Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Grabein >

Im Wechsel der Zeit

Paul Grabein: Im Wechsel der Zeit - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleIm Wechsel der Zeit
seriesVivat Academia! Romane aus dem Universitätsleben
volumeBand III
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151031
projectid2485990b
Schließen

Navigation:

III.

»Kein Zweifel,« sagte Hellmrich vom Mikroskop aufsehend, »die Kokken sind ausnahmslos völlig abgestorben.« Er richtete sich auf und sah Professor Berndt bedeutungsvoll an: »In den Zeonstrahlen ist also unter allen Umständen ein Spezifikum gegen den Carcinococcus gefunden, und nun gestatten Sie mir, verehrter Herr Professor, Ihnen in diesem so bedeutsamen Augenblick als Erster meine aufrichtigsten Glückwünsche darzubringen.«

Er streckte seinem Chef die Rechte entgegen. Professor Berndt, der, während sein Mitarbeiter am Mikroskop die schon von ihm vorher gemachte Untersuchung noch einmal mit grösster Ruhe und Gewissenhaftigkeit nachprüfte, in fiebernder Erregung, aber erzwungener äusserlicher Ruhe neben jenem gestanden hatte, hob sich jetzt die Brust in einem tiefen, erlösenden Atemzuge.

Endlich! Da war nun der grosse Augenblick, auf den er Jahre lang hindurch gewartet hatte: Das Ziel war erreicht! Das Gegenmittel war gefunden, mit dem ein furchtbarer Schrecken der Menschheit vernichtet werden konnte, und er war der Mann, der es entdeckt hatte in langem, heissem Bemühen! Nun würde sein Name, sein Ruf hinausgehen von Mund zu Mund. Nicht bloss die Fachgelehrten würden ihn nennen und anerkennen müssen, nein, aller Welt würde er bald geläufig sein als der eines Mannes, der den Weg gefunden zur Bekämpfung einer der schrecklichsten Plagen der Menschheit. Neben einem Virchow, einem Koch, einem Behring würde fortab auch sein Name stehen. Ha, wo blieben sie nun, seine Neider und Feinde, deren er ja nur zu viele hatte? Tief – tief unter ihm! Aber mochten sie sich jetzt auch winden vor Gift und Galle, – was konnten sie ihm nun noch schaden? Diese Stunde drückte ihm das weithin leuchtende Diadem eines Fürsten im Reiche der Wissenschaft aufs Haupt!

Hoch auf richtete sich Berndts schlanke, vornehme Gestalt, und etwas von der hoheitsvollen Herablassung eines Grossen lag bereits in seinem Wesen, als er die Glückwünsche seines getreuen Gehilfen an dem grossen Werk entgegennahm – der erste bescheidene Tribut in der langen Kette glänzender Ehrungen und Anerkennungen, die bereits in einem bunten glanzvollen Zuge an Berndts innerem Auge berauschend vorüberzogen.

»Dank, herzlichen Dank, mein lieber Freund!« Und nachdrücklich erwiderte er Hellmrichs ehrlichen, langen Händedruck, seine beiden Hände ergreifend; die stolze Siegesfreude in ihm verlangte nach einem Ausdruck. Gewiss, ein freundliches Wohlwollen beseelte ihn gegen Hellmrich, der so lange, stets willig und gewissenhaft, ohne jeden persönlichen Vorteil ihm seine Arbeitskraft zur Verfügung gestellt hatte. Er hatte wahrhaftig seiner Zeit mit Hellmrich einen guten Griff getan – es schmeichelte seinem Scharfblick auch als Menschenkenner – als er damals vor Jahren den bescheidenen und anscheinend so zuverlässigen jungen Kandidaten in sein Vertrauen gezogen und zu diesen seinen Versuchen herangezogen hatte. Nie hatte er sich in der ganzen langen Zeit gemeinschaftlicher Arbeit jemals über ihn zu beklagen gehabt. Nun, es sollte aber auch sein Schaden nicht sein. Eine Anwandlung gönnerhafter Geberlaune regte sich in dieser Stunde des Triumphs in Berndts Brust. Wenn er – wie ja sicher zu erwarten stand – von hoher Stelle seine eigenen Ehrungen empfangen hatte, dann wollte er dem Minister grossmütig seinen treuen Mitarbeiter für eine Beförderung oder Auszeichnung in Vorschlag bringen. Schon jetzt fühlte er sich in der Rolle des Protektors: Wie würde Hellmrich wohl über diesen Beweis seiner Gunst gerührt und dankbar sein!

