Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Grabein >

Im Wechsel der Zeit

Paul Grabein: Im Wechsel der Zeit - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleIm Wechsel der Zeit
seriesVivat Academia! Romane aus dem Universitätsleben
volumeBand III
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151031
projectid2485990b
Schließen

Navigation:

XV.

Endlich, endlich hörte Frau Lotte durch den Türspalt drunten Hellmrichs wohlbekannten Schritt; er mochte wohl erst auf dem Treppenabsatz der ersten Etage sein. Schon seit einer halben Stunde stand sie so, obwohl sie wusste, dass er nicht eher kommen konnte, da sein Dienst ja erst um drei schloss. Aber sie hielt es nicht länger aus vor verzehrender Ungeduld. Heute, heute war ja endlich der so heiss, so sehnsüchtig erwartete Brief aus dem Ministerium gekommen, der Brief, auf den sie täglich und stündlich gewartet hatte, seitdem Simmerts Antwort auf ihre Bitte sie einen solchen ministeriellen Bescheid hatte erhoffen lassen.

Wie oft, wohl an die hundert Mal, hatte sie heimlich diese Antwort Simmerts gelesen und aus jeder Redewendung, aus jedem Wort seines Schreibens die Aussichten auf das Gelingen ihres Planes herauszurechnen gesucht!

Simmert war seinerseits insgeheim höchst erfreut darüber gewesen, dass Frau Lotte ihm mit einer Bitte kam, soviel schneller, als er je gedacht hätte. Nun boten sich ihm doch endlich Anknüpfungspunkte mit ihr, nun konnte er sie sich in Dankbarkeit verbinden und so allmählich den Boden für seine geheimen Absichten mit ihr unmerklich vorbereiten. Allerdings, was sie da von ihm verlangte, das war ihm ziemlich fatal. Und dies hatte er ihr denn auch geschrieben: Hellmrichs Angelegenheit sei für seinen Chef ja doch eigentlich abgetan, und dieser liebe es nicht, wenn man ihm noch einmal mit solch einer Sache käme. Dazu käme noch, dass gerade Geheimrat Berndt sich so absprechend über Hellmrichs Ideen geäussert hätte, und schliesslich – abgesehen von diesen rein sachlichen Schwierigkeiten – noch etwas rein Persönliches! Er leugne es nicht, es käme ihm bitter hart an, sich jetzt zu bemühen im Interesse des Mannes, der ihn einst so bekämpft, wie Hellmrich es getan. Aber er wolle das jetzt vergessen und dessen ungeachtet sein Wort von neulich einlösen. Er wolle ihr zeigen, dass er es ehrlich meine, indem er das, was das Schwerste für ihn sei, das sie von ihm verlangen könne, zu erfüllen versuchte. Er könne natürlich nichts versprechen, aber er hoffe seinen Chef für Hellmrich zu interessieren und dessen früheres Gesuch noch einmal in Prüfung treten zu lassen.

Seitdem hatte Simmert nichts mehr von sich hören lassen. Abwechselnd in Furcht und Hoffnung hatte Frau Lotte so zwei lange Wochen verlebt; da endlich war denn heute vormittag das grosse Ereignis eingetreten: Ein Brief aus dem Ministerium war für Hellmrich eingetroffen. Noch ahnte sie ja freilich nicht, was darin stand. – O Gott, wie zuckte es ihr in allen Fingern, das Siegel zu erbrechen! – Aber es konnte ja nichts anderes sein, als die Nachricht, dass man sich die Sache anders überlegt habe, und seinem Gesuch stattgeben wolle. Mein Himmel, welche Seligkeit! Was würde Karl dazu sagen, wenn ihm ganz unerwartet diese Freudenbotschaft käme! Wie würde er nach all dieser schrecklichen, langen Zeit der Enttäuschung und Quälerei innerlich aufleben vor Glück! Und sie, sie! Wie würde sie dastehen! Wie würde er sie an sich reissen, die Bringerin seines Glücks, der er das Erreichen seines grossen Lebenszieles nun zu danken hatte – seine Frau, seine kleine Lotte, seine gute Fee, die klug das schon anscheinend Unerreichbare für ihn doch noch möglich gemacht hatte!

Noch nie waren Lotte die Stunden so hingeschlichen. Um elf Uhr war der Brief schon gekommen, und bis halb vier Uhr musste sie warten, ach, es war schier zum Verzweifeln! Ein paarmal hatte sie schon geschwankt, ob sie nicht eine Droschke nehmen und zu ihrem Gatten auf das Bureau fahren sollte mit diesem Brief. Aber nein! Wer wusste, ob ihm die Störung im Amte recht gewesen wäre. Und dann: Hier im eigenen Haus, ganz ungestört wollte sie das Glück dieser Stunde auskosten!

