Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Pierre Louys >

Im Venusberg und andere Novellen

Pierre Louys: Im Venusberg und andere Novellen - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/louys/venusber/venusber.xml
typenovelette
authorPierre Louys
titleIm Venusberg und andere Novellen
publisherWiener Verlag
seriesBibliothek berühmter Autoren
volumeBand 11
printrun1.-5. Tausend
year1904
translatorFranz Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120708
projectided209585
Schließen

Navigation:

Djouhera

Walter H., dessen Name heute so berühmt ist, daß es überflüssig ist, seinen Namen ganz auszuschreiben, war vierundzwanzig Stunden lang mein Freund, und zwar eines Tages, da wir beinahe zusammen umgekommen wären.

Beide hatten wir, ohne uns zu kennen, den Küstendampfer »die Stadt Barcelona« bestiegen, der den Dienst zwischen Tanger, Gibraltar und Oran versah. Das Meer war sehr stürmisch. Die spanischen Zeitungen, die wir in Malaga kauften, berichteten vom Untergang des schönsten Kreuzers der königlichen Flotte, der »Reina Regenta«, die mit vierhundertfünfundfünfzig Mann Besatzung, Offiziere und Matrosen, im selben Küstenstriche von einer furchtbaren Wasserhose verschlungen wurde. Ich entsinne mich noch des vernichtenden Eindruckes dieser Zeitungsartikel, der publizierten endlosen Totenliste, die die erste schwarzumränderte Seite der Blätter gänzlich füllte und vom ersten befehlshabenden Admiral bis zu den letzten Schiffsraumspülern alle Namen der Verblichenen enthielt.

Wir fuhren am selben Tage während einer kurzen, trügerischen Windstille ab, die aber nur eine halbe Stunde anhielt. Kaum hatte das Schiff die dunkelgrüne Linie überschritten, die das offene Meer kennzeichnet, da begann es zu tanzen, kenterte und legte sich ganz auf die rechte Seite und zitterte in allen seinen Fugen, wie ein erschreckter Vogel während eines Gewitters.

Eine gewaltige Woge flutete an das Schiff heran und überschwemmte es mit ihrem ganzen Inhalt. Eine andere wiederholte das gleiche Spiel. Und noch eine andere und hunderte andere. Die ganze Nacht hörten wir das Getöse des über die Brücke schlagenden Wassers und das Stöhnen der Schiffsplanken. Manchmal sprangen wir über einen Wellenkamm, wie ein leeres Ei auf dem Strahl eines Springbrunnens, und die aus dem Wasser gerissene Schiffsschraube drehte sich mit einem zischenden Geräusche in der Luft, wie eine Sirene in der Sturmesnacht. Augenblicke hindurch trat zwischen zwei betäubenden Minuten eine so tiefe Stille ein, daß wir bereits untergegangen zu sein vermeinten. Es waren Stunden voll unvergleichlicher Erhabenheit und tragischer Schönheit.

Als ich am nächsten Morgen nach dem Sturme die Brücke betrat, sah ich einen hochgewachsenen, braunen Marokkaner in weißem Burnus, dessen Falten im Winde flatterten, sich dem Kapitän nähern.

»Wann werden wir sein in Melilla?« fragte er.

»In Melilla?« sagte der Kommandant. »Nicht so bald, mein Freund. In zwei Wochen etwa, bei der Rückreise.«

»Was du sagst, in vierzehn Tagen? Ich muß heute sein in Melilla!«

»Gut, dann mußt du in Nemours aussteigen, und von dort nach Melilla gehen. Wir konnten in Melilla nicht anlegen. Bei solchem Wetter, wie wir es gestern hatten, kann ich mein Schiff nicht versenken, um irgendwo anzuhalten.«

Der Araber knirschte vor Wut mit den Zähnen. Er brummte ein Zebbi el aïnik, und seine Stimme klang voll grollenden Zornes, dann ging er über die Brücke zurück, längs der Schiffsverschanzung und ließ seine düsteren Blicke über die Küste seiner Heimat schweifen, die den Horizont im Osten abschloß.