»Ja, ja, mein lieber Hellmrich,« und nochmals schüttelte Berndt seinem Helfer emphatisch die Hände, wie um ihm die Bedeutung dieser grossen Stunde voll und nachdrücklich zum Bewusstsein zu bringen. »Das war ein langes, schweres Mühen. Nun – finis coronat opus! Sie bereuen es gewiss nicht, Ihre Zeit und Arbeit an das Unternehmen gesetzt zu haben – nun wir den Erfolg haben.« Und er gab ihn mit einem stolzen Lächeln der Genugtuung frei.

»Ich hätte es auch ohne das nie bereut,« erklärte Hellmrich mit offener Miene. »Ich war Ihnen herzlich gern behilflich, Herr Professor. Und ausserdem habe ich an diesen Arbeiten für mich selbst soviel –«

Hellmrich hatte weiter sprechen wollen. Er hatte Berndt sagen wollen, wie gestern seine Vermutung über jene rätselhafte Lichterscheinung einen starken Schritt zur Gewissheit getan hatte, wie er aufs tiefste davon durchdrungen sei, auch seinerseits einer grossen, wissenschaftlichen Entdeckung auf der Spur zu sein, und er hatte den Chef bitten wollen, ihm die Möglichkeit zur Fortsetzung seiner Versuche im Laboratorium der Anstalt zu geben. Aber Berndt unterbrach ihn, allzusehr von seinen eigenen Gedanken in Anspruch genommen.

»Schon gut, mein lieber Freund,« schnitt er die vermuteten weiteren Dankesworte Hellmrichs ab. »Sie könnten mir nun noch einen weiteren letzten Dienst in der Sache erweisen, wenn Sie die Freundlichkeit haben wollten, mir bei der Aufstellung der Liste der Persönlichkeiten zu helfen, denen ich den Versuch hier nächster Tage vorführen will.«

»Bitte, Herr Professor, ganz zu Ihren Diensten,« beeilte sich Hellmrich zu versichern. Berndt hatte sich inzwischen an den Mikroskopiertisch gesetzt, alles Gerät bei Seite geschoben und schickte sich an, Notizen auf ein Blatt Papier zu machen.

»Ich denke, an sechzig bis siebzig Personen werden wir hier hinten doch wohl unterbringen können. Sonst müsste ich erst oben den Sitzungssaal dazu herrichten lassen –« fragend sah der Professor Hellmrich an.

Hellmrich horchte erstaunt auf. Sechzig bis siebzig Personen? Der Professor dachte also offenbar daran, seine Entdeckung nicht bloss, wie er angenommen, einem kleinen Kreis engerer Fachgenossen vorzuführen, sondern einer grossen Corona. Etwas zögernd erwiderte Hellmrich:

»An sechzig wird der Raum wohl schliesslich fassen, aber –«

»Nun gut, so können wir die Presse nur mit Auswahl laden.«

»Die Presse –?« Hellmrich starrte seinen Chef an, als habe er ihn nicht recht verstanden.

Berndt erwiderte, ohne aufzusehen, während er mit dem Bleistift den leeren Raum des Notizblattes in mehrere Rubriken teilte: »Nun ja! Einige Herren aus dem Ministerium, vierzig bis fünfzig Vertreter aus medizinischen und sonstigen Gelehrten-Kreisen und der Rest – so viel wir eben noch Platz haben – für die Vertreter der Publizistik.«

