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Im Wechsel der Zeit

Paul Grabein: Im Wechsel der Zeit - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleIm Wechsel der Zeit
seriesVivat Academia! Romane aus dem Universitätsleben
volumeBand III
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151031
projectid2485990b
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V.

»Ich bitte dich noch einmal inständigst: Lass ab von deinem Vorhaben! Warte so lange mit einer Veröffentlichung, bis wenigstens längere Versuche mit Tieren angestellt worden sind, die ein befriedigendes Resultat: ergeben haben!«

Mit bewegten Worten bat Frau Professor Berndt nochmals ihren Gatten, der, den Kopf zurückgeworfen, in dem Ledersessel vor seinem Schreibtisch sass, die Beine übergeschlagen, und nervös mit einem Bleistift auf die Kante des Schreibtisches trommelte.

»Und ich bitte dich, hör' endlich auf! Ich danke für einen neuen Aufguss Hellmrichscher Weisheit, die ich nachgerade zum Überdruss genossen habe. Ich muss gestehen, ich finde es überhaupt im höchsten Grade aufdringlich von dem Menschen, mir hier auch noch ins Haus zu laufen und dich zu einem neuen Vorstoss gegen meine Pläne aufzureizen.« Und ärgerlich fuhr der Professor von seinem Sitz hoch, seine schlanke Gestalt, die man nie anders als im eleganten schwarzen Gehrock sah, hoch aufreckend und mit einer energischen Bewegung die Knöpfe seines Rockes schliessend.

»Du irrst, Edward,« entgegnete seine Gattin, die in ruhiger Haltung in dem braunen Lederfauteuil neben dem Schreibtisch sitzen geblieben war. »Hellmrich ist es gar nicht eingefallen, zu mir zu kommen. Ich bin im Gegenteil zu ihm geeilt, nach den kurzen Andeutungen, die du mir vorhin bloss gemacht hattest. Also auf meine Veranlassung erst hat er zu mir gesprochen. Und – bitte, erkenn' es doch nur! – Er hat doch so recht mit dem, was er sagt!«

Berndt brauste auf: »Natürlich, er hat recht, der ewig nüchtern Verständige, der dünkelhafte Besserwisser! Meine Überzeugung, die Meinung deines Gatten, gilt natürlich nichts gegen die Manifestationen dieses phänomenalen Lumens. Also in Gottes Namen, nur zu! Schwör' doch auf seine Unfehlbarkeit, aber lass mich gefälligst ungeschoren mit ihm und seiner Weisheit.«

Frau Berndt sah auf ihren Gatten, der bei den letzten Worten den schweren Sessel wuchtig hochgehoben und dann dröhnend auf den Fussboden niedergestampft hatte, mit einer Kraft, die man den schlanken, wohlgepflegten Händen gar nicht zugemutet hätte. Über ihr Gesicht huschte etwas wie ein geheimer Widerwille gegen das Übermass von Leidenschaftlichkeit im Wesen ihres Gatten, das ihrem ruhigen, abgemessenen Empfinden zuwider war. Sie empfand es zugleich mit einem schmerzlichen Bedauern; denn das, was sie trotz aller ehelichen Enttäuschungen noch immer am meisten zu ihm hingezogen hatte, dass er ihr stets als ein vornehm denkender und handelnder Gentleman erschienen, war das auch alles nur ein Trugbild gewesen?

»Lieber Edward, bitte, doch nicht so leidenschaftlich! Es handelt sich ja hier gar nicht um ein Abwägen deiner und seiner wissenschaftlichen Fähigkeiten,« sagte sie in freundschaftlichem, warmem Ton. »Ich halte gewiss viel von deiner Begabung und Energie, die sich allerdings nach meiner Meinung besonders auf organisatorischem Gebiete bewährt. Aber hier kommt es ja nur darauf an, zwei besondere Meinungen gegen einander abzuwägen. Und das muss ich als ehrlich urteilender Mensch wieder und immer wieder sagen, du gehst zu hitzig vor in deinem Übereifer, der mir ja menschlich sehr verständlich ist, nach so jahrelangen, unermüdlichen Versuchen, der sich aber immerhin doch nicht rechtfertigen lässt – mit Rücksicht auf die Gefahr, die er für dich, die er für dein Ansehen und das deiner Wissenschaft mit sich bringt. Dagegen ist Hellmrichs Auffassung sicherlich die besonnenere und wohl auch – verzeih' mir das Wort! – die gewissenhaftere.«

