je Männer bei sich gehabt? Mit wem verkehrte sie? Lieferte Ursula selbst keinerlei Mutmaßungen, keine etwaige Fährte? Man stellte sie selbst zur Rede. Aber sie verstand nichts. Die Worte hatten für sie keinen Sinn. Es waren verworrene Töne, die an ihr Ohr drangen, wie das wortlose Rauschen des Windes in den Bäumen oder das Brausen des Wassers unter den Brückenbogen.

Sie versuchte den Klang der Worte nachzuahmen. Man zeigte ihr das Kind, und da man eine Ideenverbindung im Chaos ihres Hirns vermutete, fragte man sie: »Wer ist es?« Sie antwortete mit unartikulierten Lauten, die nichts Menschliches an sich hatten und dem Geräusch toter Dinge glichen, dem Schlüsselknarren, Uhrticken oder Glucksen von Flaschen ...

Man mußte es trotzdem erfahren.

Man ging zum Pfarrer. – »Es ist ein Verbrechen«, sagte dieser in einem Tone, als ob er von einem Morde im Dorfs spräche. Aber er hielt es für unabwendbar und unaufdeckbar. Man verhandelte mit ihm, bat ihn, selbst Schritte zu tun und bei den Nachforschungen behilflich zu sein.

Aber er war ein mystischer, weltentrückter Geistlicher. Das Irdische lag ihm ziemlich fern. »Es ist ein großes Unglück«, wiederholte er, aber seine Stimme klang bereits wieder wie aus weiter Ferne und seine Augen blickten ins Leere.

Die einmal entfachte öffentliche Neugier gab sich nicht so bald zufrieden. Es gab jetzt im ganzen Orte eine Menge von Leuten, die unaufhörlich nachforschten, sich erkundigten, Indizien zusammenhielten, Auskünfte verlangten und eine richtige Untersuchung betrieben. Etwas stand fest. Erstens war es kein zufälliger Wanderer, denn es war damals kein Fremder gesehen worden. Es war also einer aus dem Dorf, der sich versteckte, die Umstände wahrnahm und dem öffentlichen Gewissen Hohn sprach, ein feiger Schurke ...

Eines Tages brachte Ursula beinahe selbst Licht in die Sache. Man sah sie plötzlich auf einen vorübergehenden Burschen zuschreiten, wie eine Hellsehende und Begeisterte; sie streckte die Hände nach ihm aus, wollte die seinen ergreifen, versuchte zu lächeln und machte unanständige Gebärden, als ob sie ihn wiedererkannte. Diese Tatsache ward sofort allbekannt. Sein Name lief von Tür zu Tür. Der Elende! Man paßte ihm auf. Am nächsten Tage und den folgenden Tagen setzte Ursula dasselbe Manöver fort, nur kecker und herausfordernder. Sie folgte ihm, erwartete ihn vor seiner Haustür. Das Dorf frohlockte. Man hatte endlich das Geheimnis herausgebracht! Man beschloß ein Kesseltreiben gegen den Schuldigen. Aber zur selben Zeit richteten sich Ursulas Aufdringlichkeiten gegen einen andern jungen Burschen, dem sie auch auflauerte und mit ihrer armen unanständigen Mimik nachlief. Kurz darauf war es ein dritter, und wieder ein anderer, und noch einmal ein anderer. Ursula begann alle Männer mit ihren Liebesgelüsten zu verfolgen. Sie blickte sie an, versuchte sie anzufassen und lachte dabei mit ihrem gestörten Lachen. Es war wie das Lachen eines Gesichtes, das sich im Wasser spiegelt, und mitten hinein wird ein Stein geworfen...

Eine seltsame Erscheinung! Ein teilweises Zerreißen ihrer inneren Finsternis. Sie blieb unempfindlich gegen das Muttergefühl und hatte doch die Liebe empfunden. Sie begriff das Kind nicht und hatte den Mann gefühlt... Und nun ging sie in ihrem erwachten Weibsinstinkt zu denen, die jung und schön sind ...

Im Dorfe gab man das Nachforschen auf. Die Irre war eben irr. Ihren Narrheiten war kein Wert beizumessen. Zumal das Kind jetzt starb. Es war gleich, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Man hatte sich ja namentlich des Kindes wegen entrüstet. Von nun an gab es keinen Schuldigen mehr. Alles war wieder in Ordnung. Selbst Ursulas Sinnenglut hielt nicht lange vor. Sie ging fast nie mehr aus und sank in die Apathie ihres halbtierischen Daseins zurück. Nur ihre großen traurigen Augen behielten noch einen Rest von Menschlichkeit, so unnütz sie auch waren; denn sie hatten nicht einmal den Liebhaber jenes einzigen dunklen Abends erkannt...

Und wenn späterhin eine Nachbarin etwa noch auf der alten Geschichte und Frage bestand: »Wer ist es?« so schüttelte die alte Tante Marie Nimy den Kopf und sagte mit ihrer tonlosen Stimme: »Es war keiner.«

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