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Im Venusberg und andere Novellen

Pierre Louys: Im Venusberg und andere Novellen - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorPierre Louys
titleIm Venusberg und andere Novellen
publisherWiener Verlag
seriesBibliothek berühmter Autoren
volumeBand 11
printrun1.-5. Tausend
year1904
translatorFranz Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120708
projectided209585
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Das Geheimnis

»Sie sollen mein Geheimnis kennen lernen,« sagte sie nach langem Zögern. »Da Ihnen daran gelegen scheint, es zu wissen, will ich Ihnen nun erzählen, warum ich nicht geheiratet habe.

Ihre Frage ist wohlwollender, als das Schweigen der anderen, in dem ich öfters verletzende Hintergedanken lese. Man weiß tatsächlich, daß ich von sehr vermögender Familie bin, und wenn ein reiches junges Mädchen nicht heiratet, so ist gewöhnlich ihr Stolz, ihr Ehrgeiz, ihre Häßlichkeit oder ihr sittliches Betragen schuld daran. Zwischen diesen Voraussetzungen kann die Welt nach Belieben wählen, wenn sie es barmherzigerweise nicht vorzieht, alle vier zu bestätigen.

Ich habe die Bewerber um meine Hand nicht ihrer selbst wegen zurückgewiesen. Das können Sie mir glauben. Es ist der Gatte, der Mann, der Liebhaber, sei er rechtsmäßig anerkannt oder nicht, dem ich voller Angst aus dem Wege ging. Mein Schrecken beginnt nun, da meine vierzig Jahre mich schützen, allmählich zu verblassen. Ahnen Sie noch nichts... Meine Geschichte ist nicht die einer unglücklichen Liebe; nein, denn ich habe nie geliebt; ich bin sehr früh alt geworden... eines Abends mit siebzehn Jahren.

Hören Sie! Die Geschichte ist kurz.

Übrigens... Sie werden vielleicht nicht begreifen können, wie ein so gewöhnliches, so tagtägliches Vorkommnis mein Leben um alle künftigen Freuden bringen konnte. Es betrifft einen Fall, wie Sie deren täglich in den Tagesblättern in der Rubrik »Vermischte Nachrichten« finden, und ich selbst bin an dem Geschehnis, von dem ich Ihnen erzählen werde, nicht im mindesten beteiligt gewesen. Wenn mein einsames Dasein darunter so lange Zeit erzitterte, so ist das nur eine Folge davon, daß ich den Vorfall gesehen, mit meinen eigenen Augen, kaum einen Schritt von mir entfernt –gesehen habe. Meine Erzählung wird Ihnen wahrscheinlich nicht den Eindruck machen, den der Vorfall in mir hinterlassen hat.«

+++

Fräulein N... stützte den Kopf in die Hand und begann, den Blick zu Boden gesenkt, ohne die Augen auch nur ein einzigesmal zu mir zu erheben, folgendermaßen:

»Vor fünfundzwanzig Jahren bewohnte ich mit meiner Mutter ein altes Privathaus hinter der Saint Sulpicekirche. Ein einfaches Gebäude, ohne Höfe und Gänge. Alle Fenster mündeten auf die Straße, aber die Straße war still wie ein Waldweg.

Eines Nachts im Hochsommer war es in meinem Zimmer zum Ersticken heiß, und ich konnte nicht schlafen. Ich getraute mich nicht das Fenster zu öffnen, denn ich fürchtete meine Mutter zu wecken. Nach einer schlaflosen Stunde erhob ich mich, schlüpfte in die Pantoffel und stieg im Hemde über die Haupttreppe hinab zum Speisesaal, der ebenerdig lag.

Es ist nötig, daß ich Ihnen schildere, wie dieser Saal gelegen war. Beim Hause war früher ein Garten, der ebenfalls an die Straße grenzte. Dieses Grundstück war einem Baumeister verkauft worden, und die Stadt hatte zur Regulierung der Baulinie einen Teil davon enteignet. Ein Fenster des Saales mündete nun in einen finsteren Winkel von geheimnisvollem Dunkel, wo die Strahlen des Gaslichtes nicht hindrangen.

