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Im Wechsel der Zeit

Paul Grabein: Im Wechsel der Zeit - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleIm Wechsel der Zeit
seriesVivat Academia! Romane aus dem Universitätsleben
volumeBand III
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151031
projectid2485990b
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II.

»Gnädige Frau, das Essen ist fertig.« Frau Hellmrich fuhr aus ihrem Sinnen auf. Sie hatte von ihrem Platz am Fenster aus das Herannahen des Mädchens aus dem hinteren Zimmer gar nicht bemerkt, und die Worte rissen sie nun mit einem Male unvermittelt aus ihrem Gedankengang heraus:

»Es ist gut, Hermine, der Herr ist noch nicht da. Halten Sie das Essen also nur noch eine Weile warm.«

»Ach Gott, es ist aber ja schon achten durch!« seufzte das Mädchen unmutig sich entfernend, »da werden die Kartoffeln wieder steinhart werden,« und unwillig verliess es das Zimmer.

Frau Hellmrich tat, als ob sie die letzten, halb gemurmelten Worte des Mädchens gar nicht verstanden hätte; allein ein Seufzer verriet, während sie nun den Kopf nach der Strasse zu wandte, dass auch sie über das Ausbleiben des Gatten bekümmert war – freilich, in anderer, ach, wie viel ernsterer Art!

Wie manch liebes Mal hatte sie nicht so schon hier am Fenster auf sein Kommen geharrt, bis, wie heute, sich schon die Dämmerung in die Strassen zu schleichen und das trauliche Zimmer, in dem sie sass, grau einzuspinnen begann. Die Hausfrauenpflichten, die sie den Tag über in Atem gehalten, waren nun längst erfüllt, die Kinder lagen schon fast eine Stunde in ihren Betten und träumten längst. Ihre fleissigen Hände, die sich tagsüber unermüdlich geregt hatten, sanken nun über der leichten Nadelarbeit in den Schoss, und die Gedanken begannen ihr gewohntes Spiel.

Wie anders hatte sie sich diese Abendstunden dereinst erträumt, und wie anders war es auch in der ersten Zeit ihrer Ehe gewesen. Ach, die schönen Zeiten da draussen in dem kleinen Thüringer Landstädtchen! Und mit einem schweren Seufzer hob sich Frau Lottes Brust im Gedenken an jene glückvolle Zeit ihrer Ehe. Da war Karl schon stets nachmittags um vier Uhr mit aller Arbeit fertig gewesen, und dann wanderten sie Arm in Arm hinaus, über die grünen Wiesen hinweg ins dunkle Waldrevier, mit fröhlichem Geplauder. Freilich etwas anders war es ja auch da schon geworden, als das erste Kind kam und sie gerade in den Abendstunden an das Haus bannte. Da musste Karl denn notgedrungen auf ihre Gesellschaft verzichten und begann sich mit seinen Büchern zu beschäftigen, die bis dahin eine Zeit lang Ruhe gehabt hatten. Aber trotzdem blieben noch immer einige Stunden am Abend, wo sie gemütlich miteinander sassen, sie mit einer Handarbeit und er seine Zigarre dazu rauchend, von alten Zeiten schwatzend oder mit fröhlichem Plänemachen in die Zukunft schweifend.

Aber das alles hatte aufgehört, seitdem sie vor Jahr und Tag hierher, in die Residenz, gekommen waren. Die wissenschaftliche Tätigkeit, die ihr Gatte in Befriedigung seines langen, stillen Sehnens hier gefunden hatte, füllte seine Seele jetzt eigentlich ganz aus. Es war ja auch wahr, er hatte viel zu tun, und es blieb ihm wenig Zeit für andere Dinge übrig, wollte er allen Anforderungen voll entsprechen, die an ihn gestellt wurden. Seine Dienststunden in der Hygienischen Versuchs-Anstalt nahmen ihn schon bis in den Nachmittag hinein in Anspruch. Dann kamen die stundenlangen privaten Versuche mit Professor Berndt zusammen in dessen Laboratorium, und ausserdem erklärte es Karl für absolut notwendig, in den späten Abendstunden daheim noch weitere wissenschaftliche Studien zu treiben, um für seine Habilitationsschrift, mit der er sich die Zulassung als Dozent an der Universität in kürzester Zeit schon zu erwerben hoffte, die nötige Vorarbeit zu leisten.

