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Im Wechsel der Zeit

Paul Grabein: Im Wechsel der Zeit - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleIm Wechsel der Zeit
seriesVivat Academia! Romane aus dem Universitätsleben
volumeBand III
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151031
projectid2485990b
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VI.

»Pscht! Ich glaube, die Prozession kommt schon! Na, dann man Haltung – Fassung!« Dr. Kerstmann flüsterte es seinem Nachbar Hellmrich zu und warf sich in komisch übertriebener Weise in eine straffe Haltung. In der Tat vernahm man hinter der Tür ein Stimmengeräusch und herannahende Schritte, und alle die Herren im Saal stellten sich infolgedessen in Erwartung des grossen Augenblicks in Positur.

Es war heute ein grosser Tag für die Hygienische Versuchsanstalt. Nachdem schon vor einer Woche die geplante Vorführung der Berndtschen Entdeckung vor der geladenen Versammlung stattgefunden, hatte heute der Minister in Person sich eingefunden, um sich die vielbesprochenen Versuche des Direktors anzusehen; mit ihm waren noch einige Herren aus dem Ministerium und die Mitglieder des Kuratoriums der Anstalt erschienen. Nachdem ihnen die Experimente in Berndts Laboratorium vorgeführt waren, machten die Gäste nun im Anschluss daran einen Rundgang durch die Räume der Anstalt. Auf Anordnung ihres Direktors hatten sich sämtliche Herren, die dem Körper des Instituts angehörten, hier im grossen Sitzungssaal versammelt, um dem Minister vorgestellt zu werden.

Plötzlich öffneten sich die Flügeltüren, von zwei Dienern der Anstalt mit grösstem Eifer geöffnet, und im Rahmen der Tür erschien, geleitet von dem Direktor Berndt, der Minister, hinter ihm seine Räte und die Herren des Kuratoriums der Hygienischen Versuchsanstalt, eine Anzahl hervorragender Fach-Gelehrten und höherer Verwaltungsbeamten. Tiefes Stillschweigen trat in dem grossen Raum ein, und respektvoll verneigten sich die dort versammelten Herren, während der Minister, ein schon älterer Herr von vornehmer Repräsentation, mit einer verbindlichen Neigung des Hauptes und einer begrüssenden Gebärde der Hand den Herren dankte. Langsam schritt der hohe Besuch nunmehr die Reihe der aufgestellten Mitglieder des Instituts entlang, indem Professor Berndt einen und den anderen der Herren im besonderen dem Minister vorstellte. Mit gespannter Erwartung verfolgten die Blicke der Weiterstehenden die Unterhaltung, die der Minister, hier oder da mit dem Direktor vor einem Angeredeten stehen bleibend, führte.

»Sehen Sie doch, wie unglaublich der dicke Teichmüller sich benimmt! Er macht ja förmlich Kotau vor der Exzellenz. Geradezu ekelhaft diese Kriecherei! Da, und jetzt, wie sich Professor Scheerbarth vordrängt, er wirft sich ja dem hoher Ministerio förmlich an den Hals, dieser alte Ekel! Ihm juckt gewiss das Knopfloch.« Leise flüsternd machte Dr. Kerstmann diese boshaften Bemerkungen zu Hellmrich. Er war ein Fachgenosse von diesem, und arbeitete mit ihm in derselben Abteilung zusammen. Er war im Grunde ein gutmütiger Mensch und vor allem ein durchaus ehrenhafter Charakter, sodass Hellmrich um dieser guten Grundeigenschaften willen über seine bissige Art hinwegsah und den Kollegen ganz gern mochte.

»Na, nun man Mut, Hellmrich! Jetzt kommen Sie an die Reihe, Sie Glückspilz – es gibt auch einen Piepmatz! Na, das kostet aber einen Korb Sekt – hören Sie?«

Während dieser Flüster-Worte war der Minister mit Professor Berndt schon so nahe herangekommen, dass Hellmrich meinte, er müsste diese unvorsichtigen Bemerkungen des Kollegen haben hören können. Allerdings sah Hellmrich mit einer starken Spannung dem Herannahen des hohen Besuches entgegen. Er war fern von jeder persönlichen Eitelkeit, aber im Grunde durfte er als der langjährige Mitarbeiter des Professors Berndt bei der grossen Entdeckung, die heute dem Minister vorgeführt worden war, doch wohl auf eine persönliche Vorstellung rechnen.

