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Im Wechsel der Zeit

Paul Grabein: Im Wechsel der Zeit - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleIm Wechsel der Zeit
seriesVivat Academia! Romane aus dem Universitätsleben
volumeBand III
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151031
projectid2485990b
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X.

Eine Reihe von Wochen war hingegangen seit dem letzten Ereignis. Äusserlich war der Frieden zwischen den Gatten wieder hergestellt. Aber bei beiden war ein Rückstand geblieben, bei beiden glühte es unter der Asche schmerzhaft weiter, wenn sie sich auch bemühten, einander es nicht zu zeigen. Doch durch dieses geheime, nicht ausgesprochene Empfinden, das zwischen ihnen stand, erhob sich immer mehr zwischen beiden eine trennende Schranke.

Hellmrich selbst merkte es weniger, denn er wurde durch rastloses Arbeiten von solchen Gedanken abgelenkt. Er beschleunigte die Abfassung seiner Schrift nach Möglichkeit, um seine Habilitation nun so bald wie möglich durchzusetzen.

In Lotte lebte ein zwiespältiges Empfinden. Sie konnte es einerseits nicht verwinden, wie ungerecht und rauh sich ihr Gatte gezeigt hatte. Daneben aber quälte sie es wie ein Vorwurf, dass sie mit harter Hand ihn aus dem kurzen Glückstraum hatte aufrütteln müssen, dass sie ihm die Unmöglichkeit erwiesen hatte, auf die gehoffte Weise seinen grossen Lebensplan zu verwirklichen. Sie fühlte ihm nur allzu gut nach, wie innerlich er mit diesem Plan verwachsen war, und was es für ihn bedeutete, darauf zu verzichten. Sie hätte sich Tag und Nacht mühen, sich die Hände blutig arbeiten mögen, wenn es ihr nur möglich gewesen wäre, ihm auf irgend eine andere Weise zum Ziel zu verhelfen. Unendliche Male am Tage und viele Nächte zermarterte sie sich den Kopf darüber, ob sich ihm denn gar kein anderer Weg zu seinem Ziel auftun könnte, aber es zeigte sich ihr nichts. Dieses fruchtlose Grübeln und Selbstquälen, das noch zu allem andern hinzutrat, nahm Lotte so mit, dass sie oftmals recht zart aussah.

Hellmrich beobachtete dies und fing an, sich darüber seine Gedanken zu machen. Wenn er sich im Zusammenhang damit die Ausbrüche von Erregtheit bei ihr vergegenwärtigte, so schien es ihm klar zu sein, dass seine Frau sich in einem Zustand nervöser Überreizung befand, dem entschieden durch äussere Mittel abgeholfen werden musste. Er nahm sich fest vor, dass sie im nächsten Frühjahr einmal ein paar Wochen zusammen auf Reisen gehen und sich fern von den Kindern und den häuslichen Sorgen auffrischen wollten. Er sprach auch zu Lotte von diesem Gedanken; und wie er sich so an ihn klammerte, wie an etwas, was ihm die langersehnte Hilfe und Rettung versprach, da wollte es ordentlich heller vor neuer Hoffnungsfreude in seiner Seele werden. Er sprach auch Lotte gegenüber diese Hoffnung aus, aber sie antwortete darauf nur mit einem stillen, schmerzlichen Lächeln: Er ahnte ja nicht, wo die eigentlichen Wurzeln des Leidens bei ihr sassen. Eine Reise konnte sie leider nicht heilen.

Um seine Frau jetzt schon manchmal zu zerstreuen und aufzuheitern, entschloss sich Hellmrich dazu, dann und wann sich einen Abend von seinen Arbeiten frei zu machen. Er nahm gelegentlich gesellschaftliche Einladungen von älteren Kollegen an, die gleichzeitig ein Lehramt an der Universität ausübten, und die offenbar, nachdem sein Konflikt mit Geheimrat Berndt hier allen offenkundig geworden war, ihm geflissentlich ihre freundliche Gesinnung zeigen wollten. Er glaubte, dass es ihm wie seiner Frau gut tun würde, gelegentlich voneinander abgelenkt zu werden und mit anderen Menschen in Berührung zu kommen. Und des weiteren meinte er auch, immerhin durch ein persönliches Bekanntwerden seine Dozentenaussichten verbessern zu können. Auch bewog er Lotte dazu, des öfteren allein auszugehen ins Theater oder ins Konzert, wenn ihn auch Sparsamkeitsrücksichten veranlassten, sich nicht jedesmal ihr anzuschliessen, um ihr auch von dieser Seite her Ablenkung und Anregung zu gewähren. Lotte verstand sich auf sein eindringliches Bitten auch hierzu, da er ihr immer und immer wieder sagte, dass die Wiederherstellung ihrer Gesundheit doch unendlich viel mehr wert sei, als die Ersparnisse zurückzuhalten, die sie im Laufe der Jahre gemacht hatten. –