Also hatte Hellmrich doch recht gehört! Sein Chef hatte die Absicht, die Kunde von seiner Entdeckung in vollstem Umfang in die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Aber warum das? Eitle Reklamesucht, die Absicht, seinen Ruhm selbst in alle Welt hinauszuposaunen? Unmöglich! Das konnte er doch einem deutschen Gelehrten, einem Mann in Berndts hochangesehener amtlicher Stellung nicht zutrauen. Aber was dann? Da blieb schliesslich nur eine Erklärung, und, gewiss, nur so konnte es sein: Berndt wollte im Interesse all der tausenden von Krebs-Kranken, die jetzt hoffnungslos dem tödlichen Ausgang ihrer schrecklichen Krankheit entgegensahen, so schnell wie möglich ihnen einen hellen Hoffnungsstrahl mit dieser Kunde zusenden. Aber da befand sich Berndt doch in einem verhängnisvollen, schweren Irrtum! Bedachte er denn gar nicht, dass sein Verfahren doch noch gar nicht praktisch erprobt war, dass im Gegenteil auf Grund von allerlei Erfahrungen an Experimentatoren die Besorgnis begründet war, die Anwendung der Bestrahlung in dieser Form möchte zu schlimmen Folgen bei den Patienten führen? Das musste doch aber dann auf den Erfinder dieses neuen Verfahrens zurückfallen; also Berndts eigenstes Interesse stand ja hier auf dem Spiel. Aber durfte er, der Jüngere und Untergebene, ja der einstige Schüler, dem Lehrer solche Warnung zukommen lassen? Hellmrich schwankte, jedoch nur einen Augenblick: Nein, sagte er sich dann, hier schweigen, wäre grösstes Unrecht! Also redete er denn:

»Verzeihen Sie gütigst, Herr Professor. Aber darf ich mir erlauben, Ihnen ein Bedenken mitzuteilen, das mir da eben kommt?«

Ein wenig erstaunt sah Professor Berndt auf: »Bitte, lieber Kollege!«

»Nach meiner Auffassung liegt doch eine grosse Gefahr darin, dass Vertreter von Zeitungen der Vorführung beiwohnen und hierüber hernach in ihren Blättern berichten –«

»Wie so das?« Ziemlich scharf klang Berndts Zwischenfrage, der sichtlich sehr unangenehm berührt von diesem unerwarteten Einwand war und mit einem argwöhnischen Blick Hellmrichs offene Züge musterte: Was sollte das heissen! Wollte der da sich erlauben, an seinen innersten Absichten und Wünschen Kritik zu üben? Hellmrich aber antwortete ganz unbefangen und setzte dem Professor auseinander, was er sich eben selbst in Gedanken gesagt hatte. Noch einmal suchte Berndts Blick förmlich hinter Hellmrichs Stirn zu dringen. Verbarg sich hinter seinen anscheinend ja so aufrichtig gemeinten, ehrerbietigen Worten als hinter einem respektvollen Vorwand nicht doch am Ende der Vorwurf, Berndt wolle nur selber Reklame für sich machen? Aber Hellmrich hielt diesen spähenden Blick ruhig aus. So antwortete denn der Professor ziemlich bestimmt, im Gefühl seiner überlegenen Position, aber doch nicht unfreundlich, während ein Lächeln leicht um seine Lippen spielte:

»Ich danke Ihnen, lieber Kollege, für Ihren wohlmeinenden Hinweis. Aber Sie sind doch wohl ein bisschen zu ängstlich. Ich für meinen Teil sehe wirklich keinen Grund, die Sache der Öffentlichkeit vorzuenthalten, die sie doch angeht. Die von Ihnen angeführten Verletzungen durch Röntgenstrahlen sind doch wohl nur durch unzweckmässiges oder ungeschicktes Experimentieren entstanden – wenn sie überhaupt vorgekommen sind. Ich besinne mich z. B. deutlich, dass eine anfangs viel Aufsehen erregende Notiz über ein Malheur, das Edison mit X-Strahlen gehabt haben sollte, sich hinterher als eine pure Reporterphantasie herausgestellt hat.«

Hellmrich fühlte sich durch die leichte Art, wie Berndt seine Befürchtungen abtun wollte, nun doch ein wenig verletzt. Er übersah daher, wie sich bei seinen letzten Worten der Professor bereits wieder über seinen Zettel gebeugt hatte – ein Zeichen, dass die Sache für ihn erledigt sei – und kam in seinem wohlgemeinten Eifer noch einmal darauf zurück:

»Pardon, Herr Professor, wenn ich mir zu widersprechen erlaube. Das mit Edison mag ja stimmen; aber die Tatsache der Gefährlichkeit solcher Strahlungen bleibt trotzdem bestehen. Ich erinnere nur an die furchtbare Wirkung des Radiumlichts auf den menschlichen Körper und ich könnte zu Hause aus der einschlägigen Literatur und den Blätternotizen, die ich gesammelt, auch noch mehrere Belege für Fälle erbringen, wo durch intensive Strahlungen anderer, gasförmiger Körper schwere funktionelle Störungen im menschlichen Körper, Lähmungserscheinungen, hervorgerufen worden sind oder starke Gewebezerstörungen, ja schliesslich sogar kalter Brand, eingetreten sind.«

Professor Berndt, der schon bei den ersten Worten Hellmrichs sehr ungehalten aufgeschaut hatte, war nun aber mit seiner Geduld zu Ende. Nervös hatte er mit seinem Bleistift auf den Glasbelag des Tisches getrommelt; jetzt aber stiess er laut mit dem Crayonschaft auf die Platte, und herrisch klangen seine Worte zu dem andern hinüber:

»Mein lieber Herr Hellmrich. Ich bitte Sie nun wirklich, sich nicht weiter bemühen zu wollen! Sie dürfen ruhig glauben, dass ich auch einigermassen unterrichtet über diese Dinge bin. Und wenn ich keine Veranlassung zu weiterer Vorsicht sehe, so können Sie sich auch schon dabei beruhigen. Im übrigen tragen Sie ja doch nicht, sondern ich die Verantwortung dafür!«

Hellmrich war bei diesen Worten aufgestanden, in hoher Erregung, eine aufsteigende Röte im Gesicht. Diese kalt abfertigenden Worte Berndts, wie er solche noch nie im Laufe ihrer jahrelangen Bekanntschaft von ihm gehört hatte, hatten ihn im Innersten verletzt, um so mehr, als er sich seiner guten Absicht bewusst war. Es konnte ihm ja an sich ganz gleichgültig sein, was geschah, er wollte ja nur das Beste dieses Mannes. Sein Selbstgefühl und sein Gerechtigkeitssinn waren zu stark verletzt, als dass er jetzt etwa Berndts Abfertigung ruhig hätte hinnehmen können. So wandte er sich denn mit fester Stimme an Berndt:

»Verzeihung, Herr Professor! Aber ich glaube, diesen Ton nicht verdient zu haben. Ich habe mir meine Vorstellungen in aller schuldigen Ergebenheit zu machen erlaubt – lediglich in Ihrem eigensten Interesse, Herr Professor. Denn es würde mich aufs tiefste schmerzen, wenn ich Sie infolge einer vorzeitigen Veröffentlichung Ihrer Entdeckung später gehässigen Angriffen in der Öffentlichkeit preisgegeben sehen sollte.«

»Aber, was in aller Welt verlangen Sie denn eigentlich von mir?« fuhr Berndt ihn ungeduldig an und sprang nun selber erregt vom Stuhl auf. »Soll ich Ihnen zu Liebe etwa meine Entdeckung im Schubfach verschliessen? Bitte, verraten Sie mir doch Ihre schätzbare Ansicht darüber!«

»Wenn Sie wirklich meine offene Meinung hören wollen, Herr Professor,« erwiderte Hellmrich ruhig, aber bestimmt, »so würde ich es allerdings für das zweckmässigste halten, vor der Hand überhaupt noch niemandem Kenntnis von der Entdeckung zu geben, sondern diese erst – zunächst durch Tierversuche, später an freiwillig sich stellenden Patienten – in aller Stille auf ihre praktische Anwendbarkeit hin zu erproben.«

»Damit ein anderer mir inzwischen zuvorkommt und mir die Früchte meiner Arbeit vor der Nase wegnimmt! Nicht wahr?« Der Professor lachte höhnisch auf. »Ah – Sie sind wirklich kostbar, mein bester Herr Hellmrich. Für so kurzsichtig und unpraktisch hätte ich Sie allerdings nicht gehalten.«