Jetzt war der Minister an der Seite Berndts unmittelbar herangekommen und liess, langsam vorübergehend, sein Auge auch über Hellmrich gleiten; aber er machte keine Anstalten, bei diesem stehen zu bleiben. Er hatte ja dazu auch keine Veranlassung, denn Professor Berndt ging mit kühlem Blick, die Herren Kerstmann und Hellmrich einfach übersehend, an diesen vorüber und machte erst zwei Plätze weiter die Exzellenz auf einen dort postierten Herrn aufmerksam, den er mit einem sehr liebenswürdigen Lächeln der Aufmerksamkeit des Ministers empfahl. Hellmrich fühlte, wie ihm das Blut zu Kopfe schoss, und hörte im selben Augenblick die leise von seinem Nachbar gemurmelten Worte:

»Donnerwetter, das ist stark! Eine Gemeinheit erster Klasse!«

Aber ehe sich Hellmrich noch recht Rechenschaft über seine Empfindung ablegen konnte, kam schon wieder eine neue Erregung über ihn. An ihm vorüber schritten jetzt die Herren aus dem Ministerium, die im Gefolge der Exzellenz mitgekommen waren, und Hellmrich stand plötzlich in einem von ihnen Simmert gegenüber – dem einstigen Jugendfreund und späteren Todfeind! Sein scharfer Blick, der inzwischen das hochmütige Mustern noch besser gelernt hatte, heftete sich plötzlich auf Hellmrichs Züge. Dieser wusste ja allerdings, dass der Geheime Regierungsrat Simmert seit einiger Zeit speziell in dem Ressort des Ministeriums arbeitete, dem auch die Hygienische Versuchsanstalt zugeteilt war, und so war sein Erscheinen am heutigen Tage ja nur begreiflich. Aber trotzdem kam ihm diese Begegnung überraschend. War es nur eine Täuschung seiner aufgeregten Stimmung, oder spielte um die Lippen Simmerts, während er langsam über ihn hinwegsah, wirklich ein kalter, höhnischer Zug, als ob er sich an der Hellmrich eben widerfahrenen Demütigung höchlichst zu weiden schien?

Aber Hellmrich hatte keine Zeit, sich darüber klar zu werden; denn plötzlich trat aus der Gruppe der nachfolgenden Herren, die von den Mitgliedern des Kuratoriums gebildet wurde, ein alter Herr, der allbekannte Professor Heller, auf ihn zu und hielt ihm mit freundlichen Gruss die Hand hin. Mit kräftigem Druck schüttelte der alte Herr Hellmrich die Rechte, von dessen Vater er ein Universitätsfreund gewesen war, und den er selbst von gelegentlichen Besuchen in der Anstalt her kannte. Mit Aufmerksamkeit wurde diese Begrüssung von den Anwesenden betrachtet, denn der alte Herr war ebenso wegen seiner hervorragenden wissenschaftlichen Bedeutung bekannt, wie durch seine biedere Eigenart, die bisweilen sogar den Charakter einer gewissen Knorrigkeit annahm. Er war geradezu berühmt deswegen, dass er mit verblüffender Offenheit jedermann seine Meinung zu sagen und selbst vor den höchstgestellten Persönlichkeiten mit seiner Ansicht nicht zurückzuhalten pflegte. Umsomehr konnte es für eine wirkliche Auszeichnung gelten, wenn der alte Heller jemanden mit seiner Hochschätzung beehrte. Es war zugleich, namentlich in den Kreisen der Hygienischen Anstalt, nicht minder bekannt, dass Professor Heller ein scharfer Gegner Berndts war, dem er schon häufiger in Anstaltsangelegenheiten energisch entgegengetreten war.

»Na, mein lieber Herr Hellmrich, da sind Sie ja auch; ich habe Sie vorhin schon immer vergeblich bei der Demonstration im Laboratorium gesucht. Ich dachte, Sie würden uns speziell das grosse Kunststück vorführen; denn, so viel ich weiss, haben Sie doch gerade mit Professor Berndt zusammen die ganzen Jahre hindurch an den Versuchen gearbeitet. Ich war daher wirklich sehr überrascht, als ich vorhin einen mir ganz unbekannten jungen Mann am Apparat hantieren sah, und ich muss sagen, ich finde das mehr als seltsam, dass man Sie heute so offenkundig übersieht. Sie sind ja eben nicht einmal vorgestellt worden.«