So war denn Frau Lotte wieder einmal allein im Theater. Auf einer der hinteren Parkettreihen hatte sie ihren Platz und schaute gespannt auf die Vorgänge auf der Bühne. Sie merkte so nicht, wie sie ein Herr aus dem Hintergrund einer Seitenloge fixierte. Es war Geheimrat Simmert. Er sass allein, gelangweilt, im Theater und musterte durch sein Glas die Reihen in den Logen und im Parkett. Da, als zufällig das Auge gleichgültig über die hinteren Reihen des letzteren hinglitt, wo sich ja fast niemals eine Persönlichkeit befand, die für ihn von Interesse war, da stutzte er plötzlich: – Lotte! – Ein zweiter Blick: Sie sass allein – ah! Und nun beobachtete er sie gespannt durch sein Glas.

Ihre Toilette war einfach, aber sie sah trotzdem recht apart und anmutig in ihrem hellen Kleide aus. Es lag etwas sehr Anmutiges, so echt Weibliches über ihrer ganzen Erscheinung ausgebreitet, namentlich über dem feinen, etwas blassen Gesichtchen mit den dunklen, traurigen Augen. Er beobachtete sie in jedem Gesichtsausdruck und in allen ihren Bewegungen, wie sie den Kopf wandte, leicht vornüber gebeugt, gespannt nach der Bühne hinblickte, wie fein die zarte Linie ihres Nackens sich unter dem leicht gewellten Haarknoten ansetzte – und wie immer wieder ihre dunklen, weichen Augen so sehnsuchtsvoll in die Ferne schauten.

Wie er sie so sah in ihrer lieblichen, frauenhaften Anmut, noch immer voll jugendlicher Zartheit, da flog ihn der Gedanke an. wie nahe er einst dieser reizvollen Frau gestanden, wie er sie geherzt und geküsst in tollen Jugendtagen, und es lockte ihn, zu erfahren, wie sie wohl jetzt über ihn dachte. Wer weiss, trotz all der schneidenden Kälte, mit der sie neulich über ihn hinweggesehen, vielleicht war er doch noch nicht vergessen – vielleicht sogar noch nicht überwunden! Denn das war für Simmert natürlich eine ausgemachte Sache, dass Lotte Hellmrich schliesslich bloss als Notbehelf genommen hatte, nachdem er sich von ihr losgesagt hatte. Dieses Begehren, zu erfahren, wie sie im Innersten zu ihm stand, wurde schliesslich von einem so starken Reiz, dass er nicht mehr widerstehen konnte, und er beschloss, sich ihr heute nach dem Theater zu nähern – auf jeden Fall.

Als Lotte aus dem Theater kam – sie war eine der letzten, die das Haus verliessen – und die dunkle, wenig belebte Strasse hinabschritt, die nach dem benachbarten Verkehrszentrum hinführte, hörte sie plötzlich einen eiligen Schritt, und gedämpfte Worte klangen an ihr Ohr:

»Pardon, meine gnädige Frau!« Erschrocken fuhr sie zusammen, zugleich aber hatte sie die Empfindung, dass sie diese Stimme kannte. Ihr Gesicht flog in jäher Wendung zur Seite, und sie sah plötzlich im Scheine der Laterne Simmert neben sich. Ein Totenschreck liess sie bis in die Kniee erzittern, und alles Blut schoss ihr zu Herzen; wie unter einem plötzlichen Bann blieb sie stehen. Ein wogendes Gefühl, halb hellauflodernde Empörung, halb eine dunkle, furchtbare Angst liessen ihr das Herz bis in den Hals hinaufschlagen. Was wollte er von ihr, wie konnte er es wagen!