+++

Als ich den Speisesaal betrat, war dieser beinahe leer. Nur zwei von den fünfzig Passagieren hatten ihre Kabinen verlassen. Eine mutige Reisende, die alte Marquise von S., Mutter eines französischen Kammerabgeordneten, den Herr Jaurès schon heftig angegriffen hatte, war die eine. Herr Walter H. war der andere. Dieser sprach mich mit jenem freudigen Ausdrucke an, der solch übeln Nächten auf dem Meere zu folgen pflegt und dem Lächeln eines Wiedergenesenen gleicht.

»Ich habe fünf Jahre in Marokko zugebracht und begebe mich jetzt über Marseille, Konstantinopel und Batum nach Persien. Sagen Sie mir, lieben Sie die Araber?«

Diese Worte machten uns zu Freunden.

Walter H. war damals neunundzwanzig Jahre alt. Sein Antlitz war durch die Sonne Afrikas gebräunt und rasiert wie in Oxford, dennoch aber in Schnitt und Ausdruck ganz französisch. Er hatte Marokko gründlich bereist und war auch ein wenig in der Sahara gewesen. Er sprach so ausgezeichnet arabisch, daß ich ihn eines Tages in einem entlegenen Viertel Orans von einem Haufen Einheimischer bedrängt fand, die ihn für einen europäisch gekleideten Moslem hielten.

»Ah!« sagte er, »Sie werden die wahren Araber nie zu Gesichte bekommen, wenn nicht zwischen Fez und Marrakech unter den Djebel Aïachin. Anderenorts hat der Araber entweder als türkischer, französischer oder englischer Untertan längst den Adel seines Wesens mit seiner Unabhängigkeit zugleich eingebüßt. Die handeltreibenden Tripolitaner, die sanften Tunisier in ihren blauseidenen Gewändern, die algerischen Amtspersonen und friedliebenden Rentner, die ersten ihrer Rasse haben sich unter dem Druck der europäischen Mächte gebeugt; und rings um diese grollt das arme, furchtsame Volk, das sich zweifelsohne bei guter Gelegenheit auflehnen wird, bis jetzt aber noch bettelnd die Hände ausstreckt.

In Marokko aber...

Ja, dort!... dort lebt ein antikes Volk, das seit dem Bestande der Welt nicht unfrei war. Ich glaube, es ist das einzige der Erde. Dort leben noch acht Millionen freier Männer, Söhne jener großen Eroberer, die eines Tages in einem Ritte vom indischen Meere zum Flußbette der Loire sprengten, um bald darauf wieder ihr altes Lager zu beziehen. Es sind die alten Sarazenen. Sehen Sie sich diese Menschen an: Sie sind herrlich!«

Indes hatte das Schiff in einer freundlichen Reede Anker geschlagen. Das Dörfchen Nemours lag langgestreckt vor unseren Blicken und hinter ihm das Mittelmeer. Nemours ist der einzige Platz marokkanischer Erde, wo das französische Banner weht, das einzige Tal, das der Marschall Bugeaud nach dem Siege von Isly zu erhalten vermochte.

Wir stiegen in ein Boot, das uns ans Land setzen sollte. Der Marokkaner, der übellaunig schien, weil ich ihn auf der Brücke belauscht hatte, folgte uns und nahm auf der Bank in der Mitte Platz.

Ich betrachtete ihn. Die weiße Kapuze seines Burnus hatte er zurückgeschlagen und sein schöner Kopf saß aufrecht auf dem prächtigen Nacken. Das Gesamtbild seines Antlitzes war aus allen jenen Zügen zusammengesetzt, die uns erforderlich scheinen, den Adel auszudrücken. Selbstbewußte Hoheit lag auf den Brauen und ruhte im Schatten des schwarzen Auges. Die schmalen Lippen und die feingeschnittene Nase bezeugten seine unleugbare Reinrassigkeit.

Walter H. brachte ihn zum Reden. Er nannte sich El Hadj Omar ben Abd-el-Nebi, Caïd von Sidi-Mallouk.