Mein Gott, sie war ja eine verständige Frau und wollte von ihrem Manne nichts Unvernünftiges. Gern mochte er arbeiten, es würden ja wohl mit Gottes Hilfe wieder Zeiten kommen, wo er es nicht nötig haben würde, in dieser Weise sich abmühen zu müssen. Aber was sie innerlich so traurig machte, das war, dass sie über all dieser Arbeit, die Hellmrichs Leben ausfüllte, allmählich verlernten, innerlich alle die zarten Fäden weiter zu pflegen, die ihre Seelen so lange in innigster Gemeinschaft verknüpft hatten. Denn wie sollte es möglich sein, jenen tiefsten, engsten Kontakt miteinander aufrecht zu erhalten, sich bis in die feinsten Verfaserungen ihres Wesens gegenseitig zu verstehen, wenn man eigentlich nie mehr dazu kam, sich über all die kleinen Dinge auszusprechen, die doch schliesslich das Leben ausmachen?

Ihr Gatte war nach wie vor derselbe in seiner herzlichen Liebe und Güte, und wo sie je einmal eine ernstere Sorge drückte, da stand er ihr treu zur Seite und suchte nach seinen Kräften ihren Weg zu ebnen. Aber für all ihre häuslichen Angelegenheiten, die sie zwar selber keineswegs zu hoch anschlug, die aber doch oft viel Verdruss und Sorge brachten und von Gewicht auch für sein eigenes Wohlbefinden waren, hatte er keine Zeit. Wenn sie einmal damit beginnen wollte, so zog er sie lachend an sich, gab ihr einen herzhaften Kuss und bat sie im übrigen, ihn mit solchem Kleinkram zu verschonen. Er habe den Kopf jetzt so voll mit ernsten Dingen, dass er sich wirklich nicht darum kümmern könne.

Nun gut, sie würde auch darauf haben verzichten können, wenn er ihr nur Gelegenheit geboten hätte, an jenen grossen ernsten Dingen Anteil zu nehmen, die ihn so ganz ausfüllten. Sie verlangte ja so im Innersten danach, es war ein so schmerzliches, starkes Sehnen nach voller Befriedigung in ihr. Wohl nahmen sie ihre Hausfrauen- und Mutterpflichten stark in Anspruch, körperlich wie seelisch, denn zu dem ältesten Knaben waren im Laufe der Jahre noch zwei Geschwister gekommen; aber sie gehörte nicht zu den Frauen, die in der Versorgung von Haus und Kindern ganz aufgehen und volles Genüge finden.

Jene Jahre, wo sie von dem zerrüttenden Schmerz, den ihr die erste, schwere Enttäuschung ihres Lebens, der Verrat ihres Jugendgeliebten, zugefügt hatte, in ernsten Studien Ablenkung und Ersatz für verlorenes Glück gesucht hatte, sie hatten in Lotte ein früher schlummerndes Geistesleben geweckt, das auch dann die Vereinigung mit Hellmrich nicht wieder hatte verstummen lassen. Im Gegenteil, der Ernst, den ihr der Beruf als Gattin und Mutter bald enthüllt hatte, hatte nur noch dazu beigetragen, jene Triebe zu stärken und zu vertiefen, die damals zur Entwicklung gekommen waren. Sie empfand es als ein Lebensbedürfnis, nicht bloss im Hause in den nüchternen Alltagsdingen aufzugehen – die der Mann ja selber nur als »Kleinkram« so gering einschätzte – nein, sie wollte sich auch mit edlerem Gehalt anfüllen. Sie wollte ihren Anteil an dem starken, frischen Hauch geistigen Lebens, der die Seelen erhebt und gross macht, sie wollte noch andere Interessen als Mittelpunkt ihres Daseins haben, als nur die Sorge der Kinderstube und der Küche!