Berndt wollte von neuem heftig auffahren, aber seine Frau fiel ihm noch einmal beschwichtigend ins Wort:

»Und sieh' doch, Edward! dein Ehrgeiz soll ja inzwischen, während der Frist des Abwartens, nicht still stehen. Die Fährte, von der du mir da vorhin sprachst, die Hellmrich dir gewiesen, sie bietet dir doch die Möglichkeit, gemeinsam mit ihm, vielleicht sogar schon sehr bald, einer grandiosen Entdeckung nahe zu kommen, die noch weit das in den Schatten stellen würde, was du jetzt erreichen würdest.«

Berndt, der, mit den Armen auf die Lehne des Sessels gestützt, vornübergebeugt seine Frau mit erzwungener, ironischer Ruhe angehört hatte, lachte höhnisch heraus: »Natürlich – phänomenale, welterschütternde Entdeckung! Hat der Phantast mit seinem lächerlichen Problem dir das auch bereits suggeriert? Nun, meine Liebe, die du ja so viel Gewicht auf eine besonnene, höchst gewissenhafte Denkweise legst – ich möchte dir doch empfehlen, dich dem Problem des Herrn Hellmrich mit etwas grösserer Skepsis gegenüber zu stellen. Vor der Hand erscheint doch seine phantastische These nur als eine gewaltige Utopie, die in ihrem phantastischen Anstrich stark an die Produkte eines Jules Verne erinnert! Gerade auf diesem Gebiete der Elektrochemie haben wir doch in den letzten Jahrzehnten die gründlichsten Forschungen bahnbrechender Geister zu verzeichnen gehabt, denen gewiss bei ihrer Scharfsichtigkeit eine so stupende, die ganzen Grundlagen der Wissenschaft umwälzende Entdeckung nicht entgangen sein würde. Oder hältst du Hellmrich wirklich für solch einen Heros, dass du meinst, er sähe schärfer, als alle andern anerkannten Meister seines Faches zusammen?«

Frau Professor Berndt behielt auch der beissenden Ironie ihres Gatten gegenüber unverändert ihre ruhige Haltung. Nur hatte sie nach einem Buch auf dem Tisch gegriffen und machte sich mechanisch daran zu schaffen, wohl in der Absicht, der allmählich in ihr aufsteigenden Bewegung Herr zu bleiben. Doch verriet sich nichts davon, als sie ihm antwortete:

»Mein Urteil ist natürlich als das einer Laiin nicht kompetent. Aber das, was Hellmrich nach deiner eigenen Wiedererzählung kombiniert, beruht doch auf einer anscheinend experimentell nachgewiesenen Tatsache. So lange also nicht diese seine vermeintliche Feststellung als ein Irrtum nachgewiesen und auf andere Weise plausibel gemacht worden ist, scheint es für mich doch immerhin eine logische Notwendigkeit zu sein, seiner Beobachtung eine ernste Beachtung zu schenken –«

Sie wollte weiter fortfahren, aber der Professor streckte ihr abwehrend die Hand entgegen.

»Na, in Gottes Namen, so schwöre denn getrost weiter auf Hellmrich und sein Genie! Aber, bitte, genug davon! – Was hat denn das alles auch nur mit meiner eigenen Entdeckung zu tun? Das ist doch ein Ding für sich, und ich meine, wirklich kein geringes! Wenn es schliesslich Hellmrich selbst gelingen sollte, nachzuweisen, dass die Elemente eines aus dem andern entstanden sind, wird sich darum das Kulturniveau der Menschheit um ein Millimeter verschieben? Wie anders aber mit meiner Entdeckung! Hier liegt doch die eminentest praktische Bedeutung vor, die ihre Wirkung weit hinausstrahlen wird in alle Kreise. Dass der Todfeind und radikale Bekämpfer des Krebsbazillus gefunden ist, das ist eine Tatsache, an der einfach nicht zu rütteln ist.« Energisch schlug der Professor mit der Faust in die vorgestreckte flache Hand. »Und wenn das darauf basierende Heilverfahren vielleicht in der mir vorschwebenden Form auch wirklich noch nicht ganz einwandsfrei sein sollte, so, in Teufels Namen, wird und muss es gelingen, es dazu zu machen! Das ist doch schliesslich nur eine untergeordnete Frage für den medizinischen Techniker, die bei dem heutigen fortgeschrittenen Stande unserer Wissenschaft in kürzester Zeit befriedigend gelöst werden wird. Also hier ist das wirksame Mittel gefunden, einen der furchtbarsten Würger der Menschheit aus der Welt zu schaffen. Ist das nicht gross? Ist das nicht etwas, was die Menschheit wirklich fördert – ja mehr fördert, als es ganze weltgeschichtliche Perioden zu tun imstande sind? Was will gegen einen solchen tatsächlichen Erfolg gewaltigsten Stiles die unfruchtbare Gelehrten-Phantasterei Hellmrichs besagen, der mit seiner Elementenzeugungslehre doch schliesslich keinen Hund vom Ofen lockt? – Habe ich recht oder nicht?«

