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Im Wechsel der Zeit

Paul Grabein: Im Wechsel der Zeit - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleIm Wechsel der Zeit
seriesVivat Academia! Romane aus dem Universitätsleben
volumeBand III
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151031
projectid2485990b
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VIII.

Hellmrich sah nach der Uhr. Seine Stirn runzelte sich: Fast eine halbe Stunde liess man ihn schon antichambrieren. Er schwankte, ob er noch länger warten oder gehen sollte. Vor einigen Tagen hatte er schriftlich bei dem Minister um eine Audienz nachgesucht, indem er kurz angedeutet hatte, in welcher Angelegenheit er diesen zu sprechen wünschte. Hierauf war ihm nun der Bescheid zugegangen, dass in dieser Angelegenheit der Ressortchef, Ministerialdirektor Strycker, am heutigen Tage für ihn zu sprechen sein werde. Als er aber heute das Ministerium zur festgesetzten Stunde betreten hatte, hatte ihm der Chef der Kanzlei zu seinem Bedauern eröffnet, dass der Herr Direktor leider durch eine Konferenz verhindert sei, den Herrn Doktor zu sprechen. Aber sein Vertreter werde ihn empfangen; er bitte, inzwischen Platz zu nehmen. So hatte sich denn Hellmrich geduldig im Wartezimmer niedergelassen und inzwischen noch einmal in Gedanken all das an sich vorüberziehen lassen, was ihn zu diesem Schritt bewogen hatte.

Mehrere Wochen waren seit jenem Konflikt mit Berndt hingegangen, und, was Hellmrich befürchtet hatte, war gekommen: Berndt hatte ihm jede Möglichkeit, an seiner Forschung weiter zu arbeiten, dadurch benommen, dass er den Doktor Bindewaldt an seiner Stelle zu den Arbeiten im Privatlaboratorium herangezogen hatte. Hellmrich hatte indessen auch das Letzte noch versucht und sich ganz korrekt mit einem Gesuch an Geheimrat Berndt gewandt, ihm die Möglichkeit zu geben, unter Benutzung des Anstaltslaboratoriums seine Privatuntersuchungen weiterhin fortzuführen. Aber Berndt hatte ihm sehr kurz erwidert, er bedauere, dem nicht entsprechen zu können; es vertrüge sich das nicht mit den allgemeinen Dienstvorschriften.

So sah denn Hellmrich auf diesem Wege keine Möglichkeit, dem weiter nachzuforschen, was doch unausgesetzt sein Innerstes aufs heftigste bewegte. Nur Eines gab es schliesslich noch, und dazu hatte er sich denn entschlossen. Es war das Äusserste, was er versuchen konnte: Er wollte vom Minister selber eine Förderung seiner Pläne erbitten. Er hatte das Vertrauen, dass, wenn er dem hohen Beamten mit aller Beredsamkeit, die ihm seine heilige Überzeugung von der Grösse seiner Sache verleihen würde, alles auseinandersetzte, dieser ihm die Möglichkeit zur Fortführung seiner Forschungsarbeiten gewähren würde.

So hatte sich Hellmrich denn noch heute Morgen, als er sich in das feierliche Audienzgewand warf, zu Frau Lotte, die auch mit zitternder Erwartung dem Ausgang der Unterredung entgegensah, voll Hoffnung und Vertrauen ausgesprochen. Er hatte ja längst gemerkt, dass in Lottes Wesen eine gewisse Nervosität Platz gegriffen hatte, die er auf die äusseren Umstände schob, in denen sie notgedrungen leben mussten. Seine Existenzmittel waren für die Grossstadt doch nur knappe; die Sorge um die Wirtschaft, die Notwendigkeit, sich in manchen Dingen einzuschränken, lasteten neben den Mühen, die die drei Kinder ihr machten, gewiss schwer auf Lotte. Dazu kam dann noch die Zurückgezogenheit, in der sie doch zum grössten Teil aus Sparsamkeitsrücksichten lebten, andererseits aber auch, weil Lotte, wie er wohl wusste, sich unter den Gattinnen der zum grössten Teil bereits dem Lehrkörper der Universität angehörenden Kollegen nicht recht als voll fühlte. Es hätten sich aber diese Übelstände gar bald beseitigen lassen, wenn es ihm gelang, seine grosse Entdeckung zu machen. Er hätte dann wohl darauf rechnen können, bald eine Berufung als Professor zu erhalten, und damit wären sie mit einem Schlage aller dieser Sorge enthoben gewesen.