Und nun war es endlich so weit. Schon kam er die letzten Stufen herauf, und nun stand er vor der Tür und wollte schliessen. – Da ergriff ihn unvermutet eine Hand. Ordentlich erschrocken prallte er im ersten Augenblick zurück, dann aber merkte er, dass es Lotte war, und sah sie ganz erstaunt an. Ihre Hand war so heiss und zuckte. In überquellender Ungeduld zog sie ihn in die Entree.

»Komm herein, schnell, schnell!« Hellmrich wurde ganz ängstlich zu Mute.

»Was ist denn? Ist etwas passiert?«

Sie aber, strahlend vor Glückseligkeit, schüttelte den Kopf: »Nein, nein; – aber komm nur schnell. Da ist ein Brief aus dem Ministerium!« und sie zog ihn in seine Stube.

»Wie – aus dem Ministerium?« fragte nun auch Hellmrich überrascht. Schnell brach er das Schreiben auf. »Nun – was kann denn das sein?«

Lotte beobachtete, dicht an ihn gedrängt, seine Mienen. Aber plötzlich sah sie, wie seine Augen gross wurden, aufleuchteten und wie seine Hand zitterte.

»Du, du, Lotte – es ist ja nicht möglich!« Seine Stimme versagte. Lotte riss ihm den Brief aus der Hand, dann las sie:

»Euer Wohlgeboren benachrichtige ich hierdurch ergebenst im Auftrag des Herrn Ministers, dass Seine Exzellenz in Verfolg Ihres Gesuches vom 13. Dezember v. Js. beabsichtigen, sich persönlich mit Ihnen über Ihre Angelegenheit zu unterhalten, und dass Sie sich daher am 1. Februar, vormittags gegen 10 Uhr, hierselbst gefälligst vorstellen wollen.

(gez.) Löhnecke, Geheimer Regierungsrat.«

»Karl!« Ein jubelnder Aufschrei, und Lotte flog an Hellmrichs Brust, so ungestüm, dass er fast wankte. Mitgerissen von ihrer Erregung, presste er sie an sich in stummem, sprachlosem Glück! Eine unsagbare Dankbarkeit gegen das Schicksal, ein so hohes, überströmendes Glücksgefühl überkam ihn. Nun kehrte sich ja alles noch zum Guten!

»Lotte, meine Lotte, wie glücklich bin ich,« flüsterte er leise, »wie dankbar, wie unaussprechlich dankbar!«

Frau Lotte hatte eine Weile das selige, lang entbehrte Glück ausgekostet, im Arm des Gatten so angeschmiegt zu ruhen. Nun plötzlich hob sie ihr Köpfchen, mit zitternder Stimme raunte sie ihm ins Ohr:

»Ja, Karl, wirklich so dankbar? dann zeig' es ein ganz klein wenig deiner kleinen Frau, die auch ihr bescheidenes Teil an dieser Glückfügung hat.«

Hellmrich liess vor Erstaunen den Arm von ihrer Schulter sinken. »Was? – Ich verstehe dich nicht.«

Lotte sah ihn an, verklärt vor stolzer Freude. »Ja, mein Karl,« sagte sie leise, zärtlich. »Sieh, jetzt in dieser Stunde kann ich es ja sagen und du wirst mir bestätigen: Ich habe dir dazu verholfen, woran ich dich einst hindern musste – du weisst schon, mit Frau Professor Berndt. Dass dir jetzt der Minister die Mittel geben will, das – Karl, ja, es ist wirklich mein voller Ernst – es ist in letzter Linie mein Werk!« Und mit einem schalkhaften, fast übermütigen Lächeln sah sie zu ihm auf, mit einem kleinen Gefühl von Eitelkeit über die wichtige diplomatische Rolle, die sie gespielt hatte.

Hellmrich verstand noch immer nicht. Fassungslos starrte er seine Frau an. »Aber ich bitte dich – erkläre mir doch nur! Was hast denn du mit dem Minister zu schaffen?«