Kurz vor seiner Gattin Halt machend, stellte sich Berndt vor diese hin und bot in diesem Augenblick innerster Erregung mit seiner hohen, energisch aufstrebenden Gestalt, den blitzenden Augen und dem bartlosen, intelligenten Antlitz wirklich einen nicht zu leugnenden dominierenden Anblick dar.

Aber Frau Berndt empfand es nicht. Das, was der Gatte gesagt, hatte zu sehr ihren Widerspruch herausgefordert. »Nein, du hast nicht recht! Nie und nimmer!« Heftig stiess sie es hervor. Seine Worte aber gingen ja nicht nur gegen Hellmrich, sie trafen auch ihren schwärmerisch verehrten Vater, den unvergesslichen, grossen Gelehrten. »Nicht die praktische Bedeutung einer Entdeckung, nicht der plumpe äussere Erfolg ist es, was ihren höchsten Wert ausmacht! Das ist die Anschauung der Banausen, der Krämer, die nur den Wert der Dinge nach ihrem äusseren Erfolg misst. Der Mann von wahrer wissenschaftlicher Gesinnung wird die stille Arbeit des Gelehrten, deren Ruhm nicht marktschreierisch von der Menge draussen in alle Winde posaunt wird, höher schätzen, als jenen wohlfeilen Zuruf des dummen Haufens, der schliesslich jedem Possenreisser, wenn er nur ordentlich das Tamtam zu schlagen versteht, ebenso begeistert zujauchzt!«

»Ich danke dir! Du bist in der Tat sehr zart mit deinen Vergleichen.« Berndt stemmte die Hände in die Hüften, und langsam auf den Fussspitzen wippend sah er mit vernichtender Kälte auf die Frau vor ihm herab. »Nun weiss ich ja, wie ich in deinen Augen rangiere: In wesenlosem Scheine – tief unter deinem auf turmhohem Piedestal ragenden Halbgott Hellmrich, dem du so begeistert Weihrauch räucherst! Aber, meine Beste, ich müsste nicht Frauenart kennen, wenn ich nicht annehmen sollte, dass dein Urteil stark beeinflusst wäre durch eine Wertschätzung seiner Persönlichkeit, die nicht bloss auf wissenschaftlichem Gebiete liegt. Seien wir einmal offen in dieser Stunde, wo wir doch schön im Zuge sind, einander so hübsch unsere Meinung zu sagen! Ich habe dir ja eben bewiesen, dass ich verstehe, die Wahrheit von dir zu hören, auch wenn sie nichts weniger als angenehm ist. Also, bitte, geniere dich nicht und gestehe mir offen: Dieser Herr Hellmrich hat sich in starker Weise deines gesamten Innern bemächtigt, du interessierst dich sehr für ihn – auch rein menschlich!«

Über das Antlitz der ernsten Frau flog ein leises Rot, wie heftig sie auch innerlich gegen dieses törichte, trügerische Merkmal ankämpfte, und ein leises Zittern lief durch ihre schlanke Gestalt, der noch etwas Mädchenhaftes anhaftete, trotzdem sie die Mitte der Dreissig schon überschritten hatte. Warum auch dieses alberne Erröten? Sie hatte ja wahrlich keinen Grund, sich dessen zu schämen, was sie empfand, und so sah sie denn jetzt dem Gatten fest in die spöttisch-kalten Augen, indem sie ruhig erwiderte, wenn ihr auch in der Erregung das Herz bis in den Hals hinein klopfte:

»Gewiss, ich leugne es nicht, dass ich Hellmrich auch als Menschen aufs höchste achte und schätze, und das mit allem Grund. Denn er begegnet mir, wie den Frauen überhaupt, mit einer Zartheit, die man bei manch anderem schon seit langem aufs schmerzlichste vermisst. Und ich könnte es mir in der Tat für eine Frau als ein hohes Glück vorstellen, an der Seite eines solchen Mannes, jederzeit getragen von höchster Achtung und Liebe, einherzugehen. Aber, wie dir ja nicht unbekannt, ist das Weib schon da, das dieses hohen Glücks teilhaftig geworden ist, und so solltest du wohl nicht darüber im Zweifel sein, dass eine Frau, der du hoffentlich ebensoviel Ehrgefühl wie Verstand zutraust, keinen Augenblick sich dem törichten Einfall hingeben könnte, sich an die Stelle dieser anderen hinzusehnen.«

Frau Berndt hatte sich bei ihren letzten Worten erhoben, und so standen sich nun diese beiden hohen Gestalten gegenüber und massen sich feindselig mit ihren Blicken. Eine Pause tiefer Spannung trat ein, in der kein Wort fiel, in der aber die Gedanken rastlos weiter ihren Gang nahmen. Frau Berndt hatte im ersten Gefühl der Erregung die Absicht gehabt, sich nach dieser beleidigenden Frage ihres Gatten von ihm zu wenden und ihn allein zu lassen. Aber schon im Begriff, sich von ihm abzukehren, fiel ihr mit vollem Gewicht auf die Seele, was der eigentliche Zweck ihrer Unterredung war, und nach kurzem Widerstreiten trug die Vernunft den Sieg über das verletzte Zartgefühl davon. Ging sie jetzt im Unfrieden hinaus von ihrem Mann, so war alles verloren, so beschwor er unfehlbar das Verderben herauf, vor dem sie sich und ihn retten wollte. So zwang sich denn Frau Berndt zu einer überraschenden Ruhe, als sie nun fortfuhr:

»Du begreifst wohl, dass das Thema, das du angeschnitten hast, mich im tiefsten Innern verwundet, und ich darf daher von dir erwarten, dass du nun, nach meiner Erklärung, nicht zum zweiten Male daran rührst. Aber reden wir nicht mehr davon! Ich bedauere es aufrichtig, dass wir von der Hauptsache so ganz abgeraten sind und uns ohne Grund gegenseitig erbittert haben. – Aber sieh', Edward, ich will alles wieder vergessen, und ich bitte dich, tu' es auch! Es steht ja so Ernstes für uns auf dem Spiel. Glaub' mir doch, dass ich aus tiefstem Herzen nur dein Bestes will, Edward.« Sie trat dicht an den Gatten heran und griff nach seiner Rechten, die er ihr nur widerwillig überliess, und die sie nun mit ihren Händen fest umschlang: »Wahrhaftig, nur dein Bestes, Edward! Und so bitte ich dich denn, so flehe ich dich denn nochmals an: Um deines Namens willen, um deiner wissenschaftlichen Bedeutung willen und um das Andenken des Mannes, dessen wissenschaftliches Erbe du doch angetreten –«