So hing denn so unendlich viel von dem Ausfall dieser Unterredung ab, die er heute haben sollte. Um so entmutigender war aber auch für ihn dieses bange, qualvolle Harren, das sich nun so lange schon hinauszog, und von Minute zu Minute sah er alle die Hoffnungen kleiner werden und fast schon zerrinnen, die noch bei seinem Eintreten ihm so verheissungsvoll vorgeschwebt hatten. So sass er denn still und gedrückt in diesem grauen, schmucklosen Vorzimmer, wo alles den Geist einer streng nüchternen, pedantischen Bureaukratie atmete. Dazu kam, dass auch sein Stolz sich aufbäumte gegen die Situation. Noch nie in seinem Leben hatte er antichambriert, noch niemals war er als Bittsteller zu irgend jemandem gegangen. Schon die ganze Art, wie man ihn hier aufgenommen hatte, der Bureauchef, der Diener, es war, als ob sie alle wüssten, dass er als Supplikant herkam. Er hatte sein ganzes Selbstbewusstsein zusammenraffen müssen, um sich nicht durch ein gereiztes Wesen dagegen aufzulehnen. Aber er konnte das bittere Gefühl, dass man ihn hier als einen lästigen Besucher aufnahm und so lange wie möglich warten liess, nicht los werden.

Da endlich öffnete sich die Tür und ein Diener erschien. »Der Herr Geheimrat lassen bitten!«

Endlich! Was nun auch kommen mochte, es war doch so weit! Und Hellmrich folgte mit schnellen Schritten dem Diener. Nun stand er vor dem Mann, von dessen Entscheidung seine Zukunft abhängen sollte. Ein behaglich ausgestattetes Zimmer war dieser Bureauraum, und an dem grün bespannten Diplomatenschreibtisch sass ein elegant gekleideter Herr im Gehrockanzug, der sich jetzt bei Hellmrichs Eintreten von seiner Arbeit etwas aufrichtete – Simmert!

Ein tiefes Erschrecken packte Hellmrich – dann ein heftiger Widerwille!! Er, gerade er sollte derjenige sein, dem er als Bittender sich nahen musste! Dazu die Ahnung, dass nun, wo von dieser Hand die Entscheidung über sein Schicksal abhing, alles vergebens sei – kurz, er hatte den Wunsch, umzudrehen und das Zimmer wieder zu verlassen. Aber es ging doch nicht, und so zwang er sich denn zur Ruhe. Simmert sah ihn einen Moment mit kühl abwartendem Blick an, bis er Hellmrichs steife Verbeugung wahrgenommen hatte. Dann grüsste auch er leicht, ohne sich jedoch von seinem Platz zu erheben, und lud Hellmrich mit einer ziemlich nachlässigen Handbewegung ein, auf dem Stuhl in einiger Entfernung, gegenüber von seinem Schreibtisch, Platz zu nehmen.

»Der Herr Direktor lässt sehr bedauern, wie Ihnen wohl schon gesagt worden ist, Herr Doktor, er hat mich indessen beauftragt, mit Ihnen zu verhandeln. Bitte, was führt Sie also zu uns?«

Hellmrich hätte hohnvoll auflachen mögen, als der einstige Jugendfreund ihn hier wie einen Fremden mit steifer Amtsmiene empfing und mit einer kühlen Gleichgültigkeit, als hätten sie sich später nie als Todfeinde mit den Waffen gegenübergestanden. Doch er bezwang sich. Das Leben liebte ja solche Überraschungen, so wollte er nun auch seinerseits die Komödie mit möglichst viel Fassung mitspielen.

Hellmrich begann also zu sprechen und erklärte in kurzer, sachlicher Weise, was ihn hergeführt hatte. Er setzte auseinander, was das Ziel seiner Forschung sei. Freilich, wie anders war es nun, wie er jetzt darüber sprach. Zu dem Minister oder seinem direkten Vertreter hätte er mit innerer, überzeugender Begeisterung zu sprechen vermocht, die, wie er sicher gehofft hatte, ihm zum Siege verholfen hätte. Diesem hier gegenüber konnte er nur mit einer dürren Sachlichkeit sprechen, denn es widerstrebte ihm, von dem innersten Anteil, den er an der Sache nahm, Simmert gegenüber sich auch nur das Leiseste anmerken zu lassen.

Simmert hörte zu, ohne ihn jedoch anzusehen. Er blickte vielmehr zum Fenster hinaus in den Garten, wo das Grün schattiger, alter Bäume freundlich in die strenge Welt der Bureaukratie hineinlugte, und nachlässig spielte er mit einem Petschaft. Hellmrich sah während dieses Spieles den kostbaren Brillantring, den Simmert an der wohlgepflegten Hand trug. Unwillkürlich fiel ihm auch die wertvolle Schmucknadel in der modern geknoteten Kravatte auf, wie überhaupt die ganze elegante Erscheinung Simmerts. Aber es entgingen ihm auch nicht die scharfen Linien in dem noch jugendlichen Antlitz und die bereits stark gelichteten Schläfe, die die tadellose Frisur nicht zu verdecken vermochte. Nun wandte sich Simmert an ihn, aber er sah ihn auch jetzt noch immer nicht an, sondern er blickte, während er sprach, interessiert auf das Petschaft in seiner Hand.