Als ich ins Zimmer trat, bemerkte ich, daß man dieses Fenster nicht geschlossen hatte. Nur die Jalousien waren geschlossen. Matt und kraftlos vor Hitze, hielt ich mich mit den Fingerspitzen an den schmalen Brettchen der Jalousien fest und atmete erleichtert die köstliche, nächtliche Frische ein.

Es war der letzte Augenblick ungetrübter Lust, den ich in meinem vergangenen Leben hatte. Ich befand mich kaum eine Minute da, als sich von der gegenüberliegenden Seite der Straße ein Paar näherte.

Ein Mann führte ein junges Mädchen in diesen dunkeln, geheimnisvollen Winkel. Er war einer jener Scheinarbeiter, die drei Wochen arbeiten und sechs Monate feiern, weil ihre körperlichen Vorzüge ihnen erlauben, die ehrliche Arbeit zu verachten. Sie hatte ich sofort erkannt. Es war ein fünfzehnjähriges Mädchen, dem meine Mutter schon manches Gute erwiesen hatte und das eben aus einer Lehre getreten war, wo ich es öfters besucht hatte. Sie trug ein viel zu kurzes schwarzes Kleid, ein graues Leibchen, unter dem sie kein Mieder anhatte, dessen sie auch kaum bedurfte. Der kleine Zopf aus ihren Haaren war mit einer Haarnadel in der Mitte des blonden Kopfes festgesteckt.

Ihr Begleiter faßte sie bei den Schultern und sagte rasch:

»Also hier! Willst du?«

Sie entgegnete ängstlich:

»Bitte ... lassen Sie mich...«

Am Ton ihrer Stimme erkannte man, daß sie dieselben Worte seit dem Verlassen des Gasthauses wohl an zweihundertmal wiederholt haben mochte.

Der Mann begann wieder:

»Also Schatzerl, du hast nun einmal Ja gesagt; das bleibt dabei. Jetzt gibt's kein Überlegen mehr. Was gesagt ist, gilt, oder nicht?... Hier ist's ganz schön, warum willst du denn nicht?«

»Nein, ... hier nicht ... hier nicht...«

»Wo willst du also? Du hast keinen Knopf, ich auch nicht. Ein Zimmer kann ich nicht zahlen. Wenn du lieber bis zu den Linienwällen gehen willst, dann komme. In einer Stunde sind wir dort.«

Sie machte ein Zeichen der Verneinung. Der Mann wurde gereizt.

»Tinerl, sieh mir ins Gesicht. Willst du mich narren? Ja oder nein? Denn wenn du nicht willst, weißt du, habe ich noch andere...

Die arme Kleine begann zu schluchzen. An den Spaletläden lehnend, weinte sie so heftig, daß ich die Zuckungen dieses armen, jungen verstörten Herzens fühlen konnte.

»Ja, ich habe Sie sehr gern,« sagte sie. »Aber das will ich nicht, nein, ich will es nicht. Ich weiß nicht, wie ich sagen soll, aber das ist nicht die Liebe. Ich liebe Sie, weil Sie so gütig sind, weil Sie anders reden, als die anderen Männer, und ich bin glücklich, wenn ich Sie von weitem kommen sehe. Ich liebe Sie und will Sie küssen, so viel Sie wollen, alle Tage, immer! Aber seitdem Sie das von mir verlangt haben, was ich nicht will ... nein, Sie wissen, ich will das nicht und mit Ihnen schon gar nicht ... ich glaube, das ist sehr unrecht ...«

Der Mann zuckte die Achseln und begann zu fluchen.

»Ah, verdammtes Weibsmensch ...«

... Und noch viele andere Dinge, die ich nicht sagen will.