Mit tiefster Bitterkeit lachte ihr Berndt ins Gesicht und riss sich heftig von ihrem Griffe los. »Natürlich! Um deines grossen Vaters willen! Das ist ja die Hauptsache. Dass nur ja auf den Glanz dieses erhabenen Namens nicht der leiseste Schatten fällt! Aber dass dieser Schatten schon seit langen Jahren auf den Mann fällt, der so unvernünftig, so töricht war, an das Piedestal jenes grossen Mannes heranzutreten, daran denkst du nicht!« Und er reckte, während seine Augen sie grimmig anfunkelten, die Hand drohend zu ihr hin, sodass sie mit weit geöffneten Augen ganz entsetzt zurückwich. »Ja, hast du wohl einmal danach gefragt, wie es in meinem Innern aussah in all diesen Jahren, wie mir das zweifelhafte Vergnügen bekommen ist, der Erbe dieses grossen Mannes zu werden? Haha, wahrlich ein Danaergeschenk diese Erbschaft! Immer und immer wieder wurde ich an dem Masse dieses ›Grossen‹ gemessen, auf dass meine Kleinheit, meine jammervolle Unbedeutendheit vor aller Welt offensichtlich werde. O, die Herren Kollegen, diese Neider, die es innerlich nicht verwinden konnten, dass ein jüngerer das Glück gehabt hatte, jenem Grossen in den Fussstapfen zu folgen, in die sie selbst so gern hineingetreten wären! Der Verwegene musste es büssen! Ha, glaube nicht, dass ich blind gewesen bin gegen die geheime und offene Geringschätzung, die man mir gegenüber zur Schau trug, wenn ich auch geschwiegen und dir gegenüber getan habe, als ob ich das nicht bemerkte. Denn was sollte ich tun? Mit welchen Waffen sollte ich kämpfen gegen diese Leute, die mir mit glatter Höflichkeit begegneten, wenn ich ihnen das Gesicht zeigte – sobald ich ihnen aber den Rücken kehrte, vergiftete Pfeile gegen mich schossen und langsam, unangreifbar zurückwichen, wenn ich einmal versuchte, dagegen anzukämpfen. Man hat ja freilich niemals in offener Weise mich anzugreifen gewagt. Es wäre ihnen auch wahrlich schlecht bekommen! Aber auf andere, auf feinere Weise, die ins Innerste traf, gab man es mir zu verstehen. Das war es ja gerade stets, was mir das Blut in den Adern kochen machte, diese nichtswürdige Art, in meiner Gegenwart stets in den höchsten Tönen von dem unsterblichen Ruhm deines Vaters zu reden. Alle diese Worte waren mit spitzen Pfeilen für mich gespickt, und sie haben gesessen – jedesmal, dessen sei sicher! – Und jetzt kommst du und beschwörst mich bei den Manen dieses ›grossen Vaters‹, den – ich muss es dir ins Gesicht hinein sagen – den ich hasse, glühend hasse, weil er mich des eigenen Werts vor den Menschen beraubt hat! Gerade jetzt soll ich ihm zu Liebe ablassen von dem, was ich jahrelang im stillen erstrebt: Mich vor aller Welt hinzustellen als einen, der etwas erreicht trotz deines grossen Vaters! Gerade jetzt, wo ich den Leuten zeigen will, dass ich aus eigener Kraft etwas sein kann! Verstehst du das nicht? Ich denke, ja! Und so sage ich dir denn zum letzten Male: Lass ab von den Versuchen, die nutzlos sind, die mich nur zur Wut treiben. Durchsetzen will ich mich – koste es, was es wolle! Und die Stunde, wo das in die Welt hinausdringt, was ich erreicht habe aus eigenen Gedanken, aus eigener Kraft, und die Welt von mir sprechen wird als einem Eigenen – die Stunde wird mich vielleicht wieder versöhnen können, wird in mir die jahrelang genährte Bitterkeit austilgen, mit der ich jene andere Stunde so oft verflucht habe, wo ich auf den törichten Einfall gekommen war, das Erbe deines ›grossen Vaters‹ anzutreten.«

Mit bleichem Antlitz hatte Frau Berndt den Ausbruch des Gatten mit angehört, aus dem eine so tiefe Leidenschaftlichkeit zitterte, wie sie sie in all den Jahren ihrer Ehe noch nie an ihm kennen gelernt hatte. Dieser Ausbruch hatte mit jähem Aufflammen klar aufgehellt, was ihr bisher in dämmervollem Dunkel verborgen geblieben war. Gar oftmals hatte sie sich in Stunden stillen Grübelns gefragt, was denn wohl einst den Gatten zu ihr hingezogen haben mochte? Denn schon nach wenigen Monaten hatte ihr eheliches Verhältnis ja sehr bald einen kühlen Charakter angenommen. Wie es ihrer Natur eigen war, hatte sie scharfsichtig und ehrlich ihr eigenes Empfinden bis in die letzten Fasern zergliedert und ebenso in der Seele ihres Gatten zu lesen versucht. Sie selbst – das musste sie sich ja gestehen – hatte sich damals von einer mehr im Äusseren wurzelnden, ästhetischen Neigung für den schönen, energischen, in jugendlicher Kraft und Geschmeidigkeit stehenden Mann verblenden lassen, der so ganz anders aussah, als die meist schon bejahrten und altfränkischen Gelehrten, die im Hause ihres Vaters verkehrten. Aber was war es gewesen, was ihn zu ihr hingezogen hatte?