»Ganz recht, aber sagen Sie doch, bitte: Warum bietet sich denn Ihnen nicht die Möglichkeit, diese geplanten Versuche im Laboratorium der Versuchsanstalt selbst vorzunehmen?«

Hellmrich fühlte, wie ein Rot in seine Wangen stieg, denn er merkte die Absicht, die hinter Simmerts Frage lauerte. Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte ihm ins Gesicht geschleudert, was er in diesem Augenblick dachte. Aber er kämpfte seinen Grimm nieder und gelassen erwiderte er, dass Geheimrat Berndt aus dienstlichen Gründen es ihm abgeschlagen habe, das Laboratorium für diesen Zweck herzugeben.

»So, so.« Simmert machte eine kleine Pause und fuhr dann weiter fort: »Und Ihnen ist sehr an diesen Versuchen gelegen? Sie hegen die Hoffnung, damit etwas Grosses, ausserordentlich Bedeutendes zu erreichen?«

Hellmrich glaubte die reine Ironie aus dieser kühlen Frage herauszuhören. Heiss wallte es in ihm auf, doch abermals erwiderte er mit fester Stimme:

»Jawohl! Ich weiss ja natürlich jetzt noch nicht genau, ob meine Versuche das ergeben werden, was mir vorschwebt; aber nach allem, was ich bereits jetzt schon gesehen, glaube ich immerhin mit ziemlicher Bestimmtheit einer Sache von grosser wissenschaftlicher Bedeutung auf der Spur zu sein.«

»Hm, ja – das ist ja alles recht schön und gut. Aber solche Versuche kosten doch ein schönes Stück Geld, und Sie werden begreifen, dass das Ministerium, ehe es an eine derartige Sache herangehen könnte – wie soll ich sagen – sich gewisser Garantien, gewisser Bestätigungen von kompetenter Seite vergewissern müsste, dass Ihr Vorhaben doch immerhin nicht bloss auf einer – Selbsttäuschung beruht. Nun sind wir übrigens, wie ich ganz offen sagen muss, durchaus nicht mehr ganz ununterrichtet über Ihre Ideen. Veranlasst durch Ihr schriftliches Gesuch neulich hat mein Chef bereits Fühlung genommen mit Herrn Geheimrat Berndt, der ja von Ihnen über diese Sache bereits orientiert ist –«

»Ah!« Ganz gegen die Gepflogenheiten dieses Raumes unterbrach Hellmrich den Redner, »und darf ich wissen, was Herr Geheimrat Berndt geäussert?«

»Ja – mir ist diese Erklärung nicht näher bekannt, da ja, wie gesagt, kein schriftliches Gutachten darüber eingeholt worden ist, sondern es sich lediglich um eine vertrauliche, rein private Anfrage bei Anwesenheit Ihres Herrn Chefs hier auf dem Bureau gehandelt hat. Und ich bin nur soweit unterrichtet, dass Herr Geheimrat Berndt sich dahin geäussert hat, Ihr Problem wäre doch wohl nach seiner wissenschaftlichen Überzeugung noch keineswegs genügend geklärt und reif genug, um Ihnen staatliche Mittel für weitere Versuche zur Verfügung zu stellen.«

»So?« Hellmrich lachte bitter auf, sodass ihn Geheimrat Simmert mit einem sehr erstaunten Blick kühler Missbilligung ansah. So hatte denn also Berndt seine Rache an ihm genommen! Allerdings, sie war glänzend gelungen. Hellmrich erhob sich.

»Nun, dann hat ja allerdings wohl mein Besuch hier weiter keinen Zweck.«

Auch Simmert stand auf; gemessen sagte er:

»Ich werde das, was Sie mir heute persönlich dargelegt haben, meinem Chef natürlich ausführlich berichten. Aber, allerdings, wollen Sie immerhin berücksichtigen, dass das Urteil eines so hervorragenden Gelehrten, wie Geheimrat Berndt, der dazu noch Ihr Chef ist, doch ziemlich schwer ins Gewicht fallen dürfte. Sie werden jedenfalls schriftlichen Bescheid über Ihr Gesuch von uns erhalten.«

Hellmrich erwiderte lediglich durch eine kurze Verbeugung mit zusammengekniffenen Lippen. Der Zorn loderte in ihm auf. Simmert zeigte ihm gegenüber eine so herablassende Haltung, als ob er von ihm ein Almosen nachgesucht hätte. Mit einem flammenden Blick suchte er daher jetzt die Augen des Verhassten, die ihm aber auswichen und an ihm vorüber an der Wand des Zimmers entlang irrten. Unter diesen beredten Blicken Hellmrichs verlor Simmert aber doch an seiner überlegenen Haltung, und es kam eine gewisse Verlegenheit über ihn – in dem drückenden Schweigen dieser peinlichen Situation. Halb mechanisch trat er hinter seinem Tisch hervor und schritt Hellmrich, der sich nun abwandte, nach, um ihm gewohnheitsgemäss mit amtlicher Höflichkeit das Geleit zur Tür zu geben. Hellmrich aber nahm hiervon keine Notiz mehr, sondern, ohne noch einmal das Haupt nach ihm umzuwenden, ging er mit schnellen Schritten aus dem Zimmer hinaus.

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