Wäre sie allein für sich im Leben geblieben, so hätte sie ja ihren Beruf als Bildnerin der Jugend gehabt, der ihr das alles geboten hätte. Nun war sie Frau geworden. Es reute sie nicht, keinen Augenblick, aber sie wollte nun auch diesen Beruf sich so ausgestalten, wie es ihrem innersten Verlangen entsprach. Ein eigenes geistiges Arbeiten und Streben war ihr jetzt versagt, sie hätte es auch nicht gemocht – es erschien ihr unnatürlich, als Gattin und Mutter noch eine Berufstätigkeit auszuüben, wie es so manche schon tat – sie suchte die Befriedigung ihrer höheren Bedürfnisse vielmehr auf dem nun gegebenen natürlichen Wege: Sie wollte auch geistig mit ihrem Manne leben, sich von ihm weiter bilden, sich das Verständnis für seine Berufsarbeit von ihm erschliessen lassen und dann regsten Anteil nehmen an all dem, was ihm hier begegnete. Wie glühend gern hätte sie ihm so als wirkliche Gefährtin seines Lebens auch hier zur Seite gestanden, hätte ihm die Sorgen tragen helfen, die die Arbeit so oft für ihn mit sich brachte, und seine Freude geteilt, wenn er einen Schritt vorwärts gekommen war auf seiner schweren Bahn.

Aber es war nicht Hellmrichs Art, hierüber zu reden. Er hütete seine Wissenschaft wie etwas Heiliges, Hochernstes, an das sich der leichte Sinn der Frau nicht heranwagen sollte. So liebte er es denn auch nicht, von seinen Arbeiten zu ihr zu sprechen; er setzte es als ganz selbstverständlich voraus, dass ein wirklich ernstes Interesse und Verständnis dafür bei ihr nicht vorhanden sein könnte. Schon manchmal hatte er es, wenn auch mit scherzenden Worten, offen zu ihr ausgesprochen. Sie hatte dann zwar voll heiligen Eifers ihm widersprochen und ihn vom Gegenteil zu überzeugen gesucht, doch er war nie ernsthaft darauf eingegangen.

So war denn alles beim Alten geblieben, und Frau Lottes Leben floss, da sie auch bei Karls angestrengter Tätigkeit einen gesellschaftlichen Verkehr fast gar nicht pflegten, ernst und eintönig dahin. Tagsüber liess sie all das, was sie schmerzlich entbehrte, noch die Arbeit für Haus und Kinder leichter ertragen; aber um so schlimmer dann, wenn der Abend kam und mit ihm die Musse, wo die Gedanken übermächtig in ihr wurden. –

So sass Frau Lotte auch heute in trübes Sinnen versunken, bis sie der Schlag der Uhr plötzlich aufstörte. Mein Gott, schon neun! Mit einem Gefühl plötzlicher Angst sprang sie in die Höhe. Wenn ihm nur nichts zugestossen war, so spät war er ja noch nie aus seinem Laboratorium heimgekehrt. Man hatte doch schon manchmal davon gehört, dass bei diesen Versuchen jemandem ein Unglück zugestossen war. Sie wusste ja soviel wenigstens von seinen Arbeiten, dass er mit starken elektrischen Strömen experimentierte und auch mit Ausstrahlungen von hoher Intensität, und erst kürzlich hatte sie in den Zeitungen davon gelesen, dass einem bekannten Forscher bei ähnlichen Experimenten ein schwerer Unfall zugestossen war.

Unruhig begann Frau Lotte sich allerlei zu schaffen zu machen. Sie machte im Zimmer und in der Entree Licht. Da, während sie gerade den Hahn an dem Flurarm aufdrehte, hörte sie wohlbekannte Schritte im schleunigsten Tempo die Treppe heraufkommen und, Gott sei Dank, sie erkannte Karls Tritt. In lebhafter Bewegung lief sie ihm bis zum Eingang entgegen, wo sie den Eintretenden noch im Türrahmen stürmisch empfing: »Gottlob, dass du da bist!«

»Nun, nun, du bist ja ganz aufgeregt, mein Herz.« Hellmrich sagte es mit herzlichem Ton und legte den Arm liebevoll um ihre Schulter, indem er die Tür hinter sich schloss.

»Wie konntest du auch nur so spät kommen?!« Mit zärtlichem Vorwurf schmiegte sie sich an ihn. Hellmrich sah nach der Uhr.

»Ja, ja, du hast recht, es ist heute allerdings ungebührlich spät geworden,« und er lachte gutmütig vor sich hin. »Ich muss dich also wirklich ernstlich um Verzeihung bitten; na, es soll auch gewiss nicht wieder geschehen. Aber es war heute auch etwas ganz Besonderes, was mich festhielt und alles vergessen liess.«

»So, was denn? Erzähle doch,« drängte sie, indem sie ihm behilflich war, Hut und Mantel abzulegen. Sie nahm ihn beim Arm und führte ihn so ins Esszimmer hinein, wo das Mädchen alsbald erschien und das Essen auftrug.