Sie hatte manchmal gewähnt, dass es die gemeinschaftlichen geistigen Interessen gewesen sein könnten, dass er in ihr, der in wissenschaftlichen Kreisen grossgewordenen Tochter des berühmten Gelehrten einen kongenialen Kameraden gesucht hätte. Aber dann wäre es nicht möglich gewesen, dass er späterhin so wenig ihre geistige Gemeinschaft gesucht hätte, wie es tatsächlich bald der Fall war. Was war es dann aber gewesen, was ihn einst an sie hatte fesseln können? Denn dass es nicht der äussere Reiz war, das war sie klug und ehrlich genug, sich selbst zu sagen.

Nun war plötzlich auf ihre Frage die Antwort da, und, zitternd am ganzen Leibe, stand sie, wie von einem Peitschenhieb getroffen. Eine fürchterliche Ahnung stieg langsam in ihr auf; aber sie wollte Gewissheit haben, und wenn sie die schlimmste war. Bleich, die grossen, dunklen Augen starr auf ihren Gatten gerichtet, trat sie langsam auf ihn zu, der diesem Blick auszuweichen suchte. Er machte eine Bewegung, als wenn er sich anschicken wollte, aus dem Zimmer zu gehen; aber da traf ihn ein bannendes Wort:

»Halt! Auf ein Wort nur noch! Du deutetest da eben etwas an, über das ich Gewissheit haben möchte. Vorhin fordertest du ja in einer Herzenssache offenes Bekennen; nun sei es an dir, und ich hoffe, dass du dich nicht weniger offen als ich zeigen wirst. So antworte mir denn: Was dich einst bewog, um meine Hand anzuhalten, das war nicht das geringste persönliche Empfinden für mich! Ich war in deinen Augen nur das Mittel zum Zweck – die Tochter des Mannes, mit dessen Hilfe du dir eine glänzende Karriere versprachst!«

Berndt versuchte eine ausweichende Antwort, aber ihr Blick, in dem es verächtlich aufleuchtete, hiess ihn schweigen.

»Keine jämmerlichen Ausflüchte in dieser Stunde – Wahrheit gegen Wahrheit! Sage ja, damit ich dich wenigstens nicht als einen feigen Lügner verachten muss!«

Berndt zuckte zusammen. »Bitte – keine Injurien! Gewiss, es waren Verstandsgründe, die mich zur Heirat mit dir bewogen. Aber, dass wir doch gerecht denken! Auch du hast schwerlich im Überschwang der Leidenschaft für mich zugegriffen. Du warst denn doch schliesslich in Jahren, wo du es zu schätzen wusstest, dass ein Mann in annehmbarer Position sich fand, der –«

»Halt, es ist genug!« Jeder Blutstropfen war aus dem Gesicht der Frau gewichen. »Es bedarf keiner weiteren Erörterungen. Ich danke dir für deine – Offenheit, sie weist mir nun wenigstens die richtige Position dir gegenüber an. Nur das eine noch – mein letztes Wort! Nun, da ich weiss, was dich einst dazu bewogen, nach meiner Hand zu greifen – die Vorteile, die dir damals der Name meines Vaters verhiess – jetzt sage ich dir: Vergiss die Rücksicht nicht, die du diesem Namen schuldest! Mache dich nicht lächerlich und verächtlich vor der Wissenschaft. Ich sage dir, ich leide das nicht! Entweder du folgst meinen Warnungen, oder wir sind Leute, die von Stunde an keine Gemeinschaft mehr miteinander haben.«

Berndt lachte höhnisch: »Wozu dieses Pathos? Ich denke, das Glück unserer Ehe wiegt nicht so überwältigend schwer, dass ich darum verzichten sollte auf das, wonach alles in mir fiebert! – Tu', was du willst! Mein Entschluss ist gefasst.«

Kalt drehte er ihr den Rücken und schritt aus dem Zimmer.

So sah er nicht, wie die Frau, deren schlanke Gestalt aus heftigem Zittern plötzlich in ein schweres Schwanken übergegangen war, wie vernichtet in dem Sessel zusammenbrach, an dessen Lehne sie sich noch bis zuletzt aufrecht gehalten hatte.

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