Hellmrich wurde durch diese Worte, so gut sie ihm im tiefsten Innern durch ihre wohlwollende Gesinnung taten, fast in Verlegenheit versetzt. Professor Heller, der etwas schwerhörig war, pflegte nämlich so laut zu sprechen, dass Hellmrich meinte, der Minister, der nur wenig weit davon abstand, müsste ihn hören können. Ja, es schien wahrhaftig der Fall gewesen zu sein, zum mindesten musste die Exzellenz die Tatsache bemerkt haben, dass der alte Heller da einen der jüngeren Herren soeben mit einer Ansprache beehrte. Denn Hellmrich fühlte deutlich, wie der Minister einen forschenden Blick auf ihn warf und sich dann, etwas vorneigend, mit leiser Frage an Professor Berndt wandte. Was dieser erwiderte, konnte Hellmrich nicht vernehmen, aber er konnte sich den Sinn seiner Worte denken. Der Minister mochte wohl gefragt haben: »Ach, sagen Sie, wer ist doch der Herr, mit dem der alte Heller da spricht?« und Professor Berndts Antwort hatte, wie sich aus seiner kühlen Miene und einem flüchtig zu Hellmrich hinüber schweifenden Blick erraten Hess, sicher gelautet: »Ah, ein junges Mitglied der Versuchsanstalt, das einige Zeit unter meiner Anleitung an diesen Versuchen mit gearbeitet hat. Ich habe aber jetzt einen andern Herrn an seine Stelle gesetzt, der mehr geeignet für diese Arbeit scheint.« Der Minister machte auf diese Auskunft, hin eine Miene, die ein leichtes »Ach so!« bedeutete, und schritt mit seinem Begleiter weiter.

Während Hellmrich mit einem schnellen Blick diese Situation auffasste, erwiderte er bescheiden auf die Frage Professor Hellers. Er mochte hier in Gegenwart so vieler Hörer natürlich nicht irgend wie seine Differenzen mit Professor Berndt erörtern, und so beschränkte er sich darauf, kurz anzudeuten, dass er schon seit einigen Tagen mit diesen speziellen Arbeiten nichts mehr zu tun habe. Aber Professor Heller verstand ihn trotzdem und klopfte ihm vertraulich auf die Schulter.

»Na, mein lieber junger Freund, lassen Sie sich darum keine grauen Haare wachsen. Denn das ist doch immer die alte Geschichte: Wenn der Mohr seine Schuldigkeit getan hat, dann bekommt er prompt den Laufpass. Aber Sie werden auch so schon Ihren Weg machen! Wann kommen Sie denn endlich zu uns? Haben Sie Ihre Habilitationsschrift noch immer nicht fertig?«

»Leider nein, Herr Professor, und gerade durch die letzten Vorkommnisse ist die Aussicht, sie zustande zu bringen, überhaupt in ungewisse Fernen gerückt worden. Denn mir fehlt die Möglichkeit, die Versuche, die ihr zu Grunde liegen sollten, zu Ende zu führen. Ich werde mich nun an eine ganz neue Arbeit machen müssen.«

»Na, machen Sie nur schnell und seien Sie versichert, ich und die meisten Mitglieder der Fakultät werden uns freuen, einen so tüchtigen jungen Kollegen zu bekommen.«

Mit abermaligem herzlichen Händedruck verabschiedete sich der alte Herr freundlich von Hellmrich, dessen Gesicht plötzlich ganz glücklich aussah, und der eine Röte nicht verbergen konnte, die vor freudiger Erregung in sein Antlitz gestiegen war.

»Na, trösten Sie sich,« sagte Kollege Kerstmann zu ihm, als der alte Herr weiter schritt, »das war mehr wert als ein Orden. Donnerwetter, ich beneide Sie förmlich! – Aber hören Sie: Die Gemeinheit von Berndt! Ich bin einfach starr. Ich habe ihm schon längst manches zugetraut, aber das geht mir doch über die Hutkrempe. Pfui Teufel, ich danke ergebenst!«

Hellmrich hatte keine Zeit, auf diese halblauten an ihn gerichteten Worte zu antworten, denn der Minister stellte sich soeben mit den Herren seiner Begleitung in der Nähe des Rednerpultes an der schmalen Seite des Saales auf, und alles wurde still, es war offensichtlich, dass der hohe Besucher einige Worte an die Versammelten zu richten wünschte. Und schon begann er auch.