Simmert stand in diesem Augenblick mit tiefgezogenem Hut sehr höflich vor ihr. »Pardon, meine gnädige Frau, ich bitte vielmals um Verzeihung, wenn ich Sie erschreckt habe. Ich weiss, Sie werden mich in diesem Augenblick unbegreiflich finden, aber ich kann mir nicht helfen. Nachdem Sie mich neulich – ich finde keinen andern Ausdruck – so grausam misshandelt haben, musste ich den Versuch machen, noch ein Wort zu Ihnen zu reden – koste es, was es wolle.«

Lotte wollte zur Seite treten: »Auf der Stelle verlassen Sie mich! Das ist nicht die Art, sich einer Dame der Gesellschaft zu nähern – nachts, allein auf der Strasse.«

Aber Simmert blieb an ihrer Seite. Wie reizend war sie in ihrer hellen Empörung! – »Verzeihung – aber die Situation bringt es so mit sich. Ich sah Sie zufällig im Theater und wollte die Gelegenheit benutzen, die vielleicht nie wiederkehrt. Ich beschwöre Sie also, setzen Sie sich über die Situation fort – nur ein einziges Wort!«

Wild stürmten in Lotte die Empfindungen durcheinander. Noch immer heftige Erregung und Empörung, heller Abscheu vor dem Verräter, der ihr so viel Schmerz und Schimpf angetan; dann aber ein anderes Empfinden. Der Klang seiner Stimme, so flehend, so demütig, aus dem alles Herrische und Siegesgewisse verschwunden war, dieselbe Stimme, die ihr einst so manch heisses Liebeswort ins Ohr geflüstert und die ihr jetzt das fremde, förmliche »Gnädige Frau« zurief, brachte ihr in derselben Sekunde den Wandel der Dinge zum Bewusstsein: Dass man so fremd einem Menschen gegenüberstehen konnte, dem man einst so innerlich nahe gewesen! – Eine namenlose Bitternis, aufgelöst in Wehmut, überflutete ihre Seele. So sagte sie denn gegen ihren Willen plötzlich:

»Was hätten Sie mir überhaupt noch zu sagen?!«

Aha! Sie antwortete – also gewonnen Spiel! – frohlockte es in demselben Augenblick in Simmerts Seele, aber mit traurigem Klang tönten gedämpft seine Worte:

»Was ich Ihnen zu sagen habe? O, wirklich nicht viel. Jedenfalls nichts von Bedeutung für Sie, aber um so mehr für mich,« und noch leiser und trauriger klang seine Stimme, fast wie ein unterdrücktes schweres Seufzen. »Jahre sind vergangen, und in diesen Jahren hat man so manches einsehen gelernt, und die eine Erkenntnis hat sich mir mit blutigen Malen ins Herz geschrieben: Ich selbst habe mir das Glück meines Lebens verscherzt.«

In höchster Erregung fuhr Lotte auf: »Kein Wort weiter! Sie scheinen nicht zu wissen, wie unerhört beleidigend dieses Geständnis für mich ist.«

Aber Simmert liess sich nicht abweisen; ihre Sprödigkeit reizte ihn nur noch stärker, und schmeichelnd bat er: »Nicht böse sein! Ich will ja bei Gott nichts weniger, als Sie verletzen. Im Gegenteil, es drängt mich ja nur, Ihnen offen zu sagen, wie manchmal mich das Bewusstsein meiner Schuld bedrückt hat. Ich habe einsehen gelernt, wie schwer ich Ihnen gegenüber gefehlt habe, und es mag Ihnen ein Trost sein, die Sühne ist mir nicht erspart geblieben – ich bin hart in dem gestraft worden, in dem ich gesündigt habe.«

Lotte hatte ihn schweigend angehört, jetzt aber sagte sie erregt, in grausamer Freude, dieses Eingeständnis aus seinem eigenen Munde zu hören: »Sie haben nur erhalten, was Sie verdient haben. Ihnen ist recht geschehen! – Und was mich anlangt,« kalter Spott klang aus ihrer Stimme, »so brauchen Sie sich wirklich nicht Ihr Herz zu beschweren. Im Gegenteil! Denn ich kann dem Geschick nicht genug danken, dass es mich noch zur rechten Zeit vor Ihnen bewahrt hat!«

Simmert zuckte zusammen, diesmal ohne zu schauspielern. Aber sie fuhr kalt fort: »Und nun verlassen Sie mich! – Ich hoffe, Sie werden nie wieder meinen Weg kreuzen!«

Mit strenger Miene wandte sie sich von ihm ab und schritt eilig ihres Weges weiter.

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