Lotte drängte sich dicht an ihn und legte ihre Hände auf seine Schultern. »Gleich wirst du alles verstehen. Also höre nur! Seit jener Stunde hatte ich keine Ruhe mehr. Du tatst mir ja so unendlich leid, Karl! Ich war wirklich oft der Verzweiflung nahe, da ich keine Möglichkeit sah, dir auf andere Weise zu deinem Ziel zu verhelfen. Da kam es mir plötzlich wie eine Erleuchtung. Aber, damit du das verstehst, muss ich dir vorher noch ein kleines Geständnis machen,« und sie schmiegte sich bittend an ihn; »aber, du musst auch nicht bös sein jetzt, wo alles gut ist, nicht wahr, Schatz? Also ich habe später Simmert noch einmal zufällig getroffen« – Hellmrich zuckte zusammen – »in der Goetheausstellung, weisst du, ganz zufällig, ich schwöre dir's! Und da hat er mich noch einmal in so rührender Weise um Vergebung gebeten und versichert, dass es für ihn nur die vollste Befriedigung sein würde, wenn er mir einmal mit einer Tat seine Freundschaft –«

Mit einem rauhen Ruck fühlte sich Frau Lotte plötzlich von ihrem Mann zurückgestossen, und heiser, stockend klang ihr seine Stimme ins Ohr:

»Und da hast du ihn um seine Verwendung beim Minister für mich gebeten? Sag' – so war's!«

Lotte war in der ersten Sekunde nur masslos betroffen von dem plötzlich so veränderten Ton seiner Stimme. Nun aber sah sie sein Gesicht, ein furchtbar erregtes, fast verzerrtes Gesicht, das sie anstarrte, so schrecklich – wie sie es noch nie gesehen hatte. Eine Todesangst packte sie da. Es war ihr mit einem Male, als falle plötzlich ein eiskalter, lähmender Frost auf ihr eben noch so sonnenwarmes, jubelnd aufblühendes Herz, und, wie gebannt von seinem entsetzlich strengen Blick, stammelte sie mechanisch, fast unhörbar mit blassen Lippen ein bebendes: »Ja!«

»Haha!« gellte ihr sein schreckliches Lachen ins Ohr, und mit einer wilden Gebärde fuhr sich Hellmrich mit den geballten Fäusten an die Schläfe; dann warf er sich auf den Stuhl, bestrebt, mit den vorgepressten Händen ihr sein Antlitz zu verbergen, aber sie sah, wie es darunter wütete. Sie begriff instinktiv: Alles war aus! Der Traum vom Glück vorbei! Statt der Seligkeit jetzt dumpfe Verzweiflung, ja noch Schlimmeres – etwas Furchtbares drohte. Aber sie begriff es noch immer nicht, warum das alles geschah, und unwillkürlich murmelte sie: »Karl, warum, – warum?«

Hellmrich liess seine Hände sinken und sah sein Weib an, halb verächtlich, halb zornfunkelnd, dann brach er los:

»Warum? Ist es denn zu glauben? Du fragst noch, warum? Versagt denn dein Ehrgefühl so ganz und gar, dass du es nicht einmal mehr verstehen kannst, dass ich aus dieser Hand, die dich und mich beschimpft hat, keine Gnade empfangen kann! Lieber soll mich doch auf der Stelle der Schlag rühren!«

Und er sprang auf und riss sich den Kragen auf, als fürchte er in der Tat, es könnte das eben Angedeutete eintreten.

Lotte sah ihn starr an. Ja, freilich – das hatte sie nicht mit in ihre Berechnung gezogen, dieses starre Ehrgefühl des Mannes, das nicht vergessen und vergeben kann, was einmal geschehen ist. So war es denn nun wirklich aus – alles umsonst, ihr Hoffen und Fürchten, ihre himmelhoch jauchzende Freude diesen ganzen langen Vormittag heute hindurch – die Sonnenhelle des Sonntags war verflogen, und nun drohte wieder das trübe Grau des Alltags! Und müde und matt liess sie sich ohne ein Wort auf einen Stuhl niedersinken.

Hellmrich stürmte noch eine Weile im Zimmer umher. Plötzlich aber fiel sein Blick wieder auf den Brief, den er auf den Tisch geschleudert hatte. Er packte ihn, zerriss ihn in tausend Stückchen und schleuderte ihn so in den Papierkorb. Dann drehte er sich halb nach ihr um und stiess mit tonloser Stimme hervor:

»So! – Das ist erledigt! – Und nun nur noch eins: Ganz selbstverständlich wirst du Simmert niemals wieder in deinem Leben eines Wortes oder Blickes würdigen! Ich verbiete dir es hiermit auf das allerstrengste. Wenn du selbst nicht mehr weisst, was du dir und mir schuldig bist, so muss ich dir eben die nötigen Direktiven geben.« Und ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, ging er aus dem Zimmer.

Lotte wollte auffahren, wie von einem Peitschenhieb getroffen, aber ihr fehlte die Kraft dazu. Das – auch das noch! Barmherziger Gott, sie hatte ja nur sein Bestes gewollt, und das war nun sein Dank! Ach, wäre doch dieser unselige Augenblick der letzte ihres Lebens!

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.