»Aha, nun geht's los! Jetzt wird dem Oberstreber Berndt der Geheimrat versetzt und womöglich noch ein Orden obendrein!« Grimmig murmelte es Kerstmann durch die Zähne. Der Minister fing indessen an zu sprechen:

»Meine hochgeehrten Herren! Es ist mir eine Freude, heute unter ihnen zu weilen, unter den Mitgliedern einer zwar noch jungen, aber bereits schon in ihrem segensreichen Wirken allgemein anerkannten Anstalt. Jetzt ist aus dieser Anstalt eine neue grosse Ruhmestat hervorgegangen, die ihren wohlbegründeten Ruf weit über die Grenzen unseres deutschen Vaterlandes hinaustragen wird und mit ihr den Namen ihres hochverdienten Leiters – des Mannes, der diese epochemachende, gewaltige Entdeckung gemacht hat. Meine Herren, ja wahrlich: Eine grosse, bahnbrechende Entdeckung, eine Kulturtat höchsten Ruhmes! Denn sie stellt sich in den Dienst der leidenden Menschheit. – Endlich ist es gelungen, das Mittel zu finden, um eine der fürchterlichsten Krankheiten erfolgreich zu bekämpfen, die seit Jahrtausenden die Menschheit verfolgt und geängstigt hat, die in tausenden von Familien unsägliches Leid und Gram hineingetragen und unersetzliche Lücken in so manchen glücklichen Kreis gerissen hat. – Meine Herren! Es ist für Sie eine ganz besondere Ehre, unter der Leitung eines solchen Mannes zu arbeiten, der mit einer solchen Tat höchster Wissenschaft voranleuchtet, und dessen mustergültige Organisation dieser Anstalt ich soeben erst wieder bei der Besichtigung des Instituts mit grösster Befriedigung wahrzunehmen Gelegenheit hatte.«

»Mein hochverehrter Herr Professor Berndt!« – und der Minister wandte sich dem Leiter der Anstalt zu, der nun voll dem hochgestellten Redner ins Auge schaute, mit einer stolzen Siegesfreude, die sein ganzes Wesen hob und seine elegante, hoch aufgerichtete Gestalt noch mehr zu recken schien – »es ist mir eine ganz besondere Freude, Ihnen heute das alles sagen zu können, aber ich spreche hier nicht nur im eigenen Namen« – der Redner räusperte sich bedeutungsvoll, und eine kleine Pause, aber voller gespannter Erwartung, trat ein – »sondern ich bin hier im Allerhöchsten Auftrage. Seine Majestät, unser gnädigster Herr, dessen rege Teilnahme speziell an der Entwicklung dieser Anstalt mit ihren weitgesteckten, segensreichen Zielen Ihnen allen, meine Herren, ja genugsam bekannt ist, haben Allerhöchst geruht, mich zu beauftragen, diese epochemachende neue Entdeckung mir persönlich vorführen zu lassen und ihm alsdann eingehend darüber zu berichten. Aber schon jetzt haben Seine Majestät mich ermächtigt,« der Minister machte eine kleine Wendung zur Seite und bedeutete den neben ihm stehenden Geheimrat Simmert sich zu nähern, der nunmehr unauffällig seinem Chef einen kleinen, bisher verborgen gehaltenen Gegenstand in die Hand gab, »Ihnen, mein hochverehrter Herr Professor Berndt, die Allerhöchste Anerkennung auszusprechen für die Ruhmestat deutscher Wissenschaft, mit der Sie Ehre einlegen vor allen Nationen. In Anerkennung dieser hervorragenden Verdienste um die Wissenschaft, wie um die ganze Menschheit, haben Seine Majestät geruht, Ihnen, mein lieber Herr Professor, diesen Orden zu verleihen,« der Redner entnahm dem Etui die blinkende Auszeichnung und legte sie in die Hand des sich tief verneigenden Professors, »und Ihnen zugleich den Charakter eines Geheimen Regierungsrats Allergnädigst zu verleihen. Es ist mir eine ganz besondere Freude, mein hochverehrter Herr Geheimrat, Ihnen als Erster meine herzlichsten Glückwünsche zu dieser wohlverdienten Auszeichnung auszusprechen, und ich schliesse daran den Wunsch, dass es Ihnen noch recht lange vergönnt sein möchte, an dieser Stätte weiterzuwirken zum Ruhme dieser Anstalt und zum Segen der gesamten leidenden Menschheit!« und er schüttelte mit verbindlichem Glückwunsch dem Geheimrat Berndt die Hand.