Dann zog er aus der Tasche ein Messer... ein großes Fleischhauermesser... ein Ding, wie ein Säbel, steckte es zwischen die Spaletläden in der Höhe meiner Brust und sagte mit heftiger, gedämpfter Stimme:

»So, jetzt haben wir genug geschwatzt. Wenn du dich rührst, so stech' ich.«

Das junge Mädchen wurde starr vor Schrecken. Es gab einen furchtbaren Auftritt.

Die Straße war ganz öde und vereinsamt. Die unendliche Stille, die hier herrschte, war nur mit der Stille der Felder an heißen Augusttagen vergleichbar. Man hörte nicht einmal das gewöhnliche Lärmen der Stadt. Wie spät es war? Es war vielleicht zwei Uhr früh. Alles schlief ringsum, mit Ausnahme des Paares und mir, der entsetzten Zuschauerin.

Ganz nahe von mir, so nahe, daß ich sie mit den Fingern hätte berühren können, widerstand das junge Mädchen mit einer Ausdauer, die ihm erstaunliche Kraft verlieh.

Sie hatte sich gebückt, die Kniee zusammengepreßt. Sie atmete schwer, wie ein verwundetes Tier. Sobald er ihre Hände meisterte, preßte sie die Beine aneinander, und wenn er ihre Röcke berührte, focht sie mit den Händen ... Das währte lange Zeit hindurch, länger, als Sie vielleicht für möglich hielten, aber wie in dem griechischen Liede Charon zum Schlusse den Hirten besiegt ... so wurde endlich auch das Mädchen besiegt.

Nun fuchtelte sie mit den Händen verzweifelt in der Luft herum, erfaßte aufs Geratewohl etwas, was in den Spaletläden stak ..., das arme Kind wußte längst nicht mehr, daß es ein Messer war, und mit ihrem durch den Zufall bewaffneten Arme stieß sie den Mann, der sie an Leib und Seele so mörderisch angegriffen hatte, noch einmal zurück.

Fürwahr! Der menschliche Körper ist nichts als eine weiche Masse, die dem ersten Stoße erliegt. Das Messer fuhr durch die Kehle und glänzte gleich darauf auf der anderen Seite.

Ein Strom von Blut ...

Aus den zwei großen Schlagadern hier am Halse sprang das Blut wie ein Bergquell...

Ein warmer Blutstrahl spritzte durch die Spaletläden und benetzte meinen Gürtel.

Dem Manne, den die Klinge erstickte, traten die Augen weit heraus. Er riß den Mund ungeheuer weit auf, doch kam kein Laut hervor; als er aber regungslos aufs Gesicht fiel, da wich sie, die Mörderin, erschrocken zurück und stieß in der stillen Straße drei Schreie aus ... drei Schreckensrufe...

O dieses Todesgeheul! Nie in meinem Leben habe ich etwas Entsetzlicheres gehört.«

+++

»Was später geschah ... kann Sie wohl nicht mehr interessieren. Meine Mutter war erwacht, aus dem Bette gesprungen und hatte mich, als sie mein Bett leer fand, voller Angst gesucht. Sie rief laut meinen Namen durchs ganze Haus, bis sie mich endlich vor diesem Fenster stehen fand, voller Blut, das sie anfangs für das meine hielt. Doch habe ich Ihnen diese Geschichte nicht erzählt, um auf diese belanglosen Einzelheiten zurückzukommen.

Was davon in meinem Gedächtnisse geblieben ist, war ausreichend. Ich war siebzehn Jahre alt. In einer halben Stunde hatte ich, die das Leben noch gar nicht kannte, alles erfahren, alle Geheimnisse der Liebe und des Todes entschleiert; ich hatte erfahren, was es ist, was die Romane Liebeslust nennen! Und wußte, was ein verliebter Mann ist! Und auch was ein toter Mann ist.

Die Leute haben keine Ahnung, warum ich allein geblieben bin. Sie, teurer Freund, Sie wissen es nun.«

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