»Ja, Kind, wie soll ich dir das auseinander setzen?« sagte Hellmrich, und da er, seinem Hunger nachgebend, sich eifrig auf seinem Teller zu schaffen machte, so merkte er nicht, dass es in den Zügen seiner Frau leise, fast bitter aufzuckte, und dass sie ihn einen Moment mit stillem Vorwurf ansah. Plötzlich stand sie auf und war neben ihm. Sanft den Arm um seinen Hals schlingend und den Kopf zu ihm niederneigend, bat sie:

»Bitte, Karl, vertraue mir doch einmal an, was du bei deiner Arbeit erlebt hast. Du ahnst ja nicht, wie tief es mich interessiert, etwas darüber zu hören, und ganz besonders heute, wo du selbst sagst, dass dir etwas Besonderes dabei zugestossen wäre.«

Hellmrich drückte die bärtige Wange an die Hand seiner Frau und sagte dann, halb scherzhaft:

»Aber, mein liebes Herzchen, was willst du dir den Kopf mit solchen Dingen beschweren, und ausserdem, wie soll ich dir das klar machen? Ich müsste dir ja einen regelrechten Vortrag über die Grundlagen der ganzen Chemie halten.«

»Und wenn es so wäre? Du kannst sicher sein, dass ich jedem deiner Worte mit grösstem Interesse lauschen werde, und dass es mir auch gelingen wird, mich allmählich in deinen Ideengang hineinzufinden.«

Über Hellmrichs Gesicht zuckte es leicht hin. »Mein Liebling, sieh, ich bin wirklich jetzt reichlich abgespannt; ich glaube, du wirst mir doch gewiss selbst jetzt mein bisschen Ruhe gönnen.«

»Aber natürlich, Karl, so meine ich es ja nicht. Iss doch erst in aller Ruhe und ruhe dich nachher auch noch ein wenig aus. Aber dann, sieh – dann setz' dich gemütlich zu mir, wie wir es früher doch so oft getan, und erzähle mir, was du denn eigentlich mit Professor Berndt zusammen treibst. Ja, willst du, Karl?« und noch einmal presste sie sich in zärtlicher Bitte an ihn.

Hellmrich legte Messer und Gabel nieder. »Kind, was ist dir eigentlich?« fragte er, seine Gattin mit klarem Blick offen ansehend.

Frau Lotte fühlte, wie ein leises Rot in ihrem Gesicht aufstieg. Da berührte er ja selber den wunden Punkt in ihrem Innern! Aber jetzt, wo sich ihr die Gelegenheit dazu bot, schwand ihr vor den Blicken ihres Gatten der Mut dahin, das alles zu bekennen, was sie noch vor ein paar Minuten vor sich selbst entwickelt hatte. War es nicht wirklich ein Unrecht, dass sie ihm, wenn er so spät und abgespannt von der Arbeit heim kam, so zusetzte, und hatte sie denn wirklich einen Grund, sich über Teilnahmlosigkeit bei ihm zu beklagen, wo er doch gewiss so gut, wie nur irgend ein ernster Mann, ihr seine zärtliche Liebe und Sorge bezeugte? Es war ja ganz unmöglich, ihm jetzt diese Dinge vorzutragen, die doch wie eine Beschwerde und eine Anklage gegen ihn klangen.

So drängte sie denn noch einmal ihr innerstes Empfinden zurück und antwortete ausweichend, indem sie langsam zu ihrem Platz am Tisch zurückging: »Nichts, Karl, aber das wirst du doch begreifen können, dass ich so gern wüsste, was dich bei deinem Arbeiten bedrückt, oder aber was dir Freude macht.«

»Meine gute, kleine Frau!« Hellmrich klopfte zärtlich über den Tisch hinweg ihre Hand und schickte sich dann wieder an, seinen Appetit zu stillen. »Es ist lieb von dir, dass du mir helfen willst; aber lass nur, mein Kind, ich schlage mich schon allein durch – was es da an Zweifeln und überschwenglichen Hoffnungen zu bekämpfen gibt. Wenn es so weit ist, und ich hoffe, in absehbarer Zeit klar zu sein über das, was mir vorschwebt, so will ich auch dir in Kürze das auseinander zu setzen suchen.«