Hellmrich war aufs tiefste betroffen. Dieser Ton ihm gegenüber, diese ganze leidenschaftliche Erregtheit des Mannes, den er persönlich bisher stets nur als eine vornehme, ruhige Gelehrtennatur gekannt und geschätzt hatte – was war das? Flammte da nicht plötzlich im Wesen des Mannes vor ihm etwas auf, das sich bisher hinter der täuschenden kühlen Aussenseite klug verborgen hatte – eine gewaltige, hochauflodernde Flamme, aber nicht die der reinen göttlichen Glut wissenschaftlicher Begeisterung, sondern die eines erdenentstammten, nur nach wohlfeilem Ruhm züngelnden Ehrgeizes! Hatte er sich so täuschen lassen – lange Jahre hindurch, wo er sich aufopfernd in den Dienst dieses Mannes gestellt hatte, im Grund also nur ein Werkzeug seiner ruhmsüchtigen, egoistischen Pläne? Aber nicht doch! So klein konnte dieser Mann, zu dem er stets voll Achtung und Ehrerbietung aufgeblickt, nicht sein! Mit grossen, forschenden Augen blickte er den Professor an. Jetzt wollte er klar sehen, diesen Mann ganz durchschauen – folge daraus, was wolle! Er wollte zu diesem Zweck das Äusserste wagen, selbst das preisgeben, was er bisher als sein grosses Geheimnis, seinen kostbarsten Schatz gehütet hatte – vor jedem Menschenauge. Ihm wollte er jetzt als dem Ersten den Ausblick auf das ferne, aber erhaben hohe Ziel zeigen. Glühte in diesem Manne nur ein einziger Tropfen echter Begeisterung für das Grosse, dann musste es sich ja jetzt zeigen.

»Allerdings, freilich unpraktisch, Herr Professor,« erwiderte Hellmrich mit selbstbewusster Gelassenheit. »Aber doch, wie ich hoffe, nicht kurzsichtig und unklar. Gestatten Sie mir, Herr Professor, Ihnen in diesem Augenblick eine Eröffnung zu machen, zu der ich mich Ihnen verpflichtet fühle; denn es betrifft eine Wahrnehmung von höchster Wichtigkeit, die ich bei den von Ihnen angeregten Versuchen mit dem Zeon gemacht habe.« Und Hellmrich setzte nun dem Professor auseinander, was er Wunderbares im stillen beobachtet hatte, und wie sich in seinen Gedanken diese Erscheinung darstellte. Allmählich erglühte Hellmrich, als er nun zum ersten Male einem Menschen seine Hypothese entwickelte, wiederum fortgerissen von der gigantischem Flugkraft dieser Gedanken. Nun war er zu Ende – rotglühend vor höchster Begeisterung im ganzen Antlitz, hielt er an und schaute in grosser Erwartung auf Berndt: Wie mochte diese Offenbarung auf ihn gewirkt haben? Er meinte, es könne ja nicht anders sein, er müsse begeistert gleich ihm aufflammen und ihm sagen: Ja, wahrhaftig – lassen Sie uns gemeinsam diesem gewaltigen Problem nachspüren! Das soll meine Seele ausfüllen, während inzwischen von fachmännischen Hilfskräften jene praktischen Versuche angestellt werden, die allmählich das Zeon-Heilverfahren für die Therapie erproben sollen.

Berndt hatte gesenkten Hauptes Hellmrichs Ausführungen ruhig angehört, jetzt hob er das Antlitz und wandte es Hellmrich zu. Ein Lächeln, skeptisch und spöttisch zugleich, spielte darauf, als er nun sprach:

»Na, mein lieber Hellmrich! Da haben Sie mir ja tüchtig Sphärenmusik vorgemacht. Bester, Bester – wohin geraten Sie? – Na, aber wozu das alles? Wenn's Ihnen Spass macht, in Gottes Namen jagen Sie Ihrem Phantom nach, bis es Ihnen unter den Händen zerrinnt. Aber was sagen Sie mir das jetzt? In diesem Augenblick! Ich stehe doch mit meiner Entdeckung auf höchst realem Boden. – Nun aber, ich meine, wir könnten jetzt unsere Debatte wirklich abschliessen. Die Zeit ist doch zu kostbar, um Luftschlösser zu bauen.«