Allgemeine Bewegung entstand in dem Raum, leises Stimmengemurmel wurde hörbar, und alle die Herren drängten sich heran, um dem so ungewöhnlich Gefeierten gleichfalls ihre Gratulation darzubringen, nachdem sich der Minister zurückgezogen und mit einigen Herren des Kuratoriums in eine Unterhaltung eingelassen hatte.

»Na, da haben wir ja die Pastete! Habe ich nicht richtig geraten?« Grimmig lachte Kerstmann vor sich hin; er machte keine Anstalten, sich der Defiliercour vor Geheimrat Berndt anzuschliessen, und auch Hellmrich blieb neben ihm stehen. Er schwieg, aber sein Herz war voll tiefster Bitterkeit. Es war kein kleinlicher Neid, der sich in ihm regte. Er gönnte von Herzen gern jedem andern Ruhm und Ehre und hätte sie ebenso auch Berndt gegönnt. Aber, was ihm jetzt am Herzen frass, das war die Tatsache, dass hier eine Sache von oben her protegiert und mit Ruhmesposaunen in alle Welt hinausgeschrieen wurde, die noch gar nicht spruchreif war, ja die voraussichtlich einen schweren Misserfolg über kurz oder lang nach sich ziehen würde, der nicht nur auf den Entdecker selbst zurückfallen musste, sondern auch auf die hochgestellten Persönlichkeiten und Behörden, die jetzt in wohlmeinender Absicht dieser vorzeitigen, ruhmsüchtigen Veröffentlichung Vorspann leisteten. Dass man doch an der Stelle, die da oben zu entscheiden hatte, einen Mann gehört hätte, der offen und klar die Wahrheit zu sprechen gewagt hätte! Aber offenbar hatte es auch diesmal wieder daran gefehlt. Professor Berndt hatte ja, das war allen bekannt, zu viel der einflussreichen Freunde in den massgebenden Kreisen, ja man wusste, dass er auch bei der höchsten Person sich grosser Beliebtheit erfreute. So war es sicher überhaupt gar nicht dazu gekommen, dass irgend ein Urteil von einer anderen als Professor Berndt blindlings wohlwollenden Seite eingeholt worden war.

Als gutem Patrioten war es Hellmrich ein bitterer Schmerz, dass der von ihm hochverehrte Landesherr im Vertrauen darauf, gut beraten zu sein, sich hier in bester Meinung, eine wirkliche Grosstat der Wissenschaft würdig zu lohnen, dazu hatte bestimmen lassen, so vor aller Öffentlichkeit für diese noch gar nicht spruchreife Sache Propaganda zu machen. Aber zu diesem Schmerz des Patrioten kam noch die persönliche Bitterkeit, heute in so tief kränkender Weise von Professor Berndt verleugnet worden zu sein. Das war der Dank für jahrelange treue, selbstlose Hilfe, für einen Aufwand von Zeit und Arbeitskraft, die er wohl zu seinem persönlichen Vorteil nutzbringender hätte verwerten können. Dazu hatte er sich Tag für Tag jahrelang seiner Familie entzogen!

Das war zu viel für Hellmrich, und während sich alle an Geheimrat Berndt herandrängten, ihm, auch wenn das Herz vielleicht voll Neid und Erbitterung war, mit glatten Worten ihren Glückwunsch darzubringen, wandte sich Hellmrich ab und schritt still aus dem Saal hinaus. Er hörte nur noch, als er schon in der Tür war, wie Geheimrat Berndt anhob, seinen Dank an den Minister auszusprechen; dann war er draussen, und die schweren Flügeltüren hatten sich hinter ihm geschlossen. Aber während er nun, die heissen, brennenden Augen geschlossen, langsam den leeren Korridor entlang schritt, der seine Schritte laut widerhallen liess, hörte er dumpf brausend aus dem Sitzungssaal jetzt einen vielstimmigen Ruf erschallen: »Hoch, hoch, hoch!«, der Dank des Gefeierten an den Landesherrn für seine gnädige Auszeichnung. Mit einem bitteren Auflachen schritt Hellmrich schnell zu und war bald allem entschwunden.

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