Frau Lotte durchschoss, in plötzlich auftauchender Erinnerung, ein bitterer Gedanke. Sie blickte einen Augenblick vor sich hin auf den Teller und kämpfte mit der Scheu, die ihr so oft und erst eben wieder den Mund verschlossen hatte. Diesmal aber war der innere Drang zu stark, und so entfuhr ihr das Wort:

»Verzeih', Karl, aber du sprichst doch jetzt schon über deine Arbeiten – zu anderen Leuten, die dir weniger nahe stehen, als ich.«

Überrascht sah Hellmrich auf. »Und mit wem meinst du?«

Lotte fühlte, wie sie rot wurde, aber sie bekannte doch offen und ehrlich: »Mit Frau Berndt.«

Hellmrich sah sie mit einem prüfenden Blick an, dann antwortete er gelassen: »Ja, Kind, das ist aber doch auch etwas ganz anderes.«

»So, und warum denn?« Ziemlich erregt klang es von Frau Lottes Lippen. »Frau Berndt ist doch schliesslich auch nur eine Frau, oder meinst du, dass sie mir an Intellekt so himmelhoch überlegen sei, dass nur sie allein imstande wäre, an deinen wissenschaftlichen Arbeiten Anteil zu nehmen, nicht aber ich?«

Hellmrich liess Messer und Gabel niedersinken und lehnte sich lachend in den Stuhl zurück. »Kind, Kind, du bist ja eifersüchtig! Nein, dass ich das von meiner Lotte erleben muss,« und von neuem begann er im Innersten belustigt vor sich hin zu lachen. Frau Lotte aber standen die Tränen in den Augen.

»Ja, Karl, ich kann es nicht leugnen, ich bin eifersüchtig auf diese Frau! Aber es ist kein niedriges, kindisches Gefühl, sondern ein berechtigter Schmerz darüber, dass du deiner eigenen Frau nicht das Vertrauen schenkst und vollen Anteil an deinem Geistesleben gewährst, sondern einer fremden Frau diesen Vorzug gibst.«

Jetzt stand Hellmrich auf und trat zu seiner Frau hinüber. Ihren Kopf an seine Brust legend, sagte er in warmem Herzenston:

»Aber meine liebe, alte Lotte, was sind nun das wieder für Gedanken? Das solltest du doch nun wissen, dass kein Mensch in der Welt mir höher steht, als du, meine gute kleine Frau, und ich meine, ich schenke dir mein Vertrauen in allen Dingen sonst, die mich irgendwie innerlich angehen. Aber sieh', mein Herz, wenn ich mit dieser Frau gelegentlich über meine wissenschaftlichen Arbeiten spreche, so ist dies doch noch ein Besonderes. Sie ist die Tochter eines grossen Gelehrten, den ich als den genialsten Geist auf meinem Fachgebiet aufs tiefste verehre und bewundere, und sie hat von dem klaren, wissenschaftlichen Geist ihres Vaters wirklich viel geerbt. So nimmt sie denn ein ganz erklärliches Interesse an dieser ihr so geläufigen Arbeit, die mich jetzt mit ihrem Gatten verbindet, und es ist wohl nur zu begreiflich, dass wir darüber sprechen und auch über Details, die sie geläufig beherrscht, die sich aber deiner Kenntnis, mein liebes Herz, doch ganz entziehen. Sie beschäftigt sich eben wirklich gründlich mit diesen Dingen; es ist ihr ein Ersatz für das natürliche Glück, das ihr der Himmel versagt – da ihre Ehe ohne Kinder geblieben ist. – Na, kurzum, meine Lotte, ich dächte, du hättest wirklich keinen Grund, auf die arme Frau eifersüchtig zu sein! Und, nicht wahr, du sagst solche Dinge nicht wieder?« Zärtlich küsste er sie, die sich fest an ihn schmiegte.