Hellmrich war wie erstarrt bei Berndts Worten. Also doch! Der Mann da war ein Kleiner, ein ganz Kleiner! – Traurig, solche Enttäuschung! Und voll bitteren Empfindens starrte er vor sich hin. Berndt, der sich schon wieder an seinen Tisch gesetzt hatte, entriss ihn seinem Sinnen. Er wollte offenbar trotz der Debatte Hellmrich, dem guten Kerl, aber sonderbaren Schwärmer, nichts nachtragen; denn er fragte ihn jetzt ganz freundlich, als ob nichts vorgefallen wäre:

»Nun mal etwas anderes, lieber Hellmrich! Ich kann doch darauf rechnen, dass Sie vor der Versammlung, während ich den Vortrag halte, die praktische Demonstration übernehmen?«

Es war ohne Zweifel eine grosse Auszeichnung, die er Hellmrich damit zudachte, in diesem illustren Kreise zu experimentieren. Um so unglaublicher erschien ihm daher Hellmrichs Antwort, die dieser plötzlich sehr ruhig, aber fest abgab:

»Ich danke vielmals für diese mir zugedachte Ehre, aber ich muss sehr bedauern, Herr Professor.«

Berndt fuhr auf, und eine jähe Röte schoss in sein Gesicht: »Warum?«

»Aus demselben Grunde, den ich vorhin schon gegen die Zulassung der Presse vorbrachte,« erwiderte Hellmrich, seinem Chef ruhig in das zorngerötete Antlitz schauend. »Ich bin eben fest davon überzeugt, dass die vorzeitige Veröffentlichung der Entdeckung zu starken Fehlschlägen führen wird, und ich für mein Teil mag daher meinen Namen in der Öffentlichkeit nicht irgendwie in Verbindung mit der ganzen Sache gebracht sehen.«

»Das ist doch wirklich stark!« Der Professor sprang auf. »Sie erlauben sich mit diesen Worten ja indirekt eine Kritik an meiner Person, die einfach unerhört ist!« Und seine Augen funkelten Hellmrich in jäh entfesselter Feindseligkeit an.

»Verzeihung, Herr Professor, ich sprach lediglich von mir, und es ist doch wohl mein gutes Recht, mein persönliches Verhalten nach meinen Grundsätzen zu bestimmen.« Auch Hellmrichs Ton klang in unverhüllter Schärfe.

Berndt machte einen Augenblick eine Miene, als wolle er auf den unbotmässigen Untergebenen in heftiger Weise losfahren; aber dann drehte er sich, mit einem hochmütigen Achselzucken, schroff von Hellmrich ab: »Die Sache ist erledigt! Ich danke Ihnen für alle weiteren Bemühungen hier.«

Hellmrich war bleich geworden. Wortlos nahm er Hut und Mantel. An der Tür sah er noch einmal nach Berndt hin, der, ohne sich um ihn zu kümmern, ihm abgewandt vor dem Tisch stand und nervös in den vor ihm liegenden Notizzetteln blätterte.

»Ich empfehle mich, Herr Professor!« Mit kurzer Verbeugung sprach es Hellmrich. Es sollte ganz kühl klingen, aber doch konnte er ein leises Zittern in der Stimme nicht unterdrücken. Sollte er denn wirklich so von Berndt scheiden? Sollte das der Abschluss jahrelangen und treuen Zusammenwirkens sein? Wenn ihn nur ein einziger kurzer Blick schmerzlichen Bedauerns von der Gegenseite traf – er wäre sofort hingeeilt und hätte trotz der erlittenen Kränkung um Versöhnung gebeten. Aber der Professor blieb unbeweglich. Ohne den Kopf nach ihm hin zu wenden, erwiderte er mit einem kalten, nachlässigen »Adieu!«

Er wurde verabschiedet wie ein ungehorsamer Dienstbote! Schmerz und Zorn zugleich im Herzen, verliess Hellmrich die Stätte, wo er so lange in selbstloser Weise für jenen seine Arbeit geleistet hatte.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.