Auf der Rückreise von Tanger hatte er bereits mehrmals vom Nothafen von Melilla aus seinen Stamm wieder erreicht, erst dem Fußsteige des Riffes und dann dem Ufer des Bächleins folgend; nun aber, da er von seinem gewöhnlichen Wege verschlagen war, befürchtete er den Weg über Nemours und Lalla-Marnia zu nehmen, denn der große Stamm der Oudjda war dem seinen durchaus nicht befreundet.

Zwei Pistolen bezeichnend, die an seinem Gürtel hingen, sagte ich:

»Du bist bewaffnet.«

Er schnitt eine verachtungsvolle Grimasse und zuckte die Achseln.

»Knallerbsen,« murmelte er.

In diesem Augenblicke landeten wir.

Als wir alle drei ausgestiegen waren und durch das blühende Tal schritten, das sich gleich am Eingang des Dorfes erstreckte, öffnete El Hadj Omar eine Falte seines weißen Mantels und zog behutsam, beinahe andachtsvoll den kurzen Säbel hervor, den er längs seines Schenkels versteckt hatte, und hielt ihn quer vor uns hin.

»Dies da ist eine Waffe!« sagte er.

Der Säbel war ungefähr so lang als zwei Drittel seines Armes. Der Griff war klein, aber fest, und ohne weiteren Schutz, als den eines kleinen kupfernen Züngleins, das die Oberklinge deckte. Die Klinge war blauschwarz mit den zarten, goldenen Spitzen der feinen Damaszenierung geschmückt und an der Schärfe der Schneide ganz blank.

El Hadj Omar prüfte die Schärfe der Schneide bedächtig zwischen Daumen und Zeigefinger. Seine Hand lief bis an die scharfe Spitze und entfernte sich dann eiligst, als sei sie dem Feuer zu nahe gewesen.

»Damit,« sagte er, »hat mein Bruder einen Mann und ein Weib in einem Stoß getötet. Mit einem Faustschlag. Es ist ein gutes Messer.«

Einen Mann und ein Weib? Wir wollten die Geschichte hören. Der Marokkaner zögerte. Doch ließ er sich schließlich erweichen.

Wir setzten uns auf den grünen Rasen, bei einer Windung des Tales, wo die Blumen den Boden überfluteten.

Eine üppige Pflanzenwelt belebte die Abhänge der Berge: Terebinten, Zwergpalmen, Steinlinden und Zürgelbäume. Myrtenbüsche und baumartige Heidekräuter umsäumten die mit frischem Frühlingsgrün belaubten Brustbeerbäume, Tamarisken und Hasenohrsträucher wuchsen am Rande eines raschfließenden Wassers, an dem Oleanderbäumchen im Lufthauche erzitterten.

In diesem paradiesischen Tale hörten wir nun die folgende Geschichte:

El Hadj Omar hatte einen Bruder gehabt, Mahmoud ben Abd-el-Nebi, vor ihm Caïd in Sidi-Mallouk.

Mahmoud war Gatte dreier Frauen und dachte seit langem nicht mehr daran, eine Vierte zu heiraten, als er einem umherwandernden jungen Mädchen begegnete und sich ganz plötzlich in dieses rasend verliebte.

Sie hieß Djouhera. Djouhera ist ein Name, der »Perle« bedeutet. Sie war aus der tunesischen Steppe und trug die Kleidung ihres Dorfes: Eine einfache rote Tunika, auf der rechten Seite geöffnet, so daß zwischen den Falten des Stoffes die Brust sichtbar wurde. Sie war die Tochter eines Hirten, wenn ihre Mutter die Wahrheit sprach, denn man wußte von den beiden nichts genau, als daß sie zwei ungläubige Landstreicherinnen waren.

Nichts aber auf dieser Erde, noch im Traume, war jemals schöner, als Djouhera.

Mahmoud war daher auch nicht verrückt, sondern vielmehr unglückselig und verdammt, an jenem Tage, als er dieses Geschöpf auf seinem Wege fand, denn sie ging mit entblößtem Antlitz einher, und jedermann konnte ihren Mund sehen. War das nicht genug zum Unglücke eines Mannes? Um in ihren Besitz zu gelangen, entführte Mahmoud das Mädchen und heiratete es, damit es ihm ihre Liebe gebe, so es Gott gefiel.