»Gewiss, Karl, du magst ja recht haben,« flüsterte sie leise, »aber es brennt in mir ein so verzehrender Drang. – Weisst du, Karl, ich möchte sein wie diese Frau!«

Lachend klopfte ihr Hellmrich die Wangen. »Na, meine Lotte, wenn du womöglich auch noch anfangen wolltest im Laboratorium herum zu wirtschaften, das wäre ja wohl eine Musterhäuslichkeit hier bei uns! – Aber nun, meine Lotte, gönne mir armem geplagten Mann auch meine wohlverdiente Ruhe.«

Zum zweitenmal nahm er das unterbrochene Geschäft des Essens auf, und Frau Lotte, die einsah, dass alle Anläufe doch an seinem freundlichen, aber bestimmten Wesen scheiterten, gab es auch heute auf, ihn umzustimmen. So nahmen sie denn die Mahlzeit ein, hin und wieder noch ein Wort über gleichgültige Dinge tauschend. Dann stand er auf und fragte:

»Wollen wir nun zu den Kindern hinüber?«

Sie kam bereitwillig mit ihm, eine Lampe mit nach dem Kinderzimmer hinübertragend. Dort lagen in ihren Bettchen die beiden Buben und das Mädel, die blonden Köpfchen tief in die Kissen vergraben und auch vom Schein des Lichts nicht aus ihrem friedlichen Schlummer geweckt. Zärtlich den Arm um seine Frau legend, trat Hellmrich mit ihr an jedes der Bettchen und mit glücklichen, innigen Blicken schaute er auf die kleinen Schläfer nieder.

Vor dem Bettchen des kleinen Hellmuth, des kaum zweijährigen Söhnchens, zog er die Gattin an sich und leise flüsterte er ihr ins Ohr:

»Meine liebe, gute Lotte! Das Glück, das du mir hier geschenkt hast, wiegt hundertfach mehr als das, wonach dein Herz verlangt. Der Segen, den die Frau und Mutter im Hause verbreitet, ist durch nichts zu ersetzen.«

Dankbar für diese Worte lehnte sich Frau Lotte an ihn, und so standen sie noch ein Weilchen in trautem Aneinanderschmiegen bei den Kindern. Aber dann erinnerte Hellmrich daran, dass er noch in die Studierstube müsse. Frau Lotte riss sich mit einem Seufzer aus dem kurzen, aber süssen Traume los, dem sie soeben nachgehangen, und schritt dem Gatten in sein Arbeitszimmer voraus. Sie wusste, wie er es haben wollte, und mit wenigen geschickten Griffen stellte sie ihm alles so zurecht, wie er es brauchte. Dankbar drückte er ihre Hand und setzte sich, nach alter Gewohnheit die lange Pfeife entzündend, vor seinen Schreibtisch. Dann nahm sie, ihm einen Kuss auf die Stirne drückend, Abschied und ging hinaus ins Nebenzimmer.

Die Zeiten waren vorüber, wo Lotte mit einer Arbeit bei ihm drin sitzen durfte. Er erklärte, dass ihn ihre Gegenwart störe, ihn von seinem Studium ablenke. Es war ja richtig, damals in der ersten Zeit ihrer Ehe war er so manchmal aufgesprungen, wenn sie über ihre Handarbeit weg liebevoll nach ihm hin geschaut hatte, war zu ihr geeilt und hatte in zärtlichem Getändel manche Viertelstunde bei ihr zugebracht, anstatt an seinem Schreibtisch. Aber, mein Gott, das hätte sie ja jetzt gar nicht mehr von ihm verlangt, sie wäre ja schon glücklich gewesen, wenn sie mäuschenstill hinter seinem Rücken mit ihrer Arbeit hätte sitzen dürfen, wo er sie gar nicht bemerken konnte. Kein Wort hätte sie mit ihm reden wollen den ganzen Abend über; nur schon das Bewusstsein, in einem Raume mit ihm zu sein, die liebe Gestalt, den klugen Kopf, der sich so für sie sorgte und für sie arbeitete, zu sehen – das hätte sie glücklich gemacht.

Aber sein Wunsch war natürlich für sie bestimmend, und so hatte sie sich denn ohne Widerspruch schon seit langem ihm gefügt und blieb nun für sich allein. Aber es war traurig so. Wie öde war's, wie langsam schlichen die Stunden dahin in dem leeren, grossen Zimmer, wo sie nichts hörte als das Ticken der Uhr über dem Sofa. Und was half es auch, wenn ihre Hände sich auch noch so fleissig regten, die Gedanken, die ihr kamen, die trüben, traurigen Gedanken konnte sie damit nicht bannen; es blieb doch alles beim Alten. Und eine heisse Träne rann still über Frau Lottes rastlos bei ihrer Arbeit dahinhastenden Hände hernieder.

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