Aber Gott gefiel es nicht.

Djouhera gab Mahmoud nichts, als ihren kleinen, gleichgültigen Körper. Dagegen wußte sie alles zu erreichen, selbst die Scheidung der anderen drei Frauen und die Zustimmung des Kadi. Sie wurde unumschränkte Herrin über ihren Gatten und sein Haus. Und als es nichts mehr zu unterjochen gab, da lüstete ihr nach anderen Siegen, da wollte sie auch die anderen Männer knechten.

Wer waren nun ihre Liebhaber? Wer möchte sie zählen? Niemals hatte je das Weib eines Caïd so ausschweifend gelebt. Unverschleierten Antlitzes stieg sie des Abends zur Terrasse empor, mit halbgeöffnetem Kleide, und wenn ein Mann sie erblickte, lächelte sie ihm zu, statt zu entfliehen. Die jungen Leute des ganzen Stammes mußten nacheinander erfahren, daß sie stets denjenigen liebte, der gerade zugegen war. Sie zog den erstbesten, der da kam, durch eine niedere Türe in den rückwärtigen Garten unter die herabhängenden Zweige eines blühenden Mandelbaumes, und man konnte sie niemals dabei überraschen, denn sie schlürfte den Kelch der Liebe unendlich rasch, und ihr zärtlichstes Stelldichein währte nicht länger, als die Dauer eines Kusses.

Eines Abends jedoch, inmitten einer jener flüchtigen Launen, wurde Djouhera liebestoll.

Das kam ganz plötzlich, zu ihrer großen Überraschung. Ein gewisser Abdallah, der so arm war, als sie es früher gewesen, ein Bursche, der des Sommers auf freiem Felde, des Winters in der Moschee schlief, war derjenige, der ihre Lust zur Leidenschaft entfachte. Zu Pferde entflohen sie beide.

Tagelang verfolgte Mahmoud ihre Spuren, ohne sie finden zu können, denn das junge Weib war in Männerkleidern entflohen und ritt wie ein Löwenjäger. So verzweifelt auch Mahmoud war, schien er doch fest entschlossen, ihr lieber zu verzeihen, als sie zu verlieren, ungeachtet der Schande, der er sich dadurch preisgab. Denn seine Liebe hatte, was in ihm von seinem Stolze noch geblieben war, in alle Winde geblasen.

Aber er wußte noch nicht, was ihm zu sehen bevorstand.

Als er am Ende seiner Verfolgung das Zimmer der Herberge betrat, wo er Djouhera finden sollte, waren die beiden von einem solchen Liebesrausche befallen, daß sie ihn nicht eintreten hörten.

Mahmoud rief zweimal: »Djouhera!... Djouhera!...« und durchbohrte sodann, ohne zu wissen was er tat, mit einem einzigen Stoße den Jüngling und das junge Weib, sowie die Diele unter ihnen.

Abdallah starb auf der Stelle. Djouhera stieß einen leisen, aber langgedehnten Schrei aus. Sie öffnete ihre brechenden Augen weit, wandte den Kopf und murmelte:

»O Mahmoud, dich hat Gott gesandt... Ich bat Gott, mich mitten im größten Glücke sterben zu lassen! Er war es, der deine Hand bewaffnete. O Gott, wie schön waren meine letzten Augenblicke! –Du Mahmoud wirst leiden, alt, krank und gebrechlich sterben... Ich aber sterbe in der Fülle meines Glückes... Sei gesegnet, Mahmoud, sei gesegnet, Mahmoud... sei gesegnet.«

Und bis zu ihrem letzten Atemzuge wiederholte sie:

»Sei gesegnet, Mahmoud, sei gesegnet... gesegnet...«

+++

El Hadj Omar zog, nachdem er seine Erzählung beendet hatte, den Säbel nochmals aus der Scheide, und nun glaubte ich rote Lichter auf seinem dunklen Glanz tanzen zu sehen. –Dann gingen wir weiter durch das blühende Tal. Vor unseren Füßen spielte ein kleiner Araberjunge mit einem schwarzen Skorpion, der sich wütend nach aufwärts krümmte.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.